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Sonnenwende

Folge: 1058 | 13. Mai 2018 | Sender: SWR | Regie: Umut Dag
Tatort Sonnenwende: Öko-Bauer Volkmar Böttger (Nicki von Tempelhoff) und Hauptkommissar Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner).
Bild: SWR/Benoît Linder
So war der Tatort:

Bio-bäuerlich. Denn große Teile des zweiten Falls von Hauptkommissar Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) und Franziska Tobler (Eva Löbau) spielen auf einem streng traditionell geführten Sonnenhof in der Abgeschiedenheit des nördlichen Schwarzwalds: Der erzkonservative Öko-Bauer Volkmar Böttger (Nicki von Tempelhoff, Zurück ins Licht) betreibt den Hof mit seiner Frau Almut (Alexandra Schalaudek, 1000 Tode) sowie seinen Töchtern Mechthild (Janina Fautz, Fangschuss) und Sonnhild (Gro Swantje Kohlhof, brillierte 2014 in Die Wiederkehr und 2015 in Rebecca). Letztere liegt eines Tages nach einer mutmaßlich falschen Diabetesbehandlung tot im Bett - und weil die Todesursache nicht eindeutig ist, kommt es in Sonnenwende zum Wiedersehen der alten Jugendfreunde Berg und Böttger, die im Hinblick auf das Festhalten an bäuerlichen Traditionen eine sehr ähnliche Philosophie pflegen und am regelmäßigen Schnapstrinken gleichermaßen Freude finden. Eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem zunehmenden Höfesterben, den ökologischen Folgen der industriellen Nahrungsmittelproduktion und dem knallharten Überlebenskampf traditionell wirtschaftender Bauern findet in diesem Tatort allerdings nicht statt, obwohl der Spielraum dafür vorhanden gewesen wäre und die Suche nach der richtigen Auflösung ohnehin nur Formsache ist: Außer einem kurzen Austausch bei der gemeinsamen Ernte auf Bergs eigenem Schwarzwaldhof und einer enttäuschenden Diskussion im Dienstwagen streift der Krimi diese Themen nur am Rand.
Berg: "Was da an Wissen verloren geht, an Tradition, an Kultur  das ist Wahnsinn."
Tobler: "Ja, aber wie willste 'n das allein packen?"
Berg: "Das geht schon irgendwie."
Regisseur Umut Dag (Rebecca) und Drehbuchautor Patrick Brunken (Kopper) haben etwas anderes mit dem Publikum vor, doch hat man dabei oft das Gefühl, das alles schon mal gesehen zu haben: Berg befindet sich als einsamer Wolf mit ausgefallenem Wohndomizil beim Blick auf die Krimireihe in bester Gesellschaft - man denke nur an Reto Flückiger im Tatort aus Luzern, Jens Stellbrink im Tatort aus Saarbrücken oder Vorgängerin Klara Blum im Tatort aus Konstanz. Für seine persönliche Verwicklung in den Fall und eine Kommissarin, die in den Ermittlungen eine willkommene Abwechslung zu ihren Beziehungsproblemen findet, gewinnen die Filmemacher ebenfalls keinen Innovationspreis - siehe Charlotte Lindholm im Tatort aus Niedersachsen, Henni Sieland im Tatort aus Dresden oder Nora Dalay im Tatort aus Dortmund. Und das Eintauchen in die Provinz, in der die Uhren in Zeiten von Smartphones und Online-Shopping noch anders ticken, gehört bereits zum festen Konzept der Tatort-Folgen aus Hannover und den unzähligen belanglosen Regionalkrimis, die bei ARD und ZDF seit Jahren Hochkonjunktur genießen. Dennoch startet Sonnenwende mit einer interessanten Ausgangslage, ehe sich die Geschichte vom melancholisch-finsteren Krimidrama zum ambitionierten Staatsschutz-Thriller wandelt: Nach einer guten Dreiviertelstunde findet sich der Zuschauer plötzlich in einem Fall wieder, in dem es die Kommissare mit einem völkischen Bauernnetzwerk und den Anhängern der rechten Heimatschutz-Staffel aufnehmen müssen - auch das ist aber nicht ganz neu, denn allein 2017 bekamen es ihre Tatort-Kollegen mit gewieften Rechtspopulisten (in Dunkle Zeit), besorgten Bürgern (in Wacht am Rhein) oder singenden Ausländerfeinden (in Land in dieser Zeit) zu tun. Diesmal reichern die Filmemacher ihre Story mit Nordischer Mythologie an – das passt hervorragend zu den regelmäßig eingeblendeten Nebelpanoramen, die die düstere Atmosphäre gezielt verstärken. Trotz des historischen Kontexts und der stimmungsvollen Lieder am Feuer wirkt der 1058. Tatort aber über weite Strecken nur wie alter Wein in neuen Schläuchen: Die obligatorischen Scherereien zwischen den engagierten Ermittlern, der blassen Kripochefin Cornelia Harms (Steffi Kühnert), der Rechtsmedizinerin Dr. Andrea Binder (Christina Große, Waldlust) und dem undurchsichtigen Staatsschutz-Kollegen Harald Schaffel (Jörg Witte, Déjà-vu) sind nur eine Frage der Zeit, weil der Staatsschutz natürlich einen V-Mann in die rechte Szene eingeschleust hat und mal wieder bis zum Hals in den Fall verwickelt ist. So können die überzeugenden Darsteller und die tollen Naturaufnahmen die Vorhersehbarkeit des Drehbuchs in diesem Schwarzwald-Tatort zwar kaschieren, unterm Strich aber nicht ganz auffangen.

Bewertung: 6/10

Familien

Folge: 1057 | 6. Mai 2018 | Sender: WDR | Regie: Christine Hartmann
Tatort: Familien - Max Ballauf (Klaus J. Behrendt), Jessica Dahlmann (Marie Meinzenbach) und Freddy Schenk (Dietmar Bär).
Bild: WDR/Thomas Kost
So war der Tatort:

Weit weniger skandalträchtig als die unrühmlichen Schlagzeilen, die der WDR in den Tagen vor der Erstausstrahlung von Familien schrieb: Kein Geringerer als Gebhard Henke, Tatort-Koordinator und Leiter des Programmbereichs Fernsehfilm, Kino und Serie, wurde nach Vorwürfen sexueller Belästigung von seinem Arbeitgeber freigestellt - er selbst bestreitet die Anschuldigungen von Charlotte Roche und weiteren Frauen allerdings vehement. Von solchen oder ähnlichen Aufregern ist der 73. Fall der Hauptkommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) allerdings weiter entfernt als der 1. FC Köln vom Klassenerhalt in der Bundesliga-Saison 2017/2018: Drehbuchautor Christoph Wortberg (Nachbarn) und Regisseurin Christine Hartmann (Türkischer Honig) arrangieren einen von Beginn an klar strukturierten, übersichtlichen und experimentfreien Krimi der alten Schule und legen dabei ein Erzähltempo vor, das ganz hervorragend zur gemütlichen Gangart von Assistent Norbert Jütte (Roland Riebeling) passt, der zum zweiten Mal in der Domstadt mit von der Partie ist. Bis zum großen Showdown schlägt die Spannungskurve im 1057. Tatort kaum nach oben aus - stattdessen bleibt auf dem Revier noch Zeit für Pizza-Bestellungen, ein großes Stück Sahnetorte und die Aufarbeitung von Schenks mittelschwerer Ehekrise, die sich nach dem verpennten 30. Hochzeitstag auch nicht mit einem spontan einberufenen Candlelight-Dinner und sündhaft teuren Präsenten von heute auf morgen wieder einrenken lässt. Das drückt auf die Stimmung.
Ballauf: "Meinste, du kannst uns noch 'n Kaffee kochen?"
Jütte: "Ja natürlich, vielleicht noch 'n Schnitzel dazu?"
Schenk: "Bisschen aufgeschäumte Milch würd' schon reichen!"
Familien ist ein klassischer Whodunit ohne Schnickschnack, dessen Geschichte aber über weite Strecken so einfallslos anmutet wie der erneut pragmatische Krimititel (vgl. Benutzt, Narben oder Mitgehangen): Als der junge Vater Ivo Klein (Christoph Bertram) nach seinem feuchtfröhlichen Junggesellenabschied eine Tasche mit Geld findet und kurz darauf überfahren wird, tippen die Kommissare nach Rücksprache mit Rechtsmediziner Dr. Roth (Joe Bausch) auf eine Geldübergabe und stellen über die Fingerabdrücke die Verbindung zum renommierten Wirtschaftsanwalt Rainer Bertram (Hansjürgen Hürrig, Ich töte niemand) her, dessen Enkeltochter Charlotte Ritter (Anke Sabrina Beermann) entführt wurde. Schnell wird klar, dass die obligatorische Auftaktleiche dazu dient, die Kölner Ermittler zur Abwechslung mal auf einen vermeintlichen Entführungsfall anzusetzen - ansonsten verlassen die Filmemacher aber selten die ausgetretenen Pfade des Genres. In der ersten Stunde reiht sich eine Befragung an die nächste und liefert so manchen hölzernen, fast aufgesagt klingenden Dialog - zum Beispiel dann, wenn Charlottes um die Jahrtausendwende geborener Bruder Paul (Johannes Franke, Schwarzer Afghane) von seinem Aufenthaltsort in der Tatnacht erzählt ("Das ist eine ziemlich angesagte Bar in der Innenstadt.") oder ihr Vater Ludwig (Harald Schrott, Vergeltung) sich an ihr nächtliches Heimkommen erinnert ("Ich dachte noch: Jetzt sind sie daheim!"). Über die verdächtigen Mitglieder der titelgebenden Familien erfahren wir nur das, was für die Suche nach der Auflösung notwendig ist - so etwas wie Tiefe entwickelt in diesem Tatort keine einzige Figur. Auch die Emotionen wirken oft aufgesetzt: Jessica Dahlmann (Marie Meinzenbach, Gott ist auch nur ein Mensch), die vor dem Nichts stehende Verlobte des Toten, bringt einleitend mit dem Baby auf dem Arm die Zaunpfahl-Tragik in die Geschichte, die diese von innen heraus selten entwickelt - wird als Figur danach aber buchstäblich fallengelassen (s. Bild), weil sie nicht zum Kreis der Verdächtigen zählt. Mehr als einmal fallen die berühmten Worte "Wir schaffen das!" - wirklichen Zugang zu den Charakteren und interfamiliären Spannungen können wir aber kaum finden, weil das Geschehen aus sicherer Distanz beleuchtet wird. Auch die Vorgeschichte der alkoholkranken Sandra Fröhlich (Claudia Geisler-Bading, Ruhe sanft) und ihres Sohnes Kasper (Anton von Lucke) wird just in dem Moment recherchiert, in dem es dramaturgisch ins Konzept passt - das ist Krimi-Kost vom Reißbrett und sorgt kaum für Überraschungsmomente. Den Millionen Fans von Ballauf und Schenk wird sie dennoch gut schmecken, wenngleich der obligatorische Besuch an der Wurstbraterei am Rheinufer zugunsten einer Stippvisite an einer Falafelbude ausfällt.

Bewertung: 5/10

Alles was Sie sagen

Folge: 1056 | 22. April 2018 | Sender: NDR | Regie: Özgür Yildirim
Bild: NDR/Christine Schroeder
So war der Tatort:

Nacherzählt. Denn der pfiffige Krimititel Alles was Sie sagen ist in diesem tollen Tatort Programm: Der Großteil der Geschichte spielt nicht im Hier und Jetzt, sondern wird dem internen Ermittler Joachim Rehberg (Jörn Knebel, Im toten Winkel) in ausführlichen Rückblenden von den Hamburger Bundespolizisten Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) und Julia Grosz (Franziska Weisz) zu Protokoll geben. Der Grund für Rehbergs Einsatz: Bei der Jagd auf den in Lüneburg untergetauchten Libanesen Abbas Khaled (Youssef Maghrebi), der in der Flüchtlingsklasse von Lehrer Stefan Hansen (Moritz Grove, Mitgehangen) als Tutor gearbeitet und vor seiner Ankunft in Deutschland mutmaßlich Kriegsverbrechen in Syrien begangen hat, wird dessen Schwester Alima (Sabrina Amali) in einem schummerigen Fabrikgebäude erschossen und Falke gerät unter Verdacht, die tödliche Kugel beim Zugriff im Dunkeln abgefeuert zu haben. Doch auch der Lüneburger Kollege Junker (Gerdy Zint, Dunkelfeld) hielt sich mit einer Einsatztruppe im Gebäude auf: Schon seit Monaten hat er es auf Drogenkönig Ibrahim Al-Shabaan (Marwan Moussa) abgesehen, der seinen Landsmann Khaled offenbar unter seine Fittiche genommen hatte. Spielt Junker auch eine Rolle? Die Geschichten, die Falke und Grosz dem gewieften Rehberg getrennt voneinander erzählen, sind alles andere als deckungsgleich - und der Zuschauer bleibt bis zum großen Showdown im Unklaren darüber, wer von den beiden denn nun die Wahrheit erzählt. Allzu leicht aufs Kreuz legen lassen sich die Bundespolizisten nämlich nicht.
Falke: "Bitte, lassen Sie uns beide wie Erwachsene reden. Und verschonen Sie mich mit Ihrer simplen Verhörtaktik, ok?"
Regisseur Özgür Yildirim inszenierte neben dem ersten Grosz-Tatort Zorn Gottes auch den ersten Tatort mit Falke, der 2013 noch mit Katharina Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) auf Täterfang ging - und die Nähe zum starken Feuerteufel ist in Alles was Sie sagen oft spürbar. Der Umgangston ist rau, die Inszenierung und der Soundtrack dynamisch und auch die Geschichte fällt deutlich geerdeter aus als beispielsweise im schrägen Vorvorgänger Böser Boden. Spätestens, als Falke den Spieß umdreht und Rehberg klar macht, dass auch er sich mit cleveren Verhörmethoden auskennt, entwickelt sich der 1056. Tatort zum prickelnden Katz-und-Maus-Spiel: Die Drehbuchautoren Arne Nolting und Jan Martin Scharf, die bereits gemeinsam für zahlreiche TV-Filme und -Serien, aber noch nie für einen Tatort am Ruder saßen, ziehen dem Zuschauer gekonnt den Boden unter den Füßen weg und entschädigen damit für die kleineren Längen und Logiklöcher, die sich sich zwischen dem stimmungsvollen Auftakt und dem spannenden Finale einschleichen. Denn es ist nicht zuletzt die geniale, weil wirklich überraschende Auflösung, die den Krimi zum bisher stärksten Tatort mit Grosz und Falke macht, wobei dessen mögliche Schuld nicht ständig im Vordergrund steht: Vorangetrieben wird der Film auch von der Frage, welche Rolle die libanesischen Kriminellen spielen, die die Kommissare ein ums andere Mal abblitzen lassen. Dass die Bundespolizisten erst dreimal gemeinsam ermittelt haben, ist bei ihrem vierten Einsatz von Vorteil: Anders als zum Beispiel bei den altgedienten Münchner Kollegen Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl), die ihrem unter Verdacht stehenden Partner zum Beispiel 2012 in Der traurige König oder 2017 in Der Tod ist unser ganzes Leben zur Seite sprangen, sind die Bande bei weitem noch nicht so stark ausgeprägt - es wäre sogar vorstellbar, dass einer den anderen ans Messer liefert. Erschwerend hinzu kommt die Tatsache, dass Grosz ihrem Kollegen im Hinblick auf ihre Jugendliebe Olaf Spieß (Marc Rissmann, Tanzmariechen) keinen reinen Wein einschenkt: Der Zweck dieser nur auf den ersten Blick dünn wirkenden Lovestory offenbart sich erst spät. Bis dahin spielen die Filmemacher in bester 8 Blickwinkel-Manier mit den Erzählperspektiven, führen den Zuschauer genüsslich an der Nase herum und entdecken bei den kammerspielartigen Szenen im Verhörzimmer sogar noch noch Falkes Liebe zur Laktose wieder, die in den Jahren zuvor fast in Vergessenheit geraten war. Und am Ende wird auch noch das Duzen zum Thema, das Grosz ihrem Partner in Dunkle Zeit noch verweigert hatte: Das Fundament für eine noch vertrauensvollere Zusammenarbeit ist gelegt.
Grosz: "Sag niemals Juli zu mir. Julia."
Falke: "Thorsten."
Bewertung: 8/10