Bombenstimmung

Folge: 372 | 12. Oktober 1997 | Sender: WDR | Regie: Kaspar Heidelbach

So war der Tatort:

Bild: WDR/Kerstin Stelter
Explosiv. Bombenstimmung macht nämlich genau da weiter, wo Willkommen in Köln einen Sonntag zuvor aufgehört hatte: Flogen Hauptkommissar Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Oberkommissar Freddy Schenk (Dietmar Bär) beim Showdown ihres ersten gemeinsamen Einsatzes die Kugeln nur so um die Ohren, ist es diesmal ein in einem Mülleimer deponierter Sprengsatz, der auf einem Pausenhof detoniert und einen Lehrer das Leben kostet. Keine Frage: Im neuen Kölner Tatort soll die Action nicht zu kurz kommen. Auch beim zweiten Fall von Ballauf und Schenk sitzt wieder der spätere Tatort-Stammgast Kaspar Heidelbach (Summ, summ, summ) auf dem Regiestuhl und inszeniert einen unterhaltsamen Krimi, dessen Geschichte am Ende zwar ein wenig überladen wirkt, für das Verhältnis der beiden Kommissare und die Weiterentwicklung der Figuren aber von elementarer Bedeutung ist. War es in Willkommen in Köln noch Amerika-Rückkehrer Ballauf, der charakterlich ausgelotet wurde und am frostigen Empfang auf dem Polizeipräsidium zu knapsen hatte, konzentrieren sich die Drehbuchautoren Michael Fengler und Peter Zingler (Spargelzeit) diesmal ganz auf seinen neuen Kollegen, der sich über die längst überfällige Beförderung zum Hauptkommissar freuen darf: Freddy Schenk muss sich zu Hause mit seiner Ehefrau und zwei frechen Töchtern herumschlagen, trinkt im Karnevalsverein einen über den Durst, präsentiert stolz seine neuen Cowboystiefel und sucht sich akribisch einen ausgefallenen Dienstwagen aus. Stiefel und fahrbarer Untersatz werden in der Folge zu Markenzeichen, die auch in den nächsten Jahren so fest zum Kölner Tatort gehören wie das Kölsch und die Currywurst.

Und Ballauf? Der löffelt zum Frühstück Eier aus einem Glas (s. Bild), weckt damit Erinnerungen an die legendäre Schimanski-Szene in Duisburg-Ruhrort und gibt sich ansonsten ziemlich verschlossen. Einzig die undurchsichtige Schülerin Kathrin Stein (Katharina Schüttler, Der Trippler), die den durch die Bombenexplosion getöteten Lehrer wegen sexueller Belästigung vor Gericht gebracht hatte, lockt den einsamen Hauptkommissar ein wenig aus der Reserve - und ist damit erfolgreicher als die erneut im Polizeipräsidium wirbelnde Lissy Pütz (Anna Loos), die sich bei einer Flirt-Offensive nach Feierabend einen Korb einfängt. Da die Drehbuchautoren selbst für solche Szenen Zeit finden, schlägt die Spannungskurve selten steil nach oben aus, was aber zu verschmerzen ist: Bombenstimmung, in dem sich die Filmemacher zugleich eine müde Schelte unseriöser TV-Produktionsfirmen zur Aufgabe machen, hat andere Stärken. Neben der ausführlichen Charakterzeichnung der Kommissare sind dies auch die mit bekannten TV-Gesichtern besetzten Nebenrollen, von denen einzig der unglücklich verliebte Jugendliche Hubert Kamphofen (Dennis Grabosch, Der Traum von der Au) ein Ausfall ist. Zu sehen sind im 372. Tatort unter anderem Nina Petri (Schmale Schultern) und Dieter Landuris (Voll ins Herz) als zerstrittenes Ehepaar Grimme und Der Clown-Darsteller Thomas "Dobbs" Anzenhofer (Bienzle und die große Liebe). Auch für 90er Jahre-Nostalgiker gibt es einiges zu entdecken: Im Zimmer von Kathrin Stein hängen neben einem großen Schimanski-Plakat unter anderem Poster von den Backstreet Boys, den Girlie-Rotzgören Tic Tac Toe und Ex-Techno-Sternchen Blümchen. Und was hören Schenks Töchter? Na klar: Caught in the Act - passend zum Beruf ihres Papas.

Bewertung: 7/10


Willkommen in Köln

Folge: 371 | 5. Oktober 1997 | Sender: WDR | Regie: Kaspar Heidelbach

So war der Tatort:

Bild: WDR
Hollywoodverdächtig - und das gleich aus drei verschiedenen Gründen. Der erste: Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, Schimanskis Waffe), der Ami-Bulle, der einleitend mit Sonnenbrille im roten Cabrio durch die Hitze Miamis flitzt und sich trotz legerem Outfit nachhaltig für eine Gastrolle in der US-Kultserie Miami Vice empfiehlt. Der zweite: Das Skript, in dem Drehbuchautor Nikolaus Stein von Kamienski (Pauline) mit den US-Ermittlern, der Kölner Mordkommission, dem Kölner Drogendezernat unter Leitung des schmierigen Assenbach (Paul Faßnacht, Die Frau im Zug), dem BKA mit Kriminalrat Körber (Ex-Ermittler Ihle, Peter Bongartz, Kassensturz) und der Sicherheitsfirma um den skrupellosen Wachdienstmogul Garry Busch (Thomas Thieme, Das Dorf) gleich fünf verschiedene Parteien, die eigentlich für Recht und Ordnung sorgen sollen, aufeinander loslässt. Der dritte Grund ist der actiongeladene Showdown im Kölner Hafen, der sich gewaschen hat: Blendgranaten, fulminante Stürze durch Glasdächer, Scharfschützen und Kugelhagel - die Filmemacher um Regisseur Kaspar Heidelbach (Klassentreffen) entscheiden sich für die Hollywood-Variante und fahren zum großen Finale ordentlich Explosionen und Stunts auf. Freddy Schenk (Dietmar Bär, Zweierlei Blut), der anders als sein Kollege Ballauf zum ersten Mal im Kölner Tatort ermittelt, steht dabei als Geisel zwar im Mittelpunkt, bleibt aber letztlich doch staunender Zuschauer: "Freddy" ist im 371. Tatort erst Oberkommissar und muss sich gegenüber dem leitenden Hauptkommissar Ballauf noch zurückhalten.

Dass man dem charismatischen Cowboystiefelträger, der eine protzige "Zuhälterkarre" (Ballauf) zu seinem Dienstwagen zweckentfremdet, kurz vor seiner Beförderung einen Karriere-Konkurrenten vor die Nase setzt, passt dem zweifachen Familienvater natürlich gar nicht: Ballauf ist schließlich nicht nur sein neuer Chef, sondern war als Hauptmeister bereits achtmal im Düsseldorfer Ermittlerteam an der Seite von Kommissar Bernd Flemming (Martin Lüttge) im Einsatz. Köln trifft auf Düsseldorf, der Familienmensch Freddy auf den eisernen Junggesellen Max, dazu die weggeschnappte Beförderung: Lautstarke Wortgefechte sind ebenso vorprogrammiert wie beleidigtes Siezen ("Der Name ist Schenk!") und heimliche Nachforschungen hinter dem Rücken des Anderen. Ohnehin hat es Amerika-Rückkehrer Ballauf, der einleitend den blutigen Tod seiner Geliebten Eileen (Shellye Broughton) verkraften muss, bei seinem Dienstantritt in in der Rhein-Metropole nicht leicht: Es hagelt verweigerte Handschläge und eine frostige Begrüßung durch Staatsanwalt von Prinz (Christian Tasche, Kaltes Herz). Immerhin: Seine neue Sekretärin Lissy Pütz (Anna Loos, Nachtgeflüster) die noch bis zum Quartett in Leipzig im Kölner Tatort zu sehen ist, bietet ihm gleich ihre Wohnung an. Doch Ballauf ist Profi - und stellt die Frauen als Neuling in einer fremden Stadt erstmal hinten an. Noch.

Bewertung: 8/10