Odins Rache

Folge: 569 | 11. Juli 2004 | Sender: WDR | Regie: Hannes Stöhr

So war der Tatort:

Bild: WDR/Thekla Ehling
Lebensgefährlich. Und das nicht nur für Nazi-Braut und Ex-Punkerin Astrid Gehrmeier (grandios: Sandra Borgmann, Fette Krieger), die nach der Ermordung zweier Kölner Neonazis die nächste auf der Todesliste eines Scharfschützen, der die Verantwortlichen für einen Brandanschlag auf ein türkisches Restaurant der Reihe nach abknallt, zu sein scheint. Nein, lebensgefährlich wird es in Odins Rache auch für den bemitleidenswerten Hauptkommissar Max Ballauf (Klaus J. Behrendt), der nach einer Stippvisite in einem türkischen Lokal selbst das Opfer einer glatzköpfigen Schlägertruppe wird und für den Rest des Tatorts mit einem üppigen Dieter-Hoeneß-Gedächtnisturban durch die Gegend spaziert. Ballauf wäre aber nicht Ballauf, wenn er das Krankenhaus nicht schon bei der ersten Gelegenheit wieder verließe, um seinen Kollegen Freddy Schenk (Dietmar Bär) bei den Ermittlungen zu unterstützen. Doch damit nicht genug: Ballauf lässt sich auf dem Präsidium nicht nur von Assistentin Franziska Lüttgenjohann (Tessa Mittelstaedt) pflegen, sondern tatsächlich ein Krankenbett (!) vor seinen Schreibtisch karren (s. Bild). Regisseur Hannes Stöhr, der auch das Drehbuch zu Odins Rache schrieb, überzeichnet den harten Hund Ballauf hier herrlich und macht früh deutlich, dass trotz der ernsten Thematik auch immer wieder laut gelacht werden darf - wie es sich für einen Kölner Tatort gehört. Ein weiteres Beispiel dafür ist Freddys denkwürdiger Auftritt als Skinhead mit Sonnenbrille und Bomberjacke, der den Kölner Kommissar einmal nachempfinden lässt, wieviel Angst ein solches Erscheinungsbild bei Passanten verbreitet.

Odins Rache ist nicht nur ein Paradebeispiel dafür, wie gut der Tatort als gesellschaftskritische Milieustudie funktionieren kann, sondern in seiner Thematik zugleich absolut zeitlos: Über sieben Jahre vor dem Bekanntwerden der Gräueltaten der Zwickauer Terrorzelle, in deren Zuge sich 2011 das Versagen von Polizei und deutschem Verfassungsschutz offenbarte, inszeniert Stöhr ein Schreckensszenario, das in der heutigen Zeit genauso gut denkbar wäre. Gleich mehrfach geraten die Kölner Kommissare mit der undurchsichtigen Ute Meier-Brinkmann (souverän: Barbara Rudnik, Und dahinter liegt New York) vom Verfassungsschutz und deren nicht gerade zimperlichem V-Mann Olaf (Dirk Borchardt, Der Lippenstiftmörder) aneinander, ohne wirklich zu ahnen, was die beiden für ein gefährliches Spiel treiben. Auch der wortkarge Vorzeige-Nazi Keller (furchteinflößend: Jurgen Drenhaus) und der aalglatte Anwalt und Politiker Helmut Hartmann (Peter Rühring, Vermisst) geben Ballauf und Schenk Rätsel auf, die den Zuschauer bis zum Showdown auf einem Parkplatz am Kölner Flughafen mitfiebern lassen. Die Dialoge sitzen ebenfalls und runden den 569. Tatort, bei dem mehr SEK-Einsätze angeordnet als Kölsch getrunken werden, zu einem herausragenden Sonntagabendkrimi ab, der zudem von einem starken, auffallend düsteren Score kaum treffender begleitet werden könnte. 
Meier-Brinkmann: "Manchmal muss man kleine Brände legen, damit das große Feuer gelöscht wird."
Ballauf: "Ach, Sie wissen doch selber, dass die größten Brandstifter oft Feuerwehrleute sind."
Bewertung: 9/10

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