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Herzversagen

Folge: 575 | 17. Oktober 2004 | Sender: HR | Regie: Thomas Freundner

So war der Tatort:

Bild: HR/Bettina Müller
Tränenreich. Denn beim fünften Einsatz der Frankfurter Hauptkommissare Charlotte Sänger (Andrea Sawatzki) und Fritz Dellwo (Jörg Schüttauf) wird das Weinen der mental gebeutelten Ermittler endgültig zum Markenzeichen der Krimis vom Main: Während die nah am Wasser gebaute Sänger bei fast jedem ihrer Einsätze früher oder später mit den Tränen kämpft und weiterhin am Tod ihrer brutal ermordeten Eltern zu knapsen hat, bringt das teilnahmslose Geständnis des Täters diesmal sogar ihren Kollegen zum Schluchzen. Doch Herzversagen ist kein rührseliger Krimi, bei dem die Filmemacher mit billigen Tricks auf die Tränendrüse drücken: Die hohe Intensität dieses vielgelobten Films resultiert aus der gekonnten Einbindung der Kommissare in die Geschichte und der großen Empathie, die sie den ergrauten Opfern entgegenbringen. Im neunten Tatort von Regisseur Thomas Freundner (Väter), der gemeinsam mit Stephan Falk (Kassensturz) auch das Drehbuch beisteuert, wird der Zuschauer ohne jeden Kitsch in eine Welt entführt, für die er sich normalerweise kaum interessiert: "Wir sind die Armee der Unsichtbaren", verrät eine namenlose alte Dame (Christel Peters, Das ewig Böse) Dellwo bei dessen Nachforschungen in einem Supermarkt - und spielt damit auf die öffentliche Nicht-Wahrnehmung alleinstehender Rentnerinnen an, die in ihren Wohnungen ein vereinsamtes Dasein fristen und sich etwas tagelang darauf freuen können, dass der junge Mann vom Lesezirkel (Jan Henrik Stahlberg, Schneetreiben) eine neue Zeitschrift bringt. Auch die Ermittler verschlägt es einleitend in zwei dieser Wohnungen: Während Sänger beim Notar noch den Nachlass ihrer Eltern regelt und sich bei der verstorbenen Elisabeth Anuschek (Ein Herz und eine Seele-Legende Elisabeth Wiedemann, Das Zittern der Tenöre) mehr schlecht als recht von den Assistenten Ina Springstub (Chrissy Schulz) und Kruschke (Oliver Bootz) vertreten lässt, jagt Dellwo einen Handtaschenräuber durch Frankfurt und landet über Umwege in der Wohnung einer Frau, die bereits seit einem Jahr tot in ihrem Sessel hockt. Psycho lässt grüßen.

Wie im thematisch ähnlich gelagerten, herausragenden Berliner Tatort Hitchcock und Frau Wernicke schlagen die Filmemacher hier die Brücke zum Master of Suspense - doch anders als in Alfred Hitchcocks Meisterwerk mit Anthony Perkins vermoderte die alte Dame nicht einem abgelegenen Motel, sondern in einem Mietshaus mitten im Frankfurter Bahnhofsviertel. Das heißt aber nicht, dass man sie dort wahrgenommen hätte: Kein einziger Nachbar will bemerkt haben, dass die Tote ihre Wohnung seit fast einem Jahr nicht mehr verlassen hat. Auch wenn Dellwos einleitende Junkie-Jagd an den Ort des Geschehens etwas überkonstruiert wirkt, bildet der Fund der dehydrierten Rentnerin doch einen stimmungsvollen und gruseligen Einstieg in einen Tatort, der ansonsten eher selten mit Spannungsmomenten aufwartet: Herzversagen, der 2005 mit dem Adolf Grimme-Preis ausgezeichnet wurde, ist vielmehr eine bedrückende Sozialstudie als ein packender Krimi, dank der starken Besetzung und der beklemmenden Geschichte aber zu keiner Minute langweilig. Je tiefer Sänger und Dellwo in die Welt der "Armee der Unsichtbaren" eindringen, desto stärker geht der 575. Tatort an die Nieren: Wahnsinnig rührend und herausragend gespielt ist zum Beispiel Sängers Besuch bei der dementen Frau Kleinschmidt (Edeltraud Schubert, Gesang der toten Dinge), die die Kommissarin bei der Suche nach ihrem Gebiss um Hilfe bittet und ihr Gesicht schon am nächsten Tag wieder vergessen hat. Als Whodunit funktioniert der fünfte Fall von Sänger und Dellwo aber nur bedingt: Mit dem gelernten Kürschnermeister Alexander Nilgens (Friedrich Schoenfelder) und Junkie Jörg "Jerry" Pahlke (Henning Peker, Waidmanns Heil) legen die Filmemacher zwar gleich zwei falsche Fährten, doch ist der Zuschauer bei der Suche nach der richtigen Auflösung letztlich chancenlos, weil dem Täter nur eine einzige Sequenz gewidmet ist. Die etwas zu knappe Abhandlung des erschütternden Schlussakkords ist zugleich die einzige kleine Schwäche einer ansonsten überragenden und zutiefst traurig stimmenden Tatort-Folge aus Frankfurt, die bis heute eine der stärksten aus Hessen ist.

Bewertung: 9/10