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Schneetreiben

Folge: 617 | 18. Dezember 2005 | Sender: BR | Regie: Tobias Ineichen

So war der Tatort:

Bild: BR/Bavaria Film/Hauri
Bitterkalt. In Schneetreiben - der winterliche Krimititel deutet es unmissverständlich an - wird München nämlich von einer klirrenden Kälteperiode heimgesucht, und so wird bei den Ermittlungen, der Spurensuche am Tatort und bei der Befragung der Zeugen fleißig um die Wette gebibbert. Doch nicht nur die Münchener Hauptkommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) leiden bei ihrem 42. Einsatz unter den arktischen Temperaturen: Eine nur mit Unterwäsche bekleidete Studentin erfriert in der von Regisseur Tobias Ineichen (Geburtstagskind) herausragend inszenierten, erschütternden Eröffnungssequenz auf offener Straße, besser gesagt: auf einem verschneiten Waldweg, mitten im Nirgendwo. Daneben steht ein silberfarbener Geländewagen, dessen Fahrer in aller Seelenruhe abwartet, bis die junge Frau ihren letzten Lebensatem aushaucht und im dichten Schneetreiben jämmerlich den Kältetod stirbt. Was für ein Auftakt! Erwartungsgemäß schaltet Ineichen nach dem denkwürdigen Mord jedoch zwei Gänge zurück und gönnt dem Sonntagabendpublikum die erste Verschnaufpause: Entsetzte Blicke wollen ausgetauscht, Indizien gesichert und ahnungslose Väter und Arbeitgeber informiert werden. Dass der 617. Tatort trotzdem nicht ins totale Spannungsloch fällt, liegt an Edelassistent Carlo Menzinger (Michael Fitz): Der muss sich diesmal mit der internen Ermittlung herumschlagen, weil er eine Zeugin zu hart angegangen sein soll, und steht den Komissaren Batic und Leitmayr daher erst auf der Zielgeraden wieder zur Verfügung. 

Menzingers Stress mit den eigenen Kollegen bringt zwar kurzzeitig Dynamik in den trotz furiosem Auftakt schleppend anlaufenden Krimi, erweist sich letztlich aber als Eigentor, weil Drehbuchautor und Tatort-Debütant Claus Cornelius Fischer den Handlungsstrang viel zu halbherzig ausarbeitet und früh wieder fallen lässt. Diese Drehbuchschwäche offenbart sich vor allem im Vergleich zum bärenstarken Münchener Tatort Der traurige König, in dem es Franz Leitmayr ist, der ins Visier der internen Ermittlung gerät und daran psychisch fast zerbricht. So wird man das Gefühl nie ganz los, dass Fischer diesen Nebenkriegsschauplatz nur eröffnet, um den Fadenkreuzkrimi auf Spielfilmlänge zu strecken: Das von unterschwelligen Vorwürfen geprägte, groteske Dreiecksverhältnis zwischen den Privatiers Jasper Bruckner (Jan Hendrik Stahlberg, Ihr Kinderlein kommet) und Oliver Hufland (Wanja Mues, Der Tote vom Straßenrand) und dessen Freundin Katja Weiss (Edita Malovcic, Der Finger) bietet zwar reichlich Konfliktpotenzial und ist zweifellos die größte Stärke des Films, reicht aber als Antriebsfeder der Handlung für neunzig Minuten schlichtweg nicht aus. So wird auch dem trauernden Vater der Toten, Ludwig Thaller (Michael Brandner, Der Polizistinnenmörder), mehr Zeit eingeräumt als nötig. Immerhin: Die Dialoge sitzen, die Figuren bewegen sich außerhalb jeder Schablonenhaftigkeit und richtig spannend wird es im Schlussdrittel auch noch. Damit ist Schneetreiben unter dem Strich ein guter, aber kein sehr guter Tatort, der im Direktvergleich zur ähnlich frostigen Bodensee-Folge Herz aus Eis oder den vielen Münchener Hochkarätern nach der Jahrtausendwende klar den kürzeren zieht.

Bewertung: 7/10

Der doppelte Lott

Folge: 615 | 20. November 2005 | Sender: WDR | Regie: Manfred Stelzer

So war der Tatort:

(Bild: WDR/Michael Böhme)
Grenzwertig. Dass beim Tatort mit Hauptkommissar Frank Thiel (Axel Prahl) und Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) laut gelacht werden darf, ist zwar seit dem überragenden Erstling Der dunkle Fleck gute Tradition - doch ein solch üppiges und zugleich gelungenes Satire-Feuerwerk, wie es das eingespielte Autorenduo Stefan Cantz und Jan Hinter (Summ, summ, summ) in Der doppelte Lott abbrennt, sucht beim Blick auf die bis dato ausgestrahlten Folgen aus Westfalen seinesgleichen. Der achte gemeinsame Einsatz der beiden ungleichen Ermittler ist so albern, zugleich aber so lustig wie zum damaligen Zeitpunkt kein zweiter - klamauklastige Krimis wie Das Wunder von Wolbeck oder Erkläre Chimäre folgen erst viele Jahre später. Regisseur Manfred Stelzer (Spargelzeit) meistert die oft schmale Gratwanderung zwischen Satire, wortwitzigen Zoten und klassischer Tatort-Unterhaltung traumwandlerisch souverän - mit einer Ausnahme: Der golfende Boerne, der Thiels Auto demoliert und in den Vorgärten des pathologischen Instituts zum Einlochen kurzerhand einen Fahnenmast aus der Verankerung hebt, ist selbst für einen Tatort aus Münster zu viel des Guten. Hier verkommt Der doppelte Lott für einen kurzen Moment zur Klamotte, doch Stelzer findet schnell zurück in die Spur. Ansonsten reiht sich im 615. Tatort nämlich eine denkwürdige Szene an die nächste - beispielhaft dafür sei Boernes komischer, von genervtem Thielschen Augenrollen begleiteter Monolog zitiert:
Boerne: "Ich bin natürlich gerne bereit, Ihnen für diese MFG die nötige BKB zu leisten. Ich wette, Sie haben keine Ahnung, was das ist, he? Ah, Thiel, man merkt so deutlich, dass Sie nie studiert haben. Mitfahrgelegenheit. Benzinkostenbeteiligung. Sie haben nie in einer WG gewohnt, nicht? Ich schon. Nicht, dass ich es damals nötig gehabt hätte, das Ganze war mehr ein Experiment, ein sozial-psychologisches Versuchsmodell." 
Die stärkste Szene des Films bleibt aber eine unerwartete Begegnung in der Leichenhalle - doch nicht etwa in der von Boerne und Assistentin Silke "Alberich" Haller (Christine Urspruch): Einmal mehr ist Boerne persönlich in den Mordfall involviert und schleicht sich daher heimlich in die Kellerräume seines geschätzten Kölner Kollegen Dr. Joseph "Rottweiler" Roth (Joe Bausch). Der Roth? Ganz genau! Auch die Kölner Hauptkommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) sitzen bei Boernes unangekündigter Stippvisite verdattert im Nebenzimmer und trauen ihren Augen kaum. Diese kurze Begegnung der WDR-Ermittler zählt zu den spaßigsten Szenen der gesamten Tatort-Geschichte und ist auch in ihrer Länge perfekt konzipiert: Die wenigen, verdutzten Worte, die Ballauf und Schenk bei ihrem selbstironischen Gastauftritt von sich geben, reichen vollkommen aus, um die Pointe genüsslich auszuspielen. Die Show gehört Boerne. Auch Thiel hat einen großen Auftritt: Er darf in der Kneipe der Eltern von Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter) zum ersten Mal im Tatort eine Frau küssen - die deutlich jüngere Larissa (Chulpan Khamatova). Warum diese es auf den rechtsgerichteten, titelgebenden Politiker Frieder Lott (Alexander Held, Mord in der ersten Liga), das offensichtliche Tatort-Pendant zu Ronald Schill, abgesehen hat, klärt sich angenehm spät - nur eine von vielen Stärken dieser herausragenden Tatort-Folge aus Münster, bei der das Publikum mit einem köstlichen Radarfallen-Foto in den Abspann entlassen wird. Eine ganz ähnliche Szene gibt es viele Jahre später in Schwanensee - nicht unbedingt ein Zeichen dafür, dass sich der Tatort mit Thiel und Boerne nach großartigen Folgen wie Der doppelte Lott noch nennenswert weiterentwickelt hat.

Bewertung: 9/10

Rache-Engel

Folge: 614 | 13. November 2005 | Sender: SR | Regie: Robert Sigl

So war der Tatort:

Bild: SR/Manuela Meyer
Um einen der Schlüsseldialoge von Rache-Engel aufzugreifen: Erlösend. Vor allem für Hauptkommissar und Radfahrer Max Palu (Jochen Senf) selbst - schließlich ist er schon lange nicht mehr der Genussmensch, der bei seinem Tatort-Debüt im Jahr 1988 in Salü Palu noch in aller Seelenruhe über Wochenmärkte schlenderte und mit Hingabe nach Baguette und Thymian Ausschau hielt, statt sich um feste Bürozeiten zu scheren. 2005 trinkt der Bonvivant von einst den Rotwein direkt aus der Pulle, kotzt sich auf der Terrasse seiner Partnerin über seinen Alltagsfrust aus und stellt verbittert fest: "Ich dümpel doch nur noch vor mich hin." Das ist verdammt wahr - und daher ist Palus 18. und letzter Fall nicht nur für den Hauptkommissar selbst, sondern auch für viele Fernsehzuschauer die erhoffte Erlösung. Beliebt war Palu nie, im Gegenteil, große Teile des Publikums mochten den kauzigen Querkopf nicht - doch konnte man dem Saarländischen Rundfunk trotz des harschen Gegenwinds nie vorwerfen, einen massenkompatiblen Sympathieträger auf Verbrecherjagd im Benelux-Grenzgebiet zu schicken. Palus Abgang, bei dem er seinen Kollegen Stefan Deininger (Gregor Weber), der mit Franz Kappl (Maximilian Brücker) zukünftig einen neuen Partner zur Seite gestellt bekommt, einfach stehen lässt, spricht auch in dieser Hinsicht Bände.
Palu: "Das war's, Stefan. Kauf dir mal 'nen Anzug."
Der 614. Tatort markiert den Schlusspunkt einer Ära, die fast achtzehn Jahre andauerte. Damit ist Palu bis heute einer der langjährigsten Tatort-Ermittler. Als Sonntagabendkrimi funktioniert Rache-Engel aber weit weniger gut, als es Hauptdarsteller Senf, der gemeinsam mit Andreas Föhr und Thomas Letocha auch das Drehbuch schrieb, lieb sein dürfte: Sieht man vom fulminanten Auftakt in der mondänen Villa des Opfers einmal ab, wirkt die Inszenierung zu überhastet, oft hektisch, fast ziellos. Der Kreis der Verdächtigen ist um mindestens eine Person zu groß, die Schnitte abrupt gesetzt, und die Handlung springt permanent zwischen verschiedenen Schauplätzen hin und her. Das macht Rache-Engel unnötig anstrengend und selten zum Vergnügen. Einzig die Mordsequenz, in der Regisseur Robert Sigl (Zielscheibe) geschickt mit unterschiedlichen Kameraperspektiven spielt, das Geschehen aus Sicht mehrerer Personen schildert und den Zuschauer minutenlang gekonnt an der Nase herumführt, erweist sich einleitend als Volltreffer. Als solcher entpuppt sich im Hinblick auf den Cast auch der vielfach leinwanderprobte Alexander Held (Der traurige König), der als aalglatter und eiskalter Geschäftsmann aus der klangvollen Besetzung um Aykut Kayacik (Auf der Sonnenseite) und Sylvester Groth (Das Dorf) noch einmal deutlich hervorsticht. Max Palu tat dies seit seinem ersten Einsatz - geschmeckt hat das vielen allerdings nicht. Salü, Palu!

Bewertung: 5/10

Atemnot

Folge: 611 | 28. Oktober 2005 | Sender: NDR | Regie: Thomas Jauch

So war der Tatort:

Bild: NDR/Marion von der Mehden
Atemberaubend. Und das gleich in dreifacher Hinsicht: Zum einen für die Opfer eines spektakulären Lebensmittelskandals, die in Atemnot mit kontaminierter Spaghettisoße des profitgierigen Corte-Konzerns vergiftet wurden und fortan nicht mehr ohne fremde Hilfe atmen, geschweige denn, sich bewegen können. Aber auch für LKA-Ermittlerin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler), die in einem ihrer persönlichsten Fälle gegen den eigenen Lebenspartner Tobias Endres (Hannes Jaenicke, Märchenwald), zum dritten Mal in Folge im Niedersachsen-Tatort an ihrer Seite zu sehen, ermitteln muss, und dabei zunehmend an seiner Unschuld zweifelt. Vor allem aber für den Zuschauer, der nach einer guten halben Stunde Schonzeit und einigen amüsanten WG-Szenen mit Mitbewohner Martin Felser (Ingo Naujoks) immer stärker an den Fernsehsessel gefesselt wird und von den Filmemachern kaum mehr Zeit zum Luftholen eingeräumt bekommt. Das Autorenduo Thorsten Näter (Königskinder) und Verena Mahlow liefert Regisseur und Tatort-Stammgast Thomas Jauch (Tote Männer) ein nahezu perfektes, clever angelegtes Drehbuch, das konsequent auf ein hochdramatisches Finale zusteuert. Seine stärkste Sequenz hat Atemnot aber bereits nach gut zwei Dritteln des Films: Lindholm, längst ein seelisches Wrack und von Zweifeln zerfressen, und der stark tatverdächtige Endres, der ihr gerade liebevoll eine Quiche Lorraine gebacken hat, geraten in der Küche heftig aneinander - da bleibt Frauenversteher Felser im Anschluss nur noch das Auffegen der emotionalen Scherben.
Lindholm: "Tobias ist weg. Ich hab ihm gesagt, dass er mich betrogen, mich niedergeschlagen und eine Frau umgebracht hat."
Felser: "Charlotte, du hast was getan? Das ist hart. Das ist wirklich hart."
Diese packende Sequenz, in der sowohl Furtwängler als auch Jaenicke schauspielerisch zu großer Form auflaufen, bildet den Auftakt zu einem hochspannenden Schlussdrittel, in dem sich die Ereignisse förmlich überschlagen und die blonde LKA-Kommissarin sich niemals sicher sein kann, ob sie dem Mann, mit dem sie gerade ein Eigenheim baut, noch trauen kann. Enger und enger zieht sich die Schlinge um den Hals des ambitionierten Politikers, der mehr und mehr Verfehlungen eingestehen muss und sich damit immer stärker in die Schusslinie befördert. Was also fehlt dem 611. Tatort trotz dieses beeindruckenden Spannungsbogens und der glänzend aufgelegten Hauptdarsteller zum Prädikat Meilenstein? Es ist das Finale, das Jauch mit wechselnden Kamera-Perspektiven, langen Zeitlupeneinstellungen und melodramatischer Musik viel zu künstlich überhöht. Der atmosphärische Wechsel kommt zudem eine Spur zu abrupt, wenngleich Jauch dabei den fast malerischen Zeitlupenflug eines Unfallwagens in der Einleitung stilistisch aufgreift. Dieser kleine Schönheitsfehler ändert aber nichts daran, dass Atemnot beim Blick auf die Gesamtreihe als die mit Abstand stärkste Lindholm-Folge in Erinnerung bleibt und nach einem verhaltenen Auftakt bis zum bitterbösen Ende begeistert.

Bewertung: 9/10

Borowski in der Unterwelt

Folge: 608 | 2. Oktober 2005 | Sender: NDR | Regie: Claudia Garde

So war der Tatort:

Bild: NDR/Marion von der Mehden
Unterirdisch - aber zum Glück nur im räumlichen, und nicht etwa im qualitativen Sinne. Drehbuchautor Sascha Arango sitzt nach dem herausragenden Kopper-Debüt Der kalte Tod und anschließender neunjähriger Tatort-Abstinenz zum zweiten Mal für die Krimireihe am Ruder und verfrachtet große Teile des Geschehens unter die Erde: Die Einleitung und der komplette Showdown von Borowski in der Unterwelt spielen - der nicht von ungefähr mythologisch angehauchte Krimititel deutet es bereits an - in der finster-feuchten Kieler Kanalisation. Dort haust ein Serien- und Säure-Killer, der im Dunkeln von Hauptkommissar Klaus Borowski (Axel Milberg) und Kriminalkommissar Alim Zainalow (Mehdi Moinzadeh) gefunden werden will - so zumindest die Ausgangslage in der letzten halben Stunde des Krimis. Was aber bis zu diesem Zeitpunkt passiert, ist für Tatort-Verhältnisse mehr als außergewöhnlich. Arango, der seinen Mut zu ausgefallenen Geschichten noch viele weitere Male unter Beweis stellt (unter anderem bei Borowski und das Mädchen im Moor und bei Borowski und der Engel), testet die Grenzen des Sonntagabendkrimis nach Herzenslust aus, pfeift auf viele Tatort-Konventionen und nimmt die Antwort auf die Täterfrage - eines seiner Markenzeichen - einleitend vorweg. Oder vielleicht doch nicht? Der undurchsichtige Pfarrer Benz (Uwe Bohm, Schwindelfrei), der in der Kanalisation ein mit Säure und Leichenteilen gefülltes Faß zerschlagt und dabei zusieht, wie die bestialisch stinkende Brühe in den Nord-Ostsee-Kanal läuft, taucht auf dem Polizeipräsidium auf und bekennt sich aller Taten schuldig. Aber ist er auch der gesuchte Mörder? Und können ihm die Taten nachgewiesen werden?

Es bleiben Zweifel. Nicht nur, weil Pfarrer Benz sich an verdächtig viele Details der Gräueltaten nicht erinnern kann, sondern auch, weil das ja irgendwie zu einfach wäre. Und Arango wäre nicht Arango, wenn er dem Zuschauer nicht früher oder später den Boden unter den Füßen wegziehen würde - und das tut er im 608. Tatort gleich mehrfach. Spätestens, als sich Hermann Winter (Bernhard Schütz, Feuerteufel), der Vater der von Benz angeblich verschleppten und ermordeten Anhalterin Doreen (Nadja Bobyleva, Kaltblütig), zu einer blutigen Kurzschlussreaktion hinreißen lässt, steht der Krimi auf dem Kopf: Der vermeintliche Täter wird zum Opfer, das indirekte Opfer zum Täter - und der Zuschauer Zeuge dessen, wie sich die Ereignisse auf der Zielgeraden überschlagen. Das ist Tatort-Unterhaltung auf allerhöchstem Niveau. Auch die knackigen Dialoge zwischen Borowski ("Ich dachte, ich kenne schon alles nach 20 Jahren Wühlerei im Dreck.") und Psychologin Frieda Jung (Maren Eggert), die sich diesmal unter anderem in einem Beichtstuhl unterhalten, bersten vor unterschwelligen Komplimenten und subtilem Wortwitz, der dem Kieler Krimi wieder ausgezeichnet zu Gesicht steht und den eher müden Auftritt von Sidekick Zainalow mühelos wettmacht. Dass Borowski in der Unterwelt die Höchstwertung auf der Bewertungsskala knapp verpasst, liegt an der relativ schleppenden ersten Filmhälfte und der guten, aber eben nicht sehr guten Regie von Claudia Garde (Frühstück für immer), die mit Arangos erstklassigem Drehbuch nicht ganz mithalten kann: Gerade angesichts des prickelnden Katz- und Maus-Spiels zwischen Pfarrer und Kommisar und des dreckig-düsteren Settings in der Kanalisation wäre hier stimmungstechnisch einfach mehr drin gewesen; klaustrophobische Atmosphäre will bei den Gummistiefeleien durch die unterirdischen Wasserwege nicht immer aufkommen. Dennoch: Borowski in der Unterwelt ist der erste, vor allem visuell herausragende Kieler Tatort mit Borowski und Jung und die Antwort auf die Täterfrage eine der gewagtesten aller Zeiten: Sie bleibt aus. 

Bewertung: 9/10

Der Teufel vom Berg

Folge: 604 | 7. August 2005 | Sender: ORF | Regie: Thomas Roth

So war der Tatort:

Bild: ARD Degeto/RBB/ORF/Andreas Fischer
Teuflisch. Denn Der Teufel vom Berg, eine von mehreren Tirol-Folgen innerhalb der Krimireihe, hält absolut, was der Tatort-Titel verspricht: Im Mittelpunkt steht der diabolische, charismatische Hauptverdächtige, der den spannenden Provinzkrimi wie keine zweite Figur prägt. Die Rede ist von Georg Hochreiter, in dessen Nebenrolle der spätere Tatort-Kommissar Ulrich Tukur (Wie einst Lilly) fünf Jahre vor seinem Debüt als LKA-Ermittler in Wiesbaden zu Hochform aufläuft. Der Exzentriker, Frauenheld, Frauenschläger und reiche Provokateur in Personalunion thront mit seiner nicht minder extravaganten Ehefrau Andrea (Susanne Lothar, Der glückliche Tod) majestätisch in einer Berghütte über dem verschlafenen österreichischen Dörfchen, in dem sich Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) im 604. Tatort wider Willen auf eine groteske Undercover-Odyssee begeben muss. Nach der schmerzhaften ersten Begegnung liefern sich Hochreiter und Eisner ein packendes Psychoduell, das der Wiener Ermittler am Ende nach Punkten klar verliert. Regisseur Thomas Roth (Der Millenniumsmörder) serviert dem Publikum einen eigenwilligen, aber bis in die Details durchdachten und authentischen Tatort, der sich erst ganz am Ende den ungeschriebenen Gesetzen des Sonntagabendkrimis im Ersten unterwirft und daher trotz des enormen Potenzials die Höchstwertung auf der Bewertungsskala doch noch klar verfehlt.

Eigentlich bringt Der Teufel vom Berg nämlich alles mit, was einen echten Tatort-Meilenstein ausmacht: den Bruch mit den gängigen Genre-Konventionen, einen stark aufspielenden Cast, eine steile Spannungskurve und nicht zuletzt eine ordentliche Portion Lokalkolorit. Insbesondere die Dialoge am Mittagstisch der einheimischen Familie Feichtner verlangen dem ungeübten Ohr des deutschen Zuschauers alles ab. Auch der österreichische Crazy-Star Robert Stadlober (Hydra) beweist bei seinem für lange Jahre letzten Tatort-Auftritt eindrucksvoll, dass er der österreichischen Kabarettistin, Schauspielerin und vollbusigen Sexbombe Nina Hartmann sprachlich in nichts nachsteht. Dass sich nach dem Abspann trotz aller dramaturgischen Qualitäten und dem bis dato hochklassigen Drehbuch von Felix Mitterer (Lohn der Arbeit) dennoch eine gewisse Enttäuschung beim Zuschauer einstellen mag, liegt an der früh vorhersehbaren Auflösung: Einmal mehr ist es das zum damaligen Zeitpunkt prominenteste Gesicht der Besetzung, das für den Mord verantwortlich zeichnet, obwohl die Tatmotive und Täter-Optionen doch so verschieden und zahlreich ausfallen. Schade: Der Teufel vom Berg hätte sogar das Zeug zum Klassiker gehabt.

Bewertung: 8/10

Todesbrücke

Folge: 591 | 13. März 2005 | Sender: rbb | Regie: Christine Hartmann

So war der Tatort:

Bild: rbb/A. Plehn
Kinderfixiert. Schon der Arbeitstitel der 591. Tatort-Folge lautete Kinderspiele, und das kommt nicht von ungefähr: Die lieben Kleinen kommen hier gleich im Rudel vor. Gleich zu Beginn werfen drei Halbstarke Wasserballons von einer Autobahnbrücke - und einer davon trifft ausgerechnet das Auto der Berliner Hauptkommissare Till Ritter (Dominic Raacke) und Felix Stark (Boris Aljinovic), der vor Schreck fast einen Unfall baut. Kurze Zeit später stirbt der Insolvenz-Verwalter Thomas Franke (Patrick Braun, Unter Uns) an exakt derselben Stelle, der titelgebenden Todesbrücke, nachdem ein Ziegelstein seine Windschutzscheibe getroffen hat und er von der Straße abgekommen ist. Seine schwangere Frau Eva (Isabella Parkinson, Blutdiamanten) verdächtigt ihren Nachbarn Klaus Reling (Herbert Trattnigg, Borowski und der freie Fall): Der hatte das Ehepaar Franke mit zahlreichen Klagen aus den kleinlichsten Gründen terrorisiert. Auch Ritter und Stark gehen die "Ich verklage Sie!"- und "Ich kenne meine Rechte"-Sprüche bei der Befragung schnell auf die Nerven. Dann gibt es ein zweites Opfer: Frankes Chefin Sybille Bohrmann (Christine Reinhart) wird auf dieselbe Art und Weise getötet wie ihr Kollege. Ihr Exmann Manfred (Florian Martens, Mordfieber) nimmt daraufhin die gemeinsamen Kinder Lucas (Richard Becker, Stirb und werde) und Anna (Nicole Mercedes Müller, Mia san jetz da wo's weh tut) in seine Obhut - eine Situation, die Kommissar Stark gut nachvollziehen kann: Seine Exfrau Louisa möchte mit dem gemeinsamen Sohn Sebastian (Martin Aaron Müseler) und ihrem neuen Freund Urlaub in Australien machen. Stark befürchtet, dass sie diese sechs Wochen nutzen wird, um die Gunst des Jungen zu gewinnen - und um dem entgegenzuwirken, lässt er keine Gelegenheit aus, seine Qualitäten als Vater und Hausmann unter Beweis zu stellen.
Stark: "Ich möchte meinen Sohn abholen, den ich seit 14 Stunden nicht gesehen habe, und mich um ihn kümmern, damit er nicht irgendwann auf einer Brücke steht und Unfug macht. Sollten Sie was dagegen haben, dann sagen Sie es ruhig, aber ändern wird es nichts. Muss das hier gewaschen werden?"
Ritter: "Ich wollte nachher noch zum Waschsalon, ja."
Stark: "Ist morgen fertig."
Dieser private Nebenkriegsschauplatz passt zwar gut zum Fall, ist auf Dauer aber recht ermüdend: Immer wieder betont Stark, dass er Sebastian abholen müsse, er nicht genug Zeit für ihn habe und es unfair sei, dass seiner Ex-Frau der Alltag mit dem Jungen erspart bliebe. Das mag schmerzlich realistisch sein, bremst die Krimihandlung jedoch aus. Ohnehin ist der 12. gemeinsame Fall des Berliner Teams einer der langweiligeren Sorte: Selbst bei der obligatorischen Verfolgungsjagd am Ende will keine Spannung aufkommen, weil der Ausgang zu offensichtlich ist. Der enttäuschende Showdown ist zugleich ein Paradebeispiel für den größten Schwachpunkt im Drehbuch von Frauke Hunfeld (Tödliche Häppchen): Die komplette Handlung - Täter und Tatmotiv eingeschlossen - ist zu vorhersehbar. Man wartet stets auf eine interessante Wendung, die aber nie eintritt. Hinzu kommt die Tatsache, dass die meisten Zuschauer den Kommissaren meilenweit voraus sein dürften, was die Spannung schmälert: Nach der etwas bemüht wirkenden Sequenz, in der Ritter mit Kriminalrat Wiegand (Veit Stübner) und dem Assistenten Lutz Weber (Ernst-Georg Schwill) den kreativen Mordanschlag nachstellt, kommen die drei zu einer wegweisenden Erkenntnis bei der Suche nach der Auflösung - doch die Ermittler schließen daraus etwas völlig anderes und ermitteln eine ganze Weile in die falsche Richtung. Doch es gibt in diesem unterdurchschnittlichen Tatort von Regisseurin Christine Hartmann (Türkischer Honig) auch Lichtblicke: Herbert Trattnigg spielt den streitbaren Nachbarn Klaus Reling herrlich unsympathisch und arrogant, und auch die jungen Darsteller überzeugen mit einer Mischung aus naiven, witzigen Kommentaren und kindlicher Spielfreude. Die Besetzung der achtjährigen Anna Bohrmann ist beim Blick auf die spätere Tatort-Geschichte besonders interessant: Nebendarstellerin Nicole Mercedes Müller ist acht Jahre später in Nick-Tschiller-Debüt Willkommen in Hamburg und 2015 im Münchner Krimidrama Mia san jetz da wo's weh tut als Hauptdarstellerin wieder in der Krimireihe mit von der Partie. Während in dieser oft bemängelt wird, dass Privatgeschichten der Kommissare zu ausführlich illustriert werden, wäre das in Todesbrücke an mancher Stelle sinnvoll gewesen, denn Starks Suche nach einer Babysitterin muss zum Beispiel als humoristische Auflockerung herhalten: Auf die mäßig amüsante Kandidatin Mandy (Doreen Dietel, Tödliche Freundschaft), die deutlich mehr Interesse an Ritter als an ihrem zukünftigen Job zeigt, folgt die zweite Anwärterin Sandy - wie originell. Ritters private Momente hingegen beschränken sich auf Schwärmereien für leckere Bagel, Feierabendbierchen mit Verdächtigen und die Versuche, seinem Kollegen die Telefonnummer von Mandy zu entlocken - ein Handlungsschlenker, so vorhersehbar wie der Rest dieses Krimis.

Bewertung: 4/10