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Das zweite Gesicht

Folge: 646 | 12. November 2006 | Sender: WDR | Regie: Tim Trageser

So war der Tatort:

Bild: WDR/Kost
Tiefgefroren. In Münster herrschen in diesem Tatort nämlich zweistellige Minusgrade, die den fröstelnden Hauptkommissar Frank Thiel (Axel Prahl) und Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) besonders hart treffen: Im Hause Boerne, bekanntlich nicht nur Thiels Kollege, sondern zugleich Vermieter, ist die Heizung ausgefallen. Zu schaffen macht dies vor allem Thiel, der sich bibbernd in dicke Decken hüllt, in jeder freien Minute seine Hände an Warmwasserrohren wärmt und dem deutlich relaxteren Boerne am Ende gar eine Gnadenfrist stellt, um die Heizung wieder ans Laufen zu kriegen - ansonsten würde er einfach Boernes Parkettfußboden verheizen. Regisseur Tim Trageser (Der Traum von der Au) verfilmt bei seinem Tatort-Debüt ein klassisch angelegtes, humorvolles Münsteraner Drehbuch aus der Feder von Matthias Seelig und Clausia Falk, die ebenfalls zum ersten Mal für den WDR am Ruder sitzen und für Höllenfahrt noch ein weiteres Mal mit dem Regisseur zusammenarbeiten. Wie immer spielt dabei der eigentliche Kriminalfall um einen steifgefrorenen, toten Obdachlosen, um den sich diesmal vor allem Assistentin Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter) kümmern darf, nur eine untergeordnete Rolle. Doch nicht nur angesichts der arktischen Temperaturen fällt es diesmal auffällig schwer, mit der Geschichte warm zu werden: Das zweite Gesicht ist einer der einfallsärmeren und daher schwächeren Fälle aus Westfalen.

Irgendwie kommt einfach keine rechte Stimmung auf: Die teuren Börsenaktivitäten Boernes, die Thiel mit ein paar unvorsichtigen Mausklicks kolossal sabotiert, wirken albern und unglaubwürdig, viele Dialoge klingen seltsam gekünstelt und das Temperatur-Problem in Thiels Wohnung wird als Running Gag spätestens in dem Moment überstrapaziert, in dem Boerne einen antiken Heizlüfter hervorholt, den Thiel schon eine gefühlte Stunde früher in einem Antiquitätenladen entdeckt hat. Auch die Frotzeleien mit Silke "Alberich" Haller (Christine Urspruch) sind im 646. Tatort ungewohnt bemüht - das hat das Publikum schon deutlich authentischer erlebt. Das mag sich schlechter lesen, als es am Ende ausfällt, denn natürlich liefert auch Das zweite Gesicht über weite Strecken prima Unterhaltung - doch jeder Tatort aus Münster muss sich an herausragenden Folgen wie Der dunkle Fleck oder Der doppelte Lott messen lassen. Und eine brüllend komische Sequenz hält die Krimikomödie dann doch noch bereit: Thiel ("Vaddern, du tropfst!") ertappt seinen Erzeuger (Claus Dieter Clausnitzer) halbnackt im Haus der bademanteltragenden Staatsanwältin Wilhelmine Klemm (Mechthild Grossmann, "Wir sind hier alle erwachsen.") - einfach köstlich. Und zugleich deutlich überraschender als die Tatsache, dass in Das zweite Gesicht mal wieder eine/r sehr prominente/r Nebendarsteller/in für die Rolle des Mörders/der Mörderin gecastet wurde, was die Auflösung für das tatorterfahrene Publikum zur Formsache macht.


Bewertung: 5/10

Aus der Traum

Folge: 643 | 15. Oktober 2006 | Sender: SR | Regie: Rolf Schübel

So war der Tatort:

Bild: SR/Manuela Meyer
Zerstritten. Kriminaloberkommissar Stefan Deininger (Gregor Weber), als ehemaliger Kollege des pensionierten Hauptkommissars Max Palu (Jochen Senf) eigentlich dessen designierter Nachfolger und neuer Leiter des Kommissariats in Saarbrücken, ist nämlich alles andere als begeistert, als man ihm unverhofft einen "Schülerlotsen aus Bayern"  vor die Nase setzt: Franz Kappl (Maximilian Brückner, Tod auf der Walz) ist sein Name, Tuba spielen sein nachbarstressendes Hobby, und "Kriminalhauptkommissar" steht auf seiner Visitenkarte. Zum Spott seiner neuen Kollegen in der saarländischen Landeshauptstadt bringt Kappl neben süßem Senf und anderen bayerischen Spezialitäten als moderner Ermittler auch US-Erfahrung mit in die Provinz, lässt Gaffer am Tatort filmen und weiß zu jedem Verhaltensmuster sogleich eine Statistik zu zitieren. Nicht nur aufgrund seiner Amerika-Jahre erinnern die ersten Begegnungen von Kappl und Deininger arg an die der Kölner Kollegen Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär), die bei ihrem ersten Aufeinandertreffen in Willkommen in Köln ähnlich lautstark aneinander geraten, weil Ballauf Schenk die sicher geglaubte Beförderung wegschnappt. Auch der Krimititel ist nicht ganz neu: Aus der Traum hieß 1986 bereits eine Folge mit der Mainzer Hauptkommissarin Hanne Wiegand (Karin Anselm) - eines der wenigen Beispiele dafür, dass im Tatort-Kosmos in Ausnahmefällen tatsächlich Titeldopplungen möglich sind.

Nach einer Dreiviertelstunde und einem gemeinsamen Mittagessen (inkl. Cameo-Auftritt von TV-Köchin Lea Linster) haben sich die erhitzten Gemüter zumindest halbwegs wieder abgekühlt, so dass sich das neue Ermittler-Duo aus Saarbrücken endlich auf den ersten gemeinsamen Fall konzentrieren kann. Der ist für Deiniger einer der ganz persönlichen Art: Seine geliebte Ex-Kollegin Kathi Schaller (Vaile Fuchs, Der Traum von der Au), die zuvor noch als Marilyn Monroe-Double auf seiner Geburtstagsfeier ein Ständchen zum Besten gegeben hatte (s. Bild), wird mit drei Schüssen in ihrer Wohnung getötet. Unterstützt werden Kappl und Deininger bei ihren Ermittlungen zum einen von Spurensicherungsleiter Horst Jordan (Hartmut Volle), der auch bei ihren Nachfolgern Stellbrink und Marx an Bord bleibt, zum anderen von Gerichtsmedizinerin Dr. Rhea Singh (Lale Yavas, Dunkle Wege), die mit den Leichen auf ihrem Untersuchungstisch Gespräche führt und bei ihrem Debüt einen äußerst merkwürdigen Eindruck hinterlässt. Die bereits zu Palu-Zeiten etablierte Tradition der grenzüberschreitenden Ermittlungen setzt sich auch bei Kappl und Deininger fort, die bald in Kontakt mit dem Zoll und französischen Revolverhelden geraten. Während der prominent besetzte Cast um TV- und Kinogrößen wie Burghart Klaußner (Schatten) und Andreas Schmidt (Altlasten) durch die Bank überzeugt, schwächelt das Drehbuch von Fred und Léonie-Claire Breinersdorfer vor allem auf der viel zu versöhnlich angelegten Zielgeraden: Ein bisschen weniger Friede, Freude, Eierkuchen hätte dem 643. Tatort, den Regisseur Rolf Schübel (Der Tote vom Straßenrand) ansonsten solide in Szene setzt, deutlich besser zu Gesicht gestanden.

Bewertung: 5/10

Pauline

Folge: 640 | 24. September 2006 | Sender: NDR | Regie: Niki Stein

So war der Tatort:

Bild: NDR/Christine Schröder
Kommissarreich. Dass LKA-Kommissarin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) bei ihren Ausflügen in die niedersächsische Provinz in der Regel von der ortsansässigen Dorfpolizistin - diesmal: der auffallend unterwürfigen Katharina Lichtblau (Johanna Gastdorf, Gestern war kein Tag) - unterstützt wird, ist nichts Neues - doch die Besetzung von Pauline ist aus heutiger Sicht besonders bemerkenswert. Neben Furtwängler zählen nämlich auch zwei spätere Tatort-Kommissare zum Cast: Martin Wuttke (Todesstrafe),der ab 2008 als Hauptkommissar Andreas Keppler mit Eva Saalfeld (Simone Thomalla) in Leipzig auf Täterfang geht, und Wotan Wilke Möhring (Mord auf Langeoog), der als Bundespolizei-Ermittler Thorsten Falke ab 2013 sogar in ganz Norddeutschland zum Einsatz kommt, sind in der Rolle als Vater und Freund des Opfers ebenso mit von der Partie wie viele weitere prominente deutsche TV-Gesichter. Corinna Harfouch (Die Ballade von Cenk und Valerie) mimt Martha Kandis, die Mutter des Opfers, Max Mauff (Kleine Herzen) den Jugendlichen Moritz, Anna Maria Mühe (Stille Wasser) die große Schwester Nele, Thomas Arnold (Eine andere Welt) den an einer Kussphobie leidenden Patenonkel Guntram Schollenbruch und Max Herbrechter (Quartett in Leipzig) den  Dorfpfarrer Melchior Lichtblau, der nicht weiß, wie er seiner aufgeschreckten Gemeinde den Tod der 12-jährigen Pauline (Nelia Novoa) begreiflich machen soll. Denkt man an das ungeschriebene Tatort-Gesetz, dass der prominenteste Nebendarsteller meist den Mörder mimt, genießt der 640. Tatort also einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil: Die Stars geben sich förmlich die Klinke in die Hand und die Auflösung fällt schwer wie selten.

Drehbuchautorin Martina Mouchot (Sonne und Sturm) und Regisseur Niki Stein (Das Böse) konstruieren nahe der niedersächsischen Samtgemeinde Jesteburg einen Whodunit der klassischsten, wenn auch selten wirklich spannenden Sorte: Eine Handvoll Verdächtiger, die alle mehr oder weniger starke Tatmotive mitbringen, eine knappe, aber präzise Einleitung, in der sich die verschiedenen Dorfbewohner zu Wolle-Petry-Coversongs auf dem Dorffest betrinken, und bodenständige Ermittlungsarbeit, bei der die grippegeschwächte Lindholm diesmal weniger fleißig von ihrem Mitbewohner Martin Felser (Ingo Naujoks) unterstützt wird. Der ist gesundheitlich nämlich selbst gehandicapt und spielt zu Reha-Zwecken lieber mit drei Rentnerinnen Doppelkopf, als Charlotte bei der Tätersuche zur Hand zu gehen. Diese nervtötenden und leider gänzlich witzlosen Spannungskiller hätten besser aus dem Drehbuch gestrichen werden sollen - eine Folge ohne Naujoks, der die hoffnungslos überzeichnete Rolle als treudoofer Schriftsteller 2010 frustiert niederlegt, hätte dem Hannoveraner Tatort auch 2006 schon gut zu Gesicht gestanden. Außer Naujoks wird aber auch der Rest der prominenten Darstellerriege - allen voran die vollkommen verschenkte Anna Maria Mühe - selten gefordert: Einzig Martin Wuttke darf in der Rolle als trauernder Vater angetrunken durch die Dorfkneipe berserkern. Und Furtwängler? Die lässt sich tatsächlich bei einem harmlosen Stiefel-Fehltritt in den Bach, an dem die Leiche gefunden wird, doublen (einfach mal auf Schnitt und Kameraführung der Szene achten): Die Füße könnten ja nass werden. Pauline ist dennoch sehenswert - ein bisschen holprig inszeniert, aber prominent besetzt und mit einer kniffligen Auflösung gesegnet.

Bewertung: 6/10

Der Lippenstiftmörder

Folge: 638 | 27. August 2006 | Sender: SWR | Regie: Andreas Senn

So war der Tatort:

Bild: HR/SWR/Jacqueline Krause-Burberg
Verkatert. Der Ludwigshafener Ermittler Mario Kopper (Andreas Hoppe) wacht morgens nämlich nicht nur neben einer hübschen weiblichen Begleitung, mit der er am Vorabend einen über den Durst getrunken hat, sondern vor allem mit einem gehörigen Brummschädel auf. Die Folge: Hauptkommissarin und Mitbewohnerin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) muss sich beim gemeinsamen WG-Frühstück nicht nur sein Wehklagen anhören, sondern auch noch hinnehmen, dass Kopper seinem Betthäschen erfolgreich vorgaukelt, Lena sei seine Schwester. Der 638. Tatort, in dem der Autoliebhaber in der ersten Viertelstunde konsequent eine dunkle Sonnenbrille trägt und sich vorwiegend durch Stöhnen und amüsantes Gemecker bemerkbar macht, fällt für einen Tatort aus Ludwigshafen auffallend heiter aus. Ob es daran liegt, dass Odenthal und Kopper der tristen BASF-Stadt schon bald den Rücken kehren und sich aufs Land wagen? Ermittelt wird dies mal im beschaulichen Angerburg, einem kleinen Dörfchen, das ebenso fiktiv ist wie die örtliche forensische Klinik Engelsried, in der der gefährliche Serienmörder Holly (Ole Puppe, Schweinegeld) unweit vom Fundort einer Mädchenleiche einsitzt. Doch wenngleich der Folgentitel es nahelegen mag: In Der Lippenstiftmörder erzählen die Filmemacher keine klassische Suche nach einem Serientäter. Holly ist nämlich nur einer aus einem halben Dutzend Tatverdächtiger und hat zudem das beste Alibi - die meterhohen Mauern der Anstalt.

Sicher sein kann sich der Zuschauer natürlich trotzdem nie, ob der clevere Insasse nicht doch einen Weg zur Flucht gefunden hat - doch mit Volleyballtrainer Rolf Czerni (Dirk Borchardt, Borowski und die Frau am Fenster) und seiner krankhaft eifersüchtigen Frau (Sybille J. Schedwill, Lastrumer Mischung), dem trauernden Ex-Lover Florian (Constantin von Jascheroff, Heimatfront) und der argwöhnischen Schulfreundin Caro (Laura-Charlotte Syniawa) stehen viele bekannte, deutsche TV-Gesichter - und damit reichlich ernstzunehmende Alternativen - bei der Suche nach dem Mörder zur Auswahl. Dass die Charakterzeichnung bei der einen oder anderen Nebenfigur ein wenig auf der Strecke bleibt, stört kaum, da Drehbuchautor Christoph Darnstädt (Vergissmeinnicht) und Regisseur Andreas Senn (Vermisst) zumindest den in der Klinik einsitzenden Lippenstiftmörder angenehm differenziert beleuchten und nicht vorschnell als kranken Irren oder geheilten Sympathieträger abstempeln. Ein solches Vorgehen hätte man sich auch bei manch anderer Folge aus Ludwigshafen gewünscht - man denke nur an Fette KriegerDer Wald steht schwarz und schweiget oder Die Sonne stirbt wie ein Tier. Der Lippenstiftmörder ist daher zweifellos eine der besseren.

Bewertung: 7/10

Stille Tage

Folge: 632 | 21. Mai 2006 | Sender: Radio Bremen | Regie: Thomas Jauch

So war der Tatort:

Bild: Radio Bremen/Jörg Landsberg
Mal still, mal weniger still - das hängt ganz davon ab, wer in diesem Tatort gerade aneinander gerät. Stille Tage erlebt Hauptkommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel) - vor allem dann, wenn sie ihren an Alzheimer erkrankten Vater besucht, der in einem düster-sterilen Pflegeheim ins Leere starrt und seine eigene Tochter nicht mehr erkennt. Aber auch die Tage von Manfred Schirmer (Joachim Król, Häschen in der Grube) kennzeichnet Stille, seit seine Frau Anne ermordet wurde. Bei der Suche nach ihrem Mörder wird Lürsen wie gewohnt von ihrem Kollegen Nils Stedefreund (Oliver Mommsen) unterstützt – mehr als einmal liegt dieser allerdings mit Vermutungen daneben, und da ist es dann schnell vorbei mit der Stille: Die Bremer Hauptkommissare zoffen sich bei ihrem zehnten gemeinsamen Einsatz so heftig wie selten. Das liegt aber nicht nur an Stedefreunds Patzern, sondern auch daran, dass die emotional angeschlagene Lürsen mit dem Hauptverdächtigen Schirmer anbandelt und bei den Ermittlungen nicht gerade durch Professionalität glänzt: Gegenseitige Vorwürfe, Schuldeingeständnisse (Lürsen: "Ich habe mich wie eine Anfängerin verhalten!") und Versöhnungsversuche prägen die Ermittlungsarbeit. Auch privat wird Lürsen mit dem Vorwurf ihrer Tochter Helene Reinders (Camilla Renschke) konfrontiert, ihren Vater vernachlässigt zu haben - und so kommt es im Pflegeheim zum bitterbösen Wortgefecht zwischen Lürsen und ihrer 2010 zur Chefin beförderten Tochter, der das Dilemma um kranke Angehörige (wie es auch im Berliner Tatort Edel sei der Mensch und gesund, im Stuttgarter Tatort Altlasten oder im Münchner Tatort Gestern war kein Tag thematisiert wird) gelungen auf den Punkt bringt.
Lürsen: "Wenn's dir hier nicht gefällt, dann kannst du ihn ja pflegen."
Reinders: "Wie stellst du dir das vor? Ich bin mitten in der Ausbildung."
Lürsen: "Ach, wie unhöflich von dem alten Herrn, dass er sich mit seinem Schwachsinn nicht noch ein bisschen Zeit gelassen hat."
Bei der Suche nach dem Mörder stapft Lürsen im trist gezeichneten Bremer Umland herum und fällt dabei schon mal in eine Jauchegrube - eine der wenigen Szenen, die beim Publikum für einen Lacher sorgen sollen. Deutlich humorloser, dafür umso interessanter ist die alleinlebende Barbara Scheuven (großartig: Grimme-Preisträgerin Karoline Eichhorn, HAL): Zwar unterstützt die argwöhnische Nachbarin die Kommissare mit Hinweisen und den trauernden Witwer mit Selbstgebackenem, doch scheint das von Selbstzweifeln zerfressene Mauerblümchen mehr zu wissen, als über ihre verkrampften Lippen nach außen dringt. Neben der eindringlichen Charakterstudie der Hauptverdächtigen Schirmer und Steuven sorgt auch das Rätselraten um den Mörder für gute Unterhaltung, wenngleich die Befragungen der übrigen Verdächtigen so oberflächlich ausfällt wie deren Charakterzeichnung: Bauer und Emuzüchter Hartmut Klemme (Roland Renner, Parteifreunde) ist eine von vielen eindimensionalen Figuren, darf aber zumindest einen sozialkritischen Seitenhieb austeilen - seine astreinen Äpfel dürfen wegen neuer Auflagen nicht mehr an die Schweine verfüttert werden und so schaufelt er sie kurzerhand auf den Kompost. Vater und Liebhaber der Toten hingegen scheinen nicht sonderlich erschüttert: Routinemäßig gehen sie während der Befragungen ihren gewohnten Tätigkeiten nach - eine Unart, die im Tatort häufig zu beobachten ist und auch hier störend wirkt. Blass bleibt auch der lethargische Kriminalassistent Karlsen (Winfried Hammelmann), der mit seinen auswendig gelernten Monologen einmal mehr wie ein Laiendarsteller wirkt, den Bremer Ermittlern aber noch bis 2015 (letzter Auftritt in Die Wiederkehr) helfend zur Seite stehen darf. Besonders brav erscheint seine angepasste Arbeitsweise im direkten Vergleich zur toughen Linda Selb (Luise Wolfram), die 2016 in Der hundertste Affe ihr Bremer Debüt als eigenwillige BKA-Kollegin feiert. Trotz der schwächelnden Nebenfiguren und einer eher knapp vorgetragenen Auflösung gelingt Drehbuchautor Jochen Greve (Großer schwarzer Vogel) und Regisseur Thomas Jauch (Zahltag) unter dem Strich aber ein spannendes Krimidrama, das vor allem mit den starken Leistungen der beiden wichtigsten Nebendarsteller punktet: Insbesondere Charakterdarsteller Joachim Król, der von 2011 bis 2013 als Hauptkommissar Frank Steier in Frankfurt ermittelt, brilliert im 632. Tatort als undurchsichtiger Ehemann, dessen Wesen vom liebevoll-sensiblen Charmeur bis zum jähzornigen Choleriker reicht.

Bewertung: 7/10

Außer Gefecht

Folge: 630 | 7. Mai 2006 | Sender: BR | Regie: Friedemann Fromm

So war der Tatort:

Bild: BR/TV 60 Film/Vietinghoff
Entzweit. Drehbuchautor Christian Jeltsch (Wie einst Lilly) hat sich für den 43. Einsatz von Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) nämlich etwas Besonderes einfallen lassen: Sieht man von den ersten Minuten im eleganten Drehrestaurant des Münchner Olympiaturms ab, sind die beiden Hauptkommissare in Außer Gefecht getrennt voneinander unterwegs. Wobei: Unterwegs ist eigentlich nur Batic, der Carlo Menzinger (Michael Fitz) im Schlepptau und zugleich alle Hände voll zu tun hat, denn Leitmayr steckt fast über die komplette Spielzeit mit einem überführten Killer im Fahrstuhl fest. Ein einleitender Undercover-Einsatz der beiden Kommissare, die sich in piekfeine Kellner-Outfits werfen und bei ihrer Fahndungsaktion zerstreiten, geht völlig in die Hose: Der Krankenpfleger Johannes Peter Peschen (Jörg Schüttauf, Jagdfieber), kann sich bei der Festnahme mit Leitmayr absetzen und ihm im Fahrstuhl eine Spritze in den Oberarm rammen. Nur was injiziert ihm der von den Medien zum "Todesengel" stilisierte Mann, der zwölf Menschenleben auf dem Gewissen hat? Daraus machen Jeltsch und Regisseur Friedemann Fromm (...es wird Trauer sein und Schmerz) lange ein Geheimnis - fest steht nur, dass es Leitmayr von Minute zu Minute schlechter geht und Peschen nichts mehr zu verlieren hat. Entzweit ist der 630. Tatort aber auch in einem anderen Sinne: Die Filmemacher bringen mit Bravour zwei vom Erzählton her gänzlich verschiedene Handlungsstränge in Einklang, denn die packenden Thrillermomente im Fahrstuhl sind nur Teil der sauber ausgearbeiteten Rahmenhandlung um das vieldiskutierte Thema Sterbehilfe und Altenpflege.

Immer wenn sich im Fahrstuhl eine Länge einzuschleichen droht, nehmen die Ermittlungen von Batic und Menzinger an Fahrt auf - und umgekehrt. Schnell wird klar, dass der vermeintliche Massenmörder Peschen nur das getan hat, was in Deutschland trotz vieler Befürworter verboten ist: aktive Sterbehilfe bei dementen oder todkranken Menschen durchzuführen. Statt ausufernder Sozialkritik (wie oft im Kölner Tatort) oder dem Druck auf die Tränendrüse (wie im überschätzten Sterbehilfe-Tatort Der glückliche Tod) arbeiten die Filmemacher die Schwächen des deutschen Pflegesystems mit feinem Gespür für das Wesentliche heraus: Laut Krankenpflegerin Inge Kehrer (Ulrike Krumbiegel, Unter uns) kommen in ihrer Klinik auf 150 Demenzkranke höchstens zwei bis drei Pfleger - angesichts solcher Zahlen und dem daraus resultierenden Zeitmangel der Pflegekräfte braucht es nur wenige anklagende Worte, um Verständnis für den Täter zu wecken. Der gibt sich ebenfalls wortkarg: Dass sich der Bayerische Rundfunk bei der Besetzung des Bösewichts ausgerechnet für Jörg Schüttauf entschied, der zeitgleich als Hauptkommissar Fritz Dellwo im Tatort aus Frankfurt auf Täterfang geht, ist etwas irritierend, und Schüttauf wirkt in seiner ungewohnten Rolle auch nie ganz glücklich. Schauspielerisch wirft er nicht viel in die Waagschale, und seine schwarzen Haare und die Brille dienen offenbar in erster Linie dazu, sein Parallel-Engagement in Frankfurt zumindest optisch ein wenig zu verschleiern. Macht aber nichts: Außer Gefecht entwickelt sich trotz der nicht ganz optimalen Besetzung zu einem packenden Wettlauf gegen die Zeit, der von einem stimmungsvollen Soundtrack vorangetrieben wird und mit cleveren Wendungen gespickt ist. Weil das Rettungsteam auf sich warten lässt, liegt es an Batic, Menzinger und der hübschen Polizeibeamtin Charlie Peetz (Kathrin von Steinburg), zu Leitmayr und Peschen vorzudringen - aber der Münchner Tatort wäre nicht der Münchner Tatort, wenn er außer dieser dramatischen Rettungsaktion nicht noch so viel mehr zu erzählen hätte.

Bewertung: 9/10

Blutdiamanten

Folge: 620 | 15. Januar 2006 | Sender: BR | Regie: Martin Eigler

So war der Tatort:

Bild: WDR/T. Ehling
Belgisch. Blutdiamanten spielt nämlich keineswegs - wenngleich es der Krimititel nahelegen mag - in Afrika, dem Kontinent also, in dem die im 620. Tatort ausführlich thematisierten Edelsteine abgebaut werden. Sondern rund 200 Kilometer entfernt von Köln, in der belgischen Großstadt Antwerpen. Die Hauptkommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär), die zum 33. Mal Seite an Seite ermitteln, entschließen sich gegen Mitte des Krimis zu einem spontanen Autotrip, bei dem sie nicht nur die langsam auskühlende Spur des skrupellosen Edelsteinhändlers Karl de Mestre (Andreas Windhuis, Kassensturz) verfolgen, sondern vor Ort auch zum zweiten Mal auf eine belgische Kollegin treffen: die ebenso toughe wie wasserstoffblonde Julia Ruiter (Andrea Croonenberghs), die zuvor der Domstadt eine Stippvisite abgestattet hatte. Unterstützung haben die Kölner Hauptkommissare bei ihrem Ausflug ins europäische Nachbarland auch bitter nötig: Franziska Lüttgenjohann (Tessa Mittelstaedt) bleibt in Deutschland und leidet einmal mehr unter Liebeskummer, an dem Ballauf und Schenk nicht ganz unschuldig sind, weil sie ihre leiderprobte Assistentin zur nächtlichen Videosichtung im Präsidium verdonnern, statt sie in den wohlverdienten Feierabend mit ihrem vergeblich wartenden Lover Tom zu entlassen. Die einleitenden, furchtbar konstruierten Taschentuchszenen (und die spätere Versöhnung an der Wurstbraterei) mit der überarbeiteten Franziska, bei denen sämtliche Parteien zu dick auftragen, sind das größte Ärgernis in einem Krimis, in dem ansonsten weitaus wichtigere Probleme thematisiert werden als Überstunden auf dem Präsidium - und dem die internationalen Verstrickungen gut zu Gesicht stehen.

Wenn im Tatort grenzübergreifend ermittelt wird - man denke an die Bremer Folge Der illegale Tod, Das goldene Band aus Hannover oder den Münsteraner Fadenkreuzkrimi Die chinesische Prinzessin - kommt am Ende selten wirklich Gutes dabei heraus: Meist enden die Ermittlungen in den ewig gleichen Scharmützeln mit dem BKA, das natürlich alles besser weiß als die lokal ansässigen Kommissare und diese daher in schöner Regelmäßigkeit auszubremsen versucht (vergeblich, versteht sich). Dass der Kölner Tatort es besser kann, bewies er bereits 1998 mit dem sehr unterhaltsamen Ausflug nach Manila, und auch in Blutdiamanten wird die politisch angehauchte Geschichte gekonnt als klassischer Whodunit-Krimi verpackt, bei dem die Auftaktleiche nur als Aufhänger für die größere Sache dient. Die Drehbuchautoren Sönke Lars Neuwöhner und Sven Poser, die bereits gemeinsam das Skript zum Kölner Tatort Schützlinge konzipierten, lassen das BKA komplett außen vor und machen die Sache zur Privatangelegenheit: Ruiter begibt sich auf eigene Faust in die Domstadt, Ballauf und Schenk spontan nach Antwerpen, wo Regisseur Martin Eigler (Blutgeld) nach dem furiosen Auftakt auf Karl de Mestres Firmenfeier zum zweiten Mal eine knackige Actionsequenz inszenieren darf (s.Bild). Da neben Diamantenhändlern und Profikillern zudem einige bis in die Haarspitzen motivierte Kölner Aktivisten mitmischen, fällt die Auflösung der Täterfrage durchaus knifflig aus - vorausgesetzt, der Zuschauer hat von dem ungeschriebenen Gesetz, dass im Tatort meist der prominenteste Nebendarsteller den Mörder mimt, noch nie gehört.

Bewertung: 7/10