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Borowski und das Mädchen im Moor

Folge: 688 | 17. Februar 2008 | Sender: NDR | Regie: Claudia Garde

So war der Tatort:

Bild: NDR/Marion von der Mehden
Neblig. Borowski und das Mädchen im Moor entführt den Zuschauer - der Krimititel deutet es unmissverständlich an - immer wieder in eine undurchsichtige Moor- und Waldlandschaft in der Nähe eines elitären Mädcheninternats und erweist sich in Sachen Spannungsaufbau und Charakterzeichnung als ausgesprochen zielstrebig. Wie in seinen späteren Drehbüchern zu den Kieler Tatort-Folgen Borowski und die Frau am Fenster und Borowski und der stille Gast stellt Drehbuchautor Sascha Arango nicht nur eindrucksvoll seine Klasse, sondern einmal mehr auch unter Beweis, dass ein Tatort den Zuschauer auch ohne knifflige Mörderfrage fesseln kann. Den Totschlag an der kleptoman veranlagten Internatsschülerin Belinda Strick (Tabita Johannes) unterfüttert er mit einer ausführlichen Einleitung und nimmt zugleich den Täter vorweg: Es ist Kaufhausdetektiv Klaus Raven (fantastisch: Andreas Schmidt, Aus der Traum), der selbst seine Tochter in das teure Internat schickt, aber kaum weiß, wie er die nächste Stromrechnung bezahlen soll. Sein Gehalt ist mager, so dass sich Gattin und Hausfrau Iris (Maria Schrader) im eigenen Ehebett zum Aufbessern der Haushaltskasse prostituieren muss. Eine Ausgangslage, wie gemalt für eine mittelschwere Ehekrise, und zugleich die Antriebsfeder eines Familien- und Sozialdramas im Schafspelz, das schnörkellos auf eine erschütternde Katastrophe zusteuert. Dass sich dabei zwischen Raven und Hauptkommissar Klaus Borowski (Axel Milberg) eine vermeintliche Männerfreundschaft entwickelt, macht die Sache gleich doppelt reizvoll.

Borowski und das Mädchen im Moor ist strukturell ähnlich gelagert wie das ebenfalls von Arango arrangierte Kopper-Debüt Der kalte Tod, nah dran an Columbo und anderen Krimiserien, die nicht nach dem Whodunit-Prinzip aufgebaut sind. Das Geschehen fokussiert sich voll auf den mittellosen Kaufhausdetektiv Raven, dem der Zuschauer trotz seiner Tat im Affekt nie wirklich böse sein kann, und in dessen Rolle der überragende Andreas Schmidt den restlichen Cast - der keineswegs enttäuscht - mit einer glänzenden Performance an die Wand spielt. Neben Arango und Schmidt leisten aber auch Jungschauspielerin Isolda Dychauk (Kaltes Herz, als Tochter Maria Raven) und Regisseurin Claudia Garde (Dinge, die noch zu tun sind) einen erstklassigen Job: Gardes blutige Bilder verstören auch ohne das explizite Einfangen des bestialischen Tötungsakts, gekonnte Ton-Bild-Scheren lockern die relativ spannungsarme erste Filmhälfte auf, und die nebligen Moorbilder sind atmosphärisch unheimlich dicht in Szene gesetzt. Wenn es an Borowski und das Mädchen im Moor überhaupt etwas auszusetzen gibt, dann die mehrfache Unterstützung durch Kommissar Zufall: Borowski und Psychologin Frieda Jung (Maren Eggert) hätten wohl ewig im Dunkeln getappt, wenn nicht ausgerechnet Raven den spröden Kieler Ermittler und die in einer Skibox verpackte Leiche nach einem Wildunfall im Auto mitgenommen hätte. Auch die Rekonstruktion des Tathergangs verläuft ein bisschen schneller, als man es dem gewievten Hauptkommisar zutrauen würde. Wer das als Schwäche des Krimis moniert, hat aber nicht verstanden, worum es im 688. Tatort geht: um einen verzweifelten, aufopferungsvollen Vater und das dramatische Schicksal einer Familie, das sich vor allem aufgrund des markerschütternden Schlussakkords einen Platz in den All-Time-Tops der Krimireihe sichert.

Bewertung: 10/10