+++ Tatort-Kritiker(in) gesucht! +++

Du verpasst keinen neuen Tatort, kannst deine Meinung fundiert zu Papier bringen und möchtest sie auf dieser Seite mit tausenden Lesern teilen? Dann melde dich per Kontaktformular bei uns.

Altlasten

Folge: 750 | 27. Dezember 2009 | Sender: SWR | Regie: Eoin Moore

So war der Tatort:

Bild: SWR/Peter A. Schmidt
Generationsübergreifend. Während sich viele Tatort-Folgen nur auf die Belange einer bestimmten Altersgruppe konzentrieren und sich die Ermittler beispielsweise in den von der Jugend dominierten, für sie oft unbekannten sozialen Netzwerken (Das verkaufte Lächeln) oder im Altersheim (Paradies) zurechtfinden müssen, treffen die Stuttgarter Hauptkommissare Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) in Altlasten auf drei verschiedene Gerationen derselben Familie. Als Mörder des über 80-jährigen Familienoberhaupts Willy Schubert kommen seine Ehefrau, sein Sohn, seine Tochter und sein Schwiegersohn in Frage. Die Familie hatte am Tag vor Schuberts Tod den Hochzeitstag der Großeltern im kleinen Kreis gefeiert - und ausgerechnet bei diesem feierlichen Anlass (Bootz: "Wie nennt man das dann? Betonhochzeit?") muss einer der Anwesenden Schuberts Lieblingsdessert vergiftet haben. Im Laufe der Ermittlungen stoßen die Kommissare auf viele Geheimnisse innerhalb der Familie, und Drehbuchautorin Katrin Bühlig (Frühstück für immer) versteht es, die vielschichtigen Charaktere realitätsnah und klischeefrei darzustellen. Doch auch gesellschaftliche Probleme werden angesprochen: Wie zum Beispiel im Berliner Tatort Edel sei der Mensch und gesund wird auch in Altlasten die vieldiskutierte „Zwei-Klassen-Medizin“ thematisiert und die Frage gestellt, was wichtiger ist: Gesetz und Profit oder die Gesundheit einzelner Menschen? Die Antwort muss jeder Zuschauer für sich selbst geben, und doch hätte das Krimidrama diese recht halbherzige Systemkritik gar nicht nötig gehabt.

Die stärksten Momente hat der 750. Tatort nämlich dann, wenn Bühlig nicht die Kommissare oder Ärzte, sondern die Taten der Familie Schubert sprechen lässt: Die ältere Generation spielt ihre Gebrechen herunter, weil sie den Kindern und Enkeln nicht zur Last fallen möchte, während diese hilflos auf die ersten Anzeichen von Demenz reagieren und nicht wissen, wie sie mit der Situation der schwächer werdenden Liebsten umgehen sollen. Durch die präzisen Aufnahmen von Kamerafrau Cornelia Wiederhold (Im Abseits) und die Inszenierung von Regisseur Eoin Moore (Borowski und der freie Fall) wirkt der Fall jedoch nie trist oder hoffnungslos, sondern bewahrt sich auch durch die kleineren Nebenhandlungen stets eine zuversichtliche Stimmung. Bootz hat Dauerbesuch von seiner verhassten Schwiegermutter (Angelika Bender, Der traurige König) und würde am liebsten gar nicht erst nach Hause gehen, doch die zu befürchtenden Schwiegermutter-Klischees werden nur angerissen. Stattdessen liefern sich die beiden Streithähne einen köstlichen Showdown beim „Mensch-ärgere-dich-nicht“, der vom berühmten Spiel mir das Lied vom Tod-Soundtrack untermalt wird. Es ist nicht die einzige Stelle, an der US-amerikanisches Flair in den Stuttgarter Tatort einfließt: Wer genau aufpasst, wird die Symbolik bemerken, und Lannert kann sogar ein Leben retten, indem er sie im richtigen Moment richtig deutet. Altlasten wurde nicht nur für den Grimme-Preis nominiert, sondern gewann auch den Filmkunst-Sonderpreis als „herausragender Fernsehfilm“ beim Festival des deutschen Films 2010. Dass dieser Tatort über den fehlenden Dialog beim Alt werden so authentisch ausfällt, ist nicht zuletzt den glänzend aufgelegten Schauspielern zuzuschreiben: Bibiana Zeller (Annoncenmord) stellt die demente Witwe Brise Schubert nicht bloß als gebrechliche Dame dar, sondern lässt ihr zwischen all dem Schmerz und all der Verletzlichkeit die Würde einer Frau, die in ihrem Leben mit vielen Schicksalsschlägen fertig geworden ist. Auch die Kinderdarsteller Stella Kunkat (Der glückliche Tod) und Tim Krebs sind nicht nur passive Teilnehmer, sondern drücken der Geschichte ihren Stempel auf. Letztendlich ist die Folge aber auch deshalb so überzeugend, weil die Charaktere allgegenwärtig in unserer Gesellschaft sind und die Dialoge kitschfrei entlarven, was in dieser manchmal falsch läuft. Exemplarisch dafür steht der Besuch von Lannert und Bootz in einem Pflegeheim, in dem die beiden am Krankenbett die Hände eines alten Mannes halten.
Pflegerin: "Er kriegt sonst nie Besuch."
Lannert: "Keine Familie?"
Pflegerin: "Nee, keine Zeit. Ich meine die Familie hat keine Zeit. Er hat Zeit."
Bewertung: 8/10

Wir sind die Guten

Folge: 749 | 13. Dezember 2009 | Sender: BR | Regie: Jobst Oetzmann

So war der Tatort:

Bild: BR/Stephen Power
Lückenhaft - doch nicht etwa im Bezug auf das Drehbuch, in dem Logiklöcher und ärgerliche Anschlussfehler weitestgehend ausbleiben. Nein: Es ist der Münchner Hauptkommissar Ivo Batic (Miroslav Nemec), der in der Einleitung von Wir sind die Guten nach einem Autounfall dem Tod nur knapp von der Schippe springt und sich in der Folge mit einer schweren Amnesie herumschlagen muss. Der Anschlag auf sein Leben? Ein Rätsel. Die Stunden vor dem Gedächtnisverlust? Ausgelöscht. Nicht einmal seinen langjährigen Kollegen Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl), der am Krankenbett des Kroaten zunächst an einen schlechten Scherz glaubt, erkennt der Hauptkommissar im 749. Tatort wieder. Gedächtnislücke reiht sich an Gedächtnislücke, eine Panikattacke jagt die nächste, und selbst von Halluzinationen bleibt der bedauernswerte Amnesiepatient nach dem Erwachen nicht verschont. Und dann? Dann geht der Tatort eigentlich erst richtig los, denn mit Rauschgiftfahnderin Leah Wedel gibt es plötzlich ein Mordopfer, das sich ausgerechnet am Abend vor ihrem Ableben mit Batic auf einen Kaffee getroffen hat. Eine Ausgangslage, wie gemalt für ein verzwicktes und spannendes Puzzlespiel - und selbst wenn die häppchenweise Aufarbeitung der zurückliegenden Nacht an einigen Stellen etwas konstruiert wirkt, inszeniert Regisseur Jobst Oetzmann (1000 Tode), der gemeinsam mit Magnus Vattrodt (Der traurige König) auch das Drehbuch zu diesem ungewöhnlichen Münchner Fall konzipierte, einen extrem unterhaltsamen Krimi, der zu keiner Sekunde langweilt. 

Die Rollen sind dabei allerdings klar, ein wenig zu klar verteilt: Auf der einen Seite der abgetauchte Batic, der vermeintliche Mörder, den die Münchner Polizeikollegen fast neunzig Minuten durch die Isarstadt scheuchen, und natürlich der aufgebrachte Leitmayr, sein revierinterner Anwalt und Kollege, der trotz der vernichtenden Beweislast keinen Moment lang an der Unschuld seiner besseren Ermittlungshälfte zweifelt. Auf der anderen Seite der extrem unsympathische Rauschgiftfahnder Michalik (Max Hopp, Vergessene Erinnerung), der fast im Zehn-Minuten-Takt mit Leitmayr aneinander gerät, und der unterkühlt und rational urteilende Vorgesetzte Rüdiger Stolze (gewohnt charismatisch: Michael Mendl, Wegwerfmädchen), für den die Indizienlage von Beginn an eine eindeutige Sprache spricht. Es spricht für Oetzmanns Drehbuch, das sich zumindest Stolze ("Ich bin doch kein Unmensch.") im Mittelteil des Films wider Erwarten als vielschichtiger Charakter entpuppt und weit weniger eindimensional skizziert wird als Michalik, dessen Verstrickungen in den Mordfall früh offensichtlich sind. Aber ist der verhasste Kollege auch der Täter? Die Antwort kennt nur Batic: Der erinnert sich, nachdem ihn Leitmayr in einer hochdramatischen, fast rührenden Sequenz in letzter Sekunde vor dem sicheren Tod im Kugelhagel bewahrt, pünktlich zum finalen Showdown wieder - und kommt nach einem Bauchschuss sogar ein drittes Mal mit dem Schrecken davon. Die Auflösung des gekonnt arrangierten Puzzlespiels, in dem nur die schräg vertonten und etwas plump inszenierten Aussetzer des Amnesiepatienten aus dem Rahmen fallen, ist nicht minder pfiffig als der Rest der ungewöhnlichen Geschichte - und die macht von Minute 1 bis 90 einfach Riesenspaß. Da kann man über kleinere Ungereimtheiten und die gelegentliche Schwarz-Weiß-Malerei schon mal hinweg sehen.

Bewertung: 8/10

Falsches Leben

Folge: 748 | 6. Dezember 2009 | Sender: MDR | Regie: Hajo Gies

So war der Tatort:

Bild: MDR/Andreas Wünschirs
Schlagkräftig. Wir schreiben die 61. Minute des 748. Tatorts: In der roten Ecke, ausgestattet mit zwei großen roten Boxhandschuhen, wartet Hauptkommissar Andreas Keppler (Martin Wuttke) im stilsicheren weißen Unterhemd. In der blauen Ecke, komplett in schwarz gekleidet, lauert sein Kontrahent Norbert Zirner (Volkmar Kleinert, Buntes Wasser), der sofort in die Offensive geht und nach wenigen Sekunden dafür büßen muss: Schon mit dem ersten Treffer schickt ihn Keppler zu Boden, um allerdings kurz darauf selbst benommen in den Seilen zu hängen. Austeilen kann er, der Keppler, ebenso einstecken, und stellt dies in der amüsantesten Szene von Falsches Leben eindrucksvoll unter Beweis. Leider ist der Kampf schon nach kaum einer Minute wieder vorbei, Eva Saalfeld (Simone Thomalla) gesellt sich zu den Boxern an den Ring, und der spontane Faustkampf bleibt die einzige Szene, bei der wirklich laut gelacht werden darf. Ansonsten inszeniert Hajo Gies (Moltke), der bereits zum zwanzigsten Mal für einen Tatort auf dem Regiestuhl Platz nimmt, nämlich einen biederen, typischen Saalfeld/Keppler-Tatort, bei dem trotz zahlreicher prominenter Nebendarsteller nie wirklich Leben in die Geschichte kommt. Auch die diesmal auffallend häufigen Frotzeleien des ehemals liierten Ermittlerduos wirken fürchterlich aufgesetzt und werden zu allem Überfluss auch noch für einen müden Running Gag überstrapaziert.

Saalfeld: "Du hast früher schon keine Ahnung von Parfum gehabt."
Keppler: "Wieso? Ich hab dir doch mal Parfum geschenkt! Und das haste geliebt!"
Saalfeld: "Ach ja, stimmt. Stimmt, damit hat meine Mutter den alten Bauernschrank abgebeizt."

Mit Sergej Moya, der später im Kappl/Deininger-Tatort Hilflos als Hauptverdächtiger brillierte, der ebenso bezaubernden wie leinwanderprobten Lavinia Wilson (Das zweite Gesicht), dem Kino- und Theaterdarsteller Dieter Mann (Edel sei der Mensch und Gesund) und der stark aufspielenden Thekla Carola Wied in der Rolle als Kunsthistorikerin Hannah Wessel sind die Voraussetzungen für einen kniffligen Whodunit eigentlich glänzend: Schließlich sticht keiner der Namen so deutlich aus dem Cast hervor, als dass er sich in Tatort-Tradition unausweichlich als Mörder aufdrängen würde. Leider verhebt sich Drehbuchautor Andreas Pflüger (Berliner Bärchen) an der Mammutaufgabe, gleich ein halbes Dutzend verschiedener Handlungsfäden in seiner Geschichte stimmig miteinander zu verweben, weil bei knapp 90 Minuten Spielzeit fast zwangsläufig der Tiefgang auf der Strecke bleibt. Teure goldene Grabbeigaben, die bis heute im Umlauf sind, der Werdegang von Saalfelds Vater als nicht immer korrekter Polizist, Grundstücksstreitereien und natürlich ein bisschen Stasi und DDR-Historie: Vieles bleibt in Falsches Leben Stückwerk, ohne nach dem Abspann nachhaltig in Erinnerung zu bleiben. Außer Kepplers eindrucksvollem Niederschlag im Boxring, versteht sich.

Bewertung: 4/10

... es wird Trauer sein und Schmerz

Folge: 747 | 15. November 2009 | Sender: NDR | Regie: Friedemann Fromm

So war der Tatort:

Bild: NDR/Marc Meyerbröker
Poetisch. Es wird Trauer sein und Schmerz, schreibt er nämlich, der Sniper - neudeutsch für jene Mördergattung, die früher mal "Scharfschütze" hieß - auf die stilvollen Beileidskarten, die er den trauernden Angehörigen der Opfer nach seinen Anschlägen regelmäßig zukommen lässt. Oder: "Es wird Stille sein und Leere." Wow. Intelligent ist der Serientäter als solcher in Krimis ja meistens, und darüber hinaus "immer noch ein großes Faszinosum für uns Schriftsteller",  wie Martin Felser (Ingo Naujoks) bei seinem vorletzten Auftritt an der Seite von Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) eingesteht. Für den Zuschauer gilt natürlich das Gleiche - stellt sich doch zuerst die Frage nach Psyche und Mordmotiv des Täters. Dieses soll als Dreh- und Angelpunkt des Films natürlich nicht verraten werden, wenngleich Regisseur Friedemann Fromm (Außer Gefecht) es bereits nach einer knappen Tatort-Stunde offenlegt. Er ist kein Wahnsinniger, der Sniper, sondern ein von Hass und Verachtung getriebener Killer, dem die blonde Hauptkommissarin nach seiner Verhaftung fast ein wenig Verständnis entgegenbringt. Fast.

Es wird Trauer sein und Schmerz ist gleich aus mehreren Gründen eine der besten Lindholm-Folgen: Da sind zum einen die guten Darsteller, von denen keiner enttäuscht - gelegentliche Over-Acting-Einlagen von Sven Lehmann (Mauerpark) in der Rolle des Kollegen Kai Bergmann einmal ausgenommen. Selbst Furtwängler, als großverdienende Schauspielerin bekanntlich alles andere als unumstritten, weint in der letzten Sequenz sekundenlang, ohne sich dabei die schützende Hand vors Gesicht zu halten und als schlechte Auf-Kommando-Schluchzerin zu outen. Zum anderen ist es das starke Drehbuch von Astrid Paprotta (Der letzte Patient), die einleitend genüsslich eine falsche Fährte auslegt, auf die man als Zuschauer fast zwangsläufig hereinfallen muss. Auch Lindholms ständiger Knartsch mit dem mürrischen Kollegen Kohl (Felix Vörtler, Klassentreffen) bringt gehörig Leben in die Jagd auf den in immer kürzeren Abständen mordenden Schützen, wenngleich die Streitereien im Polizeipräsidium schon nach wenigen Filmminuten vorprogrammiert sind. Macht nichts, der 747. Tatort überrascht an anderer Stelle - und verteilt zudem erfreuliche Seitenhiebe auf Gaffer, die bei Verkehrsunfällen die Rettungswege blockieren und die Handykamera zücken. Richtig so.

Bewertung: 8/10

Schweinegeld

Folge: 746 | 1. Mai 2009 | Sender: rbb | Regie: Bodo Fürneisen

So war der Tatort:

Bild: rbb/Christiane Pausch
Ritterarm. Hauptkommissar Till Ritter (Dominic Raacke) bekommt im 746. Tatort nämlich schon nach wenigen Minuten gehörig eins auf die Mütze - und fällt damit verletzungsbedingt für den Rest der Episode aus. Armer Ritter. Und armer Felix Stark (Boris Aljinovic): Muss der doch angesichts seines ans Krankenhausbett gefesselten Stammpartners notgedrungen den biederen Kollegen Weber (Ernst-Georg Schwill), der ansonsten eigentlich nur die dritte Geige im Hauptstadt-Ensemble spielt, mit auf seine Schlachthofbesuche nehmen. Aber alles halb so schlimm: Weber wird zwar gelegentlich vom Chef im Ring gemaßregelt, erweist sich ansonsten aber als zuverlässige Vertretung, dank deren Berliner Schnauze soviel berlinert wird wie in keiner anderen der zum Zeitpunkt der Erstausstrahlung 21 gemeinsamen Ritter/Stark-Episoden. Und ganz ohne den mit einem dicken Turban verarzteten Ritter geht es natürlich auch nicht: Neben einigen Anrufen und dem obligatorischen Krankenhausbesuch, bei dem Ritter seinen Kollegen nach allen Regeln der Kunst auf den Arm nimmt, widmet das eingespielte Drehbuchduo um Thorsten Wettcke und Christoph Silber, das bereits Hochkaräter wie Auf der Sonnenseite und Zwischen den Ohren verantwortete, dem verhinderten Ermittler auch die letzte Sequenz, in der Ritter einmal mehr seine Frauenheldimage unterstreichen darf.

Stark: "Hast du die eigentlich alle kennengelernt, die Schwestern hier?" 
Ritter: "Fast alle."

Ansonsten steht der Tatort ganz im Zeichen des Gammelfleischskandals, der einige Monate vor der Erstausstrahlung hohe Wellen geschlagen und für Empörung auf breiter Front gesorgt hatte. Der rbb verzichtet angenehmerweise auf Ekelbilder und den mahnenden Zeigefinger - stattdessen überlässt Schweinegeld dem Zuschauer die Entscheidung, ob unbeschwerter Fleischkonsum heute überhaupt noch möglich ist. Für Vorzeigemacho Ritter ("Ich lass' mir doch von so'nem bisschen Gammelfleisch nicht den Appetit verderben.") ist der Fall klar. Stark hingegen tappt bei seiner Suche nach dem Mörder lange im Dunkeln, deckt aber ganz nebenbei einen geradezu grotesken Subventionsbetrug, der sich von der Ukraine über Polen und Berlin bis nach Belgien streckt, auf. Das ruft zwar auf Knopfdruck die gewünschte Empörung beim Publikum hervor, gestaltet sich aber selten wirklich spannend. Immerhin: Zum gut aufgelegten Cast zählen bekannte Gesichter wie die leinwanderfahrene Johanna Gastdorf (Tempelräuber), und Lammbock-Star Lucas Gregorowicz gibt in der wichtigsten Nebenrolle ein seltenes Krimi-Gastspiel. Ob auch in diesem Tatort der prominenteste Nebendarsteller der Mörder ist? Knifflig ist die Auflösung jedenfalls nicht.

Bewertung: 6/10

Tempelräuber

Folge: 745 | 25. Oktober 2009 | Sender: WDR | Regie: Matthias Tiefenbacher

So war der Tatort:

Bild: WDR/Michael Böhme
Irdisch. Hauptkommissar Frank Thiel (Axel Prahl) und Assistentin Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter) ermitteln zwar in einem Priesterseminar, doch ist der Mordfall in Tempelräuber eindeutig weltlicher Natur: Seminarleiter Ludwig Mühlenberg, der streng nach den Regeln der katholischen Kirche lebt, wird ausgerechnet mit dem Taxi von „Vaddern“ Herbert Thiel (Claus Dieter Clausnitzer) überfahren. Wie auch in anderen Folgen der Krimireihe (vgl. Im Namen des Vaters oder Allmächtig) nutzen die Filmemacher den Todesfall als Aufhänger für eine Diskussion der ohnehin kontrovers debattierten Kirchentraditionen - in der Herangehensweise unterscheidet sich der 16. Fall von Thiel und Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) aber von den meisten anderen. Statt die üblichen Kirchenklischees und Witzchen abzuarbeiten, gehen Regisseur Matthias Tiefenbacher und Drehbuchautor Magnus Vattrodt, die auch  Herrenabend gemeinsam realisierten, das Thema sensibel an. An Kirchenkritik mangelt es dem Film trotzdem nicht: Der potenzielle Nachfolger des toten Seminarleiters, Hans Wolff (Ulrich Noethen, Frau Bu lacht), lebt eine deutlich weniger strenge Religionsausübung vor als sein Vorgänger. Wolff wohnt nicht im Seminar und erteilt in seiner Freizeit Geigenunterricht - so auch dem Jugendlichen Steffen (Wolf-Niklas Schykowski, Schattenlos), dem Sohn von Boernes vorübergehender Haushälterin und Pflegerin Karin Ellinghaus (Johanna Gastdorf, Schweinegeld). Der Professor wurde nämlich beim Versuch, dem sterbenden Mühlenberg zu helfen, angefahren und muss sich wohl oder übel mit der Situation arrangieren, mit seinen dick bandagierten Händen weder zu Hause noch in der Pathologie allein zurecht zu kommen - eine Steilvorlage für reichlich Situationskomik.

Im Vergleich zu den meisten anderen Fällen des Münsteraner Teams fällt Tempelräuber dennoch relativ ernst aus: Drehbuchautor Vattrodt verzichtet weitestgehend auf Klamauk und erzählt stattdessen eine tragische Geschichte, die er durch gut platzierte Sprüche immer wieder auflockert (Thiel auf die Frage seines Vaters, wo dessen Taxi ist: „Wir halten es an einem geheimen Ort gefangen.“) Fans des eingespielten Teams müssen also nicht völlig auf Humor verzichten. Und es ist einfach eine Freude, dem sonst so geschickt mit dem Sezierbesteck hantierenden Boerne dabei zuzusehen, wie er verzweifelt mit einem Messer im Mund Brot zu schneiden versucht oder den Telefonhörer mit der Nase von der Gabel stupst, um ein Gespräch anzunehmen. Besonders amüsant ist eine Szene, in der Silke „Alberich“ Haller (ChrisTine Urspruch) den Professor in seinem Büro einschließt, nachdem er sie wiederholt mit seinen gewohnt kritischen Kommentaren von der Arbeit abgehalten hat. Hervorzuheben sind auch Ulrich Noethen, Johanna Gastdorf und Marita Breuer (Bombenstimmung) als Schwester Agathe: Ihnen gelingt es, die Gefühle ihrer Charaktere mit kleinen Gesten und zurückgenommener Mimik glaubhaft zu vermitteln. Ein Manko des Krimis ist jedoch - wie so oft in Münster - die Anhäufung von Zufällen, die zur Aufklärung des Falls führen: Diesmal liefert eine ältere Dame (Giselle Vesco, Engelchen flieg), die tagelang wegen zerbrochener Grablichter auf dem Polizeipräsidium ausharrt, einen entscheidenden Hinweis zur Überführung des Mörders. Geübte Tatort-Zuschauer werden den Mörder aber wohl ohnehin lange vor Thiel erraten. Und allein Boernes Gesichtsausdruck, während er sich hilflos von Ellinghaus duschen lassen muss (s. Bild), entschädigt für die kleineren Drehbuchschwächen.

Klemm: „In dieser Stadt zählt ein toter Priester so viel wie zwei tote Bürgermeister oder drei tote Polizisten.“
Thiel: „Und was macht das in Staatsanwälten?“
Bewertung: 7/10

Platt gemacht

Folge: 742 | 4. Oktober 2009 | Sender: WDR | Regie: Buddy Giovinazzo

So war der Tatort:

Bild: WDR/Willi Weber
Heimatlos. Normalerweise haben es die Kölner Hauptkommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) ja sehr bequem bei ihren Ermittlungen: Ihre treue Assistentin Franziska Lüttgenjohann (Tessa Mittelstaedt) bestellt die Verdächtigen ins Präsidium und die Verhöre finden in gemütlicher Runde im Büro statt. Nicht aber im Tatort Platt gemacht: Der obdachlose Andi Lechner bricht vor den Augen der Ermittler auf einer Bank tot zusammen - und Ballauf und Schenk bleibt nichts anderes übrig, als den ganzen Tag durch die herbstliche Domstadt zu wandern und sich in den Kreisen des Opfers umzuhören. Ballauf geht sogar noch einen Schritt weiter: Er kleidet sich selbst wie ein Obdachloser und mischt sich unters entsprechende Volk - ein netter Drehbuchkniff, der leider völlig verpufft, weil der halbherzig verkleidete Kommissar schon in der ersten Nacht auffliegt und keinerlei neue Erkenntnisse durch die Undercover-Aktion gewinnt. Bei ihrer Suche nach Hinweisen begegnen Ballauf und Schenk eigentlich nur zwei Sorten von Menschen: Auf der einen Seite die Anwohner, die sich belästigt fühlen und zum Teil sogar mit Gewalt gegen die Stadtstreicher wehren, und auf der anderen Seite die Obdachlosen, die aus unterschiedlichsten Gründen auf der Straße gelandet sind und eigentlich keiner Fliege etwas zu leide tun. Einzige interessante Figur des Krimis ist der geheimnisvolle "Beethoven" (Udo Kier, Das Mädchen mit der Puppe), der ebenfalls auf der Straße lebt und den Ermittlern die Mechanismen des Milieus erklärt. Dabei werden Ballauf und Schenk natürlich früher oder später mit ihren eigenen Vorurteilen konfrontiert.
Ballauf: "Paar Euro sind auch drin."
Beethoven: "Ich seh' zwar so aus, aber ich hab' noch nie geschnorrt."
Ballauf: "Tschuldigung, ich wollte Sie damit nicht beleidigen."
Beleidigend für Obdachlose wirkt der Krimi tatsächlich nicht - vielmehr scheinen die vielfach tatorterprobten Drehbuchautoren Stefan Cantz und Jan Hinter (Hinkebein) bemüht darum, mit Vorurteilen aufzuräumen. Sie stellen die Obdachlosen nicht als asoziale Schmarotzer dar, sondern als gut organisierte Randgruppe von Menschen, die von ganz verschiedenen Schicksalsschlägen aus der Bahn geworfen wurden. Da darf die für den Kölner Tatort typische Sozialkritik nicht fehlen: Als der alkoholkranke "Django" (David Scheller, Fette Krieger) ins Krankenhaus eingewiesen wird, verbannt man ihn prompt in einen fensterlosen Abstellraum. Auch die humorvollen Momente sind typisch für die Folgen aus der Domstadt, wenngleich bei Freddys wiedergefundener Cowboy-Jacke in der Altkleider-Sammlung oder der spontanen Gesangseinlage zweier Obdachloser zu dick aufgetragen wird. Eine überzeugendere Auflösung hätte dem 742. Tatort ebenfalls gut zu Gesicht gestanden: Nach eher schleppender Ermittlungsarbeit reift bei den Kommissaren am Ende plötzlich eine Erkenntnis nach der anderen, während andere Aspekte des Falles gar nicht aufgeklärt werden. Florian Bartholomäi spielt mit dem unsympathischen Sascha Döhn einmal mehr einen überheblichen jungen Mann (vgl. Auf ewig Dein oder Herz aus Eis), der seine Rechte kennt, doch letztlich wirkt er in seiner eindimensionalen Rolle verschenkt. Auch der Konflikt zwischen den Obdachlosen und der aufgebrachten unteren Mittelschicht böte Platz für eine kritische Aufarbeitung, stattdessen aber wird das eigentliche Kernthema immer stärker vernachlässigt. In den Schlussminuten macht Regisseur Buddy Giovinazzo (Rendezvous mit dem Tod) aus Platt gemacht dann sogar noch einen schmalzigen Kitsch-Krimi: Die klare Trennung der sozialen Schichten, die er in den vorherigen 80 Minuten so überdeutlich aufbaut, will er dann plötzlich mit nur einem Wisch wieder aufheben. Alle feiern zusammen bei einem Höhner-Konzert und erleben entweder ihr persönliches Happy End, sorgen für einen letzten Lacher oder genießen einen stillen Moment des Glücks. Auch hier wäre weniger mehr gewesen.

Bewertung: 4/10

Und jetzt alle:

Tote Männer

Folge: 737 | 14. Juni 2009 | Sender: Radio Bremen | Regie: Thomas Jauch

So war der Tatort:

Bild: Radio Bremen/Hoever
Heimlichtuerisch. Drehbuchautor Jochen Greve (Eine unscheinbare Frau) hat sich für Tote Männer nämlich etwas ganz Besonderes einfallen lassen, um wieder mehr Dynamik in den oft biederen Bremer Tatort zu bringen: Er zettelt kurzerhand einen One-Night-Stand zwischen Co-Ermittler Stedefreund (Oliver Mommsen) und Polizistin Helen (Camilla Renschke), bekanntermaßen die Tochter von Hauptkommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel), an. Dumm nur, dass die beiden beim nächtlichen Knutschen auf der Straße unfreiwillig Zeuge eines Einbruchs werden, und einer der beiden flüchtigen Täter am nächsten Morgen tot aus der Weser gefischt wird. Die Ausgangslage für ein unterhaltsames Versteckspiel der beiden Turteltäubchen, die ihre Affäre natürlich vor Mutter Lürsen verheimlichen, ist damit eigentlich wie gemalt, doch Greve lässt die Bombe leider schon gegen Mitte des Films platzen. Das sorgt im von Thomas Jauch (Kinderland) inszenierten Tote Männer zwar vorübergehend für gehörigen Knartsch, verpufft als Drehbuchkniff aber relativ schnell. Viel zu früh herrscht wieder Friede, Freude, Eierkuchen - am Ende ermitteln Stedefreund, Lürsen und Tochter sogar Hand in Hand. Die heimliche Liebelei zwischen Helen und Stedefreund böte aber Potenzial für eine ganze Reihe an Tatort-Episoden - so bleibt sie eine einmalige Sache und wird letztlich vorschnell verschenkt.

Stedefreunds anfängliches Schweigen gegenüber seiner Kollegin ist es auch, das im 737. Tatort die Basis für einige wirklich spannende Krimi-Momente bildet: Vor allem die Konfrontation mit dem homosexuellen Raul (Sebastian Weber, Borowski und der coole Hund), der um Stedefreunds nächtlichen Ausrutscher weiß, bringt den Ermittler in gehörige Bedrängnis und die Geschichte damit auf Touren. Auch das Ehepaar Jutta (Fritzi Haberlandt, Wie einst Lilly) und Leon Hartwig (Felix Eitner, Scherbenhaufen) leidet unter dem Psychoterror des Jugendlichen - bis dieser plötzlich von der Bildfläche verschwindet. Ab diesem Moment tendiert die Spannung zunehmend gegen den Nullpunkt, weil einzig die Streitereien zwischen der schwangeren Jutta und ihrem bisexuellen Ehemann seltene emotionale Ausrufezeichen setzen. Dabei spielt die blendend aufgelegte Fritzi Haberlandt ihren Mattscheibenpartner Felix Eitner nach allen Regeln der Kunst an die Wand - und stellt eindrucksvoll unter Beweis, warum sie zuletzt vor allem auf der großen Leinwand Erfolge feierte. Durchschnittliche Sonntagabendkrimis, wie Tote Männer einer ist, bleiben da weniger nachhaltig in Erinnerung.

Bewertung: 5/10

Im Sog des Bösen

Folge: 736 | 7. Juni 2009 | Sender: SWR | Regie: Didi Danquart

So war der Tatort:

Bild: SWR/Schweigert
Intern. Denn Kai Perlmann (Sebastian Bezzel) steht unter Verdacht. Das musste ja so kommen. Seine Vorliebe für schicke Autos, seine Anlage zum Flirten, verwobene Kontakte in der See- und Hafenstadt Konstanz, die natürlich auch eine Drogenszene hat. Das Intro erinnert an die Tatort-Folgen der 80er Jahre, viele Großaufnahmen, Figuren, die durch ihre Wohnung laufen und gerade dabei sind, sich umzuziehen. Auch der 80er-Jahre-Falco-Schlager Drah di net um - Der Kommissar geht um erklingt an zentraler Stelle. Und genau darum geht es auch: Der Kommissar geht um. Perlmann wechselt in diesem Bodensee-Tatort auf die andere Seite der Ermittlungen. In einer überschaubaren Stadt wie Konstanz, in der man sich kennt, war es vielleicht auch nur eine Frage der Zeit, bis sich der notorisch auf Freiersfüßen wandelnde Perlmann mal in eine Frau verlieben würde, die im Zentrum eines Kriminalfalls steht (wie später auch in Letzte Tage) und in der Gerichtsmedizin obduziert wird. Als Kontrast zur Welt der Diskotheken, Luxusboote und Drogen wird der biedere Polizeialltag inszeniert: Zwei Polizeischüler sollen im Dezernat von Hauptkommissarin Klara Blum (Eva Mattes) erste Praxiserfahrungen sammeln - Oliver Urbanski als Kommissarsanwärter Karl Mackert und Hanno Koffler, der bereits bei seinem Tatort-Debüt in der Lindholm-Folge Dunkle Wege einen Polizeischüler spielte, als Kommissarsanwärter Moritz Fleiner. Das Drehbuch stammt von Susanne Schneider (Der schöne Schein), die damit ihre dritte Geschichte für das Team aus Konstanz vorlegt (und gemeinsam mit Thorsten Näter bereits das Drehbuch zu Dunkle Wege schrieb). Perlmann genießt seine Rolle als erfahrener Hauptkommissar vor den Anfängern, als die Nachricht von der Entdeckung der ermordeten Drogensüchtigen Constanze Heinrich (Lea Draeger, Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes) das Büro erreicht, bei deren Erwähnung ein erfreutes Grinsen auf dem Gesicht des Jahrgangsbesten der Fachhochschule für Verwaltung und Recht aufleuchtet:
Mackert: "Wie, ein Mord oder was?"
Blum: "Ja."
Perlmann: "Wir sind hier ja auch bei der Mordkommission. Jetzt wird's ernst, Freunde. Schule ist vorbei."
Mackert: "Super."
In der Folge schleppt sich Im Sog des Bösen mit zwei verschiedenen Handlungssträngen gemächlich voran: Da sind zum einen die internen Verwicklungen um Perlmann und die jungen Anwärter, Oberstaatsanwalt Bernd Frentz (Wolfram Koch, der ab 2015 als Hauptkommissar Paul Brix in Frankfurt ermittelt) und Ehefrau Kerstin, die eine gute Freundin Klara Blums ist und von Anna Stieblich (Der hundertste Affe), der Ehefrau des Regisseurs Didi Danquart, gespielt wird. Auf der anderen Seite ein internationales Drogenkomplott, das sich mit der Konstanzer Halbwelt vermischt. Leider kommen beide Stränge kaum zusammen und gewinnt der letztere der beiden wenig an Kontur. Dafür verdichten sich die komplexen Abhängigkeitsverhältnisse im Polizeipräsidium: Blum hat wenig Zeit, sich in ihren neuen Massagesessel zurückzulehnen, den sie zum gerade erst gefeierten 25-jährigen Dienstjubiläum geschenkt bekommen hat. Sie versucht, Perlmann aus der Schusslinie zu halten, aber die Loyalitäten zwischen den Mitarbeitern schaukeln sich mithilfe des Flurfunks auf. Zwischen "Dienst nach Vorschrift" und "korrektem Ermitteln" bewegt es sich auf einem schmalen Grat, und das gesamte Team absolviert aus Solidarität mit Perlmann eine Speichelprobe im überfüllten Labor: Kostet sowas nicht viel Geld und wird daher nur auf Anordnung durchgeführt? Neben altmodischen Handys und kleineren Abweichungen bei der Charakterzeichnung (in anderen Bodensee-Folgen hört Perlmann lieber Techno) ist das nicht die einzige Ungereimtheit - sogar ein Anachronismus wie eine Essensmarke der Polizeikantine in Papierform taucht auf (gab es sowas 2009 wirklich noch?). Ferner bekommen wir eine Großaufnahme von Perlmanns Stirnfalte zu sehen, auf die sich die Kamera eine halbe Minute lang einzoomt - und weil auch das Privatleben des Kommissars unter die Lupe genommen wird, ist der 736. Tatort vor allem im Hinblick auf die Figurenentwicklung interessant: Wir erhalten Einblicke in seine kühl-weiße Wohnung mit Designmöbeln, die auch im Laufe der Ermittlungen zur Sprache kommen. Natürlich darf auch ein Kleiderständer mit Anzügen in gedeckten Farben in seinen vier Wänden nicht fehlen. Außerdem erfahren wir Perlmanns zweiten Vornamen: Lorenz. Auch das muntere Hin und Her, wer nun wen siezt oder duzt (die Polizeianwärter nennen Beckchen (Justine Hauer) brav "Frau Beck") wird hier auf die Spitze getrieben. Es bleibt lange unklar, wer der Täter ist, auch wenn sich die verdächtigen Verhaltensweisen der beteiligten Mitarbeiter verdichten und sich Privates und Berufliches auf allen Ebenen miteinander vermischt. Im Zentrum dieser Tatort-Folge steht jedoch nicht nur die Suche nach der Auflösung, sondern auch das erschütterte Vertrauensverhältnis von Blum und Perlmann. Und gegen Ende gewinnt Im Sog des Bösen sogar noch mal an Fahrt, als im Laufe einer Verhörsequenz die Fronten wechseln, und zwar sowohl vor als auch hinter der Glasscheibe. Das Thema "interne Ermittlungen" ist beliebt in der Krimireihe - eine bessere Figur machten aber zum Beispiel 2017 die österreichischen Ermittler Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) in Wehrlos.

Bewertung: 4/10

Kinderwunsch

Folge: 735 | 1. Juni 2009 | Sender: ORF | Regie: Walter Bannertt

So war der Tatort:

Bild: rbb/ORF/Allegro Film/Domenigg
Kinderreich - und das, obwohl es im Wiener Tatort Kinderwunsch vor allem um Paare geht, denen eben jener titelgebende Wunsch auf natürlichem Wege verwehrt bleibt. Die Ermittlungen im Fall einer ermordeten Star-Journalistin - die Folgen Investigativ oder Summ, Summ, Summ lassen grüßen - führen Chefinspektor Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) direkt zu kugelbäuchigen Schwimmerinnen (s. Bild) und in Mutter-Kind-Gymnastikgruppen, vor allem aber in die Reproduktionsklinik Invitral, in der der Natur mit künstlicher Befruchtung und unlauteren Methoden auf die Sprünge geholfen wird. Im ungeliebten Linz wird Eisner in einer schmucken Wohnung einquartiert und erhält zudem Unterstützung von der Gruppeninspektorin und zweifachen Mutter Karin Brandstätter (Franziska Sztavjanik, Der Millenniumsmörder), die von den Drehbuchautoren Thomas Baum (Tödliches Vertrauen) und Walter Bannertt (Animals), der auch Regie führt, aber eher oberflächlich als Figur skizziert wird. Gleiches gilt für den Kriminalassistenten Wolfgang Rohrmoser (Michael Menzel), der sich zum Auftakt seltsam unterwürfig gibt ("Ziemlich neu noch hier, also Lehrling sozusagen.") und auch in der Folge kaum nennenswert in Erscheinung tritt. So muss erwartungsgemäß wieder Eisner den Kopf hinhalten - und das im buchstäblichen Sinne, schmückt den Kopf des Chefinspektors nach einem schmerzhaften Schlag auf den Schädel im Schlussdrittel doch ein stattliches Pflaster mit schickem Haarnetz. Vergleicht man Eisners Brummschädel mit den Verletzungen in späteren Tatort-Folgen, die in Unvergessen sogar in einem Kopfschuss mit anschließender Amnesie gipfeln, möchte man fast sagen: Glück gehabt, Moritz.

Als weniger glücklich erweist sich der Verzicht auf das gewohnte Whodunit-Prinzip: Spätestens, als neben Star-Journalistin Sandra Walch (Ulrike Rieger) auch der Gentechniker Max Biro (Arthur Klemt, Kolportage) ins Gras beißen muss, ist die Täterfrage in Kinderwunsch geklärt, der Mörder nur gesichtsloser Handlanger einer breit aufgestellten Organisation und somit als Person kaum relevant. Auch die mittelschwere Familienkrise im Hause Weber, die gemeinsam einen teuren Fitness-Club betreibt und dort die oben genannten Schwangerschaftsgruppen auf Zack bringt, erweist sich als wenig spannungsfördernd und bringt den Erzählrhythmus mit einer halbgaren Entführung von Sohn Philipp (Calvin Claus) und müden Streitereien zwischen der biestigen Mutter Julia (Tamara Metelka, Die Freundin) und dem bedauernswerten Vater Stefan (Daniel Keberle, Nichts mehr im Griff) eher aus dem Tritt. So ist es tatsächlich die folgenreiche Liaison zwischen Eisner und der gutaussehenden Musikprofessorin Maria (Dorka Gryllus, Familienaufstellung), die sich als prickelndster Knoten der Handlung erweist - ganz anders als im ähnlich gelagerten Exitus, in der Eisner mit der attraktiven Pathologin Dr. Paula Weisz (Feo Aladag) anbandelte. Dass die hübsche Klavierspielerin Eisners Schmeicheleien ein wenig zu schnell verfällt und der emotionale Twist daher nur kleine Teile des Fernsehpublikums überraschen dürfte, ist zu verkraften: Das daraus resultierende, verbissen geführte Mann-gegen-Mann-Duell zwischen Eisner und einem Profikiller ist zweifellos die spannendste Sequenz im 735. Tatort. Und übertrifft sogar noch den packenden Showdown auf einem ukrainischen Schiff, bei dem der Zuschauer ausgiebig um das Überleben von Brandstätter und Rohrmoser zittern darf. Dumm nur, dass ihm die beiden Figuren eigentlich egal sein dürften.

Bewertung: 6/10

Schiffe versenken

Folge: 734 | 24. Mai 2009 | Sender: Radio Bremen | Regie: Florian Baxmeyer

So war der Tatort:

Bild: ARD Degeto/RBB
Windig. Große Teile von Schiffe versenken - der Krimititel deutet es bereits an - spielen auf hoher See, und dem Bremer Tatort, der einmal mehr einen Ausflug ins nahegelegene Bremerhaven wagt, damit gut zu Gesicht. Ins selbige bläst Hauptkommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel) der eisige Wind: Nach dem Fund einer tiefgefrorenen, eher an ein Wachsfigurenkabinett erinnernden Leiche im Kühlraum eines Frachters (s. Bild) führen die Ermittlungen nämlich direkt auf die MS Karina, die sich auf dem Weg nach Norwegen befindet und angesichts der sechsstelligen Unkosten, die bei einer Rückholaktionon von der Staatskasse zu entrichten wären, leider nicht mehr nach Bremerhaven zurückbeordert werden kann. Zu dumm. Lürsen, die prompt hinterherfährt und in der Folge an Bord ermittelt, und Kollege Nils Stedefreund (Oliver Mommsen) gehen daher im 734. Tatort über weite Strecken getrennte Wege, halten sich aber über das Satellitentelefon an Bord auf dem Laufenden. Und wenn's sein muss, mailt Stedefreund der Hauptkommissarin auch fix ein Dutzend Bilder auf die Kommandobrücke, die Lürsen binnen drei Sekunden aufgerufen, heruntergeladen und in Farbe ausgedruckt hat. Was jeden Anwender am Heim-PC und -Drucker trotz DSL-Verbindung restlos überfordern würde, geht auf dem Frachter, dessen Farbe blättert und dessen Maschinen schonmal den Dienst versagen, völlig problemlos. Wahnsinn, wozu Lürsen und die Technik heute in der Lage sind. Es sind Szenen wie diese, die Schiffe versenken immer wieder zum Ärgernis machen, obwohl die Ausgangslage an Bord mit einem halben Dutzend Verdächtiger und einem von der Außenwelt abgeschlossenen Ort für einen klassischen Whodunit eigentlich wie gemalt ist.

Dennoch gelingt es Regisseur Florian Baxmeyer (Häuserkampf) nur selten, auf hoher See echte Spannung zu erzeugen, weil sich ein eigentlich vielversprechender Drehbucheinfall des Autorentrios um Dagmar Gabler (Unter Druck), Wilfried Huismann (Schlafende Hunde) und Philip LaZebnik zum Boomerang entwickelt: Das Schiff verlässt nämlich die deutschen Gewässer und untersteht damit den Gesetzen des Landes, unter dessen Flagge es fährt - Liberia. Lürsens Dienstausweis ist damit keinen Pfifferling mehr wert, ihre Dienstwaffe schnell abgegeben und ihr Status an Bord eher touristischer Natur. Dass die anfangs noch wortkargen Crewmitglieder, von denen nur wenige der deutschen Sprache überhaupt mächtig sind, dennoch fleißig die Fragen der Kommissarin a. D. beantworten, trägt nicht gerade zur Glaubwürdigkeit der Geschichte bei, in deren weiterem Verlauf schonmal Kabinen verschweißt und unbemerkt (!) Rettungsboote zu Wasser gelassen werden. So bleibt der köstliche Auftritt von Michael Gwisdek (Schlaraffenland) als tiefenentspannter, Tee trinkender Kapitän Bleibtreu eines der wenigen Highlights eines enttäuschenden Bremer Tatorts, den auch die mit Gustav-Peter Wöhler (Heimspiel), Ina Weisse (Dinge, die noch zu tun sind) und Hans Peter Hallwachs (Havarie) prominent besetzten Nebenrollen nicht mehr ins sehenswerte Mittelfeld auf der Bewertungsskala retten.

Bewertung: 4/10

Bittere Trauben

Folge: 731 | 26. April 2009 | Sender: SR | Regie: Hannu Salonen

So war der Tatort:

Bild: SR/Manuela Meyer
Ziemlich verkorkst - oder um im Weinjargon zu bleiben: ziemlich korkig. Für einen Wein ist das bekanntlich kein Kompliment - und auch Bittere Trauben lässt vieles vermissen, was einen gelungenen Sonntagabendkrimi auszeichnet. Allem voran die Spannung: Die erste halbe Stunde passiert im Grunde überhaupt nichts, denn die Saarbrücker Hauptkommissare Franz Kappl (Maximilian Brückner) und Stefan Deininger (Gregor Weber) begeben sich nach dem Fund der Leiche von Weinkontrolleur Gerhard Nieser erstmal in aller Seelenruhe auf ein Weinfest, um in das örtliche Winzermilieu einzutauchen, den leckeren Grauburgunder zu kosten und am Schießstand um die Wette zu ballern (s. Bild). Der Gewinner? Natürlich Kappl, denn Deininger ("Was genau machen wir jetzt eigentlich hier?"), der einen eigenwilligen Backenbart zur Glatze trägt, verkörpert beim vierten gemeinsamen Einsatz der beiden Ermittler weiterhin den ewigen Verlierertypen, dem in Aus der Traum die überfällige Beförderung verweigert wird, der beim Wettflirten mit Gerichtsmedizinerin Rhea Singh (Lale Yavas) in Der Tote vom Straßenrand den Kürzeren zieht und der sich in Hilflos als Versager im Sportunterricht outet. Kollege und Frauenschwarm Kappl hingegen legt kurzerhand Weinkönigin Ariane Ziegler (Lisa Potthoff, Hexentanz) flach und entdeckt in deren Badezimmer ein Bleichmittel, das im Verlaufe der Geschichte eine Schlüsselrolle nimmt. Dieser zufällige Fund wird jedoch so übertrieben beiläufig in die Handlung eingestreut, dass jeder halbwegs tatorterprobte Zuschauer schnell ahnt, dass die hübsche Ziegler etwas auf dem Kerbholz haben muss.

Bittere Trauben kann in Sachen Ruhe und Gemütlichkeit problemlos mit vielen Tatort-Folgen mithalten, in denen der biedere Kappl und Deininger-Vorgänger Max Palu (Jochen Senf) im deutsch-französischen Grenzgebiet auf Verbrecherjagd ging und sich damit eine große Nicht-Fangemeinde unter den ARD-Zuschauern schuf. Auch Palu outete sich bei seinem Debüt in Salü Palu als Weinliebhaber und fände sich im 731. Tatort in bester Gesellschaft: Im fiktiven saarländischen Bernheim lernt der Zuschauer allerlei über Keltern und Filtrierung, verkehrsfähige Tröpfchen, Verschwefelung und moderne Lagermethoden, muss sich ansonsten aber trotz einiger toll fotografierter Bilder mit einem Handlungsgerüst nach Schema F begnügen. Drehbuchautor Andreas Pflüger (Berliner Bärchen) kombiniert den Konkurrenzkampf und den wirtschaftlichen Druck, mit dem die Winzer zu kämpfen haben, mit einer müden Dreiecksgeschichte und macht Regisseur Hannu Salonen (Eine Handvoll Paradies), der mit Verschleppt den spannendsten Tatort des Jahres 2012 inszenierte, mit vielen hölzernen Dialogzeilen und hanebüchenen Momenten das Leben schwer: Eine rasante Verfolgungsjagd durch die malerischen Weinberge endet plötzlich in einer Schlammpfütze, die kaum tiefer als ein Hundenapf ist, aber mühelos ein Cross-Motorrad lahmlegt, weil die Reifen im Schlamm durchdrehen. Da rettet der gut gemeinte, aber weniger gut gemachte Gastauftritt von Konstantin Wecker (Blue Lady) als Vater Ludwig Kappl, der mit Assistentin Gerda Braun (Alice Hoffmann) einen über den Durst trinkt und verkatert in der Ausnüchterungszelle aufwacht, am Ende wenig. Der vierte gemeinsame Einsatz von Kappl und Deininger ist einer ihrer schwächsten - doch von nun an geht es zum Glück nur noch aufwärts.

Bewertung: 3/10

Häuserkampf

Folge: 729 | 13. April 2009 | Sender: NDR | Regie: Florian Baxmeyer

So war der Tatort:

Bild: NDR/Georges Pauly
Pausenlos. Bereits der überragende Erstling Auf der Sonnenseite, mit dem der federführende NDR die Krimireihe eindrucksvoll revolutionierte, ließ durchblicken, dass der Hamburger Undercover-Fahnder Cenk Batu (Mehmet Kurtulus) kein gewöhnlicher Tatort-Ermittler ist. Und der Sender setzt bei dessem zweiten Einsatz glatt noch einen drauf: Gleich vier Autoren schreiben für Häuserkampf am Drehbuch mit und widerlegen die Befürchtung, dass viele Köche den Brei verderben könnten, bereits nach einer halben Stunde. Johannes W. Betz (Salzleiche), Peter Braun sowie Christoph Silber und Thorsten Wettcke, die bereits das Skript zu Auf der Sonnenseite beisteuerten, konzipieren ein durchdachtes, überragendes Drehbuch, das erneut auf Tatort-Prinzipien wie die Auftaktleiche pfeift, den Zuschauer im Zehn-Minuten-Takt überrascht und Publikum und Ermittler gleichermaßen kaum Zeit zum Luft holen lässt. Nach einer halbstündigen Einleitung, in der Batu von seinem Vorgesetzten Uwe Kohnau (Peter Jordan) verdeckt in einer Hamburger SEK-Einheit eingeschleust wird und dort dem Ex-Soldaten und Kosovo-Rückkehrer Lars Jansen (Matthias Koeberlin, Quartett in Leipzig) auf den Zahn fühlt, kommt es im Empire-Hotel über den Dächern der Hansestadt (s. Bild) bereits zum ersten Showdown. Während die blutig endende Geiselnahme in vielen anderen Tatorten spannungstechnisch bereits den Höhepunkt bilden würde, bildet diese in Häuserkampf nur den Auftakt zu einer atemberaubenden Schnitzeljagd durch die Hamburger Stadtbezirke, bei der Batu die Videobotschaften des traumatisierten Zoltan Didic (Stipe Erceg) finden muss und beim schweißtreibenden Kampf gegen die Uhr pausenlos von einem Ort zum nächsten gejagt wird. 

Zwar ist der auffallend amerikanisch angehauchte Hamburger Tatort noch lange keine Hollywood-Produktion, doch muss er sich in Sachen Spannung nicht vor einer solchen verstecken: Schnell werden Erinnerungen an das unterhaltsame Katz- und Maus-Spiel in Stirb Langsam 3 wach, bei dem Bruce Willis und Samuel L. Jackson durch den Big Apple gehetzt werden und Terrorist Simon ihnen immer wieder knackige Aufgaben zu lösen gibt. In Häuserkampf ist das ganz ähnlich: Didic verfolgt einen bis ins letzte Detail durchdachten Plan, der Batu schonmal in eine bis an die Zähne bewaffnete Gruppe Kosovo-Albaner katapultiert und den meist am Handy mitfiebernden, diesmal aber auch selbst mithechelnden Kohnau ("Scheiß Türke!") schonmal zu Political Incorrectness veranlasst. Regisseur Florian Baxmeyer (Schiffe versenken) umschifft jeden Anflug von Längen, sieht sich bei seiner Inszenierung des atemberaubenden Puzzlespiels aber dank des genialen Skripts und der messerscharfen Dialoge auch in einer komfortablen Ausgangsposition. Hier ist vor allem der Vergleich zur desaströsen Bremer Hochzeitsnacht interessant: Während Baxmeyers starke Regie im 729. Tatort das Tüpfelchen auf dem I ist, steht der Filmemacher in der gut drei Jahre später erstausgestrahlten Geiselnahme-Folge angesichts des hanebüchenen Drehbuchs auf verlorenem Posten. Der hochspannende, vor cleveren Wendungen nur so strotzende Häuserkampf hingegen ist ein packender Meilenstein der Tatort-Geschichte und verdient sich wie schon der Batu-Erstling Auf der Sonnenseite die Höchstwertung.

Bewertung: 10/10

Gesang der toten Dinge

Folge: 728 | 29. März 2009 | Sender: BR | Regie: Thomas Roth

So war der Tatort:

Bild: BR/Bavaria Film/Stephen Power
Esoterisch. Drehbuchautor Markus Fenner (Tod auf der Walz), der zum dritten Mal einen Fall für die Münchner Hauptkommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) konzipiert, entführt das Publikum in Gesang der toten Dinge nämlich in die Welt des Übersinnlichen. Die hübsche Doro Pirol (Jutta Fastian, Im Netz der Lügen) wird erschossen in einer Nymphenburger Villa aufgefunden. Bis zu ihrem Ableben war sie erfolgreich als TV-Astrologin tätig - ebenso wie ihr Ehemann Remy (André Eisermann) und ihre beste Freundin Selina Fritsch (Christiane von Poelnitz), die hinter ihrem Rücken ein Verhältnis miteinander begonnen haben. Auch ihr Stiefvater, Prof. Mosberg (Bernd Stegemann, Alle meine Jungs), kann den Verlust der geliebten Tochter kaum begreifen. Aber wurde Pirol überhaupt ermordet oder war es vielleicht Selbstmord? Schnell scheint diese Frage beantwortet - denn Spurensicherungsleiter Dr. Alt (Georg Blumreiter, Schwelbrand), der nur dieses eine Mal im Münchner Tatort zu sehen ist, verlässt sich lieber auf sein Bauchgefühl anstatt die klaren Indizien für ein Gewaltverbrechen ernsthaft in seine Überlegungen miteinzubeziehen. Batic und Leitmayr wissen es natürlich besser und werden bei der Suche nach dem Mörder einmalig von einer jungen Kollegin unterstützt: Gabi Kunz (Sabine Timoteo) stammt unüberhörbar aus der Schweiz und stellt die Ohren der deutschen Zuschauer mit ihrem Dialekt auf eine harte Probe. Es ist auch ihrer kecken, neugierigen Art zu verdanken, dass dieser ungewohnt schwache Münchner Tatort nicht zum Totalausfall wird: Einzig die drei Hauptfiguren retten die über weite Strecken hanebüchene und im Erzählton permanent wechselnde Geschichte mit Ach und Krach über die Ziellinie.
Remy Pirol: "Es war Selbstmord! Das hat mir die Jungfrau Maria selbst kundgetan!"
Gabi Kunz: "Und wie, bitte sehr, sollen wir diese Dame in den Zeugenstand kriegen?"
Übersinnlich angehauchte Drehbücher - man denke an den Ludwigshafener Tatort Tod im All oder den Schweizer Beitrag Zwischen zwei Welten - haben es in der bodenständigen Krimireihe naturgemäß schwer, doch ist dies nur Teil eines größeren Problems: Der amüsante Dialog im Verhörzimmer steht exemplarisch für die verkorksten Genre-Schlingerkurs, bei dem sich zu keinem Zeitpunkt ein stimmiges Gesamtbild ergibt. So sehr Regisseur Thomas Roth (Deckname Kidon) in einigen Sequenzen Spannung schüren möchte, so sehr rauben die heiteren Passagen und die überzeichneten Figuren seinem Esoterik-Krimi die Substanz. Selbst die altgedienten Münchner Kommissare, die irgendwann sogar den Hund (!) einer außer Gefecht gesetzten Zeugin zu den Ermittlungen mitschleppen, scheinen die schräge Handlung nach einer guten Krimistunde nicht mehr ernst nehmen zu können ("Ich kann ihr doch schlecht sagen, dass unsere Ermittlungen jetzt von einer Kräuterhexe geleitet werden!"). Während eine Verfolgungsjagd durch den Park im Slapstick endet, driftet ein spontaner Kuss von Prof. Mosberg und Haushälterin Annemarie Weigand (Therese Affolter, Unter uns) im strömenden Regen ins Lächerliche ab. Und dann ist da noch eine absolut außergewöhnliche Nebenfigur: Die ebenfalls mit übersinnlichen Fähigkeiten gesegnete Hundeliebhaberin Fefi Zänglein (Irm Hermann, Schmutzarbeit) nimmt Batic nach einem lieblos konstruierten Nordic-Walking-Missgeschick mit zu sich nach Hause und päppelt den Kommissar mit Tee und warmen Worten wieder auf. Während Batic sich zunehmend für ihre angebliche Gabe begeistern kann, äußert sich Zänglein oft nur in Versform und begegnet dem alpträumenden Kommissar sogar im Schlaf. In einem großen Interview zum 25-jährigen Dienstjubiläum (vgl. Mia san jetz da wo's weh tut) räumt Hauptdarsteller Udo Wachtveitl später ein, dass er Gesang der toten Dinge als Zuschauer wohl abgeschaltet hätte - man kann ihn irgendwie gut verstehen. Denn auch die nette Schlusspointe versöhnt nur ein Stück weit für die erzählerischen Defizite in dieser Tatort-Folge, die bis heute zu den schwächsten mit Batic und Leitmayr zählt.

Bewertung: 3/10

Höllenfahrt

Folge: 727 | 22. März 2009 | Sender: WDR | Regie: Tim Trageser

So war der Tatort:

Bild: WDR/Michael Böhme
Kilometerfressend. Höllenfahrt ist - der Folgentitel deutet es bereits an - mehr Roadmovie als Sonntagabendkrimi, und da es sich um einen Münsteraner Tatort handelt, natürlich keiner der wirklich spannenden, dafür aber umso spaßigeren Art. Schon der Auftakt macht deutlich, dass Szenen im Präsidium oder in der Leichenhalle diesmal nicht vorgesehen sind: Hauptkommissar Frank Thiel (Axel Prahl) befindet sich gerade auf einer Fortbildung und ruiniert sich sein nagelneues Oberhemd mit Kunstblut, während Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) mit fiesen Tricks sein Handicap bei einem Golfturnier aufmöbelt. Nach einem missglückten Abschlag ins Unterholz steht er plötzlich vor einer Leiche, zitiert nach kurzem Zaudern den Kollegen Thiel herbei und sorgt sich in der Folge hauptsächlich darum, das Golfturnier könne wegen des Mordfalls abgebrochen und er seines bevorstehenden Turniersiegs beraubt werden. Die Drehbuchautoren Claudia Falk und Matthias Seelig, die nach dem durchwachsenen Das zweite Gesicht zum zweiten Mal mit Regisseur Tim Trageser (Der Traum von der Au) zusammenarbeiten, bringen das eingespielte Münsteraner Duo gewohnt humorvoll zur Geltung und schicken die beiden in der Folge auf eine köstliche, fast in Echtzeit spielende Odyssee durch das sommerliche Münsterland, bei der Boerne seltsame Motorengeräusche bei seinem flotten Zweisitzer ausmacht, eine verbissene Fehde mit einer Radfahrertruppe ausfechtet und Silke "Alberich" Haller (Christine Urspruch) den beiden Ermittlern in einem roten Fiat 500 hinterherhechelt. Am Ende nimmt das Trio natürlich noch gemeinsam in der "Flohkiste" (Boerne) Platz - ein Gag, wie er vorhersehbarer kaum ausfallen könnte, zugleich aber einer der wenigen, bei denen der erhoffte Lacher ausbleibt.

Höllenfahrt sprüht vor Situationskomik und absurden Einfällen, verkommt dabei aber nicht zur Klamotte. Boernes plötzliche Off-Road-Einlage durchs Maisfeld, die allgegenwärtige Blasiertheit im edlen Golfclub oder Thiels Crash-Kurs in Sachen Sezierbesteck: Der 727. Tatort liefert gelungene Pointen und amüsanten Dialogwitz am Fließband, verliert die Jagd nach dem Täter aber trotz aller Kuriositäten nie aus den Augen. Und ist auch aufgrund des packenden Schlussakkords immer noch deutlich mehr Krimi als der spätere, landschaftlich ähnlich gelagerte Das Wunder von Wolbeck, bei dem der Spagat zwischen Albernheiten und Kriminalfall erstmalig richtig in die Hose ging. Mit Nina Kunzendorf (Der Tote im Nachtzug), die als gejagte Alexandra Kolb im Gegensatz zu ihrer späteren Rolle als Frankfurter Tussi-Kommissarin Conny Mey mit Kopftuch und schlichten grauen Oberteilen (die die Konturen ihrer Nippel nur selten zu verhüllen vermögen) zu sehen ist, zählt zudem eine großartige TV-Darstellerin zum Cast, die schauspielerisch die eine oder andere Duftmarke setzt und auf der Zielgeraden zu Hochform aufläuft. Doch hoppla: Das prominenteste Gesicht ist in diesem Tatort mal nicht der Mörder. Überraschend ist die Auflösung der Täterfrage dennoch nicht - da sie aber ohnehin zweitrangig ist, fällt dies kaum ins Gewicht. Wüsste der Zuschauer von Beginn an um den Täter, würde sich eigentlich wenig ändern, denn Thiel und Boernes Wettlauf gegen die Zeit ließe sich auch ohne klassische Whodunit-Frage konstruieren. So ist Höllenfahrt eine weitere, extrem kurzweilige Ausgabe des Münsteraner Kuriositätenkabinetts und zugleich eine der stärksten Folgen aus der Studentenstadt, von der diesmal wenig zu sehen ist. Und - ganz nebenbei - ist 727. Tatort auch die Lieblingsfolge von Christine Urspruch

Bewertung: 8/10

Tödliche Tarnung

Folge: 724 | 1. März 2009 | Sender: SWR | Regie: Rainer Matsutani

So war der Tatort:

Bild: SWR/Stephanie Schweigert
Pilotfilmähnlich. Beim dritten gemeinsamen Einsatz der Stuttgarter Hauptkommissare Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) setzt Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt (Hart an der Grenze) nämlich fort, was er im Vorgänger In eigener Sache bereits begann: Er verleiht dem aus Hamburg ins Ländle versetzten Lannert charakterlichen Tiefgang und erzählt von der dramatischen Vergangenheit des früher verdeckt ermittelnden Beamten, so dass sich Tödliche Tarnung oft wie ein Pilotfilm für die neuen Stuttgarter Kommissare anfühlt. Lannert trauert keineswegs um seine verstorbene Schwester, wie er seiner hübschen Nachbarin Lona (Birthe Wolter) noch in der letzten Folge bei Kerzenschein hatte weismachen wollen, sondern um Frau und Kind, die er bei einem Undercover-Einsatz in der Hansestadt durch einen tragischen Zufall verlor. Der Clou: Damals ermittelte Lannert gegen den Waffenhändler Victor de Man (Filip Peeters, Schürfwunden), dem er in Tödliche Tarnung nun erneut begegnet, und der den Fall zur persönlichen Abrechnung mit dem international agierenden Bonvivant macht. Beste Voraussetzungen für einen hochklassigen Krimi (man denke nur an die Vergangenheitsbewältigung, die beispielsweise der Münchener Tatort-Meilenstein Der oide Depp betrieb), doch leider krankt der dritte gemeinsame Einsatz der Stuttgarter Kommissare an einem eklatanten Problem: Der Fall in der Gegenwart ist nicht halb so interessant wie Lannerts dramatische Erlebnisse der Vergangenheit.

Die Täterfrage wird erst gar nicht gestellt - schon in der Eröffnungssequenz zeigt Regisseur Rainer Matsutani (Das ewig Böse), wie ein Auftragskiller im Anzug einen Zollbeamten hinrichtet und mit einem Schuss durch die Hand sein Markenzeichen hinterlässt, dass Lannert direkt zu de Man führt (dem er übrigens 2013 in Spiel auf Zeit ein weiteres Mal begegnet). Seinen Kollegen Bootz lässt er darüber zunächst im Unklaren, so dass man sich die erste halbe Tatort-Stunde eigentlich direkt schenken kann, weil Bootz wild im Nebel stochert und die Geschenkefrage für Geburtstagskind Lannert ohnehin die wichtigere zu sein scheint. In Erinnerung bleibt allenfalls das gruselige Mienenspiel von Dagmar Sachse (Oskar), die als trauernde Zollbeamtin Babette Kerner schon übereifrig mit dem Betreten-Dreinschauen loslegt, bevor die Kollegen von der Mordkommission sich überhaupt vorgestellt haben. In der Folge geht es dann weniger um den Mord, sondern vielmehr um die nächste Waffenlieferung, die Lannerts ewiger Gegenspieler de Man geschickt zu tarnen weiß, bevor ihm in letzter Sekunde das Handwerk gelegt wird - und er einen am Ende doch siegreichen Kommissar allein an der Hotelbar zurücklässt. Eine Einstellung, wie gemalt für ein gefrierendes Bild und den nahtlosen Übergang in den Abspann - doch was passiert? Das Drehbuch fährt noch einmal den Kuschelkurs und lässt Lannert und Bootz gemeinsam mit dem Rest der Stuttgarter Kollegen auf Lannerts Geburtstag anstoßen. Zwar früh zu befürchten, am Ende aber furchtbar kitschig - und nur ein Grund von vielen, warum Tödliche Tarnung trotz seiner hohen Relevanz für das Figurenkonstrukt in der Schwabenmetropole nicht über das Mittelmaß hinauskommt.

Bewertung: 5/10

Herz aus Eis

Folge: 723 | 22. Februar 2009 | Sender: SWR | Regie: Ed Herzog

So war der Tatort:

Bild: SWR/Schweigert
Eiskalt - und das im doppelten Sinne. Zunächst mal spielt Herz aus Eis im tiefsten Winter, in einem bodenseenahen Eliteinternat, das neben einem Schwimmbad, reichlich verwöhnten Töchtern und Söhnen aus reichem Hause und mit staatlichen Stipendien bedachten Überfliegern auch einen (fast) zugefrorenen Weiher auf seinem Grundstück weiß. Die Eiseskälte, die vor allem die verschneiten Aufnahmen am See versprühen, sind allerdings kaum der Rede wert im Vergleich zur Eiseskälte, die vom unumstrittenen Star des elften gemeinsamen Einsatzes von Hauptkommissarin Klara Blum (Eva Mattes) und Noch-Oberkommissar Kai Perlmann (Sebastian Bezzel) ausgeht: Die groß aufspielende Nora von Waldstätten (Der Frauenflüsterer), die in der Rolle der verwaisten Internatsschülerin Viktoria nur in der ersten halben Krimistunde ein wenig zu dick aufträgt, zählt zu den gefühlskältesten Mörderinnen der über vierzigjährigen Tatort-Geschichte. Möglich wird diese glänzende Performance auch deshalb, weil Drehbuchautorin Dorothee Schön (Der Wald steht schwarz und schweiget) ihr entsprechenden Entfaltungsspielraum einräumt und bewusst auf das gewohnte Whodunit-Prinzip verzichtet: In einer elektrisierenden Schwimmbadsequenz zeigt Regisseur Ed Herzog (Die schöne Mona ist tot), wie die berechnende Schönheit und ihr Freund Maximillian von Stein (Florian Bartholomäi, Ein ganz normaler Fall) den schüchternen Mitschüler Stephan Fürst-Bergedorff (Robert Höller, im erstklassigen TV-Drama Wut in einer ganz ähnlichen Rolle zu sehen) wie eine Katze im Wasser ersaufen lässt und dabei fast noch Freude zu empfinden scheint. Auch sonst sind es vor allem die Szenen ohne Blum und Perlmann, in denen von Waldstätten hinter verschlossenen Internatstüren zu großer Form aufläuft.

Nun macht eine einzelne gelungene Figur noch lange keinen herausragenden Tatort - doch Herz aus Eis hat weit mehr zu bieten. Schnell kristallisiert sich heraus, dass der im Klassenverbund isolierte Fürst-Bergedorff nicht das einzige Opfer bleibt und die labile Mitschülerin und -wisserin Olga Filonowa (Rosalie Thomass, Tempelräuber) die Perfektion des perfiden Schülermordes gefährdet. Das eiskalte Spiel, dass das clevere Mörderduo nicht nur mit den Kommissaren, sondern vor allem mit der naiven Blondine treibt, fesselt bis zum Ende an den Fernsehsessel und gipfelt in einem dramatischen, hochspannend inszenierten Todeskampf auf dem zugefrorenen Weiher, der Perlmann auf dem brüchigen Eis Gelegenheit bietet, sich nachhaltig bei seinen Vorgesetzten ins Gedächtnis zu rufen. Die verweigern ihm nämlich noch immer die überfällige Beförderung zum Hauptkommissar - und das, obwohl es der Blondschopf ist, der mit seiner akribischen Analyse eines Wasserfilters die Selbstmordtheorie entkräftet und dafür ein Sonderlob von Kollegin Blum erntet. Die glänzt wiederum mit einem Bluff, der ebenso beispielhaft für die angenehm bodenständige Ermittlungsarbeit steht und zugleich das I-Tüpfelchen auf den packenden Showdown im Krankenhaus setzt. Und doch: Hätte der Internatsdealer Kevin Hausmann (Constantin von Jascheroff, Im Abseits) ein bisschen eher mit der Sprache rausgerückt, statt zehn Minuten vor Schluss in zwei Nebensätzen die entscheidenden Hinweise auf die Täter zu liefern - den Ermittlern wäre ein Großteil der mühsamen Nachforschungen erspart geblieben. Diese kleine Drehbuchschwäche bleibt aber die einzige in einem gut durchdachten und erstklassig gespielten Tatort, der bis heute der beste vom Bodensee ist und nur knapp an der Höchstwertung vorbeischrammt.

Bewertung: 9/10

Kassensturz

Folge: 720 | 1. Februar 2009 | Sender: SWR | Regie: Lars Montag

So war der Tatort:

Bild: SWR/Krause/Burberg
Discounterkritisch. Denn Regisseur Lars Montag (Hauch des Todes) und Drehbuchautor Stephan Falk (Herzversagen) nehmen in Kassensturz - der pfiffige Krimititel, der nicht zum ersten Mal in der Tatort-Geschichte verwendet wird, deutet es bereits an - die Billigsupermärkte ins Visier, in denen wir (fast) alle regelmäßig einkaufen und uns darüber freuen, ein paar Euro im Vergleich zu teureren Märkten zu sparen. Die Frage, die wir uns dabei aber viel zu selten stellen: Wie kommen die günstigen Preise in den Discountern überhaupt zustande? Und genau das ist in diesem Tatort der springende Punkt: Unabhängig von Billigproduktionen oder sonstigen Marktmechanismen rücken die Filmemacher jene Personen in den Mittelpunkt, auf deren Rücken der Preiskampf täglich ausgetragen wird und die knapp ein Jahr vor der TV-Premiere des Krimis durch den LIDL-Skandal ins Licht der Öffentlichkeit rückten. Die überwiegend weiblichen Angestellten der Märkte sind die schwächsten Glieder in der Kette, arbeiten oft auf 450-Euro-Basis und schieben regelmäßig Überstunden, um das hohe Arbeitspensum bewältigen zu können. In Kassensturz müssen sie außerdem den Tod ihres Chefs verkraften: Nach dem Tod des Ludwigshafener Gebietsleiters Boris Blaschke (Andreas Windhuis, Blutdiamanten), dessen Filialen der Discounterkette BILLY bundesweit am schlechtesten laufen, gehen die Hauptkommissare Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Mario Kopper (Andreas Hoppe) auf Spurensuche und treffen in einem seiner Läden neben der überarbeiteten Filialleiterin Hannelore Freytag (Traute Hoess, Unter uns) auch die gestressten Angestellten Gisela Dullenkopf (Barbara Philipp, ermittelt ab 2010 als Magda Wächter im Tatort aus Wiesbaden) und Beate Schütz (Stefanie Stappenbeck, Willkommen in Hamburg), die mit dem gnadenlos-sadistischen Choleriker Günter Novak (Jan Henrik Stahlberg, Schneetreiben) kurz darauf Blaschkes Nachfolger vor die Nase gesetzt bekommen.
Novak: "Die Vertriebsleitung hat mir die verbliebenen drei Filialen übergeben. Willkommen in der Hölle! War nur'n Spaß - mach ich aber auch nur ganz selten."
Der 720. Tatort ist eine hochinteressante und dabei stets glaubwürdige Milieustudie mit guten Einfällen (z.B. ein Verhör in einem Fahrgeschäft auf dem Jahrmarkt), zugleich aber ein spannender Krimi, der trotz der enttäuschenden Auflösung ("nach neuesten Erkenntnissen...") als Whodunit ebenso gut funktioniert wie als Denkanstoß. Der Zuschauer lernt einige Erfolgstricks der streng auf Zeit- und Kostenersparnis fokussierten Discounter (z.B. mehrfach aufgedruckte Strichcodes, um an der Kasse wertvolle Sekunden zu sparen) und wird regelmäßig in den kargen Pausenraum der Mitarbeiter entführt, in dem sich die bedauernswerte Filialleiterin fix ein Fertiggericht aufwärmt - zweifellos der Höhepunkt ihres Arbeitstages, in dem private Konversation untersagt und die nächste Abmahnung nur eine Frage der Zeit ist. Auch die Hierarchien innerhalb des (fiktiven) BILLY-Konzerns, dessen Name kaum zufällig dem eines IKEA-Verkaufsschlagers gleicht, werden stark herausgearbeitet: In einer klassischen Sandwichposition befinden sich die Gebietsleiter wie Novak ("Ich hab meine Familie seit fünf Wochen nicht gesehen."), die von der gefühlskalten Vertriebsleiterin Gesine Fuchs (Adele Neuhauser, ab 2011 als Major Bibi Fellner im Wiener Tatort im Einsatz) enormen Verkaufsdruck bekommen, und die Filialleiter wie Freytag, die die Anweisungen von oben an ihre wehrlosen Mitarbeiter weitergeben müssen. Wäre diese Ausbeutung in einem Tatort aus Köln wohl stundenlang im Dienstwagen oder an der Wurstbraterei diskutiert worden, wird die gesellschaftskritische Debatte in Kassensturz auf ein gesundes Maß reduziert. Deutlich störender ist die peinliche Eigenwerbung des Südwestrundfunks für seinen Radiosender SWR3, der am Rhein eine Schnitzeljagd veranstaltet und Assistentin Edith Keller (Annalena Schmidt) von einem Treffen mit George Clooney träumen lässt: Ein furchtbar seichter und überflüssiger Nebenkriegsschauplatz, der die bedrückende Tonalität dieser ansonsten so starken Tatort-Folge immer wieder verstimmt. Auch bei der Figurenzeichnung - insbesondere bei Novak und Fuchs - tragen die Filmemacher etwas zu dick auf, was dem hohen Unterhaltungswert aber kaum Abbruch tut. So ist Kassensturz bis heute eine der stärksten Folgen des später dramatisch nachlassenden Teams aus Ludwigshafen geblieben - nicht von ungefähr erhielt das Drehbuch eine Nominierung für den Deutschen Fernsehpreis 2009.


Bewertung: 8/10

Schwarzer Peter

Folge: 718 | 18. Januar 2009 | Sender: MDR | Regie: Christine Hartmann

So war der Tatort:

Bild: MDR/Saxonia Media/Junghans
Geprägt von Frauen - und das gleich in mehrfacher Hinsicht. Da sind zum einen die beiden Filmemacherinnen: Christine Hartmann (Türkischer Honig) führt bei Schwarzer Peter bereits zum vierten Mal für die Krimireihe Regie, während Drehbuchautorin Katrin Bühlig (Altlasten) bei ihrer zweiten Arbeit für den Tatort eindrucksvoll unter Beweis stellt, dass ihr brilliantes Skript zum Frankfurter Meilenstein Unter uns kein Zufallstreffer war. Die Autorin verarbeitet Zitate aus dem Zeit-Dossier Die Mörderin von Sabine Rückert und konzipiert ein zwar behäbig beginnendes, am Ende aber mitreißendes und erschütterndes Krimidrama, in dem die Leipziger Hauptkommissare Andreas Keppler (Martin Wuttke) und Eva Saalfeld (Simone Thomalla) bei ihrem vierten gemeinsamen Einsatz zum ersten - und leider für lange Zeit letzten Mal - auf ganzer Linie überzeugen. Bühlig legt ihre Handlung als klassische Whodunit-Konstruktion an, doch Schwarzer Peter ist weit mehr als nur ein Sonntagskrimi zum Miträtseln. Der 718. Tatort ist vielmehr ein beklemmendes Drama über häusliche Gewalt und zugleich das posthume Porträt eines Menschen, der nur als Wasserleiche im Film zu sehen ist: Erfolgsunternehmer Peter Schneider wird tot aus dem Elsterkanal gezogen und die Tatverdächtigen stehen bei den Kommissaren förmlich Schlange. Auch hier liegt der Fokus auf den weiblichen Figuren: Schneiders Ehefrau Gitta (herausragend: Suzanne von Borsody, Roomservice) scheint dem Toten am meisten nachzutrauern, während seine beiden Töchter Ivonne Schneider (souverän: Sandra Borgmann, Fette Krieger) und Susanne Kuhnert (stark: Chiara Schoras, Nur ein Spiel) die Nachricht vom Ableben ihres Erzeugers fast gleichgültig aufnehmen. War ihr Vater wirklich so ein Ekelpaket?

Das war er, und seine labile Gattin und die beiden ungleichen Töchter sind bei weitem nicht die Einzigen, die unter dem Schwarzen Peter zu leiden hatten. Keppler und Saalfeld ermitteln auch im Betrieb des Toten, lernen dort seinen opportunistischen Nachfolger Christian Bensen (Pierre Besson, Schmale Schultern) und dessen aufreizende Freundin Rieka Cordes (Nadja Becker) kennen - es ist der einzige Ort, in dem auch Keppler mal das Heft des Handelns in die Hand nimmt, während er ansonsten häufig von seiner Kollegin und Ex-Frau zurückgepfiffen wird ("Lass nur, ich mach das schon."). Auch in dieser Hinsicht ist der Film auffallend auf das sprichwörtliche schwache Geschlecht fixiert: Die Gespräche von Frau zu Frau, die Saalfeld mit Gitta Schneider und Susanne Kuhnert führt, scheinen wichtiger als alle Ergebnisse der Spurensicherung oder Kepplers polizeilicher Spürsinn. Und sie bieten Simone Thomalla, die sich immer wieder Vorwürfe wegen ihrer Schönheits-OP und Minimalmimik gefallen lassen muss, endlich einmal Gelegenheit, ihr Können aufblitzen zu lassen: Als Kuhnert auf der Zielgeraden des Krimis schwer von ihrem Mann Rüdiger (Thomas Huber, Es ist böse) misshandelt wird, hat Eva Saalfeld einen ihrer stärksten Tatort-Momente. Wie schon in Unter uns beweist Drehbuchautorin Bühlig ihr gutes Gespür für ein authentisches Abbild des alltäglichen Grauens in scheinbar intakten Familien, wenngleich am Ende zu wenig Zeit bleibt, um echte Ursachenforschung zu betreiben. Zwei bis drei Figuren weniger hätten der Geschichte, die nach der gemächlichen Auftaktphase von Minute zu Minute besser wird, nämlich gut getan: Katzenfreund Siegbert Finster (Hans-Uwe Bauer, Großer schwarzer Vogel) ließe sich problemlos streichen, und auch das berufliche Umfeld des Toten hätte nicht in dieser Ausführlichkeit illustriert werden müssen. So kratzt das Drehbuch zwar nur an der Oberfläche, aber allein die starke Besetzung, die knifflige Auflösung und die bitterböse Schlusspointe machen Schwarzer Peter zum besten Tatort mit Keppler und Saalfeld.
Schneider: "Ich hatte doch vor drei Jahren 'nen Bandscheibenvorfall. Ich soll nicht so schwer tragen."
Bewertung: 8/10