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Bittere Trauben

Folge: 731 | 26. April 2009 | Sender: SR | Regie: Hannu Salonen

So war der Tatort:

Bild: SR/Manuela Meyer
Ziemlich verkorkst - oder um im Weinjargon zu bleiben: ziemlich korkig. Für einen Wein ist das bekanntlich kein Kompliment - und auch Bittere Trauben lässt vieles vermissen, was einen gelungenen Sonntagabendkrimi auszeichnet. Allem voran die Spannung: Die erste halbe Stunde passiert im Grunde überhaupt nichts, denn die Saarbrücker Hauptkommissare Franz Kappl (Maximilian Brückner) und Stefan Deininger (Gregor Weber) begeben sich nach dem Fund der Leiche von Weinkontrolleur Gerhard Nieser erstmal in aller Seelenruhe auf ein Weinfest, um in das örtliche Winzermilieu einzutauchen, den leckeren Grauburgunder zu kosten und am Schießstand um die Wette zu ballern (s. Bild). Der Gewinner? Natürlich Kappl, denn Deininger ("Was genau machen wir jetzt eigentlich hier?"), der einen eigenwilligen Backenbart zur Glatze trägt, verkörpert beim vierten gemeinsamen Einsatz der beiden Ermittler weiterhin den ewigen Verlierertypen, dem in Aus der Traum die überfällige Beförderung verweigert wird, der beim Wettflirten mit Gerichtsmedizinerin Rhea Singh (Lale Yavas) in Der Tote vom Straßenrand den Kürzeren zieht und der sich in Hilflos als Versager im Sportunterricht outet. Kollege und Frauenschwarm Kappl hingegen legt kurzerhand Weinkönigin Ariane Ziegler (Lisa Potthoff, Hexentanz) flach und entdeckt in deren Badezimmer ein Bleichmittel, das im Verlaufe der Geschichte eine Schlüsselrolle nimmt. Dieser zufällige Fund wird jedoch so übertrieben beiläufig in die Handlung eingestreut, dass jeder halbwegs tatorterprobte Zuschauer schnell ahnt, dass die hübsche Ziegler etwas auf dem Kerbholz haben muss.

Bittere Trauben kann in Sachen Ruhe und Gemütlichkeit problemlos mit vielen Tatort-Folgen mithalten, in denen der biedere Kappl und Deininger-Vorgänger Max Palu (Jochen Senf) im deutsch-französischen Grenzgebiet auf Verbrecherjagd ging und sich damit eine große Nicht-Fangemeinde unter den ARD-Zuschauern schuf. Auch Palu outete sich bei seinem Debüt in Salü Palu als Weinliebhaber und fände sich im 731. Tatort in bester Gesellschaft: Im fiktiven saarländischen Bernheim lernt der Zuschauer allerlei über Keltern und Filtrierung, verkehrsfähige Tröpfchen, Verschwefelung und moderne Lagermethoden, muss sich ansonsten aber trotz einiger toll fotografierter Bilder mit einem Handlungsgerüst nach Schema F begnügen. Drehbuchautor Andreas Pflüger (Berliner Bärchen) kombiniert den Konkurrenzkampf und den wirtschaftlichen Druck, mit dem die Winzer zu kämpfen haben, mit einer müden Dreiecksgeschichte und macht Regisseur Hannu Salonen (Eine Handvoll Paradies), der mit Verschleppt den spannendsten Tatort des Jahres 2012 inszenierte, mit vielen hölzernen Dialogzeilen und hanebüchenen Momenten das Leben schwer: Eine rasante Verfolgungsjagd durch die malerischen Weinberge endet plötzlich in einer Schlammpfütze, die kaum tiefer als ein Hundenapf ist, aber mühelos ein Cross-Motorrad lahmlegt, weil die Reifen im Schlamm durchdrehen. Da rettet der gut gemeinte, aber weniger gut gemachte Gastauftritt von Konstantin Wecker (Blue Lady) als Vater Ludwig Kappl, der mit Assistentin Gerda Braun (Alice Hoffmann) einen über den Durst trinkt und verkatert in der Ausnüchterungszelle aufwacht, am Ende wenig. Der vierte gemeinsame Einsatz von Kappl und Deininger ist einer ihrer schwächsten - doch von nun an geht es zum Glück nur noch aufwärts.

Bewertung: 3/10

Häuserkampf

Folge: 729 | 13. April 2009 | Sender: NDR | Regie: Florian Baxmeyer

So war der Tatort:

Bild: NDR/Georges Pauly
Pausenlos. Bereits der überragende Erstling Auf der Sonnenseite, mit dem der federführende NDR die Krimireihe eindrucksvoll revolutionierte, ließ durchblicken, dass der Hamburger Undercover-Fahnder Cenk Batu (Mehmet Kurtulus) kein gewöhnlicher Tatort-Ermittler ist. Und der Sender setzt bei dessem zweiten Einsatz glatt noch einen drauf: Gleich vier Autoren schreiben für Häuserkampf am Drehbuch mit und widerlegen die Befürchtung, dass viele Köche den Brei verderben könnten, bereits nach einer halben Stunde. Johannes W. Betz (Salzleiche), Peter Braun sowie Christoph Silber und Thorsten Wettcke, die bereits das Skript zu Auf der Sonnenseite beisteuerten, konzipieren ein durchdachtes, überragendes Drehbuch, das erneut auf Tatort-Prinzipien wie die Auftaktleiche pfeift, den Zuschauer im Zehn-Minuten-Takt überrascht und Publikum und Ermittler gleichermaßen kaum Zeit zum Luft holen lässt. Nach einer halbstündigen Einleitung, in der Batu von seinem Vorgesetzten Uwe Kohnau (Peter Jordan) verdeckt in einer Hamburger SEK-Einheit eingeschleust wird und dort dem Ex-Soldaten und Kosovo-Rückkehrer Lars Jansen (Matthias Koeberlin, Quartett in Leipzig) auf den Zahn fühlt, kommt es im Empire-Hotel über den Dächern der Hansestadt (s. Bild) bereits zum ersten Showdown. Während die blutig endende Geiselnahme in vielen anderen Tatorten spannungstechnisch bereits den Höhepunkt bilden würde, bildet diese in Häuserkampf nur den Auftakt zu einer atemberaubenden Schnitzeljagd durch die Hamburger Stadtbezirke, bei der Batu die Videobotschaften des traumatisierten Zoltan Didic (Stipe Erceg) finden muss und beim schweißtreibenden Kampf gegen die Uhr pausenlos von einem Ort zum nächsten gejagt wird. 

Zwar ist der auffallend amerikanisch angehauchte Hamburger Tatort noch lange keine Hollywood-Produktion, doch muss er sich in Sachen Spannung nicht vor einer solchen verstecken: Schnell werden Erinnerungen an das unterhaltsame Katz- und Maus-Spiel in Stirb Langsam 3 wach, bei dem Bruce Willis und Samuel L. Jackson durch den Big Apple gehetzt werden und Terrorist Simon ihnen immer wieder knackige Aufgaben zu lösen gibt. In Häuserkampf ist das ganz ähnlich: Didic verfolgt einen bis ins letzte Detail durchdachten Plan, der Batu schonmal in eine bis an die Zähne bewaffnete Gruppe Kosovo-Albaner katapultiert und den meist am Handy mitfiebernden, diesmal aber auch selbst mithechelnden Kohnau ("Scheiß Türke!") schonmal zu Political Incorrectness veranlasst. Regisseur Florian Baxmeyer (Schiffe versenken) umschifft jeden Anflug von Längen, sieht sich bei seiner Inszenierung des atemberaubenden Puzzlespiels aber dank des genialen Skripts und der messerscharfen Dialoge auch in einer komfortablen Ausgangsposition. Hier ist vor allem der Vergleich zur desaströsen Bremer Hochzeitsnacht interessant: Während Baxmeyers starke Regie im 729. Tatort das Tüpfelchen auf dem I ist, steht der Filmemacher in der gut drei Jahre später erstausgestrahlten Geiselnahme-Folge angesichts des hanebüchenen Drehbuchs auf verlorenem Posten. Der hochspannende, vor cleveren Wendungen nur so strotzende Häuserkampf hingegen ist ein packender Meilenstein der Tatort-Geschichte und verdient sich wie schon der Batu-Erstling Auf der Sonnenseite die Höchstwertung.

Bewertung: 10/10