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Der letzte Patient

Folge: 778 | 31. Oktober 2010 | Sender: NDR | Regie: Friedemann Fromm

So war der Tatort:

Bild: NDR/Marc Meyerbröker
Felserfrei. Denn die vielbeschäftigte Mutter und Hauptkommissarin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) muss in Der letzte Patient nach acht gemeinsamen Tatort-Jahren zum ersten Mal ohne ihren Mitbewohner und einzigen Freund Martin Felser (Ingo Naujoks), zuletzt nur noch fürs Babysitten des kleinen David Lindholm (Robin Baran Birdal) zuständig, auskommen. "Es ging für den Charakter von Martin einfach nicht mehr weiter", hatte Naujoks der BILD-Zeitung frustriert zu Protokoll gegeben und als Tatort-Darsteller den Dienst quittiert. Wer allerdings glaubt, dass dies für den NDR ein Grund wäre, Felser ab sofort aus den Drehbüchern des Niedersachsen-Tatorts zu streichen, ist schief gewickelt: Astrid Paprotta, die auch das Drehbuch zur folgenden Lindholm-Episode ...es wird Trauer sein und Schmerz schrieb, tischt dem Publikum eine wenig schlüssige Erklärung für Felsers Flucht aus der gemeinsamen WG auf. Abstand brauche er, der Martin, und Zeit für sich selbst. Dass er trotzdem fleißig mit Lindholms Mutter Annemarie (Kathrin Ackermann, Atemnot) telefoniert und sich nach dem kleinen David erkundigt, ohne persönlich auf der Bildfläche zu erscheinen, wirkt für den um den Abschied von Naujoks wissenden Zuschauer doch ziemlich amüsant. Und überhaupt: Der zuverlässige, selten über sein Dasein mosernde Dauerkinderhüter soll ohne ein persönliches Wort über Nacht aus der Wohnung getürmt sein? Nein.

Was die gestresste Kommissarin Lindholm kaum begreifen kann, gilt für den Zuschauer in gleichem Maße. Doch was bleibt den Autoren angesichts der Naujokschen Entscheidung auch anderes übrig? Dass sich keine triftigere Begründung für Felsers Flucht finden lässt, hat sich der NDR letztlich selbst zuzuschreiben, weil der Sender den sympathischen Krimi-Autor zuletzt nur noch über seinen Dienst als Babysitter definierte und als einst vielversprechende Nebenfigur (z.B. in Lastrumer Mischung) zunehmend links liegen ließ. Immerhin: Der 778. Tatort hat mehr zu bieten als dieses unglaubwürdige Abschiedsszenario, das in den folgenden Lindholm-Folgen noch weiter strapaziert wird, und weiß als Krimi durchaus zu überzeugen. Die Rahmenhandlung um Missbrauch und Misshandlung des geistig zurückgebliebenen Tim König (Joel Basman, Liebeswirren) arbeiten Paprotta und Regisseur Friedemann Fromm (Perfect Mind: Im Labyrinth) stimmig aus, die Charaktere porträtieren sie angenehm differenziert. Dass Der letzte Patient gut unterhält, liegt aber auch an der guten Besetzung: Neben Furtwängler, die mehrfach den Tränen nahe ist und die emotionale Achterbahnfahrt der Kommissarin glaubhaft auf die Mattscheibe bringt, sind es vor allem Basman und Jan Messutat (Der Schrei), die mit starkem Schauspiel in Erinnerung bleiben. Auch Ingo Naujoks wird als Mitbewohner Martin Felser unvergessen bleiben - wenn auch eher wegen seiner früheren Auftritte.

Bewertung: 6/10

Borowski und eine Frage von reinem Geschmack

Folge: 777 | 24. Oktober 2010 | Sender: NDR | Regie: Florian Froschmayer

So war der Tatort:

Bild: NDR/Marion von der Mehden
Gastfreundlich. In Borowski und eine Frage von reinem Geschmack feiert eine Schauspielerin ihr Tatort-Debüt, die in Pornofilmen wie Die megageile Kükenfarm erste Nackt-Erfahrungen vor der Kamera sammelte und später auf Filmfestivals für Furore sorgte: Gegen die Wand-Star Sibel Kekilli, die ab 2011 in der Rolle der Sarah Brandt an der Seite des Kieler Hauptkommissars Klaus Borowski (Axel Milberg) ermittelt. In diesem Tatort erhalten die Zuschauer einen Vorgeschmack auf das, was sie in Zukunft erwartet, denn Brandt erweist sich als gute Gastgeberin und stellt Borowski & Co. als Wiedergutmachung für einen Auffahrunfall ihr abgelegenes Landhaus als Einsatzzentrale zur Verfügung: Ganz in der Nähe ihres von Wildschweinen in Mitleidenschaft gezogenen Grundstücks findet eine Geldübergabe statt und lässt sich vom Dachboden aus wunderbar mit dem Fernglas überwachen. Doch was ist passiert? Die Drehbuchautoren Kai Hafemeister, Christoph Silber (Schwanensee) und Thorsten Wettcke (Zwischen den Ohren) setzen auf einen ungewöhnlichen Todesfall: Der 15-jährige Florian Hölzel bricht beim Beachvolleyball tot zusammen, nach dem er sich einen kräftigen Schluck aus der "Vitanale"-Flasche seines Vaters Andreas (Markus Hering, Côte d'Azur) gegönnt hat - und die Spur führt direkt in die Molkerei, in der der umstrittene Drink hergestellt wird. Die kühle Betriebsleiterin Liane Kallberg (Esther Schweins, Bierkrieg) und ihr Vater Alfons (Joachim Bißmeier, Alter Ego) werden nun von einem Unbekannten erpresst und verteidigen die angeblich vitalisierende Wirkung ihres Produkts mit fragwürdigen Studien gegen jede Kritik von außen. Selbst Borowski staunt nicht schlecht, als ihm Kallberg erklärt, warum dem von Natur aus weißen Milchgetränk gelber Farbstoff beigemischt wird.
Kallberg: "Für den Konsumenten muss es nicht nur nach Energie schmecken, sondern auch so aussehen. Das haben wir aufwändig getestet." 
Das Anliegen der Filmemacher ist klar: Sie möchten Kritik an den Herstellern der zweifelhaften Produkte üben und am Konsumverhalten all derer, die weltweit jährlich rund 5 Milliarden Liter Energydrinks in sich hineinschütten. Dabei zeichnen sie allerdings ziemlich schwarz-weiß: Da gibt es auf der einen Seite die abgebrühte Kallberg und Opfer Hölzel, den es bis zum tragischen Tod seines Sohnes nicht die Bohne interessiert hat, was er da eigentlich in sich hineinschüttet, und auf der anderen Seite Vegetarierin Brandt und Lianes Bruder Paul (Thomas Scharff, Edel sei der Mensch und gesund), der als überzeugter Bio-Bauer Kuh-Aktien anbietet - die regelmäßige Auszahlung von Naturalien als Belohnung für eine Investition in seinen Betrieb. Immerhin: Der handwerklich talentierten Veggie-Hackerin Brandt, die im 777. Tatort irgendwie immer aussieht, als wäre sie gerade aus dem Bett gekommen, gestehen die Autoren einmal im Monat ein saftiges Steak zu, und mit Töchterchen Melinda Kallberg (Sonja Gerhardt) installieren sie eine (wenn auch überzeichnete) Figur, die zwischen die verhärteten Fronten gerät. Ihre dünne Liebelei zum Öko-Aktivisten Kai Mauvier (Christoph Letkowski, Zorn Gottes) bringt die Geschichte allerdings kaum voran - stärker ist da schon der Moment, in denen Opa Alfons die Kleine zur Seite nimmt und ihr erzählt, wie er im zarten Alter von 15 Jahren den Betrieb seines verstorbenen Vaters übernehmen musste. Hier liegt der Schlüssel zur durchaus knifflig zu erratenden Auflösung der Whodunit-Konstruktion, die die Filmemacher gekonnt mit der Erpressungsgeschichte in Einklang bringen - doch im Vergleich zu anderen Kieler Tatort-Folgen der jüngeren Vergangenheit (vgl. Borowski und das Mädchen im Moor) kann Borowski und eine Frage von reinem Geschmack bei weitem nicht mithalten. Zu deutlich wird zwischen bösen Drinkherstellern und braven Bio-Bauern unterschieden, zu konstruiert wirkt der emotionale Showdown. Für die Geschichte des Krimis aus der Fördestadt ist der dritte Tatort von Regisseur Florian Froschmayer (Der Polizistinnenmörder) dennoch hochinteressant - weil auf Psychologin Frieda Jung (Maren Eggert) nur noch ein Türschild hinweist und sich die späteren Partner Borowski und Brandt bei dieser vorgezogenen Begegnung ausgiebig beschnuppern dürfen.

Bewertung: 5/10

Der Schrei

Folge: 776 | 17. Oktober 2010 | Sender: SWR | Regie: Gregor Schnitzler

So war der Tatort:

Bild: SWR/Peter A. Schmidt
Selbsterklärend. Die Ludwigshafener Kommissare Lena Odenthal (Ulrike Folkerts), Mario Kopper (Andreas Hoppe) und alles, was im 776. Tatort noch mit Dialogzeilen gesegnet ist, machen es sich nämlich zur Daueraufgabe, immer noch einen Satz mehr zu sagen als eigentlich notwendig. Das beginnt schon beim Fund der Mädchenleiche, die ein T-Shirt mit Sonnenmotiv und der Aufschrift "I'm a princess" trägt: "Manchmal hasse ich unseren Job", resümiert Odenthal frustriert, und spricht damit aus, was das Bild längst erzählt hat. Und es geht munter weiter: "Als Kinderficker bist du für alle der Arsch", klagt der verurteile Triebtäter, "Kinder sind leicht zu manipulieren," erklärt Odenthal wissend, und für all jene, die trotz Koppers Hinweis auf ein wichtiges Skype-Gespräch nach Kroatien zwei Minuten später schon wieder verdrängt haben, wohin der Kommissar doch gleich webtelefoniert, hängt die Tatort-Requisite sicherheitshalber eine riesige Kroatienflagge an die Wand im Hintergrund. Zumindest die Verpackung des Krimis sollte stimmen, wenn der Inhalt schon schwächelt. Aber: Kaffeetassen werden mit Kaffee gefüllt, der in typischer Fernsehfilmmanier nur zum Mund geführt und nicht getrunken wird, gedreht wird in tristen, menschenleeren Freizeitparkruinen, durch die angeblich Tausende von Menschen strömen, und der Soundtrack zum Krimi stammt von - kein Scherz - Tokio Hotel ("Schrei!").

Der Schrei wirkt von vorne bis hinten durchgeplant und aufgesetzt - und wäre angesichts der Zentner an Laubwerk, die in den surrealen Traumsequenzen durch die Wohnung der labilen Mutter Ruth Fichter (Annika Kuhl, Nachtgeflüster) wehen, mit Das Laub deutlich treffender betitelt. Dass gerade die Anleihen beim Psychothriller wirkungslos verpuffen und statt der erhofften Gruselmomente lediglich unfreiwillige Lacher produzieren, ist bemerkenswert, hat Regisseur Gregor Schnitzler (Das schwarze Grab) doch unter anderem kurzweilige Kinoerfolge wie Soloalbum oder deutsche Independentperlen wie Was tun, wenn's brennt in seiner Filmografie stehen. Was Schnitzler hier allerdings leistet, wirkt von der ersten bis zur letzten Minute unglaublich verkrampft. Seine Inszenierung könnte selbstverliebter und unstimmiger kaum ausfallen, steht angesichts der fürchterlich künstlichen Dialoge, die Harald Göckeritz (Mord in der ersten Liga) in sein Drehbuch schreibt, aber ohnehin auf verlorenem Posten. Zu allem Überfluss muss sich Kopper auch noch mit einem nervtötenden Steppke herumschlagen, der das halbe Polizeipräsidium mit müden Streichen zur Weißglut bringt und auf der Sympathieskala die Werte von Jar-Jar Binks aus Star Wars - Episode I noch unterbietet. Wäre der Ermittler nicht so ein putziger Schlafliedsänger - der zweite Anstandspunkt, den sich diese Katastrophenepisode mit Mühe und Not verdient, wäre kaum zu rechtfertigen.

Bewertung: 2/10

Spargelzeit

Folge: 775 | 10. Oktober 2010 | Sender: WDR | Regie: Manfred Stelzer

So war der Tatort:

Bild: WDR/Martin Menke
Stilsicher. In der wohl köstlichsten Szene des 775. Tatorts marschiert Prof. Karl-Friedrich Boerne (Jan-Josef Liefers) nämlich gewohnt elegant in schwarz-weiß gemusterten Gummistiefeln auf - ein Desginermodell versteht sich, das perfekt auf seinen Anzug abgestimmt ist und natürlich nicht von jedermann getragen werden kann ("Ich weiß, guter Geschmack macht sehr einsam.").  Weitaus weniger souverän bei der Wahl des richtigen Schuhwerks agiert Kollege Frank Thiel (Axel Prahl), der sich beim Schuster hochwertige Lederschuhe aufschwatzen lässt, aber schon wenig später von schmerzhaften Blasen gequält wird. Eine Steilvorlage für Boerne, der für die 140 Euro teuren "Billigschuhe"  nur ein verächtliches Augenrollen über hat. Es sind Szenen wie diese, die den 18. gemeinsamen Einsatz der Münsteraner Ermittler mal wieder zu einem Heidenspaß machen, wenngleich das ungleiche Duo unter Beweis stellt, dass es auch ernst sein kann: Beide zeigen sich in den Gesprächen mit der kleinen Julia Pütz (TV-Debütantin Matilda Merkel), die Thiel konsequent duzt und Boerne konsequent siezt, verständnisvoll und einfühlsam. Ganz anders geht es natürlich im Boerneschen "Leichenbunker"  zu, in dem die kleinwüchsige Silke "Alberich" Haller (Christine Urspruch) beim Gespräch über den Knochenjob Spargelernte wieder geduldig die Frotzeleien ihres selbstverliebten Vorgesetzten über sich ergehen lässt.

Boerne: "Der Job ist perfekt für Ihresgleichen - kein Bücken bei der Ernte, und es braucht nicht mehr als Ihre süßen, kleinen Trippelschritte, um von einem Spargel zum anderen zu kommen."

Während die Dialoge in Spargelzeit also gewohnt köstlich ausfallen und das Drehbuch von Jürgen Werner (Klassentreffen) und Peter Zingler (Zielscheibe) den Fans gleich ein halbes Dutzend spaßiger Zitate liefert, lässt die eigentliche Rahmenhandlung um den Mord auf einem Spargelfeld an Dynamik vermissen: Die Suche nach dem Mörder will einfach nicht richtig auf Touren kommen, zumal Pferde- und Ernährungsexperte Boerne immer wieder amüsante Vorträge über die Vorzüge des teuren Gemüses hält. Spätestens, als er bei der Steigerung der männlichen Potenz ankommt, wird es aber selbst für Münsteraner Verhältnisse ein wenig albern. So bringt einzig der Undercover-Einsatz von Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter), die Thiel als kopftuchtragende Spargelstecherin aufs Feld abkommandiert, ein wenig Schwung ins Geschehen. Die halbherzige Sozialkritik an Niedriglöhnen für polnische Gastarbeiter verpufft hingegen ohne nennenswerten Denkanstoß. Als effektiver erweist sich der Verdachtsmoment gegen Thiels "Vattern" Herbert (Claus Dieter Clausnitzer), der Staatsanwältin Klemm (Mechthild Grossmann) gehörig auf Trab bringt. So ordnet sich Spargelzeit im Mittelfeld der Münsteraner Episoden und im deutlich grünen Bereich der Gesamtreihe ein.

Bewertung: 7/10

Die Heilige

Folge: 774 | 3. Oktober 2010 | Sender: BR | Regie: Jobst Oetzmann

So war der Tatort:

Bild: BR/Kerstin Stelter
Weit weniger heilig, als es der Krimititel nahelegt, man könnte fast sagen: unheilig. Die titelgebende Gefängnisaufseherin Marie Hoflehner (Anneke Kim Sarnau) ist nämlich alles andere als Die Heilige, die so mancher Häftling in ihr sieht: Sie verhilft dem inhaftierten Hassan Adub (Mehdi Nebbou) in einem Papiercontainer zur Flucht aus der berühmt-berüchtigten JVA Stadelheim, in der einst Adolf Hitler oder die Geschwister Scholl einsaßen - wie der Vollzugsbeamte Reisig (Peter Rappenglück, Wir sind die Guten) nicht ganz ohne Stolz betont. Der 774. Tatort ist kein typischer Krimi, sondern eine Mischung aus Drogen-Drama, Knast-Thriller und einem klassischen Whodunit - daher quartieren sich die Münchner Hauptkommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) diesmal auch nicht im Polizeipräsidium, sondern in einem muffigen Kellerraum der Justizvollzuganstalt ein. In der Höhle des Löwen ermittelt es sich eben am besten - und wenn im improvisierten Büro die Ratten aus der Kloschüssel zu klettern drohen, wird die im Abwasser steckende Toilettenbürste schon mal zur Alarmanlage umfunktioniert. Leitmayrs Angst vor ungebetenen Nagern auf seinem Schreibtisch ist dann aber auch schon das Amüsanteste in diesem Tatort, in dem Regisseur Jobst Oetzmann (Im freien Fall), der gemeinsam mit Magnus Vattrodt (Herrenabend) auch das Drehbuch schrieb, dem Publikum nur wenige Momente zum Schmunzeln einräumt: Die Heilige ist ein harter und emotionaler Knast-Krimi, in dem die knackig inszenierte Auftaktgeiselnahme von Häftling Nic Schuster (Sascha Alexander Gersak, Hydra) am Ende fast in Vergessenheit gerät.

Dass Schuster seinem Mithäftling Charly Bause (Heinz-Josef Braun) einleitend ein Messer an den Hals hält, hätte zwar allein schon Stoff für neunzig spannende Tatort-Minuten geboten - doch anders als im ähnlich gelagerten Kölner Tatort Franziska ist der Schwerverbrecher schon nach wenigen Minuten überwältigt und eine Nacht später an einer Überdosis Heroin verstorben. Mord? Es ist nicht nur die Antwort auf die Täterfrage, die das Geschehen in der Folge vorantreibt - fast noch spannender als die Auflösung gestaltet sich das Schicksal von Wärterin Hoflehner und dem entflohenen Adub, die sich fernab der Haftanstalt schnell näherkommen. Während Hoflehner an das Gute im Ausbrecher zu glauben scheint und Adub in sein Heimatland Algerien schicken möchte, trifft der sich lieber mit seinen alten Komplizen Alexis (Wolfgang Menardi, Tot bist Du!), Günni (Adam Jaskolka) und Tom-Tom (Ben Akkaya, Die Sonne stirbt wie ein Tier) zum Ausbaldowern neuer Taten. Leider bleiben die drei Ex-Knackis - anders als ihr Ex-Kompagnon - klischeebeladene Abziehbilder, und auch der junge Deniz (Edin Hasanovic, Gegen den Kopf), den die Verbrecher unter ihre Fittiche genommen haben, gibt beim Verhör nur naive Teenie-Plattitüden zum Besten ("Ich dachte immer, Gangster sein ist cool, aber ich bin kein Gangster."). Vielleicht sind es einfach ein paar Figuren zu viel in diesem Tatort, dem es bei den vielen Szenen ohne Batic und Leitmayr spürbar an einer Identifikationsfigur mangelt: Die toughe Fluchthelferin Hoflehner sammelt trotz ihrer vermeintlich guten Absichten kaum Sympathiepunkte, wenngleich die spätere Rostocker Polizeiruf-Kommissarin Anneke Kim Sarnau (Hundeleben) in dieser Rolle vor allem im Zusammenspiel mit Mehdi Nebbou (Der Finger) eine bärenstarke Leistung abliefert. Der dramatische Showdown, zu dem die bis dato oft ratlosen Kommissare pünktlich am Ort des Geschehens auf der Matte stehen, reißt daher auch nur bedingt mit - und Die Heilige reicht unter dem Strich nicht ganz an hochkarätige Knast-Krimis wie Wer das Schweigen bricht heran.

Bewertung: 7/10