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Das verkaufte Lächeln

Folge: 928 | 28. Dezember 2014 | Sender: BR | Regie: Andreas Senn

So war der Tatort:

Bild: BR/Elke Werner
Gewöhnungsbedürftig. Es dauert nämlich eine Weile, bis man sich daran gewöhnt hat, dass Maxim Mehmet in einem Tatort nicht den treuen Kriminalassistenten Menzel mimt: Der blonde Schauspieler, der seit 2008 (Debüt in Todesstrafe) an der Seite der Leipziger Hauptkommissare Andreas Keppler (Martin Wuttke) und Eva Saalfeld (Simone Thomalla) auf Täterfang geht, verkörpert im Münchner Tatort Das verkaufte Lächeln den pädophilen Hauptverdächtigen Guido Buchholz - und ist deshalb alles andere als ein Sympathieträger. Getötet haben soll Buchholz den 14-jährigen Tim Kiener, der im Internet gegen Kreditkartenzahlung und teure Geschenke freizügige Videos von sich angeboten hat. Für Mehmet bietet die ungewohnte Rolle die sicher nicht unwillkommene Gelegenheit, Werbung in eigener Sache zu betreiben: Nicht zuletzt, weil der Leipziger Tatort 2016 eingestellt wird, empfiehlt sich der leinwanderprobte Schauspieler mit seiner soliden Performance schon mal für weitere Engagements. Familienvater Buchholz ist als Figur allerdings recht klischeehaft angelegt (Trainieren von Nachwuchskickern inklusive), und so sind die Stars im 928. Tatort zwei Jungdarsteller, die bereits gemeinsam für den Publikumshit Fack ju Göhte vor der Kamera standen: Anna-Lena Klenke und Nino Böhlau mimen Hanna Leibold und Florian Hof, Freunde des Opfers, die sich mit Netz-Prostitution ebenfalls bestens auskennen, während ihre Eltern völlig ahnungslos sind. Klenke überzeugt als freizügige Webcam-Lolita ebenso wie Böhlau, der als emotional zermürbter bester Freund des Toten eine Schlüsselrolle stemmt. Die Beweggründe, warum sich Hanna bereitwillig vor der Webcam auszieht (und auch Leitmayr ins Schwitzen bringt), hätte man allerdings noch ausführlicher ausarbeiten können: Die alleinige Sehnsucht nach mehr Taschengeld klingt bei ihr weniger plausibel als bei Opfer Tim, der anders als die hübsche Tochter wohlhabender Eltern aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammt.

Dennoch wirkt Das verkaufte Lächeln beunruhigend und zeitgemäß, was angesichts der digitalen Stolpersteine alles andere als selbstverständlich ist. Wenn sich die Tatort-Autoren nämlich mit den Neuen Medien beschäftigen, stehen sie immer vor einem Dilemma: Während sich die jungen Zuschauer im Internet meist besser auskennen als die Filmemacher, verstehen große Teile des älteren Publikums bei Fachbegriffen wie "IP-Adresse" nur Bahnhof. Zuletzt klang das dann meistens ziemlich hölzern - zum Beispiel in den durchwachsenen Kölner Tatort-Folgen Ohnmacht und Wahre Liebe, in denen sich Online-Laie Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) über Begriffe wie "Avatar" oder "LOL" aufklären ließ. Regisseur Andreas Senn (Kaltblütig) und Drehbuchautor Holger Joos finden in Das verkaufte Lächeln eine elegantere Lösung: Sie setzen den sympathischen Jung-Assistenten Kalli Hammermann (Ferdinand Hofer) vor den Rechner, der beim Passwort-Knacken nebenbei auf der Konsole zockt (eine der spaßigsten Szenen des Krimis) und den ergrauten Hauptkommissaren Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) ungekünstelt erklärt, was sie wissen müssen. Die geben sich weder sonderlich beeindruckt, noch überrascht - ob sie gerade dazu gelernt haben oder sich in ihren Vermutungen bestätigt sehen, bleibt einfach ihr Geheimnis. Ein Geheimnis bleibt lange auch die Auflösung der Täterfrage: Nach den vielen vorhersehbaren Folgen der letzten Wochen (vgl. Die Feigheit des Löwen oder Der Maulwurf) darf diesmal wieder fleißig mitgerätselt werden. Wenngleich die richtige Antwort nicht die ganz große Überraschung ist, bietet sie doch Gelegenheit für einen dramatischen Showdown, bei dem Katharina Marie Schubert (Ein neues Leben) stark aufspielt und bei dem die Filmemacher erst im letzten Moment die Handbremse ziehen. So ist Das verkaufte Lächeln unter dem Strich ein verhalten beginnender, am Ende aber mitreißender Krimi, der das Tatort-Jahr 2014 nach vielen Höhen und Tiefen würdig abrundet. Von Fallanalytikerin Christine Lerch (Lisa Wagner), die auch diesmal nur wenige Minuten zu sehen ist, darf in Zukunft allerdings gerne noch mehr kommen.

Bewertung: 7/10

Weihnachtsgeld

Folge: 927 | 26. Dezember 2014 | Sender: SR | Regie: Zoltan Spirandelli

So war der Tatort:

Bild: SR/Manuela Meyer
Weihnachtlich. Anders als der relativ zeitlos arrangierte Event-Tatort Die fette Hoppe, mit dem die Weimarer Hauptkommissare Lessing (Christian Ulmen) und Dorn (Nora Tschirner) 2013 einen Mediathek-Rekord aufstellten, ist Weihnachtsgeld nämlich ganz auf den Ausstrahlungstermin am 2. Weihnachtstag zugeschnitten: Ermittlungen auf dem Saarbrücker Christkindlmarkt, dampfender Glühwein und als Weihnachtsmänner verkleidete Taschendiebe, eine Weihnachtsfeier auf dem Präsidium, unerschütterliche Weihnachtshits in Endlosschleife, vor allem aber: die Weihnachtsgeschichte. Ja! Auch sie hält Einzug ins Drehbuch von Michael Illner (Undercover Camping): Die hochschwangere Maria (Fanny Krausz) flüchtet aus dem Haus ihrer Schwiegereltern und will sich von Taxifahrer Josef (Florian Bartholomäi, Vielleicht), der mit dem Weihnachtsgeld seiner Kollegen durchgebrannt ist, nach Sizilien kutschieren lassen - doch schon nach wenigen Metern platzt Maria die Fruchtblase, und die Gesuchten quartieren sich notgedrungen in einer leerstehenden Scheune ein. Kommt einem doch irgendwie bekannt vor, oder? Fehlen eigentlich nur noch die Hirten und die heiligen drei Könige - und letztere finden zumindest im Nachnamen von Bordellbesitzer Georg König (Gregor Bloéb) ihre Entsprechung. Der aufbrausende Zuhälter ist allerdings alles andere als ein Heiliger: König ist als Figur zwar nicht minder stereotyp angelegt als seine kecken Prostituierten und Marias sizilianische Schwiegereltern, am Ende aber noch der charismatischste Kopf in einem Krimi, der zwar pures Feiertagsfeeling versprüht, aber von Beginn an merkwürdig unrund wirkt. Der vielkritisierte Klamauk-Anteil in Melinda und Eine Handvoll Paradies wurde zwar bereits in Adams Alptraum auf ein erfreuliches Maß zurückgeschraubt, ein klares Konzept ist nun aber nicht mehr zu erkennen.

Der vierte Tatort mit Jens Stellbrink (Devid Striesow) und Lisa Marx (Elisabeth Brück) gestaltet sich wechselhaft: selten fesselnd, hier witzig, da ernst, meist seicht, oft überraschend, auf jeden Fall originell, unter dem Strich aber alles andere als homogen - Weihnachtsgeld ist weder Fisch, noch Fleisch. Das Einbinden der Weihnachtsgeschichte funktioniert dabei noch am besten, und wann wäre ein besserer Zeitpunkt für solch ausgefallene Spielereien als am 2. Weihnachtstag? Wenn dann noch Last Christmas und vertrauter Kirchenchorgesang in Endlosschleife dudeln, stellen sich binnen Minuten gemütliche Weihnachtsgefühle ein. Wer am 26. Dezember allerdings nichts (mehr) für Kerzenschein und Glühwein übrig hat, kommt nur bedingt auf seine Kosten: Spannung will keine aufkommen, und einen einheitlichen Erzählton sucht Regisseur Zoltan Spirandelli (Grabenkämpfe) bis zum Schluss vergeblich. Anders als beim ähnlich humorlastigen Tatort aus Münster wirken die Figuren zudem nicht aufeinander abgestimmt: Während die einmal mehr blasse Hauptkommissarin Marx und die gewohnt unterkühlt agierende Staatsanwältin Nicole Dubois (Sandra Steinbach) zum Lachen in den Keller gehen, macht Spurensicherungsleiter Horst Jordan (Hartmut Volle) vor allem durch seinen anstrengenden Übereifer auf sich aufmerksam. Stellbrink hingegen fehlt es an einem Gegenpol: Der überzeugte Rollerfahrer gibt zwar den einen oder anderen amüsanten One-Liner zum Besten, muss aber nach wie vor gegen das Witzfigürliche ankämpfen. Am Ende wirkt auch die Geschichte überfrachtet: Die Jagd auf den Taschendieb scheint einzig dem Zeigen der hübschen Weihnachtskulisse zu dienen, und als sich der Mord- und Fahrerfluchtfall auf der Zielgeraden noch zum Familiendrama wandelt, ist das des gut Gemeinten einfach zu viel. Am ehesten positiv in Erinnerung bleibt da noch Stellbrinks schüchterner Besuch in Königs Bordell, in dem standesgemäß bunte Penis-Anhänger am Tannenbaum baumeln.

Bewertung: 4/10
Frohe Weihnachten!

Der Maulwurf

Folge: 926 | 21. Dezember 2014 | Sender: MDR | Regie: Johannes Grieser

So war der Tatort:

Bild: MDR/Andreas Wünschirs
Anglizismenfrei - und nicht nur deshalb ist die Kurskorrektur, die der MDR beim zweiten Einsatz des jüngsten Tatort-Teams aller Zeiten vornimmt, unübersehbar. Der pseudocoole Jugendslang ("Fuck 'n Go?"), zu dem die Erfurter Kommissare bei ihrem Debüt in Kalter Engel noch genötigt wurden, ist Geschichte, und Energydrinks sucht man in Der Maulwurf ebenso vergeblich wie Fanartikel von Rot-Weiß Erfurt, mit denen dem schwachen Vorgänger vergeblich Lokalkolorit eingeprügelt werden sollte. Alles neu, alles besser? Leider (noch) nicht: Der zweite Fall von Hauptkommissar Henry Funck (Friedrich Mücke), Oberkommissar Maik Schaffert (Benjamin Kramme) und Neu-Kommissarin Johanna Grewel (Alina Levshin), die in Kalter Engel noch als Praktikantin ermittelte, bietet zwar weniger Angriffsfläche als der desaströse Vorgänger, ist aber bei weitem noch kein überzeugender Krimi. Dabei geht es vielversprechend los: Die einleitende Beerdigung, bei der der inhaftierte Rotlichtkönig Timo Lemke (xXx-Schauspieler Werner Daehn) beim Freigang flieht und einen Polizisten erschießt, wird spannend und authentisch in Szene gesetzt - was aber nicht zuletzt daran liegt, dass die Kommissare hier noch nicht auf der Bildfläche erscheinen. Die wirken nämlich auch weiterhin wie Abziehbilder realer Geschöpfe: Die Dialoge klingen aufgesagt und steif, die Blicke wirken gekünstelt und einstudiert, und so bleibt ihre Jugend auch weiterhin bloße Behauptung. Vor allem Funck kauft man den betont versiert agierenden Teamleiter, der nach der baldigen Entführung von Chefin Petra "Fritze" Fritzenberger (Kirsten Block) in der Verantwortung steht, nur selten ab - da kann er am Ende noch so treffende Binsenweisheiten zum Besten geben.
Funck: "Wir alle machen Fehler. Wichtig ist, daraus zu lernen."
Der MDR hat nämlich aus seinen Fehlern gelernt: Nach der vernichtenden Pressekritik zu Kalter Engel (die in einer verweigerten Interviewfreigabe unrühmlich gipfelte) landete ein bereits fertiges Drehbuch zum zweiten Fall angeblich im Papierkorb. Stattdessen schickt der Sender mit Regisseur Johannes Grieser (Nasse Sachen) und den Drehbuchautoren Leo P. Ard (Todesspiel) und Michael B. Müller drei vielfach krimierprobte Filmemacher ins Rennen. Die gehen auf Nummer Sicher und reihen im 926. Tatort einfach all das aneinander, was auch in anderen Städten funktioniert: Entführte Kolleginnen zum Erzeugen künstlicher Spannung (vgl. Ihr Kinderlein kommet oder Der Wald steht schwarz und schweiget), eine prominent besetzte Nebenrolle als todsicheren Tipp für die richtige Auflösung (vgl. Letzte Tage oder Schwindelfrei), die obligatorische Zwischengrätsche vom LKA und nicht zuletzt SEK-Einsätze, wenn sich mal wieder Leerlauf in die Handlung eingeschlichen hat. Der Maulwurf bietet nichts, was man am Sonntagabend nicht schon dutzendfach gesehen hätte. Mitreißend ist das selten, und manchmal sogar unfreiwillig komisch: Schaffert beispielsweise wirkt beim Bestellen von alkoholfreiem Bier in einem taghell ausgeleuchteten Strip-Schuppen (in dem vor Einbruch der Dunkelheit bemerkenswerter Andrang herrscht) wie ein schüchterner Teenager vorm Tittenheft-Regal (s. Bild), während eine Stangentänzerin lustlos zu Lil Jons Turn Down For What die Hüften schwingt. Man stelle sich diese Szene mit Horst Schimanski oder Peter Faber vor! Auch für zartbesaitete Zuschauer ist der Krimi nur bedingt empfehlenswert: Die psychische Gewalt bewegt sich zwar - anders in Franziska, der erst um 22 Uhr gesendet wurde - im Rahmen, doch gilt es einige brutale Szenen mit "Fritze" und ihrem Entführer Ingo Konzack (Oliver Stokowski, Königskinder) zu überstehen. Wer sich angesichts der Vorhersehbarkeit und der flachen Spannungskurve einen Spaß machen möchte, sollte einfach mal zählen, wie oft die Kommissare (allen voran Grewel) nach einer Erkenntnis nachdenklich vor sich auf den Boden blicken – das Dutzend ist schon nach einer guten halben Stunde voll.

Bewertung: 3/10
Deutlich dynamischer als der Auftritt der Strip-Tänzerin:

Der sanfte Tod

Folge: 925 | 7. Dezember 2014 | Sender: NDR | Regie: Alexander Adolph

So war der Tatort:

Bild: NDR/Christine Schroeder
Appetitverderbend - schließlich kann sich nicht jeder Zuschauer so teures und gutes Fleisch auf seinem Teller leisten wie der schwerreiche Wurstfabrikant Jan-Peter Landmann (Heino Ferch), um den sich im 925. Tatort alles dreht. "Dry-aged Rinderlende aus Mecklenburg-Vorpommern", schwärmt der Schweinebaron beim einseitigen Feierabendflirt mit Hauptkommissarin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) - natürlich viel besser und gesünder als das, was Otto Normalverbraucher so Tag für Tag im Discounter in seinen Einkaufswagen legt. Dass unser Konsumverhalten nicht gerade förderlich für das Wohlbefinden von Schwein und Rind und die Methoden der Fleischindustrie ohnehin unter aller Sau sind, haben wir zwar schon gewusst, aber Regisseur und Drehbuchautor Alexander Adolph (Der oide Depp) erzählt es uns trotzdem: In Zeiten veganer Food-Blogs oder Soja Latte zum Mitnehmen kann man schließlich gar nicht dick genug auftragen. Auch sonst hat der eigentlich begnadete Filmemacher, der zuletzt immerhin die Tatort-Hochkaräter Der tiefe Schlaf und Der Weg ins Paradies inszenierte, diesmal wenig Neues zu erzählen: Einmal mehr ermittelt Lindholm auf Weisung ihres Chefs (diesmal: Robert Dölle, Schiffe versenken) in der niedersächsichen Provinz, einmal mehr vernachlässigt sie ihren Sohn David (neu dabei: Neven Metekol) straflässig, und einmal mehr outen sich die örtlichen Behörden, die auf die Ankunft der LKA-Kommissarin offenbar nur gewartet haben, als ziemlich kompetenzfrei. So dämlich wie die stammelnde Landpomeranze Bär (Bibiana Beglau, Leben gegen Leben) hat sich an Lindholms Seite allerdings selten jemand angestellt.
Lindholm: "Ich brauche Sie jetzt - wir spielen 'Guter Bulle, böser Bulle'!"
Von einem Kurswechsel ist nach zweijähriger Furtwänglerscher Tatort-Abstinenz (letzter Auftritt in der Doppelfolge Wegwerfmädchen und Das goldene Band) nichts zu spüren: Ob wohl je ein Tatort gedreht wird, in der Lindholm mal nicht von ihrer Mama (Kathrin Ackermann) getadelt wird, nur mit einem Handtuch bekleidet aus der Dusche steigt oder sich den kitschigen Komplimenten eines Verehrers erwehren muss? Man darf getrost Zweifel anmelden. In Der sanfte Tod findet all dies zum x-ten Male statt - die Fans von Burda-Gattin Furtwängler wird es zwar freuen, einmal mehr ist das aber ziemlich vorhersehbar und einschläfernd. Was dem 22. Lindholm-Einsatz das Genick bricht, ist jedoch der Schlingerkurs, den der zweifache Grimme-Preis-Träger Adolph fährt. Ein plötzlich eingeflochtener Schockmoment, bei dem die um ihren Sohn "Carlito" (Steven Merting) trauernde Lise Ebert für zwei Sekunden zur Horrorfigur mutiert, wirkt angesichts der bis dato gemächlichen Gangart (zähe Rotwein-Dialoge von Landmann und Lindholm inklusive) völlig deplatziert, und auch als Familienkiste will der Film nicht funktionieren: Die Szenen mit Landmann-Tochter Stella (Ricarda Zimmerer) und ihrem bemüht irritiert wirkenden Vater ("Hast du etwa geraucht?") wirken steif und konstruiert, und der trinkfreudige Loser-Neffe Martin Landmann (Sebastian Weber, Tote Männer) bleibt als Figur zu schemenhaft (darf aber herzhaft das Niedersachsenlied schmettern). Zumindest der vielfach leinwanderprobte Heino Ferch (Mordnacht) erledigt als kühl-kalkulierende Komplimente-Schleuder einen soliden Job. Setzt man seinen Auftritt als aalglatter Schweinebaron ("Nehmen wir den Tieren das Leben oder schenken wir es ihnen nicht vielmehr?") aber in Relation zu ähnlich spektakulär angelegten Bösewichten der jüngeren Vergangenheit, fällt er im Vergleich zu Ulrich Matthes (überragend in Im Schmerz geboren), Yasin el Harrouk (exzentrisch in Der Wüstensohn) oder Milan Peschel (sympathisch überzeichnet in Der Hammer) doch spürbar ab. Da rettet die nette Schlusspointe, die an das verräterische Husten des Mörders in Der tiefe Schlaf erinnert, am Ende nur wenig.

Bewertung: 3/10
Sturmfest und erdverwachsen:

Die Feigheit des Löwen

Folge: 924 | 30. November 2014 | Sender: NDR | Regie: Marvin Kren

So war der Tatort:

Bild: NDR/Christine Schroeder
Nicht ganz so "supergut", wie Hauptkommissar Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) im Film gleich mehrfach betont, aber immerhin: ziemlich gut. Nach dem starken Debüt Feuerteufel, in dem Falke und seine Partnerin Katharina Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) noch in Hamburg ermittelten, fanden diese sich nach der Beförderung durch den NDR nicht nur im Dienste der Bundespolizei, sondern leider auch im Mittelmaß wieder: Der Inselkrimi Mord auf Langeoog und die in Wilhelmshaven spielende Folge Kaltstart blieben hinter den Erwartungen zurück. Bei ihrem vierten Tatort-Einsatz zeigt der Pfeil wieder nach oben: Die Feigheit des Löwen, der einige Wochen vor seiner Erstausstrahlung auch beim Filmfest Hamburg zu sehen war, ist ein etwas unübersichtlicher, aber kraftvoller Flüchtlingskrimi, der durch eingeflochtene Radioberichte und TV-Bilder aus syrischen Bürgerkriegsgebieten gekonnt im aktuellen Zeitgeschehen verortet wird. Unterstützung erhalten Falke und Lorenz in Oldenburg von einer österreichischen Gerichtsmedizinerin, die sich in Sachen Unterhaltungswert vor dem Münsteraner Kollegen Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) nicht verstecken muss: Die sympathische Pathologin Dr. Evers (Brigritte Kren) mausert sich im 924. Tatort zum Publikumsliebling und demonstriert den verdutzten Ermittlern den sogenannten Bolustod - eine der wohl fiesesten Todesarten in der Geschichte der Krimireihe. Wer hätte gedacht, dass es tatsächlich gefährlich werden kann, einen roten und einen grünen Apfel direkt hintereinander zu verputzen.
Falke: "Ich musste irgendwie an Schneewittchen denken."
Anders als in Kaltstart, dessen Geschichte um illegale Waffengeschäfte und geheimnisvolle Drohnen trotz einiger guter Ansätze eine Nummer zu groß geriet, ermitteln Falke und Lorenz diesmal auf Augenhöhe mit den Verbrechern und müssen feststellen, dass der Schrecken des syrischen Bürgerkriegs bis ins beschauliche Niedersachsen reicht. Auf einem Parkplatz sterben ein syrischer Familienvater und seine kleine Tochter. Seine Ehefrau Mira (Alev Irmak) und sein Sohnemann Ali (Mert Dincer) kommen mit dem Schrecken davon. Während sich Falkes Oldenburger Busenkumpel Jan Katz (Sebastian Schipper) an dem kleinen Jungen die Zähne ausbeißt, entwickelt der Bundespolizist schon bald väterliche Gefühle für den Kleinen: Schnell wird deutlich, dass Die Feigheit des Löwen nicht nur als Schleuserkrimi, sondern auch als hochkarätig besetztes Familiendrama funktioniert. Neben Karoline Eichhorn (Borowski und das Meer), die die deutsche Frau eines syrischen Arztes spielt, zählen auch zwei Schauspieler aus der US-Erfolgsserie Homeland zum Cast: Während Numan Acar (mimt den Terroristen Haissam Haqqani in Staffel 4) schon nach wenigen Minuten das Zeitliche segnet, drückt Navid Negahban (mimt den Terroristen Abu Nazir in Staffel 1 und 2) dem Tatort mit charismatischem Spiel seinen Stempel auf: Vom finster dreinblickenden Flüchtling Harun, der seinem Bruder Nagib (Husam Chadat) für dessen Rettungsaktion zu keiner Sekunde dankbar zu sein scheint, geht eine permanente subtile Bedrohung aus, die das dramatische Finale allerdings früh erahnen lässt. Doch es überwiegen die Stärken: Regisseur Marvin Kren (Die letzte Wiesn) und Drehbuchautor Friedrich Ani (Das Glockenbachgeheimnis), arrangieren ein ruhiges, aber überzeugendes Krimidrama mit politischem Anstrich. Und Falke und Lorenz? Die kommen sich nach einer "Billstedter Milch" bei leidenschaftlichen Zungenküssen näher und wecken damit die Vorfreude auf ihren fünften Einsatz Frohe Ostern, Falke - in dem sich vielleicht auch klärt, ob denn nun nachts etwas gelaufen ist.

Bewertung: 7/10

Eine Frage des Gewissens

Folge: 923 | 23. November 2014 | Sender: SWR | Regie: Till Endemann

So war der Tatort:

Bild: SWR/Johannes Krieg
Antipathieschürend. Nicht etwa gegen den geschiedenen Hauptkommissar Sebastian Bootz (Felix Klare), der in Eine Frage des Gewissens zwischenzeitlich in die Alkoholsucht abdriftet, oder seinen Partner Thorsten Lannert (Richy Müller), der sich wegen eines tödlichen Schusses vor Oberstaatsanwalt Blesinger (Holger Kunkel, Tote Erde) verantworten muss, nein: Einmal mehr sind es die Rechtsanwälte, die von den Drehbuchautoren der Krimireihe in ein auffallend schlechtes Licht gerückt werden. Entführen die Juristen ihre hauptverdächtigen Klienten ansonsten häufig vor den Augen der machtlosen Kommissare aus Verhörzimmern oder zeigen sie ihnen ihre Grenzen bei harschen Ermittlungsmethoden auf, will das stadtbekannte Rechtsanwaltspaar Christian (Michael Rotschopf, Borowski und der vierte Mann) und Sabine Pflüger (Caroline Ebner, Auf ewig Dein) diesmal Lannert nach dem tödlichen Schuss auf Geiselnehmer Holm Bielfeldt (Daniel Christensen, Bluthochzeit) wegen fahrlässiger Tötung zur Rechenschaft ziehen. So falsch sie mit diesem Vorwurf auch liegen, so richtig liegen sie in dem Glauben, dass der loyale Bootz seinen Kollegen bei der Anhörung in blindem Vertrauen mit seiner Aussage entlasten will, obwohl er den Schuss in einem Supermarkt gar nicht hat sehen können. Der Zuschauer ist natürlich von Minute 1 an auf der Seite der Kommissare: Zu profilierungssüchtig tritt Pflüger vor Gericht auf, zu gefühlskalt gibt er sich bei der Befragung der aufgelösten Zeugin Alice Gebauer (Luise Berndt, Auskreuzung) - hier zeigt sich einmal mehr, wie schwer es manche Berufsgruppen (allen voran die Juristen, vgl. Scheinwelten oder Ohnmacht) seit jeher in der Krimireihe haben.

Dass der 923. Tatort ein spannender, aber nicht auf ganzer Linie überzeugender Justizkrimi ist, hat aber andere Gründe. Am meisten schmerzt das unglaubwürdige Schlussdrittel, in dem die eingespielten Drehbuchautoren Sönke Lars Neuwöhner und Sven Poser (Blutdiamanten) eine zwölf Jahre zurück liegende Vergewaltigungsgeschichte in den Plot quetschen, deren Auflösung ausgerechnet in den Gerichtssaal führt. Das bietet zwar die Gelegenheit für einen knackigen Twist auf der Zielgeraden, wirkt aber mehr als konstruiert - und ist doppelt ärgerlich, weil Bootz' wackelige Falschaussage und die familiäre Situation des zunehmend abgehalfterten, von Frau und Kindern verlassenen Hauptkommissars ausreichend Stoff für ein mitreißendes Justizdrama geboten hätte. Statt aber die Frage, wie weit blinde Loyalität unter Kollegen reichen darf, konsequent zuzuspitzen, geht nach der von Regisseur Till Endemann (Zirkuskind) packend in Szene gesetzten Supermarkt-Geiselnahme alles seinen gewohnten Gang: Assistentin Nika Banovic (Mimi Fiedler) hält im sozialen Netzwerk "Stutt-net" Ausschau nach Verdächtigen, während der bissige Rechtsanwalt Pflüger auf Fehler hofft und Lannert in der Tübinger Hausbesetzer-Szene ermittelt. Staatsanwältin Emilia Alvarez (Carolina Vera) schickt  den labilen Bootz derweil in den Zwangsurlaub - und nicht etwa Lannert, der sich immerhin wegen fahrlässiger Tötung vor Gericht verantworten muss. Wirklich einleuchten will auch dieser Aspekt nicht - und so steht unter dem Strich ein spannender, aber unter vielen Logiklöchern und Zufällen leidender Tatort, der im Vergleich zu ähnlich gelagerten Justizkrimis wie dem Münchner Meilenstein Nie wieder frei sein deutlich zurückbleibt. Immerhin: Felix Klare darf bei seinem 15. Tatort-Einsatz endlich einmal zeigen, was in ihm steckt und sich von seinem sauberen Schwiegersohn-Image emanzipieren. Auch die Beziehung zwischen Lannert und Bootz wird durch die Falschaussage erschüttert - das tut dem sonst meist unspektakulär agierenden Ermittlerduo gut und treibt die Kriminalhandlung voran, statt sie auszubremsen, wie es private Nebenkriegsschausplätze im Tatort sonst so oft tun.

Bewertung: 6/10

Vielleicht

Folge: 922 | 16. November 2014 | Sender: rbb | Regie: Klaus Krämer

So war der Tatort:

Bild: rbb/Frédéric Batier
Entschlossen - und das trotz des wohl unentschlossensten Krimititels aller Zeiten: Vielleicht. Man mag dem 922. Tatort vieles vorwerfen: Vielleicht ist die mit Minority Report- und Mystery-Anleihen durchsetzte Hellseher-Geschichte etwas weit hergeholt. Vielleicht hätte der Ausstieg von Hauptkommissar Till Ritter (Dominic Raacke), der die Bühne im letzten Berliner Tatort Großer schwarzer Vogel ohne Abschiedsgruß verlassen musste, zumindest in einem Nebensatz aufgegriffen werden sollen. Und vielleicht herrscht beim ersten und letzten Solo-Auftritt von Hauptkommissar Felix Stark (Boris Aljinovic) eine gute Stunde lang alles andere als Hochspannung. Die Entschlossenheit und den Mut zum Unkonventionellen aber mag man Regisseur und Drehbuchautor Klaus Krämer, der zuletzt das prickelnde Kammerspiel Machtlos und die Suspense-Hommage Hitchcock und Frau Wernicke inszenierte, kaum absprechen: Der Autorenfilmer inszeniert einen eigenwilligen, aber denkwürdigen Abschied für Stark und entscheidet sich ganz bewusst dafür, sein TV-Publikum mit einer wunderbar offenen Schlusspointe in den Sonntagabend zu entlassen: Wer die eher zähe, von melancholischen Klavierklängen begleitete erste Filmstunde durchhält, wird mit einem packenden Finale belohnt. So mancher Zuschauer dürfte nach dem Abspann noch lange über das weitere Schicksal des schwer verwundeten Berliner Hauptkommissars sinnieren - warum auch nicht? Erschossene, erdrosselte oder versetzte Tatort-Ermittler(innen) gab es zuletzt schließlich gleich reihenweise - einen brutalen Cliffhanger allerdings auch, und der fiel im Münchner Meilenstein Am Ende des Flurs noch eine Ecke radikaler aus als hier.

Aber worum geht es in Krämers Psychostück eigentlich? Da ist die norwegische Psychologie-Studentin Trude Bruun Thorvaldsen (Lise Risom Olsen), die in Alpträumen von angeblichen Mordfällen aus der Zukunft gequält wird und vom Tod der Studentin Lisa Steiger (Tinka Fürst) träumt. Zwei Wochen später wird diese nach der Trennung von ihrem Freund Florian Patke (Florian Bartholomäi, Auf ewig Dein) erwürgt aufgefunden. Zufall oder Vorhersehung? Stark ist hin- und hergerissen - und mit ihm natürlich der Zuschauer, der vermeintliche Polizeirealität erwartet, und keine Hellseherei. Nur weil die smarte Norwegerin mit beiden Beinen im Leben steht und selbst am meisten unter ihren Träumen zu leiden scheint, wird der surreal angehauchte Plot in der Realität verankert - ganz anders als beispielsweise der schwache Schweizer Tatort Zwischen zwei Welten, in dem Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) spontan über ein Medium Kontakt zum Reich der Toten aufnahmen. Wer Traumdeutung zugunsten polizeilicher Ermittlungsarbeit als realitätsfern ablehnt, wird mit dem Film sicherlich keine Freude haben, zumal keine Gelegenheit zum Miträtseln besteht: Der Zuschauer wird einleitend Zeuge, wie Armin Teigler (Niels Bormann, Vergessene Erinnerung) Steiger erwürgt. Die Motive des Serientäters bleiben in der Folge leider auf der Strecke: Dass der Mörder seinen Opfern beispielsweise "Schatzkästchen" gewidmet hat, wird nur beiläufig angerissen ("Wir schwimmen in Beweisen!") und nicht näher ergründet, auch sein Aufbrausen gegenüber dem besonnenen Stark wirkt substanzlos. Es sind kleinere Schwächen in einem ansonsten überzeugenden Krimi, der auf der Zielgeraden richtig in Fahrt kommt und mit Schauspielerin Lise Risom Olsen eine tolle Neuentdeckung in seinen Reihen weiß. Die Norwegerin feiert ein bärenstarkes Debüt im deutschen Fernsehen und gibt die Studentin weit weniger entrückt, als man es angesichts ihrer übernatürlichen Fähigkeiten vermuten sollte. Das tut nicht nur der Figur gut, sondern dem ganzen Krimi, den die Berliner Nachfolger Meret Becker (Aus der Tiefe der Zeit) und Mark Waschke (Willkommen in Hamburg) 2015 mit ihrem Debüt Das Muli erstmal übertreffen müssen. Ob sie das schaffen? Vielleicht.
Bewertung: 7/10

Blackout

Folge: 921 | 26. Oktober 2014 | Sender: SWR | Regie: Patrick Winczewski

So war der Tatort:

Bild: SWR/Alexander Kluge
Kopperfrei - zumindest fast die komplette erste Filmhälfte. Und das ausgerechnet zum 25-jährigen Jubiläum: Ein Vierteljahrhundert nach ihrem Dienstantritt in Ludwigshafen muss Hauptkommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts, Debüt 1989 in Die Neue) in Blackout lange Zeit auf die Dienste ihres Kollegen Mario Kopper (Andreas Hoppe, Debüt 1996 in Der kalte Tod) verzichten, weil der sich als Aushilfsmusikant zu seiner heiratenden Cousine nach Italien verabschiedet. Ein Glück, dass Ersatz parat steht: Fallanalytikerin Johanna Stern (Lisa Bitter, Todesbilder), die ab sofort fest zum Team zählt, filmt schon die Auftaktleiche des Architekten Justus Wagner, dem man eine Champagnerflasche in den Hintern gesteckt hat, mit ihrem Tablet - und scheint dabei selbst nicht ganz zu wissen, warum. Wackeliges Amateurvideo statt professioneller Blitzlichtbilder der Spurensicherung? Nun ja. Man mag sich kaum vorstellen, wie bemüht diese Szene erst in zehn Jahren aussehen muss, wenn die Technik längst drei Schritte weiter ist und Blackout auf irgendeinem Dritten Programm wiederholt wird. Vieles an Sterns Attitüde erinnert an die bereits nach einer Folge wieder abservierte Kölner Aushilfsassistentin Miriam Häslich (Lucie Heinze), die Freddy Schenk (Dietmar Bär) im vielgelobten Ohnmacht mit papierloser Dokumentenverwaltung beeindruckte. Vergleicht man Sterns Profiling aber zum Beispiel mit dem des Dortmunder Kollegen Peter Faber, offenbart sich ein Klassenunterschied: Außer vielsagendem Stirnrunzeln bei der Betrachtung selbstgedrehter Videos oder der Verhöre im verspiegelten Nebenzimmer hat die junge Blondine vor allem vage Vermutungen und pseudomoderne Digitalplädoyers im Köcher.
Stern: "Wow, echtes Papier! Ist ja voll old school!"
Die Aufgaben, die sie erledigt, hätte man auch Allroundtalent Peter Becker (Peter Espeloer) mit seinem gewohnt kurpfälzischen Dialekt ("Natürlich habbich auch noch sein' Dabblet-PC gecheckt!") zugetraut. Stern scheint als Figur vor allem dazu zu dienen, frischen Wind in den zuletzt überholt wirkenden Tatort aus der Rheinstadt zu bringen und die rastlose Bauchgefühl-Ermittlerin Odenthal aus der Reserve zu locken. Ein sinnvoller Ansatz, doch das Drehbuchduo Eva und Volker A. Zahn (Scherbenhaufen) und Regisseur Patrick Winczewski, der zuletzt den schwachen Bodensee-Tatort Winternebel inszenierte, tragen dabei ziemlich dick auf. Odenthals Selbstzweifel, Fehler und Erschöpfungserscheinungen sind zwar ein erfrischender Pluspunkt und zweifellos das Interessanteste an ihrem 60. Fall - doch während die Kommissarin sich und das Schicksal ihrer Katze in den Gesprächen mit Stern, Kopper und Barkeeper Max (Christopher Buchholz) selbstreflektiert, bleiben die übrigen Figuren auf der Strecke: Außer der suizidgefährdeten Witwe Ella Wagner (Marion Mitterhammer, Ruhe sanft) wird in Blackout kaum einer der Tatverdächtigen charakterlich näher skizziert. Auch die Ermittlungen gestalten sich nur mäßig spannend, denn bis zur Auflösung und dem extrem konstruiert wirkenden Showdown im Steinbruch reihen sich viele Präsidiumssequenzen lieblos aneinander. Die Ermittler staunen über Sterns Methoden, tun das, was man in einem Krimi nach Schema F von ihnen erwartet und trinken literweise Kaffee aus leeren Tassen, weil sich die Requisite mal wieder das Befüllen gespart hat. So macht vor allem der zwar kitschig in Szene gesetzte, aber ungewohnt drastische Schlussakkord Hoffnung, dass es mit dem Tatort aus Ludwigshafen bei besseren Drehbüchern und erweiterter Besetzung wieder aufwärts gehen könnte. Das Gesamtkunstwerk Lena Odenthal bröckelte zuletzt schließlich gewaltig.

Odenthal: "Ich kann das nicht, hin- und herswitchen zwischen Arbeitstier und Privatmensch."
Stern: "Verstehe schon, Sie sind ein Gesamtkunstwerk."
Bewertung: 5/10

Auf welchen Seiten surft Lena Odenthal eigentlich im Internet?

Im Schmerz geboren

Folge: 920 | 12. Oktober 2014 | Sender: HR | Regie: Florian Schwarz

So war der Tatort:

Bild: HR/Philip Sichler
Unerreicht. Und das nicht nur aufgrund der Rekordzahl von 47 Leichen: Im Schmerz geboren ist das mit Abstand beste, was die Tatort-Reihe in ihrer über vierzigjährigen Geschichte hervorgebracht hat. Die Vorschusslorbeeren für den vierten Fall von LKA-Ermittler Felix Murot (Ulrich Tukur) und seiner Assistentin Magda Wächter (Barbara Philipp) waren groß: Erst der Produzentenpreis auf dem Filmfest München, dann der Publikumspreis in Ludwigshafen, darüber hinaus der Medienkulturpreis für einen Film, "der vorbildhaft ist für den Erhalt einer Medienkultur in Deutschland, der es unabhängig von Einschaltquoten um Qualitätsfernsehen im Bereich des Fernsehspiels geht." Sind all diese Auszeichnung gerechtfertigt? Allerdings. Wer dachte, dass Regisseur Florian Schwarz und Drehbuchautor Michael Proehl ihren Frankfurter Geniestreich Weil sie böse sind nicht noch einmal würden übertreffen können, erlebt sein blaues Tatort-Wunder. Im Schmerz geboren ist eine faszinierende Mischung aus klassischem Krimi, kunstvoll inszenierter Shakespeare-Tragödie, brutalem Italo-Western und wendungsreichem Tarantino-Streifen und atmet von Minute 1 bis 90 pure Filmgeschichte: Das beginnt bereits mit der köstlich überzeichneten Auftakt-Hommage an Sergio Leones Meisterwerk Spiel mir das Lied vom Tod, bei der Bösewicht Richard Harloff (oscarverdächtig: Ulrich Matthes, Stille Wasser) in Wiesbaden aus dem Zug steigt und von den drei bewaffneten Söhnen des Schrottplatz-Unternehmers Alexander Bosco (souverän: Alexander Held, Der doppelte Lott) erwartet wird. Sogar die sengende Hitze und die summende Fliege als Laut in der zähen Stille greifen die Filmemacher augenzwinkernd auf und lassen Murot und seinen Kollegen Schneider (Shenja Lacher) die Aufnahmen einer Überwachungskamera später so kommentieren:
Schneider: "Sieht eher aus wie ein Duell aus 'nem billigen Western."
Murot: "Oder 'nem guten."
Die folgenreiche Dreiecksbeziehung zwischen Murot, Harloff und ihrer gemeinsamen Geliebten Mariella ist das Pendant zum französischen Liebesfilmklassiker Jules und Jim von Francois Truffaut (Murot: "Harloff und ich haben diesen Film mindestens zehn Mal im Kino gesehen!"), und dank farbenfroher Freeze Frames werden sogar Erinnerungen an die Kung-Fu-Film-Welle der 70er Jahre geweckt. Im Schmerz geboren ist ein herausragend inszenierter, vor Zitaten aus Theater, Kino, Musik und Kunst nur so strotzender Meilenstein der deutschen Fernsehgeschichte, der mit abgründigen Twists und bitterbösen Dialogen aufwartet. Die hübsche Verpackung wird dabei aber nie zum Selbstzweck: Die bis in die 80er Jahre zurückreichende Geschichte reißt von Beginn an mit und entwickelt sich spätestens auf der Zielgeraden zur stimmungsvollen Tragödie. Immer wieder wird das Geschehen dabei von einem Theater-Erzähler (ebenfalls Alexander Held) kommentiert, der die vierte Wand durchbricht und direkt zum TV-Publikum spricht. Das Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks veredelt den 920. Tatort mit majestätischen Orchesterklängen und verleiht dem fesselnden Genremix etwas Episches, fast Sagenhaftes. Statt abgegriffenen Verhören nach dem Wo-waren-Sie-gestern-Abend-Prinzip wird der Zuschauer Zeuge eines Höhepunkts der vielgescholtenen öffentlich-rechtlichen TV-Unterhaltung: Hier hat einfach alles Leinwandformat, und manchmal friert die Szenerie sogar ein, um kunstvoll zum Gemälde verarbeitet zu werden. Wer am Ende nur die Toten zählt, hat schlichtweg nicht verstanden, worum es geht: Anders als beim bisherigen Leichenrekord in Kopfgeld artet der Tatort nie zum substanzlosen Actiongewitter aus, sondern macht eindrucksvoll deutlich, was mit den Gebühren der Zuschauer in 90 Minuten möglich sein kann, wenn nur die richtigen Filmemacher am Werk sind. Im Schmerz geboren sprengt als faszinierende Mischung aus romantischem Liebesdrama, brutalem Rachethriller und wendungsreichem Gangster-Epos sämtliche Grenzen und ist damit der beste und außergewöhnlichste Tatort aller Zeiten. Er ist Kunst, er ist Kino, er ist Krimi. Er ist klasse!

Bewertung: 10/10

Winternebel

Folge: 919 | 5. Oktober 2014 | Sender: SWR | Regie: Patrick Winczewski

So war der Tatort:

Bild: SWR/Martin Furch
Nebulös. Aber weniger im übertragenen Sinne, sondern buchstäblich: Im 919. Tatort spielt der spannende Auftakt nämlich im dichten Winternebel - und als der flüchtende Beat Schmeisser (Marko Dyrlich) tot am deutschen Ufer des Bodensees liegt, kommt nur der Thurgauer Kommissar Mattheo Lüthi (Roland Koch) als Todesschütze in Frage. Der plädiert auf Notwehr - doch als seine Konstanzer Kollegin Klara Blum (Eva Mattes), deren Wege er bereits in Nachtkrapp und Letzte Tage kreuzte, am Tatort eintrifft, sind an der Leiche keinerlei Schmauchspuren zu entdecken. Eine Rachetat Lüthis, basierend auf einem zurückliegenden Entführungsfall? Mitnichten, ahnt der krimierprobte Zuschauer sofort - doch spätestens nach einer halben Stunde kann es ihm eigentlich völlig egal sein. Dann nämlich spielt das prickelnde Verwirrspiel im Nebel, das Blum zunächst in eine moralische Zwickmühle bringt, überhaupt keine Rolle mehr: Lüthis Suspendierung wird ohne Begründung aufgehoben, und den Tathergang muss sich der Zuschauer einfach selbst zusammenreimen. Winternebel soll nun mal in erster Linie ein Entführungsfall sein, oder etwas überspitzt ausgedrückt: Wer die ersten 30 Minuten des Krimis verschläft, hat eigentlich nichts verpasst. Denn auch die zweite Leiche, die Sebastian Perlmann (Sebastian Bezzel) in der Nähe findet, ist für das Kerngeschehen um die Entführung von Anna Wieler (Annina Euling) nur von marginaler Bedeutung. Deren Eltern hausen (Überraschung!) in einer sterilen, kalten Villa - natürlich, es handelt sich um einen steinreichen Rabenvater (Benedict Freitag, Skalpell) und dessen schon lange nicht mehr glückliche Ehefrau (Elisabeth Niederer, Gehirnwäsche): Wer soviel Geld hat, ist im Tatort nunmal grundsätzlich unfähig, ein Haus gemütlich einzurichten.

Dass Winternebel spätestens im Schlussdrittel in Richtung unfreiwilliger Komik abdriftet, liegt aber weniger an diesen eindimensionalen Figuren oder der soliden Regie von Patrick Winczewski (Tod auf dem Rhein), sondern vielmehr am Drehbuch von Jochen Greve (Hochzeitsnacht): Sein Entführer verhält sich in fast allen Situationen - sei es beim Spontan-Gefummel mit der entführten Anna, dem demonstrativen Jojo-Spielen (um im Menschengetümmel auch ja sofort erkannt zu werden!) in der Innenstadt oder beim sorglosen Wegwerfen eines Dosen-Verschlusses - so dämlich wie kaum ein zweiter in der Geschichte der Krimireihe. Auch sonst hat Greve vor allem kratergroße Logiklöcher und praktische Zufälle im Köcher: Dass die Frau des zweiten Toten, Heike Söckle (Kristin Meyer, Quartett in Leipzig), an einer Pinnwand im Polizeipräsidium zufällig einen Verdächtigen wiedererkennt, mag man noch schmerzfrei hinnehmen, nicht aber die hanebüchene Überwachungsaktion, bei der die Polizei mit sage und schreibe 9 - in Worten: NEUN - Personen fröhlich plauschend eine Uferpromenade entlangschlendert. Wenige Sekunden zuvor hatte Perlmann schließlich noch betont, wie unvorteilhaft eine frühzeitige Entdeckung wäre. Immerhin: "Wir brauchen ein paar Decken und 'ne große Kanne Kaffee - es kann 'ne lange Nacht werden", warnt Klara Blum vor einer anstehenden Nachtschicht - und angesichts der ansonsten oft einschläfernden Folgen vom Bodensee mag man Winternebel zumindest eine gewisse Wachhalte-Wirkung nicht absprechen. Das liegt aber eher am treibenden Soundtrack von Heiko Maile, denn ansonsten wird der Krimi einzig von der Frage, ob Anna die Gefangenschaft überlebt, am Leben gehalten. "Wo ist mein Geld? Wo ist meine Tochter?" fragt ihr spontan besorgter Vater nach der Festnahme des Entführers. Man möchte ergänzen: Wen interessiert das?

Bewertung: 3/10

Wahre Liebe

Folge: 918 | 28. September 2014 | Sender: WDR | Regie: André Erkau

So war der Tatort:

Bild: WDR/Thomas Kost
Liebevoll. In Wahre Liebe suchen nämlich fast alle nach ihrem Herzblatt: Hauptkommissar Max Ballauf (Klaus J. Behrendt), der mal wieder mit seiner Gelegenheitsgeliebten Lydia Rosenberg (Juliane Köhler, Keine Polizei) anbändeln darf, die neue Aushilfsassistentin Gabi (Kathi Angerer, Der Tod spielt mit), die sich als Lockvogel in der Online-Partnerbörse "Lovecast" zur Verfügung stellt, vor allem aber drei wohlhabende Frauen, die ihr Herz nach der Kontaktaufnahme in eben jener Single-Börse an einen charmanten Heiratsschwindler (Kai Ivo Baulitz, Schlafende Hunde) mit dem vielsagenden Nickname "Zauberer" verloren haben. Die köstliche Befragungsrunde der drei verzauberten und geprellten Frauen - Kieferorthopädin Ute Schilling (Sabine Orléans, Der Frauenflüsterer), Innenarchitektin Elisabeth Sanders (Andreja Schneider, Flashback) und Alleinerbin Maren Heise (Judith Engel, Zwischen den Ohren) - zählt zu den besten Sequenzen in einem Kölner Tatort, der selten aus dem üblichen Krimischema ausbricht und erst im Schlussdrittel ein wenig an Fahrt aufnimmt. Statt gegen Großbanken oder die Pharmaindustrie feuern die Filmemacher diesmal gegen das Internet - natürlich, Online-Partnerbörsen sind unromantisch, das Verstecken der eigenen Identität hinter beliebigen Avataren (Ballauf: "Wie bitte?") birgt Gefahren, und überhaupt ist im Web ja alles furchtbar anonym. So what? Beginnend mit der ersten Tatortbesichtigung kauen die Kommissare dann platte Weisheiten über die Liebe, das Leben und ihre Beziehungen durch - das ist ermüdend, und durchaus typisch für den Tatort aus der Domstadt, der der Gesellschaft mit Vorliebe den Spiegel vorhält.

Und dann ist da noch die knuffige Aushilfsassistentin Gabi, die bei ihrem ersten und letzten Einsatz zwar ziemlich überfordert wirkt, mit ihrer bescheidenen "Ich mach sowieso wieder alles falsch!"-Art aber zumindest frischen Wind ins Präsidium bringt und den Kriminalfall deutlich mehr vorantreibt als Psychologin Rosenberg. Als sich die ehemalige Archiv-Mitarbeiterin ohne polizeiliche Überwachung mit dem "Zauberer" trifft, kommt nach einstündigem Leerlauf doch noch Spannung auf - und es spricht für das Drehbuch, dass zu diesem Zeitpunkt noch mehrere Verdächtige ernsthaft für den Mord an "Lovecast"-Chefin Natascha Klein (Suzan Anbeh) in Frage kommen. Die Auflösung dürfte das krimierprobte Publikum allerdings kaum verblüffen - schon eher die Art und Weise, wie Drehbuchautor Maxim Leo und Regisseur André Erkau die Zauberer-Geschichte ausklingen lassen. Spaß macht auch der heitere Mittelteil des Films: Staatsanwalt von Prinz (der 2013 verstorbene Christian Tasche) verabschiedet sich mit künstlichem, aber schallendem Gelächter aus der Krimireihe, während Freddy Schenk (Dietmar Bär) zu den Klängen von T.Rex' Hot Love aufs Land fährt und sich von Escort-Service-Chefin Janine Pollmann (Sabine Vitua, Frauenmorde) Honig um den Bart schmieren lässt. Derweil dreht Ballauf nach anfänglicher Skepsis eine Testrunde in der virtuellen Kennenlernwelt, in der ein Algorithmus den perfekten Deckel für jeden suchenden Topf findet - eine von vielen bemüht wirkenden Szenen, die ihn unnötig alt wirken lassen. Viel besser ist da die Begegnung der Kommissare mit der Empfangsdame des Psychotherapeuten Dr. Senfft (Christian Kerepeszki, Im Sog des Bösen): „Kripo Köln“, entgegnet Ballauf mit versteinerter Miene, als er von ihr gefragt wird, ob Freddy und er zur gleichgeschlechtlichen Partnerschaftsberatung oder zur Männergruppe angemeldet sind. Die Currywurstbude am Rheinufer ist diesmal übrigens nicht zu sehen - hätte aber wohl deutlich mehr Romantik versprüht als die roten Herzluftballons, die leitmotivisch durch die Domstadt schweben.

Bewertung: 5/10

Mord ist die beste Medizin

Folge: 917 | 21. September 2014 | Sender: WDR | Regie: Thomas Jauch

So war der Tatort:

Bild: WDR/Filmpool Filmproduktion/Wolfgang Ennenbach
Krankenhausreif. Doch Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) ist bei weitem nicht der erste Tatort-Ermittler, der in einer Klinik landet: Sein Schicksal teilten zuletzt unter anderem sein Wiener Kollege Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) in Angezählt oder der Hamburger Jung' Yalcin Gümer (Fahri Yardim) in Willkommen in Hamburg. Der Unterschied: Boerne wird in Mord ist die beste Medizin nicht beim Einsatz an vorderster Front verletzt, sondern liefert sich - wie es sich für einen Mediziner seines Formats gehört -  selbst zur Überprüfung seiner Leberwerte in die Sanusklinik in Münster ein. Dort lässt er erwartungsgemäß den verwöhnten Privatpatienten raushängen und nutzt den Aufenthalt  für Ermittlungen in einem Mordfall. Eine Ausgangslage, wie gemalt für einen humorvollen Tatort aus Münster - doch Drehbuchautorin Dorothee Schön (Bitteres Brot), die bereits zum 17. Mal ein Skript zur Krimireihe beisteuert, und Regisseur Thomas Jauch (Sonne und Sturm), der seinen 18. Tatort inszeniert, liefern unter dem Strich keinen überzeugenden Film ab. Der Krimititel ist an Mord ist die beste Medizin nämlich noch das originellste - denn sieht man von der ersten Viertelstunde ab, setzen die Filmemacher den Großteil der üppig in die Breite gefeuerten Pointen in den Sand. Zu gestellt wirkt Boernes Anecken bei den Medizinern, zu aufgesetzt die Sorge um die eigene Gesundheit, und auch seine Zimmernachbarn mausern sich nicht zu Publikumslieblingen: Während Chemo-Patient Ulrich Göbel (Schwindelfrei) in jeder freien Sekunde penetrante Volksmusik aufdreht und damit auch so manchem Zuschauer auf den Senkel gehen dürfte, versucht sein ewig kopfhörertragender Nachfolger (Serhat Cokgezen) mit einem besonders einfallsreichen Künstlernamen zu punkten:
"Bischudo."
Wer über platte Wortspiele wie diese schmunzeln kann, findet am 917. Tatort sicher Gefallen. Kaum zu bestreiten ist aber, dass Thiel, Boerne & Co. vom Niveau vergangener Tage - man denke an tolle Folgen wie Der dunkle Fleck oder Der doppelte Lott - mittlerweile meilenweit entfernt sind. Viele Gags gehen ins Leere und Spannung ist beim 27. Einsatz des populären Duos kaum vorhanden. Selbst beim vielversprechend anmutenden Showdown, in dem die furchtbar neunmalkluge Mia (Lena Meyer) den Täter in eine Falle locken soll, driftet die Sequenz beim Einsatz einer Bratpfanne als Nahkampfwaffe in den Slapstick ab. Mord ist die beste Medizin versprüht von Minute 1 bis 90 seichtes Vorabendfeeling: Von 19-Uhr-Formaten wie Großstadtrevier oder Heiter bis tödlich hebt sich die Krimikömödie in Sachen Tiefgang kaum ab. Da passt es ins Stimmungsbild, dass Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter, in Heiter bis tödlich: Hauptstadtrevier als Hauptkommissarin Julia Klug zu sehen) Mias alleinerziehenden Vater in einem halbherzigen ausgearbeiteten Nebenstrang zum Essen datet und damit für traurige Blicke beim geschiedenen Dauer-Single Thiel sorgt. Auch die Auftritte der Nebenfiguren zeugen nicht von Einfallsreichtum: Während Alt-Hippie Herbert "Vaddern" Thiel (Claus Dieter Clausnitzer) einmal mehr auf seine Vorliebe für Marihuana reduziert wird, muss sich die kettenrauchende Staatsanwältin Wilhelmine Klemm (Mechthild Großmann) diesmal Sprüche wegen ihrer maskulinen Stimme anhören. Originell ist das alles nicht - dabei haben gerade die amüsanten Überraschungsmomente den Tatort aus Westfalen einst ausgezeichnet. Der Charme der Figuren allein trägt die Krimikomödien aus Münster aber schon lange nicht mehr - und wenn das Drehbuch schwächelt, dann tut es daher der ganze Film. Da rettet das halbe Dutzend gelungener One-Liner am Ende wenig.
Boerne: „Nicht nur Proktologen kennen sich mit Arschlöchern aus.“
Bewertung: 4/10

Der Wüstensohn

Folge: 916 | 14. September 2014 | Sender: BR | Regie: Rainer Kaufmann

So war der Tatort:

Bild: BR/Heike Ulrich/
Claussen+Wöbke+Putz Filmproduktion GmbH
Diplomatisch. Die Münchner Hauptkommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) staunen nicht schlecht, als Der Wüstensohn und Teppichhändler Nasir al Yasaf (charismatisch: TV-Debütant Yasin el Harrouk) auf dem Beifahrersitz seines weißen Lamborghini eine Leiche durch die Isarstadt kutschiert und erst nach einer wilden Verfolgungsjagd gestellt werden kann: Der fünfte Sohn des Emirs von Kumar (ein fiktiver Wüstenstaat) genießt in Deutschland nämlich diplomatischen Schutz und darf für seine Eskapaden nicht belangt werden. Die Drehbuchautoren Alexander Buresch und Matthias Pacht, die bereits zwei Polizeiruf 110-Folgen zusammen konzipierten, orientieren sich an der wahren Geschichte des 2011 bei einem Luftangriff getöteten Saif al-Arab Gaddafi, der zu seiner Studienzeit in München unbehelligt von der Justiz im Sportwagen umherbrauste und nach allen Regeln der Kunst über die Stränge schlug, während sein Vater in Libyen herrschte. Political Correctness schreiben die Autoren dabei klein - das ist ungewöhnlich für die Krimireihe, für den Unterhaltungswert aber ein Riesenvorteil. "Ich kenn' dich als Rassisten - aber gegen Araber? Das ist ja ganz neu", wundert sich selbst Leitmayr, als Batic den aufbrausenden Nasir als "Kameltreiber, blöder!" beschimpft. Die Filmemacher um den leindwanderprobten Regisseur Rainer Kaufmann bedienen ganz offen Stereotypen, nehmen ihre schillernden Charaktere und die exotisch angehauchte Geschichte aber nie zu ernst. Da trottet schon mal ein Dromedar wie selbstverständlich durch den Vorgarten der Prinzenvilla.
Nasir: "Die zwei anderen sind gerade beim Besamen in Wien!"
Anders als zum Beispiel im Leipziger Klischeefeuerwerk Türkischer Honig führen die kulturellen Überspitzungen zu köstlichen, aber nie albernen Dialogen, bei denen sich die altgedienten Kommissare in Top-Form zeigen. "Wenn sie dir da die Hände abhacken, wer soll dann die Protokolle schreiben?", fragt sich der von der Messerattacke im Meisterwerk Am Ende des Flurs genesene Leitmayr, nachdem Nasir seinen Kollegen Batic am liebsten mit nach Kumar nehmen würde, um ihm dort monatlich sein jetziges Jahresgehalt zu überweisen. Spaß machen auch die Szenen mit dem zahnstocherkauenden Partylöwen Henk (herrlich dumpf: Wilson Gonzalez Ochsenknecht), der am liebsten mit einer halbnackten Blondine auf der Spielekonsole zockt und auf Kosten des Prinzen teuren Schampus kippt. Der Wüstensohn ist bis dato eine der humorvollsten Folgen aus München und hätte auch nach Münster gepasst, doch die Grenze zum Klamauk wird im 916. Tatort nie überschritten. Die zum Kitsch schon eher: Spätestens, als Nasir einen schrägen Klagegesang anstimmt, ist das gesunde Maß an kultureller Einfärbung voll. Der diplomatische Schutz des exzentrischen Arabers tritt übrigens schon bald in den Hintergrund: Anders als der kumarische Generalkonsul Abdel Saleh (Samir Fuchs, Melinda) zeigt sich Nasir kooperativ und begegnet Teppich-Freund Batic ("Der passt farblich bei mir nicht rein.") fast freundschaftlich. Erst am Ende spitzt sich die Lage erwartungsgemäß wieder zu, doch ist die Auflösung vorhersehbar: Wer einleitend auf sich aufmerksam macht und dann wieder aus dem Blickfeld der Kommissare gerät, hat beim Mord nun mal mit ziemlicher Sicherheit seine Finger im Spiel. Dem hohen Unterhaltungswert tut dies kaum Abbruch.

Bewertung: 7/10

Verfolgt

Folge: 915 | 7. September 2014 | Sender: SRF | Regie: Tobias Ineichen

So war der Tatort:

Bild: ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler
Verschwörungstheoretisch. Nachdem bereits in Kaltstart eine ferngesteuerte Drohne durch Wilhelmshaven schwirrte und die beiden Bundespolizei-Ermittler Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) und Katharina Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) aus sicherer Distanz beobachtete, widmen sich Regisseur Tobias Ineichen (Skalpell) und Drehbuchautor Matthias Mauren im Schweizer Tatort Verfolgt nun einem ähnlichen Thema: Einleitend hetzt ein paranoider Verschwörungstheoretiker durch Luzern, während die Hauptkommissare Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) den Mörder seiner Geliebten suchen. Ist IT-Experte Tom Behrens (Alexander Beyer, Ein ganz normaler Fall), der geheime Bankkonto-Daten seines Arbeitsgebers entwendet hat und selbst hinter einer Verhör-Aufzeichnung die ganz große Verschwörung wittert, am Ende selbst der Täter? Man darf Zweifel anmelden, denn schon bald konzentrieren sich die Ermittlungen auf den schmierig grinsenden Schweizer Privatbankier Sonderer (Pierre Siegenthaler) und den aalglatten deutschen Staatssekretär Demand (Markus Scheumann). Der Luzerner Tatort soll - nach Kritik von allen Seiten -  politischer werden, und das ist in Verfolgt in vielen Sequenzen zu spüren. Rein handwerklich leisten die Filmemacher dabei gute Arbeit: So eilt Behrens zu treibenden Elektro-Klängen, die wie eine aufgemotzte Variante des Chromatics-Tracks Tick of the clock (aus dem Soundtrack zu Nicolas Winding Refns Meisterwerk Drive) klingen und nicht zufällig im TV-Spot einer deutschen Großbank eingeflochten wurden, durch die Seestadt, während Kamera und Inszenierung das Vorhandensein der unsichtbaren Verfolger gekonnt suggerieren.
Behrens: "Sind wir nicht alle Whistleblower?"
Flückiger: "Hören Sie mir doch auf mit diesem Wikiliki-Scheiß!" 
In der Folge verbraucht sich dieses Katz-und-Maus-Spiel allerdings recht schnell: Das immergleiche Soundbett ermüdet ebenso wie die einmal mehr mangelhaft synchronisierten, hölzernen Dialoge. Und wer glaubt, dass der ebenfalls unter Tatverdacht stehende Arbeitslose Michael Straub (Georg Scharegg) aufgrund einer blutverschmierten Jacke im Hausmüll der Täter sein muss, hat vermutlich noch nie bei einem Sonntagabendkrimi mitgerätselt. Der abschließende Rundumschlag gegen das Finanzwesen und reiche Steuersünder ist zweifellos brandaktuell und gut gemeint, aber aller Schweizer Selbstironie zum Trotz (Flückiger: "Currywurst können die Deutschen definitiv besser!") nur mäßig gut gemacht. Ärgerlich ist vor allem die plumpe Figurenskizzierung: Der völlig überzeichnete Regierungsrat Mattmann (Jean-Pierre Cornu), der Sonderer und Demand im Sinne der deutsch-schweizerischen Völkerverständigung aus der Schusslinie hält und die Kommissare immer wieder ausbremst, mausert sich langsam zum nervigsten Nebencharakter der Krimireihe und agiert auch hier wieder ohne jeden kriminalistischen Instinkt. "Die Schweiz ist ein so wunderschönes Land, Herr Mattmann", darf Demand denn auch vielsagend säuseln, beim Zuschauer gezielt die Wut wecken und sich unverhohlen über die Machtlosigkeit des Polizeiapparats freuen. Immerhin: Verfolgt ist der bis dato beste Tatort aus Luzern und nach Schmutziger Donnerstag und Geburtstagskind ein weiterer Schritt in die richtige Richtung. Allen abgegriffenen Dialogformeln zum Trotz.
Mattmann: "Können wir denn da gar nichts mehr machen?"
Flückiger: "Nein. Die sind mächtiger als wir."
Bewertung: 5/10

Paradies

Folge: 914 | 31. August 2014 | Sender: ORF | Regie: Harald Sicheritz

So war der Tatort:

Bild: ARD Degeto/ORF/Hubert Mican
Urlaubsreif - doch vor allem für die Wiener Kommissarin Bibi Fellner (Adele Neuhauser) angesichts eines Trauerfalls alles andere als erholend. Eigentlich gerade auf dem Weg in den Kreta-Urlaub, erreicht die Ermittlerin in der Auftaktsequenz von Paradies ein Anruf: Ihr Vater Werner, zu dem sie kein gutes Verhältnis pflegt, liegt in einem Seniorenheim im Sterben. Grund genug für Fellner, den Griechenland-Trip abzusagen und mit ihrem Kollegen Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) kurzerhand in die Steiermark zu düsen. Doch nach dem Ableben ihres Erzeugers erwartet Eisner und Fellner in dem beschaulichen Bergdörfchen nicht etwa Entspannung, sondern ein Fall von Drogenhandel und Medikamentenschmuggel, dessen Spuren direkt ins Altersheim führen. Ein Hauch von Breaking Bad weht durch den 914. Tatort, der die Sommerpause 2014 nach dreimonatiger Wartezeit beendet - doch anders als in der vielfach preisgekrönten US-Serie ist die Gangart in Paradies um Längen ruhiger und auch der Erzählton deutlich seichter. Harald Sicheritz, der zuletzt bei den Wiener Tatort-Folgen Abgründe und Zwischen den Fronten am Ruder saß, inszeniert ein Krimidrama, das mit seinem humorvollen Unterton auch gut nach Münster gepasst hätte - doch während die ergrauten Schmuggler bei den Kollegen Thiel und Boerne vermutlich für Pointen am Fließ hätten herhalten müssen, ist das Verhältnis zwischen tragischen Momenten und bissigen Pointen hier deutlich ausgewogener. An Spannung mangelt es allerdings von Minute 1 bis 90: Die gemütlichen Kaffeefahrten und Apothekenbesuche im nahegelegene Ungarn wecken eher Erinnerungen an harmlose deutsche Rentnerkomödien wie Bis zum Horizont, dann links! als an Walter White und Jesse Pinkman.
Eisner: "Das hast du mir nie erzählt."
Fellner: "Muss man sowas erzählen? Sieht man doch, dass ich gestört bin!"
Vor allem in der ersten Krimistunde passiert - abgesehen von einem Bargeldfund im Schließfach des verstorbenen Vaters - wenig Aufregendes, was sich für die Charakterzeichnung jedoch als Vorteil erweist. Die toughe Kommissarin berichtet ausführlich über ihre unglückliche Kindheit und gewährt tiefe Einblicke in ihr Seelenleben - diese selbstreflexiven Sequenzen der trockenen Ex-Alkoholikerin sind nicht nur für eingefleischte Fans des Wiener Tatort-Duos hochinteressant und besser gelungen als der Versuch der Filmemacher, das Publikum für die schlimmen Folgen der Modedroge Crystal Meth (oder wie Krassnitzer es ausspricht: "Christel Mett") zu sensibilisieren. Hier hätte man die Kriminalhandlung um dealende Altenpfleger (Michael Ostrowski), profitgierige Yuppie-Enkel (Laurence Rupp) und von Spanien träumende, kleinkriminelle Senioren (Peter Weck) besser auf kleinerer Flamme geköchelt. Immerhin: Anders als 2012 und 2013, als die Krimireihe mit den durchwachsenen Schweizer Folgen Hanglage mit Aussicht und Geburtstagskind ins zweite Halbjahr startete, fällt Paradies zumindest sehr kurzweilig aus. Das liegt neben den einmal mehr prächtig harmonierenden Wiener Ermittlern auch am überragenden Branko Samarovski (Aus der Tiefe der Zeit), der sich als kauziger Ruheständler Reinhard Sommer dank seines gewitzten Naturells und seiner ausgeprägten Vorliebe für Bier und Knödel schnell zum Publkikumsliebling mausert. Das entschädigt beim ansonsten recht konstruiert wirkenden Ausflug in die Steiermark für einige Logiklöcher und das schwache Finale. Moritz Eisner und Bibi Fellner könnten ihren Urlaub aber wahrscheinlich auch neunzig Minuten am Strand verbringen oder sich über die Wassertemperatur im Pool streiten - man käme dank der authentischen Dialoge und amüsanten Frotzeleien dennoch auf seine Kosten.

Bewertung: 6/10

Freigang

Folge: 913 | 9. Juni 2014 | Sender: SWR | Regie: Martin Eigler

So war der Tatort:

Bild: SWR/Johannes Krieg
Weit weniger fesselnd als die ähnlich gelagerten Knastkrimis Franziska oder Wer das Schweigen bricht: Der Stuttgarter Hauptkommissar Thorsten Lannert (Richy Müller) ermittelt zwar wie zuletzt die Tatort-Kollegen aus Köln und Frankfurt hinter hohen JVA-Mauern, doch entpuppt sich sein vierzehnter Einsatz im "Ländle" früh als schleppender und vorhersehbarer als die Gefängnisfolgen der jüngeren Vergangenheit. Das liegt auch daran, dass die Drehbuchautoren Sönke Lars Neuwöhner (Blutdiamanten) und Martin Eigler (Blutgeld), der auch Regie führt, das harte Knastmilieu in Freigang bis auf ein paar kleinere Reibereien ausblenden und den Kriminalfall durch den Schongang jagen: Packende Psychospielchen wie in Franziska? Düstere Drohkulissen wie in Wer das Schweigen bricht? Naja. Da hat man hinter Gittern schon Beängstigenderes gesehen. Kollege Sebastian Bootz (Felix Klare) ermittelt derweil meist außerhalb der Gefängnismauern - und hat nach dem Scheidungsantrag seiner Frau mit Alkoholproblemen zu kämpfen, die ihn ungewohnt schläfrig und unaufmerksam wirken lassen. Die Auftaktleiche, an der man DNA-Spuren des mit einem denkbar wasserdichten Alibi ausgestatteten Häftlings Holger Drake (Tambet Tuisk) findet, dient wie schon in Bremer Vorgänger-Tatort Alle meine Jungs nur als Aufhänger für einen komplexeren Fall, bei dem der Kopf des kriminellen Systems aber überraschend blass bleibt: Anders als Roeland Wiesnekker, der in Alle meine Jungs als Müllmogul "Papa" Szene um Szene stiehlt, verrichtet der vielfach leinwanderprobte Herbert Knaup (Heißer Schnee) in seiner Rolle als JVA-Sicherheitschef Franke (Spitzname: "King") nur Dienst nach Vorschrift. Ganz anders seine Figur: "King" führt im Knast ein gnadenloses Regiment, bei dessen Aufdeckung Undercover-Ermittler Lannert aber nie wirklich um seine Enttarnung fürchten muss.

Würde der Stuttgarter Kommissar und Porsche-Fahrer in dem fast steril wirkenden Vorzeigeknast mal richtig in Bedrängnis geraten - beispielsweise, weil ein Häftling ihn erkannt, eine Kollege Verdacht geschöpft oder Franke seine wahre Identität gelüftet hätte, wäre aus Freigang vielleicht ein spannender Tatort geworden. Doch die Geschichte plätschert über weite Strecken vor sich hin, weil die Filmemacher selten überraschen und bloß die üblichen Krimi-Versatzstücke aneinanderreihen. Einzige Antriebsfeder des Geschehens sind die Machtspielchen des Sicherheitschefs, die erwartungsgemäß zu einer zweiten Leiche führen und später noch einen blutigen Zwischenfall beim Hallenfußball (jede Schülermannschaft würde die untalentierte Knackitruppe vom Platz fegen) nach sich ziehen. Das ist zwar kurzweilig, aber erst auf der Zielgeraden, als Lannert und Bootz bei einem Wettlauf gegen die Zeit eine weitere Leiche verhindern müssen, so richtig packend. So bleiben das Beste im 913. Tatort die köstlichen Szenen in einem Stuttgarter Bordell, die an die einstigen Treffen von Undercover-Cop Cenk Batu (Mehmet Kurtulus) und seinem Chef Uwe Kohnau (Peter Jordan) erinnern: Während die Hamburger Kollegen sich im Supermarkt oder im Miniatur Wunderland der Speicherstadt über den aktuellen Stand der Ermittlungen austauschten, wählen die Stuttgarter Kommissare ein alles andere als schalldichtes Sado-Maso-Zimmer für ihre regelmäßigen heimlichen Treffen (Bootz: "Scheiß Gestöhne hier!"). Weil Franke im gleichen Laden Stammgast ist, darf sich Lannert sogar - rein dienstlich, versteht sich - mit einer blonden Prostituierten vergnügen, um die Tarnung vor seinem neuen Chef zu wahren. Natürlich blendet die Kamera nach dem ersten Champagnerglas aus. Unter dem Strich steht damit ein nur stellenweise spannender, einfallsarmer Stuttgarter Tatort, der im direkten Vergleich zu den packenden Knastkrimis der jüngeren Vergangenheit deutlich abfällt.

Bewertung: 5/10

Alle meine Jungs

Folge: 912 | 18. Mai 2014 | Sender: Radio Bremen | Regie: Florian Baxmeyer

So war der Tatort:

Bild: Radio Bremen/Jörg Landsberg
Keineswegs für die Tonne. Denn das Drehbuch zu Alle meine Jungs ist qualitativ alles andere als das, um was sich beim 30. Einsatz von Inga Lürsen (Sabine Postel) alles dreht: Müll. Regisseur Florian Baxmeyer (Hochzeitsnacht), der den Krimi direkt im Anschluss an seinen herausragenden Bremer Tatort Brüder drehte, beweist auch diesmal wieder ein gutes Gespür für stimmige Atmosphäre und entführt den Zuschauer in eine Welt aus Abfall, Angst und Abhängigkeit. Er inszeniert einen zunächst farbenfrohen, fast freundlichen Tatort, der in einer völlig anderen Tonalität erklingt als der Vorgänger und sich nach einer Gewalteruption im Mittelteil zu einem waschechten Mafiathriller mausert. Nicht von ungefähr verweist Bewährungshelfer Uwe Frank (Roeland Wiesnekker, Fette Hunde), den alle seine vorbestraften Jungs auf der Müllhalde nur "Papa" nennen, mit ironischem Unterton auf Martin Scorseses Mafia-Meisterwerk GoodFellas. Anders als im hochspannenden Großstadtthriller Brüder, in dem Baxmeyer das Publikum in ein beängstigendes Clan-Szenario stürzte, sind die Figuren im 912. Tatort aber allesamt überzeichnet: Die Welt, in der seine als Whodunit angelegte Geschichte spielt, mutet fast wie eine Parallelgesellschaft an. Muskelbepackte, wild tätowierte und meist sprachlose Müllmänner bewohnen dieselbe Häuserzeile in einer Bremer Seitenstraße, geben sich als verschworene Gemeinschaft und gehen die Wiedereingliederung in die Gesellschaft auf ihre ganz eigene Weise an. Der undurchsichtige "Papa" hingegen residiert in einem Chinarestaurant, in dem der Boney M-Klassiker Daddy Cool und die Stones-Hymne Sympathy For The Devil dudeln, während der Müllpate sich genüsslich seinem Labskaus widmet und unbehelligt von Vorgesetzten, die sich von seiner erstklassigen Rehabilitierungsrate blenden lassen, mafiösen Geschäften nachgeht. Das mutet ziemlich skurril an und ist augenzwinkernd zu verstehen: Wer sich auf einen Tatort mit in der Realität geerdeten Figuren gefreut hat, dürfte mit Alle meine Jungs kaum glücklich werden.

Die Grenzen zwischen brodelnder Satire und klassischer Krimi-Unterhaltung verschwimmen, doch gleitet der Film nie ganz ins Komödiantische ab. Das Drehbuchautorentrio Erol Yesilkaya, Boris Dennulat und Matthias Tuchmann entspinnt ein Szenario, in dem sich das Verbrechen in orangefarbener Arbeitskluft tarnt und sich selbst Lürsen ihrer anonymen Abfallentsorgung nicht mehr sicher sein kann. "Viel zu viel Rotwein", stellt Frank trocken fest, nachdem seine Jungs die Mülltonne der Kommissarin durchwühlt und auch die Abfälle ihrer Tochter und Vorgesetzten Helen (Camilla Renschke) auf Herz und Nieren geprüft haben. Leider streift das Drehbuch diesen hochinteressanten Ansatz, Menschen mit ihrem eigenen Müll unter zu Druck zu setzen, nur im Vorbeigehen - und doch ist die Sequenz, in der der "Papa" ein entlarvendes Fundstück nach dem nächsten auf den Tisch legt, die beste des Films. Baxmeyer setzt hier auf eine knackige Parallelmontage: Während Lürsen im Präsidium vorgeführt wird, prügeln sich Kollege Nils Stedefreund (Oliver Mommsen) und der verdächtige Sascha (Jacob Matschenz, Waidmanns Heil) mit einer Übermacht finsterer Müllmänner. Wenig später stiehlt dann der aufmüpfige Tarik (Patrick Abozen, Der Fall Reinhardt) Lürsens Dienstwaffe und missbraucht sie für ein perfides Gangritual - und spätestens hier ist von der Unbeschwertheit und dem ironischen Unterton der ersten Filmhälfte nichts mehr zu spüren. Dass Alle meine Jungs am Ende ein wenig unrund wirkt, liegt aber weniger an diesem Stimmungswechsel, sondern eher an der Vielzahl der Figuren und der etwas überfrachteten Handlung: Spätestens auf der Zielgeraden, als eine Durchsuchungsaktion der Polizei die Weserstadt in napolitanische Verhältnisse stürzt, schießen die Filmemacher ein wenig über das Ziel hinaus. Dennoch ist der 30. Lürsen-Einsatz ein kurzweiliger, nie langweiliger Mix aus ironisch angehauchtem Mafiathriller und bitterem Sozialdrama, in dem Roeland Wiesnekker seine Rolle als charmanter und zugleich eiskalter Müllmogul mit Leben füllt und auch die stimmungsvolle Filmmusik einen entscheidenden Teil zur dichten Atmosphäre des Krimis beiträgt.

Bewertung: 6/10

Ohnmacht

Folge: 911 | 11. Mai 2014 | Sender: WDR | Regie: Thomas Jauch

So war der Tatort:

Bild: WDR/Martin Menke
Ärgerlich – und das aus mehreren Gründen. Zum einen wirkt Ohnmacht wie ein Rückfall in überwunden geglaubte Zeiten: Mit dem starken Franziska und dem guten Der Fall Reinhardt wähnte man den lange in der Versenkung verschwundenen Kölner Tatort wieder auf dem aufsteigenden Ast – doch nach einem spannend inszenierten Auftakt in einer U-Bahn-Station, bei dem Hauptkommissar Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) dem Tod nach einer Prügelei mit Jugendlichen knapp von der Schippe springt, ist diesmal für lange Zeit die Luft raus. Regisseur Thomas Jauch (Alter Ego) und Drehbuchautor Andreas Knaup (Nasse Sachen) erzählen eine gut gedachte, aber weniger gut gemachte Geschichte, die man in ähnlicher Form schon besser gesehen hat: Im vielgelobten Gegen den Kopf bekamen es die Berliner Kommissare ebenfalls mit rabiaten Bahn-Schlägern zu tun, doch im Vergleich dazu kann Ohnmacht selten mithalten. Meist wird viel zu dick aufgetragen: Es hagelt platte Binsenweisheiten, betroffene Blicke und überflüssige Kommentare, in denen Ballauf und sein Kollege Freddy Schenk (Dietmar Bär) aussprechen müssen, was die Bilder von Kameramann Clemens Messow längst entlarvt haben. Ärgerlich ist der Fall aber auch für die Ermittler, die das Jugendstrafrecht am liebsten neu schreiben würden: Dass die unterkühlte Haftrichterin Carola Blessing (Anne Cathrin Buhtz, Hundeleben) – typisch für dieses Rollenbild im Tatort – nur ihren Job macht, gerät angesichts ihres arroganten Auftretens und ihrer sturen Paragraphenreiterei, die Ballauf auf die Palme bringt, leicht in Vergessenheit. Hier hätte man sich weniger plumpe Zaunpfahl-Kritik am deutschen Rechtsstaat gewünscht: Lösungsansätze liefert der 911. Tatort, in dem der 2013 verstorbene Christian Tasche zum vorletzten Mal als Staatsanwalt von Prinz zu sehen ist, erwartungsgemäß keine.

Muss er ja auch nicht. Doch es passt es ins Bild, dass auch beim Blick auf die jugendlichen Rabauken viele Klischees bemüht werden: Der hochnäsige Bald-Jurist Adrian Hamstetten (Sven Gielnik, Puppenspieler) lässt die Kommissare ausgerechnet beim Waschen eines schicken Cabrios abblitzen, das verhätschelte Prinzesschen Janine Bertram (Nadine Kösters) hat es natürlich faustdick hinter den Ohren und das aggressive Problemkind Kai Göhden (Robert Alexander Baer) tritt jegliche Autorität mit Füßen. Keiner der jungen Charaktere vermag mit seinem Verhalten zu überraschen. Auch Janins Vater Gerolf (gut: Felix von Manteuffel, Rosenholz) und ihre Mutter Elisabeth (stark: Corinna Kirchhoff, Schleichendes Gift), die seit Jahren nicht mehr miteinander schlafen und die Probleme mit ihrer Tochter verdrängen, bleiben trotz ihrer charismatischen Auftritte zu schemenhaft. Während Jungschauspielerin Kösters als perfekt frisiertes Unschuldslamm mit Hang zur Gewalteruption in erster Linie wie der Engel auf Erden aussehen muss, neigt Baer zum Over-Acting und bleibt vor allem mit pseudocoolen One-Linern und penetranter Zeichensprache in Erinnerung. Dass sich die Prügel-Teenager am Ende mit einem simplen Bauerntrick aufs Kreuz legen lassen, will nicht zu ihrer vorherigen Gewitztheit passen und gipfelt in einem extrem konstruierten Showdown im Verhörzimmer, der fast in die unfreiwillige Komik abdriftet. Die heftige Schlusspointe, die die Ohnmacht der Erwachsenenwelt gegenüber dem kriminellen Nachwuchs noch einmal auf den Punkt bringen soll, kann das bei weitem nicht wettmachen. Dem Tatort mangelt es aber auch einfach an Sympathieträgern: Die neue Nerd-Kollegin Miriam Häslich (Lucie Heinze) versucht sich als selbstbewusster Digital Native („Bin ja schließlich ausgebildete IT-Fachfrau und keine Tippse!“), nervt aber mit neunmalklugen Plädoyers fürs digitale Büro. Dem staunenden Schenk, der seine Begeisterung mit eifrigem Lob („Das ist ja toll!“) und schwärmenden Blicken unterstreicht, schickt sie ein Protokoll aufs Smartphone: Willkommen im Jahr 2014, Freddy. Papierfreund und SMS-Laie Ballauf („LOL?“) hingegen lässt die Assistentin ein per Spracherkennung erstelltes Protokoll abtippen, weil darin „Brombeerjacke“ statt „Bomberjacke“ zu lesen ist. Ein Wahnsinnsgag. Aber kein Wahnsinnstatort.

Bewertung: 4/10