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Die Wahrheit

Folge: 997 | 23. Oktober 2016 | Sender: BR | Regie: Sebastian Marka

So war der Tatort:

Bild: BR/X Filme/Hagen Keller
Frustrierend - und das für alle Beteiligten. Da ist zum einen Fallanalytikerin Christine Lerch (Lisa Wagner), deren fünfter Einsatz in München ihr letzter bleibt: Die gelegentlichen Gastauftritte waren nicht nur für Wagner, die auch als Kommissarin Heller im ZDF ermittelt, sondern auch für den BR unbefriedigend, und daher gehe man im Guten auseinander, wie der Sender betont. Drehbuchautor Erol Yesilkaya (Hinter dem Spiegel) findet dafür eine pragmatische Lösung: Wagner fühlt sich in ihrem Job unterfordert und heuert beim FBI an. Frustrierend ist der Fall aber auch für Assistent Kalli Hammermann (Ferdinand Hofer), der Arbeit für drei leisten muss und bei der Gelegenheit seinen Gag aus dem vorherigen Münchner Tatort Mia san jetz da wo's weh tut wiederholt ("Kalli 1, Kalli 2, Kalli 3..."). Und frustrierend ist Die Wahrheit nicht zuletzt für die Hauptkommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl), die bei der Suche nach eben jener auf der Stelle treten: Bei einem Spaziergang mit seiner Ehefrau Ayumi (Luka Omoto) und seinem sechsjährigen Sohn Taro (Leo Schöne) wird Ben Schröder (Markus Brandl) von einem Unbekannten mit einem Messer attackiert und erliegt seinen schweren Verletzungen. In den Blickpunkt rücken nach der auf einer wahren Begebenheit basierenden, bis heute unaufgeklärten Tat jene Personen, die in der Krimireihe sonst nur wenige Sätze sagen dürfen und schnell wieder in Vergessenheit geraten: die Augenzeugen. In einer köstlichen, parallel montierten Sequenz arbeiten sich die Ermittler durch die widersprüchlichen Aussagen all jener, die glauben, Die Wahrheit gesehen zu haben und sie im Inbrunst der Überzeugung zu Protokoll geben - doch am Ende sind Batic & Co. so schlau wie vorher. Selbst ein DNA-Test, bei dem das Geräusch der Scanner wunderbar in die Klänge des Soundtracks integriert wird, liefert keine brauchbaren Ergebnisse - dafür aber den selbstironischsten Dialog der altgedienten Kommissare.
Batic: "Bis wir von denen allen die DNA haben, sind wir grau."
Leitmayr: "Das Risiko gehe ich ein."
Der 997. Tatort ist ein ungewöhnlicher, und dennoch großartiger Beitrag aus München, der sofort Erinnerungen an Dominik Grafs Meisterwerk Frau Bu lacht, Alexander Adolphs herausragenden Tatort Der tiefe Schlaf oder Max Färberböcks Meilenstein Am Ende des Flurs weckt: Die überraschende Schlusspointe gehört zu den mutigsten der Tatort-Geschichte und dürfte nach dem Abspann nicht nur in den deutschen Wohnzimmern, sondern auch in den sozialen Netzwerken für Gesprächsstoff sorgen. Dort beantwortete das Social-Media-Team der Münchner Polizei während der TV-Premiere live die Fragen des Publikums - doch die alles entscheidende Frage konnten selbst die Experten nicht auflösen, weil die Filmemacher sie ganz bewusst offen halten. Frustrierend ist Die Wahrheit daher wohl auch für so manchen Zuschauer: Ein Tatmotiv gibt es nicht und eine Beziehung zwischen Täter und Opfer scheint ausgeschlossen. Statt Ermittlungen nach Schema F und einem Aha-Erlebnis bei der Suche nach der Auflösung entwickelt sich die Geschichte aus der Frustration und Ohnmacht ihrer Hauptfiguren heraus: Während Leitmayr als Leiter der Sonderkommission wegen der ausbleibenden Erfolge von seinem Vorgesetzten Karl Maurer (Jürgen Tonkel) zusammengefaltet wird, macht es Batic wahnsinnig, dass er der verwitweten Japanerin und ihrem kleinen Sohn nicht weiterhelfen kann. Irgendwann ist zwar klar, dass die Beantwortung der Täterfrage nur über die Aussagen der Augenzeugen führt - doch die Filmemacher halten einen Trumpf in der Hinterhand und führen ihr Publikum gekonnt aufs Glatteis. Auch mit Gänsehautmomenten geizt Regisseur Sebastian Marka (Das Haus am Ende der Straße) nicht: Neben dem beklemmenden Auftaktmord und der tollen Schlusspointe bleibt auch ein hochspannend in Szene gesetzter, nächtlicher Besuch im Haus der Witwe in Erinnerung, bei der ordentlich mitgezittert darf. Nicht nur deshalb kommt dieser herausragende Tatort der Perfektion sehr nahe und wirkt nach dem Abspann lange nach. Und wenn sich Batic und Leitmayr fast die Freundschaft kündigen und beim Versöhnungsbierchen in der Karaoke-Kneipe in Erinnerungen schwelgen (Verweis auf Der freie Fall und Ex-Assistent Carlo Menzinger inklusive), ist das für das Duo mit den meisten Tatort-Einsätzen überhaupt einer der bemerkenswertesten Momente seiner mittlerweile 25-jährigen Geschichte.

Bewertung: 9/10

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