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Der rote Schatten

Folge: 1031 | 15. Oktober 2017 | Sender: SWR | Regie: Dominik Graf

So war der Tatort:

Bild: SWR/Sabine Hackenberg
Verschwörungstheoretisch. Denn Regisseur Dominik Graf (Frau Bu lacht) schlägt in seinem vierten Tatort den Bogen zum vierzig Jahre zurückliegenden Deutschen Herbst: In der Nacht zum 18. Oktober 1977 nahmen sich die RAF-Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in der JVA in Stuttgart-Stammheim das Leben, ihre Mitstreiterin Irmgard Möller überlebte schwer verletzt. Wenige Stunden zuvor hatte das GSG-9-Kommando die entführte Lufthansa-Maschine "Landshut" befreit - die RAF antwortete mit der Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer. Zur Todesnacht in Stammheim hat Graf seine ganz eigene Theorie parat, die in krassem Widerspruch zur offiziellen Version steht: War es womöglich kein Selbstmord, sondern gezielt vertuschter Mord? Die Denkanstöße des zehnfachen Grimme-Preisträgers, der das Drehbuch zu Der rote Schatten gemeinsam mit Raul Grothe schrieb, dürften für kontroverse Diskussionen sorgen, denn die damaligen Schlampereien werden in seinem sperrigen Politthriller schonungslos aufgearbeitet. Dank der authentischen Inszenierung verwischen dabei oft die Grenzen zwischen Realität und Fiktion: Dokumentarisches Material wie den Hilferuf des entführten Schleyer oder die Verhaftung von Baader & Co. kombiniert Graf mit nachgedrehten 70er-Jahre-Szenen und streut diese regelmäßig in das Geschehen im Hier und Jetzt ein. Den Generationsunterschied spiegelt der Filmemacher in den Stuttgarter Hauptkommissaren: Während Thorsten Lannert (Richy Müller) die Ideologie der RAF in ihren Grundzügen geteilt und Gudrun Ensslin sogar in einer WG kennengelernt hat (wie uns Richy Müller bereits vorab im Interview verriet), kennt Sebastian Bootz (Felix Klare) den "Krieg der Kinder gegen ihre Väter" nur aus den Medien und wird so für das jüngere TV-Publikum zur Identifikationsfigur.
Lannert: "Worum uns die RAF gebracht hat, war die Neugier. Und die Sehnsucht, die damals herrschte - politisch und gesellschaftlich. Die haben sie weggebombt."
Der rote Schatten ist ein mutiger und unbedingt sehenswerter, allerdings auch stark überfrachteter Tatort, denn das 90-minütige Korsett der Krimireihe engt den Film spürbar ein: Nicht von ungefähr hat Graf einen zehn Minuten längeren Director’s Cut schneiden lassen, auf den das TV-Publikum aber (zunächst) verzichten muss. Wer sich auf einen klassischen Krimi nach altbewährtem Schema gefreut hat, dürfte früh die Lust an diesem komplexen Politthriller verlieren, dabei verlangt Graf dem Zuschauer weniger ab als sonst: Anders als im umstrittenen Vorgänger Aus der Tiefe der Zeit verzichtet der Filmemacher auf inszenatorische Fingerübungen und das für ihn typische, oft anstrengend hohe Erzähltempo, das im Vergleich zum normalen Tempo im Tatort aber immer noch sehr sportlich ausfällt. Neben der Aufarbeitung der RAF-Todesnacht, die vor allem Lannert vorantreibt, will ja schließlich auch noch ein Mordfall in der Gegenwart gelöst werden: Die Kommissare finden einleitend im Kofferraum von Christoph Heider (Oliver Reinhard, Im Alleingang) die Leiche seiner Ex-Frau Marianne, die in ihrer Badewanne ums Leben gekommen ist. Hier stellt sich dieselbe Frage wie in Stammheim: Gezielter Mord oder Selbstmord? Ins Visier der Ermittler gerät neben Tochter Luisa (überzeugendes Debüt: Leonie Nonnenmacher) auch Heiders Freund Wilhelm Jordan (glänzend: Hannes Jaenicke, Atemnot), der von ihrer Lebensversicherung profitieren würde. Über den abgehalfterten Zocker, der früher als V-Mann in höchsten RAF-Kreisen tätig war und die gesuchte Terroristin Astrid Frühwein (eiskalt: Heike Trinker, Erfroren) in seiner Gartenlaube versteckt, wird der titelgebende lange Schatten der Stammheimer Schreckensnacht mit der Gegenwart und dem realen Kampf gegen die RAF verknüpft - die hat sich zwar 1998 offiziell aufgelöst, beschäftigt Oberstaatsanwalt Lutz (Friedrich Mücke, spielte zweimal den Hauptkommissar Henry Funck im Tatort aus Erfurt) aber noch immer. Zwar ist die Täterfrage im Hinblick auf Heiders rätselhaften Tod früh beantwortet, doch bleibt sie nicht die letzte Leiche, so dass der Spannungsbogen nie in den Keller fällt und bei der etwas hektisch zusammengeschusterten Auflösung wie gewohnt mitgerätselt werden darf. Der Konflikt zwischen der Kripo, der Staatsanwaltschaft und einer ihr übergeordneten Behörde (hier: der Verfassungsschutz) wurde in der Krimireihe aber schon ein paar Mal zu häufig erzählt, als dass diese Machtspielchen noch wirklich mitreißen würden.

Bewertung: 7/10

Hardcore

Folge: 1030 | 8. Oktober 2017 | Sender: BR | Regie: Philip Koch

So war der Tatort:

Bild: BR/Hagen Keller
Pornös. Denn Regisseur Philip Koch, der nach dem Meilenstein Der Tod ist unser ganzes Leben zum zweiten Mal für einen Tatort aus München am Ruder sitzt und das Drehbuch zu Hardcore gemeinsam mit Bartosz Grudziecki schrieb, entführt seine Zuschauer in eine Welt, die nur den wenigsten bekannt sein dürfte: in die Welt der deutschen Pornoindustrie. Deren Herz schlug schon in den 70er Jahren - man denke an Sexfilmchen wie Liebesgrüße aus der Lederhos'n - in München und hat sich durch das Internet extrem gewandelt: Wer vor Jahren dank geringer Produktionskosten und hoher Nachfrage noch den großen Reibach gemacht hat, kann sich heute kaum noch über Wasser halten. Diese Erfahrung müssen in dieser Tatort-Folge auch der von Markus Hering (Am Ende geht man nackt) gespielte Produzent Sam Jordan ("Ich bin der Cumshot-König!") und sein von Frederic Linkemann gespielter Rivale Olli Hauer ("Nee, sorry, ich mach keine MILFs!") machen, die in beruflicher Beziehung zum Opfer standen: In den leeren Studioräumen über einem Kaufhaus finden die Hauptkommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) die erdrosselte Marie Wagner (Helen Barke) - und neben ihr ein Planschbecken mit einer übel riechenden Brühe aus Körperflüssigkeiten wie Sperma und Urin. Unter dem Künstlernamen Luna Pink war Wagner ein Star der Amateurporno-Szene - und weil bei ihrem letzten Bukkake-Dreh zwei Dutzend Männer in ihrem Mund abgespritzt haben, reduziert sich der Kreis der männlichen Verdächtigen zunächst auf eben jene. Ganz zum Leidwesen der mit der Sichtung des Drehmaterials beauftragten Assistenten Kalli Hammermann (Ferdinand Hofer) und Ritschy Semmler (Stefan Betz) trugen sie aber allesamt Masken - was die Auflösung der Täterfrage erheblich erschwert.
Leitmayr: "Wir suchen jetzt einen Mann mit zwei Armen, zwei Beinen und einem eher... joa... unterdurchschnittlich großen... Glied."
Batic: "Das trifft auf halb München zu."
Wer Berührungsängste mit den Themen Sex und Pornografie mitbringt, dürfte schnell die Lust an diesem tabulosen Krimi verlieren, doch alle anderen Zuschauer dürften auf ihre Kosten kommen: Vor allem der trockene und meist nicht jugendfreie Dialogwitz macht den hohen Unterhaltungswert der 1030. Tatort-Folge aus. Die Ermittlungen konzentrieren sich auf die Protagonisten vor und hinter der Kamera, was zu köstlicher Situationskomik führt: Bei einem Besuch am Set beispielsweise diskutiert Leitmayr wie selbstverständlich mit zwei Darstellern über geldwerte Steuervorteile, während die beiden am Catering ihre Erektion am Leben erhalten und eine intimrasierte Creampie-Expertin den verdutzten Batic über lukrative Porno-Praktiken aufklärt. In einem Tatort aus Köln oder einem Tatort aus Luzern wären Szenen wie diese wohl ziemlich verkrampft ausgefallen, doch an der Isar wirkt alles wunderbar natürlich: Nie gerät das Geschehen zu albern, und auch die Moralkeule und der Erklärbär bleiben in der Regel außen vor. Wer mit Begriffen wie Cumshot und Abkürzungen wie ATM oder DP nichts anfangen kann, wird nicht alle Dialoge verstehen - ist damit aber nicht allein, weil auch die Kommissare trotz ihres soliden Grundwissens nicht jeden Terminus kennen. Explizites Material sendet die ARD selbstredend nicht: Obwohl blanke Brüste und schlaffe Penisse durchs Bild wippen und die Pornografie omnipräsent ist, wird das titelgebende Hardcore-Material nie im Detail eingefangen. Stattdessen gerät schon der Auftakt zur kunstvollen Ouvertüre: Zu den Klängen von Henry Purcells What Power Art Thou stolziert die mit einem Bikini bekleidete Wagner in Zeitlupe gen Planschbecken, um plötzlich vor dem Zuschauer in die Knie zu gehen und ihm direkt in die Augen zu blicken. Dieses gekonnte Spiel mit dem Voyeurismus des Zuschauers bleibt nicht die einzige visuelle Fingerübung, doch im Hinblick auf die Figuren offenbart der Krimi Schwächen: Dass die Ermordete die Tochter des Oberstaatsanwalt Rudolf Kysela (Götz Schulte) ist, sorgt kaum für zusätzliche Brisanz - ein anderer in der Öffentlichkeit stehender Bürger hätte für die Geschichte kaum schlechter funktioniert. Bei der Charakterzeichnung zu kurz kommen Schlüsselfigur und Ex-Pornodarstellerin Stella Harms (Luise Heyer, Taxi nach Leipzig) und vor allem ihr Mann Markus (Golo Euler, Im Schmerz geboren), während im Hinblick auf die Porno-Produzenten fleißig Klischees bedient werden. Das Ganze wird aber mit entwaffnendem Humor und tollen One-Linern aufgefangen - und so ist Hardcore nicht nur ein freizügiger, sondern auch ein amüsanter und origineller Krimi, der bei erzkonservativen Zuschauern garantiert für Empörung sorgen wird.

Bewertung: 7/10

Goldbach

Folge: 1029 | 1. Oktober 2017 | Sender: SWR | Regie: Robert Thalheim

So war der Tatort:

Bild: SWR/Alexander Kluge
Kurzfristig umbesetzt. Denn eigentlich hatte der SWR für den ersten Schwarzwald-Tatort einen echten PR-Coup gelandet: Late-Night-Talker Harald Schmidt sagte dem Sender im Dezember 2015 für den Nachfolger des Tatort aus Konstanz zu. Doch aus der geplanten Rolle als Kriminaloberrat Gernot Schöllhammer wurde nichts, denn zwei Wochen vor dem Drehstart zu Goldbach folgte aus heiterem Himmel die Rolle rückwärts: Schmidt sagte im März 2017 "aus persönlichen Gründen" ab und eröffnete Spekulationen über zu hohe Gagenforderungen und gesundheitliche Probleme. Die aus der Not geborene Last-Minute-Neubesetzung ging fast unter: Steffi Kühnert (Zirkuskind) sprang ein und ist als Kripochefin Cornelia Harms nun dauerhaft an der Seite der Freiburger Hauptkommissare Franziska Tobler (Eva Löbau, Der glückliche Tod) und Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner, Auf ewig Dein) zu sehen. Man kann sich ausmalen, wieviele Hebel der SWR kurzfristig für den Einbau einer komplett neuen Figur in Bewegung setzten musste - doch Regisseur Robert Thalheim und Drehbuchautor Bernd Lange (Neuland) gelingt es, Harms genauso gut in die Geschichte integrieren wie die Kommissare. Die werden zwar (noch) nicht mit nennenswertem Privatleben ausgestattet, bekommen dafür aber eine stimmige Kreuzung aus klassischem Whodunit und einem Vermisstenfall serviert: Nahe des kleinen Schwarzwald-Örtchens Goldbach wird die Leiche der elfjährigen Frieda (Alexa Luna Tröndle) gefunden - und während ihr Freund Paul (Aaron Kissiov), der mit ihr im Wald gespielt hatte, wohlbehalten zurückkehrt und nichts bemerkt haben will, bleibt sein bester Kumpel Linus (Oskar von Schönfels) verschwunden. Da die Ermittler am Tatort ein verstecktes Waffenarsenal finden, führt die Spur nicht nur in die Idylle des Dörfchens, sondern auch ins Darknet, das sich 2017 weiterhin großer Beliebtheit in der Krimireihe erfreut (vgl. Fangschuss, Borowski und das dunkle Netz).
Berg: "Die bestellen sich Kompakt-MGs wie Druckerpatronen."
Goldbach ist ein stark gespieltes und überzeugend arrangiertes Krimidrama, denn der Zuschauer darf gleichzeitig über das Schicksal von Linus rätseln und für sich die Frage beantworten, was sich im Wald wohl zugetragen hat: Welches Geheimnis trägt Paul mit sich herum und welche Rolle spielt Waffenhersteller Stefan Pfeiffer (Christian Heller, Der Inder), der Verbindungen in die Politik hält? Zumindest eine, die wir zum Beispiel im Tatort aus Luzern oder im Tatort aus Wien schon oft gesehen haben: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Kripochefin Harms in die Ermittlungen grätscht, weil Landesregierung und Wirtschaft ja verärgert werden könnten. Dieser Ausflug in Richtung Politthriller bringt den Krimi aber kaum voran: Besser wären die Sendeminuten in eine etwas schärfere Skizzierung der zunehmend zerstrittenen Nachbarn und Eltern der drei in die Tat involvierten Kinder investiert gewesen, die sich gegenseitig für die Tragödie verantwortlich machen. Während für Friedas Eltern Jens (Godehard Giese, Kalter Engel) und Barbara Reutter (Victoria Mayer, Satisfaktion) eine Welt zusammenbricht, versuchen Klaus (Felix Schmidt-Knopp, Zahltag) und Steffi Buchwald (Isabella Bartdorff) ihren schweigsamen Sohn Paul auszuquetschen. Martin Benzinger (Shenja Lacher, Im Schmerz geboren) und seine Frau Nicole (Odine Johne, Stau) hingegen wissen nicht mal, ob ihr vermisster Linus je zurückkehrt. Bei der Freilegung der zwischenmenschlichen Spannungen hat der 1029. Tatort seine stärksten Momente, aber der Film überzeugt auch ästhetisch: Schon die erste Einstellung - ein langes Panorama der verschneiten Bäume, durch die der tödliche Schuss hallt - macht deutlich, dass im neuen SWR-Tatort der Schwarzwald der Star ist. Der Fokus auf dessen Natur zieht sich ebenso wie ein roter Faden durch den Tatort wie der tolle düstere Klangteppich, während Verfolgungsjagden über Stock und Stein und die Indiziensuche im Unterholz in der Krimireihe eine willkommene Abwechslung bieten (ähnlich provinziell geht es meist nur im Tatort aus Österreich oder im Tatort aus Niedersachsen zu). Hier offenbart sich auch die Nähe zu Skandinavien-Krimis, mit denen das Debüt von Tobler und Berg in Sachen Spannung und Gruselfaktor aber nicht ganz mithalten kann: Vor allem im Mittelteil schleichen sich einige Längen in die Handlung ein. Dennoch ist Goldbach eine gelungene und atmosphärisch unheimlich dichte Premiere - wenn auch mit einer vorhersehbaren Auflösung.

Bewertung: 7/10

Zwei Leben

Folge: 1028 | 17. September 2017 | Sender: SRF | Regie: Walter Weber

So war der Tatort:

Bild: ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler
Frisch verliebt. Denn die Luzerner Hauptkommissare Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) sind in Zwei Leben gleich beide mit ihrer neuen Flamme zu sehen: Während Flückiger mit Eveline Gasser (Brigitte Beyeler), die der Zuschauer bereits im direkten Vorgänger Kriegssplitter bei einer gemeinsamen Nacht im Hotel zu Gesicht bekam, auf den ersten Jahrestag anstößt, hat die erste lesbische Ermittlerin der Tatort-Geschichte mit der Mitarbeiterin eines Asia-Imbisses angebandelt, die bei einer Stippvisite im Präsidium aber gerade mal zwei Wörter sagen darf und nach wenigen Sekunden wieder verschwindet. Bei der Charakterzeichnung stellt sich der SRF also weiterhin recht ungeschickt an, und auch die Drehbuchautoren Felix Benesch (Hanglage mit Aussicht) und Newcomer Mats Frey verfallen - von stärkeren Fällen wie Ihr werdet gerichtet oder Kriegssplitter mal abgesehen - schnell in die erfolglosen Muster ihrer Vorgänger: Zwischen den Kommissaren springt der Funke bei den hölzernen Dialogen ebenso wenig über wie im Gespräch mit Gerichtsmedizinerin Corinna Haas (Fabienne Hadorn), und Regierungsrat Eugen Mattmann (Jean-Pierre Cornu) hat sich genau zu der Nervensäge zurückentwickelt, die er schon 2011 in Wunschdenken oder 2014 in Zwischen zwei Welten war. Bevor Zwei Leben in die gewohnte Schweizer Behäbigkeit verfällt, geht es aber recht schwungvoll los: Busfahrer Beni Gisler (Michael Neuenschwander) muss einleitend machtlos mitansehen, wie ein Mann von einer Brücke direkt in seine Windschutzscheibe springt und auf der Straße verstirbt. Mord oder Selbstmord? Als früherer Zugführer musste Gisler schon mehrere Vorfälle dieser Art miterleben und zeigt sich entsprechend traumatisiert.
Flückiger: "Der wievielte Suizid war das in diesem Jahr?"
Haas: "Ich habe aufgehört zu zählen."
Man muss kein großer Prophet sein, um früh vorauszusehen, dass dieser lieblos in den Raum gestellte Dialog nicht die ganze Wahrheit ist: Im 1028. Tatort liegen die Karten ähnlich wie in der Berliner Lachnummer Dinge, die noch zu tun sind, in dem eine unheilbar an Krebs erkrankte Mutter zwei Dealer tötete, die ihre Tochter auf dem Gewissen hatten - und in der der Zuschauer miträtseln sollte, wer die beiden wohl ermordet haben könnte. Auch in Zwei Leben verrät der Krimititel zu viel: Wenn Schlüsselfigur und Ex-Baulöwe Jakob Conti (Markus Graf), den eine verdächtige Ähnlichkeit mit dem unbekannten Brückenspringer verbindet, angeblich 2004 im Thailand-Urlaub gestorben ist, seine Leiche aber nie gefunden wurde - war er dann womöglich gar nicht tot? Was der Zuschauer auch dank einiger bedeutungsschwangerer Blicke seines Sohnes Marco (Roland Bonjour, Stau) und seiner Frau Anita (Saskia Vester, Wer zweimal stirbt) mühelos beantworten kann, beschäftigt die Ermittler hier eine geschlagene halbe Stunde. Selbst nach dem Auftritt der dementen Gianna Conti (Tessie Tellmann, Das Recht, sich zu sorgen), die ihren angeblich toten Bruder gesehen haben will, dreht sich die Geschichte einfach weiter im Kreis. Über Flückigers gemeinsame Vorgeschichte mit dem traumatisierten Gisler erfahren wir hingegen so gut wie nichts: Dass sich der Kommissar so für den labilen Busfahrer einsetzt, wirkt von Beginn an behauptet und bringt kaum Brisanz in die von Regisseur Walter Weber (Russisches Roulette) behäbig inszenierten Ermittlungen, die auch in die Wohnung von Psychologin Dr. Sonja Roth (Stephanie Japp, Ohnmacht) führen. Über die mit dem Holzhammer konstruierte Handlung könnte man großzügig hinwegsehen, böte Zwei Leben eine knifflige Auflösung, ein spannendes Finale oder interessante Figuren - die Beantwortung der Täterfrage ist für Genrekenner dank unübersehbarer Indizien aber mühelos zu erahnen, während die Kurzauftritte des von Roger Bonjour gespielten IT-Assistenten Röbi ("Soll ich das schon mal einscannen? Dann können wir die Daten besser handlen.") ebenso in die unfreiwillige Komik abdriften wie die Wutausbrüche des traumatisierten Gisler. Und dann ist da noch die indiskutable Synchronisation der schwyzerdütschen Originalfassung, bei der die Lippen der Schauspieler und die Tonspur zwei verschiedene Geschichten zu erzählen scheinen - an die hat man sich im Schweizer Tatort aber mittlerweile fast schon gewöhnt. Findet man überhaupt etwas Positives in diesem Krimi, sind es die guten Leistungen der stark geforderten Nebendarsteller, die gegenüber der mit haarsträubenden Zufällen gespickten Handlung aber auf verlorenem Posten stehen.

Bewertung: 3/10

Stau

Folge: 1027 | 10. September 2017 | Sender: SWR | Regie: Dietrich Brüggemann

So war der Tatort:

Bild: SWR/Alexander Kluge
Nachgebaut. Denn wenngleich Stau zu großen Teilen auf der Stuttgarter Weinsteige im Herzen der deutschen Stau-Stadt Nr. 1 spielt, drehte Regisseur Dietrich Brüggemann sein Tatort-Debüt vor allem im Breisgau: In einer Messehalle in Freiburg wurde die berühmte Rechtskurve, die einen fantastischen Blick über die Stadt gewährt, mit rund 100 Metern Mauer und rund 80 Metern Bluescreen nachgebaut. Wie der Dreh ablief, verriet Hauptdarsteller Richy Müller uns im Interview, und das Ergebnis kann sich sehen lassen: Kleine Unterschiede zum Originalschauplatz werden ortskundigen Zuschauern zwar auffallen und auch die etwas sterile Atmosphäre im Feierabendverkehr lässt sich nicht leugnen, doch unter dem Strich haben die Techniker und Szenenbildner einen erstklassigen Job abgeliefert - so wie auch Brüggemann, der bei der Vorpremiere auf dem SWR Sommerfestival großen Applaus für seinen ersten Tatort erntete. Zu Recht: Der 20. Einsatz der Hauptkommissare Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare), die bei den Ermittlungen von Assistentin Nika Banovic (Mimi Fiedler) und Gerichtsmediziner Dr. Vogt (Jürgen Hartmann) unterstützt werden, ist einer ihrer besten und originellsten. Brüggemann, der das Drehbuch gemeinsam mit Daniel Bickermann schrieb, spickt die Geschichte mit großartigem Dialogwitz und lässt den gesuchten Täter direkt in den Stau fahren: Bei einem Unfall im Haigst kommt einleitend eine Jugendliche zu Tode und der einzige Fluchtweg des Täters führt direkt auf die wegen eines Wasserrohrbruchs gesperrte Weinsteige. Dort steht das halbe Dutzend Verdächtiger in seinen Autos - so wie das zur Paartherapie verabredete und köstlich zerstrittene Ehepaar Marie-Luise (Julia Heinemann) und Gerold Breidenbach (Eckhard Greiner), das sich pausenlos in die Wolle kriegt und für Lacher am Fließband sorgt.
Breidenbach: "Lieber keine Kinder, als Kinder, die vom eigenen Vater totgefahren werden."
Brüggemann bringt die typischen Tatort-Momente elegant in seinem Mikrokosmos Stau unter: Dem Leichenfund folgen eine improvisierte Obduktion, die Auswertung der Spuren und die Verhöre direkt an Ort und Stelle. In Sachen Unterhaltungswert ist jeder der Verdächtigen ein Volltreffer: Um die Figuren schon vor Lannerts Eintreffen an der Wagenschlange in aller Knappheit einzuführen und so die Basis für seine knifflige Whodunit-Konstruktion zu schaffen, inszeniert Brüggemann eine urkomische Exposition, die jede von ihnen in einer Alltagsszene zeigt und bei zur Gemütslage (un-)passenden Musik in den Stau befördert. Der Filmemacher bringt binnen Minuten alles für den weiteren Verlauf Wichtige auf die Mattscheibe und hält den Verdächtigen den Spiegel vor, ohne zu tief in die Klischeekiste zu greifen: Neben den Breidenbachs gibt es da Bruddler Günther Lommel (Rüdiger Vogler, Grabenkämpfe), den von seinem Chef ausgenutzten Matthias Treml (Daniel Nocke, schrieb bereits drei Tatort-Drehbücher), die arrogante Geschäftsfrau Ceyda Altunordu (Sanam Afrashteh) und ihren bedauernswerten Chauffeur Bernd Hermann (Jacob Matschenz, Alle meine Jungs), den kiffenden Pflegedienstfahrer Kerem (Deniz Ekinci), den untreuen Anwalt Moritz Plettner (Roland Bonjour) und die gestresste Mutter Tina Klingelhöfer (Susanne Wuest, Zwischen den Fronten), deren anstrengende Tochter Miris (Anastasia Clara Zander) am liebsten den ganzen Tag den Peter-Licht-Song Wettentspannen hören würde. Sie alle könnten die Fahrerflucht begangen haben und dürfen Lannert zum Verhör in ihrem Auto begrüßen, während Bootz sich am Unfallort umhört - mit dem urschwäbischen Hausdrachen Frau Ott (Sabine Hahn), der im Befehlston die halbe Nachbarschaft zur Schnecke macht, trifft er dort bei der Suche nach der Auflösung auch den heimlichen Publikumsliebling. Der 1027. Tatort gerät unter dem Strich zwar sehr dialoglastig, doch werden die kleinen Längen durch fantastische Dialoge, amüsante One-Liner ("Fünf Wochen unfallfrei? Kompliment.") und sympathisch-überzeichnete Charaktere mehr als wettgemacht. Zugleich ist der 20. Fall von Lannert und Bootz mit soviel Lokalkolorit durchsetzt, wie man es seit dem Abdanken ihres Vorgängers "Ärnschd" Bienzle (Dietz-Werner Steck) kaum mehr erlebt hat. Damit liefert Dietrich Brüggemann bei seinem Tatort-Debüt in tollen Cinemascope-Bildern trotz des fast immerselben Schauplatzes (fast) alles, was einen guten Sonntagskrimi ausmacht.

Bewertung: 8/10

Virus

Folge: 1026 | 27. August 2017 | Sender: ORF | Regie: Barbara Eder

So war der Tatort:

Bild: ARD Degeto/ORF/Epo Film/Hubert Mican
Hysterisch. Denn nach einer guten halben Stunde platzt im Austro-Tatort Virus die Bombe: In der beschaulichen Steiermark herrscht Ebola-Alarm! Das Seuchenkommando rückt an und das idyllische Bergdörfchen Pöllau wird binnen weniger Stunden zum Sperrbezirk. Mitten in der allgemeinen Hysterie befinden sich der Wiener Oberstleutnant Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Major Bibi Fellner (Adele Neuhauser), die vor Ort mit der Unterstützung des zuständigen Dorfpolizisten Riedl (Stefan Pohl) eigentlich nur den Mörder eines unbekannten Afrikaners (David Wurawa) finden wollen: Seine Leiche wurde im Steinbruch des einflussreichen Betreibers Thomas Reuss (Martin Niedermair) aufgefunden, Hinweise auf die Identität sind aber ebenso Mangelware wie Hinweise auf den Täter, der die geplante Sprengung des Steinbruchs offenbar ausnutzen wollte, um seine Spuren zu verwischen. Regisseurin Barbara Eder, die ihr Debüt für die Krimireihe gibt, und Drehbuchautor Rupert Henning (Schock) setzen im ersten Tatort nach der Sommerpause 2017 zunächst auf das bewährte Whodunit-Prinzip und lassen die österreichischen Ermittler Routinearbeit erledigen, die auch in den Fluchthof von Reuss' Bruder Albert (Andreas Kiendl) führt - mit der erschütternden Diagnose des Pathologen Michael Kreindl (Günter Franzmeier), der den Ebola-Erreger an der Leiche nachweist, wandelt sich der 1026. Tatort aber binnen Minuten von klassischer Sonntagskost mit politischer Botschaft zur ambitionierten Kreuzung aus Krimi, Komödie und Katastrophenthriller im Stile von Outbreak oder Contagion. Da dürfte sich nicht nur Bibi Fellner, sondern auch so mancher Stammzuschauer vorkommen wie im falschen Film.
Fellner: "Das ist irgendwie nicht ganz real, oder?"
Die vergleichsweise spektakuläre Erweiterung der etablierten Tatort-Strukturen ist zweifellos ein mutiger und nicht zwingend zum Scheitern verurteilter Ansatz - schließlich hat sich die Erfolgsreihe mit den mal mehr, mal weniger witzigen Beiträgen aus Münster und Weimar, tollen Arthouse-Krimis aus Wiesbaden (vgl. Im Schmerz geboren) oder den amerikanisch angehauchten Miniserien aus Dortmund und Berlin über die Jahre ohnehin zur Spielwiese für Filmemacher mit Spaß am Traditionsbruch entwickelt. Der permanente Wechsel des Erzähltons und die vielen albernen Einlagen, die den ernsthaften Anspruch der Geschichte kolossal untergraben, brechen dem durchaus spannend inszenierten Tatort aber letztlich das Genick. Nur ein Beispiel: Als Fellner befürchtet, mit dem titelgebenden Virus infiziert zu sein, mündet das zunächst in Todesangst und panische Blicke - schon in einer der nächsten Szenen aber witzelt sie über die umgehend eingeleiteten Isolationsmaßnahmen, obwohl die Ärzte noch keine Entwarnung gegeben haben. Ein derart wilder Stimmungsmix kann selbst im humorvoll angehauchten Tatort aus Österreich kaum funktionieren, zumal auch der Sidekick schwächelt: Assistent "Fredo" Schimpf (Thomas Stipsits), der im letzten Wiener Tatort Wehrlos erstmalig in den Mittelpunkt rückte, muss diesmal für müde Gags zur mangelnden Fitness der Polizeibeamten herhalten. Und ausgerechnet Sektionschef Ernst Rauter (Hubert Kramar) ist im Revier am schlechtesten über das Ausmaß der Katastrophe informiert. Bei Eisner und Fellner wechseln sich Licht und Schatten ab: So authentisch und verbissen sie sich bei einem schweißtreibenden (und absolut köstlichen) Trainingskampf auf der Sportmatte in die Haare kriegen, so gekünstelt und konstruiert wirkt das hektische Vorbereiten eines Geburtstagsdinners, bei dem sich Fellner in Slapstick-Manier in den Finger schneidet. Dafür punkten zwei andere Figuren: Pathologe Kreindl muss sich in Sachen Arroganz ("Wirf' dich in den Staub vor meiner forensischen Kompetenz!") noch nicht mal vor dem populären Münsteraner Kollegen Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) verstecken und der herrlich überzeichnete Einsatzleiter Dr. Klaus Rottensteiner (Markus Schleinzer, Tödliche Habgier) besticht mit seiner herrisch-hysterischen Art. Auch der stark gespielte Showdown in den Bergen der Steiermark, den die Filmemacher stimmungsvoll mit der bedrückenden Vorgeschichte in Afrika verknüpfen, kann sich sehen lassen - und die Auflösung in Virus liefert das außergewöhnlichste Tatmotiv der jüngeren Tatort-Geschichte.

Bewertung: 5/10

Borowski und das Fest des Nordens

Folge: 1025 | 18. Juni 2017 | Sender: NDR | Regie: Jan Bonny

So war der Tatort:

Bild: NDR/Christine Schroeder
Überfällig. Denn kaum ein anderer Tatort musste so lange auf seine TV-Premiere warten wie Borowski und das Fest des Nordens: Die letzte Klappe fiel im Juli 2015 und eigentlich war der Krimi als Nachfolger für den tollen Psychothriller Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes eingeplant. Doch der NDR zog Borowski und das verlorene Mädchen und Borowski und das dunkle Netz "aufgrund der jeweiligen thematischen Aktualität in der Programmplanung" vor - und so findet der Film von Regisseur Jan Bonny und Drehbuchautor Markus Busch (Feuerteufel), der eine Vorlage des wenige Monate nach den Dreharbeiten verstorbenen Bestseller-Autors Henning Mankell umgesetzt hat, erst zum Start der Kieler Woche 2017 den Weg in die Wohnzimmer. Doch obwohl Borowski und das Fest des Nordens der letzte Tatort mit Sibel Kekilli in der Rolle als Hauptkommissarin Sarah Brandt ist, macht sich die vertauschte Reihenfolge kaum bemerkbar: "Ich habe mich bewusst gegen einen Abschluss-Tatort entschieden, denn man muss eine Geschichte nicht immer auserzählen", gab der frühere Game of Thrones-Star im Vorfeld bekannt und brachte damit auf den Punkt, was für das Krimidrama auch im Allgemeinen gilt: Die Filmemacher stellen mehr Fragen, als Antworten zu geben. Über die Vorgeschichte des verzweifelt durch die Stadt streifenden Roman Eggers (Mišel Maticevic), der von seiner Frau Tamara Becker (Franziska Hartmann) verlassen wurde und einleitend seine Ex-Geliebte im Affekt erschlägt, erfahren wir zum Beispiel nur das Nötigste - und das, obwohl Eggers der Dreh- und Angelpunkt in diesem Tatort ist. Auch im Hinblick auf die Gefühlswelt von Brandt und ihrem Kollegen Klaus Borowski (Axel Milberg) bleiben Fragen offen - zum Beispiel, warum der sonst so besonnene Kommissar betrunken in einem Restaurant randaliert, sich so sehr mit dem Killer verbunden fühlt (was selbst Milberg nicht nachvollziehen kann) und das Tischtuch zwischen Borowski und Brandt so zerschnitten scheint wie nie zuvor.
Borowski: "Ich will Sie auch dreimal am Tag in die Förde schmeißen und ich mache es nicht. Das macht doch noch keinen Mörder aus mir."
Die 1025. Tatort-Folge ist alles andere als leichte Kost und nicht nur ästhetisch eine der ausgefallenen und anstrengenden Sorte: Die Schnitte sind hart gesetzt, die Bilder im Cinemascope-Format werden oft mit einer wackeligen Handkamera eingefangen und die Dramaturgie wirkt sehr sprunghaft. Auch erzählerisch brechen die Filmemacher mit einigen Tatort-Regeln und verzichten zum Beispiel auf das Whodunit-Prinzip: Beim nicht lange auf sich warten lassenden zweiten Mord an einem Drogendealer darf der Zuschauer Eggers erneut über die Schulter schauen - eine beklemmende und für die Krimireihe bemerkenswert brutale Szene, bei der man körperlich förmlich mitleidet. Getoppt wird sie nur durch eine über sechs (!) Minuten dauernde, raue Sequenz, in der Eggers den Geldverleiher Rolf Felthuus (Ronald Kukulies, Hundstage) aufsucht: Die Gewalt steigert sich von subtilen verbalen Anfeindungen über Aggressionen und bis zum existenziellen Kampf um Leben und Tod, der auch dank des herausragenden Spiels und der physischen Präsenz von Mišel Maticevic (Ihr werdet gerichtet) noch lange nachwirkt. Spätestens hier wird klar: Trotz des drohenden Anschlags auf die Kieler Woche - der flüchtige Eggers hat bei seinem früheren Arbeitgeber Sprengstoff mitgehen lassen - ist Borowski und das Fest des Nordens keine dieser Tatort-Folgen, bei denen es bei einem Wettlauf gegen die Zeit in letzter Sekunde einen Terrorakt zu verhindern gilt (vgl. Sturm, Der Weg ins Paradies), sondern vielmehr ein aufwühlendes und forderndes Thrillerdrama im Stile eines Dominik Graf (Aus der Tiefe der Zeit). Die Arbeit der Kripo rückt immer wieder in den Hintergrund, was angesichts der früh beantworteten Täterfrage und der rührenden Vater-Tochter-Geschichte zwischen Eggers und Töchterchen Luisa (Lilly Barshy) hinter dem Rücken der Kommissare aber kaum stört. Sieht man die Ermittler bei ihrem dreizehnten gemeinsamen Einsatz zu zweit, zanken sie ohnehin fast ununterbrochen, was stellenweise sehr aufgesetzt wirkt: Das zwischenmenschliche Tief zwischen Borowski und Brandt gipfelt kurz vor dem Abspann sogar in Handgreiflichkeiten. Kein Wunder: Die mutige Schlusspointe ist das I-Tüpfelchen auf den erzählerisch gewöhnungsbedürftigen, aber erstklassig besetzten und handwerklich überzeugenden Film, mit dem sich Sibel Kekilli trotz der genannten Schwächen würdig aus der Krimireihe und der Tatort in die Sommerpause 2017 verabschiedet.

Bewertung: 7/10

Level X

Folge: 1024 | 11. Juni 2017 | Sender: MDR | Regie: Gregor Schnitzler

So war der Tatort:

Bild: MDR/Gordon Muehle
Online. Denn schon der Auftaktmord in Level X macht deutlich, was den Zuschauer in den folgenden eineinhalb Stunden erwartet: Der populäre Prankster Robin "Simson" Kahle (Merlin Rose) wird nach einem live ins Netz gestreamten Scherz von einer Rockergruppe durch die Dresdner Altstadt gejagt - und kurz darauf nicht nur vor den Augen seiner verdutzten Verfolger, sondern auch vor den Augen tausender Zuschauer in den sozialen Netzwerken von einem Unbekannten erschossen. Schon zu diesem frühen Zeitpunkt werden Live-Tweets, Avatare und Nicknames der jungen Simson-Follower ins Bild montiert: Regisseur Gregor Schnitzler (Der treue Roy) und Drehbuchautor Richard Kropf erzählen in Zeiten von Julien Bam und des live auf Facebook gestreamten Mordes eines US-Amerikaners eine moderne und im Ansatz vielversprechende Geschichte, doch sie tragen bei der Umsetzung häufig viel zu dick auf. Das offenbart sich zum Beispiel dann, wenn parallel zum Live-Stream die Offline-Reaktionen der gebannten Zuschauer eingefangen werden: Stadtbusse und beliebte Touri-Plätze scheinen in Dresden ausnahmslos von aufgeregten Teenagern mit Smartphones bevölkert zu sein, denn andere Personen sind in diesen Szenen schlichtweg nicht im Bild. Der nähere Blick auf die Figuren offenbart dann Klischees und Stereotypen an allen Ecken und Enden: Die Hauptkommissarinnen Karin Gorniak (Karin Hanczewski) und Henni Sieland (Alwara Höfels) bekommen es unter anderem mit dem bis ins Karikatureske, aber leider nicht ironisch überzeichneten Online-Unternehmer Magnus Cord (Daniel Wagner, Die Kunst des Krieges) zu tun, der den ermordeten Prankster zum Ärger von dessen Vater Raimund Kahle (Jörg Bundschuh) erfolgreich vermarktet hatte und bei den Befragungen pausenlos mit dämlichen Business-Anglizismen aus allen Rohren schießt.
Cord: "Content is king, und er hat delivered."
Während Cord sich früh als nervtötendste Figur der jüngeren Tatort-Geschichte entpuppt, sind seine ultrakreativen junge Mitarbeiter ("Alle Talents, wir sind ein Open Space.") allesamt blasse Nerds oder Vollbart zum Zopf tragende Hipster, die in den Couchmöbeln der futuristischen Büroräume rumlümmeln und ihre Smartphones nur im Notfall aus der Hand legen. Auch Wilson Gonzalez Ochsenknecht (Der Wüstensohn) bleibt bei seiner zweiten Tatort-Rolle als Prankster "Scoopy" ein lebloses Abziehbild. Der tiefe Griff in die Klischeekiste ist aber nicht die einzige Parallele zum schwachen Tatort Echolot, der beim Publikum sang- und klanglos durchfiel und auch für uns der schwächste Tatort des Jahres 2016 war: Wie der Bremer Fadenkreuzkrimi mit Lürsen und Stedefreund knüpft auch Level X an das Motto einer ARD-Themenwoche an - 2017 heißt es "Woran glaubst du?". Dieses thematische Korsett erweist sich erneut als Reinfall: Der 1024. Tatort ist zweifellos ein flotter und stylish inszenierter Krimi, doch die hippe Verpackung kann die klischeebeladenen Figuren und die Drehbuchschwächen bei weitem nicht übertünchen. Dass mit Kommissariatsleiter Peter Michael Schnabel (Martin Brambach) ein waschechter Online-Allergiker zum Team zählt, der mit seinen Sprüchen ("Ich hab dieses verdammte Internet im Verdacht!") schon im durchwachsenen Debüt Auf einen Schlag für Lacher sorgte, kommt den Filmemachern nämlich sehr gelegen: Schnabel muss bei seinem dritten Auftritt ausschließlich dafür herhalten, in der Welt der Hashtags und Live-Pranks nur Bahnhof zu verstehen. Spätestens, als der verheiratete Chef vom IT-Kollegen Ingo Mommsen (Leon Ullrich) beim Surfen auf einer Datingseite ertappt wird, ist dieser Gag endgültig auserzählt. Anders als Gorniak und Sieland, die mit der Trennung von ihrem Freund Ole Herzog (Franz Hartwig) zu kämpfen hat, scheint sich Schnabel als Figur schon beim dritten Auftritt nicht mehr weiterzuentwickeln. So lebt Level X weniger von der dünnen Kritik am Hype um junge Internet-Stars, dem zum Leidwesen der als Pfarrerin tätigen Eva Kohn (Karina Plachetka, Verfolgt) auch deren Tochter Emilia (Caroline Hartig) verfällt, sondern allein von der Suche nach der Auflösung, die in der obligatorischen Verfolgungsjagd gipfelt. Trotz des spannenden Showdowns überwiegen aber die Schwächen, zu denen auch das seltsam uninspiriert eingeflochtene Lokalkolorit zählt: Wie in einem älteren James Bond-Film wurde mit bemerkenswerter Häufigkeit vor Postkarten-Motiven gedreht - sogar das Fußballstadion von Dynamo Dresden wurde als Kulisse für einen komplett überflüssigen Handlungsschlenker noch mit der Brechstange in den Plot gehämmert.

Bewertung: 3/10

Amour fou

Folge: 1023 | 5. Juni 2017 | Sender: rbb | Regie: Vanessa Jopp

So war der Tatort:

Bild: rbb/Andrea Hansen
Hintergründig. Denn schon lange hat sich kein Tatort mehr so viel Zeit genommen für die Umgebung, in der die Beteiligten aufeinanderprallen: Trotz des Titels, der thematisch an den letzten Münchner Tatort Die Liebe, ein seltsames Spiel anknüpft, verliert sich Amour fou nicht in einem Bäumchen-Wechsel-Dich der freien Liebe, sondern geht den Umständen auf den Grund, die Menschen miteinander verbinden und bei denen ein Mord manchmal als Nebenprodukt mit herauskommt. Mehr noch, das Krimidrama beleuchtet die Auswirkungen, die ein Mord auf die Verantwortlichen hat. Während der Zuschauer es gewohnt ist, die Spannung zwischen gezeigter Tat am Anfang der Sendezeit bis zur Auflösung auszuhalten, wird uns selten gezeigt, wie die in die Tat Involvierten diesen Prozess miterleben: Auch für sie ist zwischen dem Tod eines Menschen und der Aufklärung durch die Berliner Hauptkommissare Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke) alles in der Schwebe. Für diese Schwebe findet Regisseurin Vanessa Jopp (Der schwarze Troll), die mit Meret Becker bereits einen der besten Berlin-Filme, Komm näher gedreht hat, eine Form, die Fragen weit über das übliche "Wer war es?" hinaus stellt. Das Tempelhofer Feld ist der Ruhepol, zu dem der 1023. Tatort immer wieder in langen Bildern ohne Dialoge zurückkommt (herausragende Kamera: Judith Kaufmann, Wem Ehre gebührt). Aber der Tatort hält sich nicht auf mit dem Freiraum auf dem Feld, den jeder füllen kann, wie er möchte, sondern konzentriert sich auf den Culture Clash zwischen den Hochhäusern der Rollbergsiedlung und großbürgerlichen Prunk-Altbauten und führt die Kommissare schön an ihre Grenzen. Lediglich Spurensicherer Knut Jansen (Daniel Krauss), der in einem Laubengarten die schwarze Brandleiche des homosexuellen Gesamtschullehrers Enno Schopper untersuchen muss, kann kulturell mit der Bildungselite mithalten.
Jansen: "Machst'n Schild dran, schickst es zur documenta: Der Mann im Plastikliegestuhl."
Eigentlich muss man diesen Tatort zwei Mal schauen, weil er geschickt die Fragen hinter den Fragen des Mordfalls verschiebt. Die komplexe Erzählstruktur kann man einem erstklassigen Schauspieler wie Jens Harzer (Es lebe der Tod) getrost anvertrauen: Er verkörpert grandios Armin Berlow, den Ehemann des getöteten Lehrers. Sein hintergründiges Spiel eröffnet einen Raum für die Facetten der Trauer, der schwulen Normalität im Problemkiez, der den Kontext des Mordfalls weit überschreitet. Dieser ist jedoch mit zahlreichen Windungen und Wendungen, die Drehbuchautor Christoph Darnstädt (schrieb zuletzt die Bücher zu vier Hamburger Tatort-Folgen mit Tschiller und Gümer) geschickt um das Thema Vorurteile arrangiert hat, ebenfalls sorgfältig gebaut - wenngleich sie dazu führen, dass der Plot in den letzten Minuten etwas überladen wirkt. Nach grandiosen 70 Minuten voller lebendiger Großstadt-Impressionen und einer Meditation über Gefühle, Abhängigkeiten und Lebensentwürfe - nicht zuletzt auch in der Chancenungleichheit, die es in einem reichen Land wie Deutschland immer noch gibt - bekommt die Auflösung in ihren verstricken Motiven etwas zu wenig Ruhe und Raum. Neben dieser feinteiligen Handlung verblasst die eingependelte Kabbelei von Rubin und Karow etwas, weil sie ohne die Motivation der in Dunkelfeld abgeschlossenen Ermittlungen wegen seines getöteten Ex-Partners auf der Stelle tritt. Weiterhin sind die beiden per Sie, weiterhin pflegen sie ihre Unstimmigkeiten - Rubin in ihrer wiederaufgewärmten Ehe, Karow in sexuellen Eskapaden, die gerne auch im Präsidium und im Umfeld der Mordermittlungen ihren Ausgang nehmen. Beide haben gelernt, abends früher zu gehen und laden die Recherchearbeit bei der eifrigen Hospitantin Anna Feil (Carolyn Genzkow) ab - sieht man von Karows neuer Lieblingsmethode, dem Luminoltest, einmal ab, mit dem dieser Tatort seinen kriminaltechnisch volkspädagogischen Auftrag erfüllt. Der Status quo der Ehe von Nina und Viktor Rubin (Alexander Tesla) hingegen dient diesmal in erster Linie als Vergleichsmoment dafür, dass in der heteronormalen Ehe auch nicht unbedingt die große Liebe blühen muss. Trotz der genannten Schwächen ist Amour fou aber ein starker, nachdenklicher Tatort mit herausragenden Schauspielern und einer pfiffigen Schlusswendung - die durch die verträumten Klänge von Charles Trenets La Mer, den französischen Krimititel und ein paar unauffällig eingeflochtene Bilder rauschender Brandungswellen elegant angedeutet wird.

Bewertung: 8/10


Die Liebe, ein seltsames Spiel

Folge: 1022 | 21. Mai 2017 | Sender: BR | Regie: Rainer Kaufmann

So war der Tatort:

Bild: BR/Claussen+Putz Filmproduktion GmbH/Hendrik Heiden
Polyamor. Denn wir lernen: Liebt man mehrere Menschen gleichzeitig und wissen diese voneinander, lebt man polyamor - so wie es Psychologin Dr. Julia Stephan (Anna Schäfer, Mein Revier) in diesem Tatort tut. Und so, wie es Architekt Thomas Jacobi (Martin Feifel, Aus der Tiefe der Zeit) wohl besser hätte tun sollen: Mit fünf Frauen gleichzeitig hat der Mann ein Verhältnis, doch die fallen aus allen Wolken, als sie voneinander erfahren. Neben Dr. Stephan war Jacobi mit Mordopfer Verena Schneider liiert, die Hauptkommissar Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Assistent Kalli Hammermann (Ferdinand Hofer) tot vor einem Münchner Mietshaus finden, außerdem mit deren bester Freundin Nicole Büchner (Hanna Scheibe, Schwarze Tiger, weiße Löwen), der Friseurin Heike Gonzor (Anastasia Papadopoulou) und seiner Hausärztin Dr. Andrea Slowinski (Juliane Köhler, Nachbarn). Auch Batic hat sich in eine Affäre gestürzt: Drei Wochen nach dem letzten Auftritt von Ayumi Schröder (Luka Omoto) im packenden Meisterwerk Der Tod ist unser ganzes Leben ist von Abschiedsschmerz nichts zu spüren. Die Liebe, ein seltsames Spiel knüpft inhaltlich nicht an den aufwühlenden Vorgänger an, was einfach zu erklären ist: Der Film von Regisseur Rainer Kaufmann (Der Wüstensohn) wurde einige Monate früher gedreht, aber später ausgestrahlt. Entsprechend wenig Tiefgang entwickelt die Bettgeschichte von Batic und Josie Cremer (Viola Wedekind): Ein bisschen nackte Haut, ein paar Turteleien zwischen den Laken - das war's. Überhaupt ist der 76. Fall von Batic und Leitmayr eher ein leichter Film über die Liebe als ein spannender Krimi - der Dialogwitz bei den Befragungen der vier noch lebenden Liebhaberinnen sorgt aber zumindest für einige Lacher.
Stephan: "Es tut mir leid, aber ich nehme hier mein Zeugnisverweigerungsrecht als seine Lebenspartnerin in Anspruch."
Leitmayr: "Das sie gar nicht haben. Wenn, dann sowieso nur ein Fünftel. Also, bitte."
Schon früh verfestigt sich der Eindruck, dass Drehbuchautorin Katrin Bühlig (Frühstück für immer) die Batic-Liebelei (nicht die erste übrigens, vgl. Das Glockenbachgeheimnis) in die Geschichte geschrieben hat, um damit eine der ältesten aller Tatort-Regeln zu befolgen: Was den Ermittlern bei ihren Nachforschungen im Kriminalfall begegnet, wird häufig in ihrem Privatleben gespiegelt (wie zuletzt in Nachbarn oder Fangschuss). Auch sonst schalten die Filmemacher im 1022. Tatort über weite Strecken auf Autopilot und arbeiten einen Standardmoment nach dem nächsten ab: Die erste Leiche liegt zum Auftakt parat, die zweite nach einer knappen Stunde - dazwischen gibt es unzählige Befragungen und ein halbes Dutzend Verdächtige, von denen eine vorübergehend aus dem Blickfeld gerät. Die Liebe, ein seltsames Spiel ist ein Tatort, nach dem man die Uhr stellen kann und bei dem in erster Linie spannungsscheue Zuschauer mit Freude an der Tätersuche Gefallen finden dürften. Die gipfelt aber in einem schwachen Finale: So vorhersehbar die eine Hälfte der Auflösung dank der unübersehbaren Hinweise auf die Täterin ausfällt, so hanebüchen ist die andere - am Ende driftet der Film dank des aberwitzigen Mordmotivs sogar in die unfreiwillige Komik ab (wenngleich der Schlussakkord ein netter Seitenhieb auf den Münchner Mietspiegel ist). So schlecht hat man den Tatort von der Isar seit über drei Jahren nicht mehr gesehen (vgl. Allmächtig), denn auch die Nebenfiguren bleiben blass: Juliane Köhler wird in ihrer eindimensionalen Nebenrolle als Hausärztin des Hauptverdächtigen ähnlich wenig gefordert wie sonst in ihrer Rolle als Psychologin Lydia Rosenberg im Tatort aus Köln, während man sich bei Jacobi fragt, was all die betrogenen Frauen nur an diesem Unsympathen finden - allen voran seine schwer verliebte, aber von ihm verschmähte Angestellte Anna Marie Fritsch (Genija Rykova, Der Himmel ist ein Platz auf Erden). So ist es am Ende vor allem den sympathischen Hauptfiguren zu verdanken, dass Kaufmanns zweiter Beitrag zur Krimireihe kein kompletter Fehlschlag ist: Das Spannungsbarometer schlägt in diesem unterdurchschnittlichen Münchner Tatort zwar kein einziges Mal nach oben aus, aber die altgedienten Kommissare harmonieren einmal mehr prächtig und locken den aufgeweckten Kalli regelmäßig aus der Reserve ("Tja, Kalli - was fragt der Fernsehkommissar jetzt?"). Der schießt genauso gern zurück - versucht aber bis zum Schluss vergeblich, den glücklichen Dauer-Single Leitmayr mit seiner Mutter zu verkuppeln. Schade eigentlich.

Bewertung: 4/10

Der Tod ist unser ganzes Leben

Folge: 1021 | 30. April 2017 | Sender: BR | Regie: Philip Koch

So war der Tatort:

Bild: BR/X Filme/Hagen Keller
Nötig. Denn als im Oktober 2016 die letzten Minuten der großartigen Münchner Tatort-Folge Die Wahrheit über die Mattscheiben geflimmert waren und Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) den Täter weder ermittelt noch gefasst hatten, verlangten viele Fans nach einer Fortsetzung: Ein brutaler Mörder, der am Ende entkommt? Im Tatort undenkbar! Doch der BR hatte längst vorgesorgt: Heimlich, still und leise hatte der Sender einen Nachfolger drehen lassen und gab dies nach dem Abspann über die sozialen Medien bekannt. Aber war das wirklich nötig? Wäre es nicht viel wirkungsvoller gewesen, das Ende offen zu lassen und gezielt mit den Sehgewohnheiten des Publikums zu brechen? Angesichts der überragenden Fortsetzung Der Tod ist unser ganzes Leben, der noch eine Ecke spannender ausfällt als der hochklassige Vorgänger, kann man konstatieren: Es war nötig! Denn ähnlich wie bei den Kieler Beiträgen Borowski und der stille Gast und Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes ziehen die Filmemacher die Daumenschrauben in der Fortsetzung deutlich an: Statt als Whodunit-Konstruktion nach Schema F entpuppt sich der Film schon früh als mitreißender Psychothriller und existenzielles Drama, das gehörig an die Nieren geht. Der Täter steht dabei von Beginn an fest, denn der Mörder von Ben Schröder wird nach der Attacke auf ein weiteres Opfer identifiziert: Es ist Thomas Barthold (fantastisch: Gerhard Liebmann, Die letzte Wiesn), der mit seiner stoischen Ruhe, seiner abfälligen Gleichgültigkeit und einem auffälligen Zahlen-Tick nicht nur optisch an Hollywood-Killer John Doe (Kevin Spacey) aus David Finchers Meisterwerk Sieben erinnert und die Ermittler psychisch und physisch bis an ihre Grenzen bringt. Schon bald steht alles auf dem Spiel - nicht nur die Lösung des Falles, sondern auch die Gesundheit und das 26-jährige Vertrauensverhältnis der ergrauten Ermittler, die wie in Die Wahrheit fleißig in Erinnerungen schwelgen.
Batic: "Der Carlo, der hat seine Frau und sein Leben. Und wir? Keine Frau, kein Leben. Nur Leichen. Der Tod ist unser ganzes Leben."
Regisseur Philip Koch und Drehbuchautor Holger Joos (Das verkaufte Lächeln) erzählen die Geschichte auf zwei miteinander verschachtelten zeitlichen Ebenen und bringen auch einige elegant eingeflochtene Rückblicke auf den Vorgänger unter - eine wahre Herkulesaufgabe, die die Filmemacher mit Bravour meistern. Weil man Batic und Leitmayr schon zu Beginn im Krankenhausbett und auf Krücken durch die Gegend humpeln sieht und sich Leitmayr zudem vor dem Untersuchungsausschuss unter Vorsitz der argwöhnischen Kriminaloberrätin Horn (Lina Wendel, Blutschuld) verantworten muss, stellt sich sofort die Frage, wie es dazu kommen konnte: Man kann zwar erahnen, das beim Gefangenentransport des inhaftierten Barthold unter Aufsicht der Justizbeamten Sabine Merzer (Friederike Ott) und Robert Steinmann (Jan Bluthardt) etwas Dramatisches passiert, aber nicht was und warum. Dass es in Wir sind die Guten, in dem Batic sein Gedächtnis verlor und unter Mordverdacht stand, eine recht ähnliche Geschichte gab und auch Leitmayr in Der traurige König schon mal bei der internen Ermittlung antanzen musste, stört hier angesichts des immens hohen Unterhaltungswerts nicht im Geringsten. Denn auch handwerklich ragt der 1021. Tatort um Längen aus der durchschnittlichen Krimimasse heraus: Schon der beklemmende Auftaktmord läuft zu einem bedrohlichen Klangteppich in Zeitlupe ab - nur eine von vielen großartig in Szene gesetzten Sequenzen, mit der die Weichen früh auf Hochspannung gestellt werden. Auch in der Folge bleibt dem Zuschauer kaum Zeit um Luftholen: Die düstere Atmosphäre zieht sich ebenso konsequent durch den Film wie die alles überstrahlende Frage nach der Wahrheit, die zum zweiten Mal binnen sieben Monaten zum Leitmotiv im Krimi aus München wird: Was verschweigt Batic seinem Freund und Kollegen - und hat er sich womöglich selbst zum Schuldigen gemacht? Wer diese Frage beantwortet wissen will, braucht neben einem guten Nervenkostüm auch einen robusten Magen: Das Blut fließt in diesem überraschend brutalen Beitrag aus Bayern gleich literweise - es sind fast die einzigen Farbtupfer in den auffallend ausgeblichenen Bildern, die sich nachhaltig ins Gedächtnis brennen. So ist Der Tod ist unser ganzes Leben unter dem Strich eine der spannendsten Tatort-Folgen aller Zeiten - und der 75. gemeinsame Fall zugleich einer der besten der altgedienten Münchner Ermittler, die erfreulicherweise noch nicht ans Aufhören denken.
Batic: "Was ist schon die Wahrheit?"
Leitmayr: "Die Wahrheit ist, dass wir beide noch ein paar Jahre vor uns haben."
Bewertung: 10/10

Wehrlos

Folge: 1020 | 23. April 2017 | Sender: ORF | Regie: Christopher Schier

So war der Tatort:

Bild: ARD Degeto/ORF/Hubert Mircan
Schimpffreudig. Denn sie alle granteln, streiten und schimpfen in diesem österreichischen Tatort nach Herzenslust: Chefinspektor Moritz Eisner (Harald Krassnitzer), der seine neue Flamme Samy Graf (Ruth Brauer-Kvam, Kolportage) nach dem Mord am Leiter der Wiener Polizeischule vorübergehend sitzen lassen muss, Major Bibi Fellner (Adele Neuhauser), der Eisners neue Flamme gar nicht in den Kram passt, und sogar der emsige Tollpatsch-Assistent Manfred "Fredo" Schimpf (Thomas Stipsits), der bei seinem sechsten Auftritt so viel Verantwortung übernimmt wie noch nie und dessen Nachname diesmal Programm ist. Nach einem Streit mit seiner Frau muss Schimpf sich sogar für eine Nacht bei Fellner einquartieren, was wiederum Sektionschef Ernst Rauter (Hubert Kramar) gegen den Strich geht - das streitende Quartett ist komplett und Wehrlos ein Paradebeispiel dafür, dass die Spannungen unter den Ermittlern so fest zur Krimireihe gehören wie die Augen von Horst Lettenmayer und die Musik von Klaus Doldinger. Auch im Umfeld des Toten wird fleißig gestritten und geschimpft - im Nachbarhaus des Ermordeten streitet ein wunderbar überzeichnetes Ehepaar, in der Leichenhalle sind es die Gerichtsmediziner, und dann ist da noch Fellners Busenfreund Inkasso-Heinzi (Simon Schwarz), der einen Insidertipp für die Ermittler parat hat: Er verweist auf die "depperte Bonny" (Simone Fuith, Falsch verpackt) und den "süßen Clyde" (Sebastian Wendelin), die den Toten erpresst hatten und als Figuren deutlich besser zum irren Iwan, zum treuen Roy oder zum scheidenden Schupo nach Weimar gepasst hätten. Ansonsten sieht sich Inkasso-Heinzi bei Eisners Befragungen mal wieder in der Opferrolle, obwohl er es faustdick hinter den Ohren und er kaum mal ein nettes Wort für seine Angestellten übrig hat - einfach köstlich.
Inkasso-Heinzi: "Bist du total deppert? Wieso bestellst du alkoholfreies Bier?"
Die erste halbe Stunde der 1020. Tatort-Ausgabe ist eine fast pausenlose Schimpf- und Streittirade - und da das alles in brutalem österreichischen Dialekt und bei nicht ganz optimaler Tonabmischung stattfindet, dürften nicht wenige deutsche TV-Zuschauer früh zur Fernbedienung greifen. Der 40. Einsatz von Harald Krassnitzer ist selbst für geübte Ohren eine akustische Herausforderung, ansonsten aber frei von handwerklichen Schwächen: Regisseur Christopher Schier, der mit Wehrlos sein Spielfilmdebüt feiert, setzt das Geschehen souverän und ohne größere Spielereien in Szene. Drehbuchautor Uli Brée (Sternschnuppe) hat eine klassische Whodunit-Konstruktion geschrieben, die vor allem im Hinblick auf die Weiterentwicklung der Figuren interessant ist - der zu lösende Mordfall gerät durch die vielen zwischenmenschlichen Misstöne aber immer wieder aus dem Blickfeld. Erst nach der obligatorischen zweiten Tatort-Leiche rücken die Filmemacher die Suche nach dem Mörder in den Vordergrund - der Kreis der Verdächtigen ist diesmal allerdings sehr eng gesteckt. Das liegt auch daran, dass das Innenleben der Polizeischule, in die sich Fellner nach einem erneuten, diesmal allerdings fingierten (oder womöglich doch echten?) Streit mit Eisner einschleust, nur sehr spärlich beleuchtet wird: Böte Fellners Einsatz die Gelegenheit für spannende Ermittlungsarbeit im Auge des Sturms und das Freilegen der von Macht und Angst geprägten Zustände in der Ausbildungseinrichtung, beschränkt sich die Geschichte fast nur auf Scharmützel mit dem feindseligen Ausbilder Thomas Nowak (charismatisch: Simon Hatzl, Tod unter der Orgel), der ein strenges Regiment führt und ein Auge auf die junge Polizeianwärterin Katja Humboldt (stark: Newcomerin Julia Richter) geworfen hat. Letztere ist zwar die spannendste, weil verschlossenste Figur in diesem Krimi, doch erfahren wir unter dem Strich zu wenig über ihren schweren Stand in der Männerwelt, als dass ihr Schicksal wirklich betroffen machen würde. Gleiches gilt für Eisners alten Kollegen Stefan Pohl (Alexander Strobele, Lohn der Arbeit), der in Wehrlos eine Schlüsselrolle einnimmt. So lebt dieser solide Wiener Tatort neben der Suche nach der Auflösung am Ende vor allem von der Frage, ob sich Eisner und Fellner nach ihrem heftigen Auftaktstreit wieder versöhnen werden - und das ergibt eine gewohnt unterhaltsame Mischung.

Bewertung: 6/10

Sturm

Folge: 1019 | 17. April 2017 | Sender: WDR | Regie: Richard Huber

So war der Tatort:

Bild: WDR/Frank Dicks
Spektakulär. Und das nicht nur aufgrund der für Dortmunder Verhältnisse fast irritierenden Harmonie: Wenn eines bei den bisherigen neun Tatort-Folgen aus der Stadt in Westfalen sicher war, dann die offen vorgetragenen Misstöne und privaten Störfeuer, durch die der Mordfall oft aus dem Blickfeld geriet. Beim zehnten Einsatz der Hauptkommissare Peter Faber (Jörg Hartmann), Martina Bönisch (Anna Schudt) und der Oberkomissare Nora Dalay (Aylin Tezel) und Daniel Kossik (Stefan Konarske) ist alles ganz anders: Angesichts der packenden Geschichte und des denkwürdigen Finales gerät es am Ende fast zur Randnotiz, dass zwischenmenschliche Scharmützel in Sturm hintenanstehen müssen, weil alle vier Kommissare bei den Ermittlungen bis an ihre Grenzen gehen. Besonders spektakulär wird es für Faber: Nach einem doppelten Polizistenmord in der Dortmunder Innenstadt entdeckt er im Büro einer nahegelegenen Bank den Angestellten Muhamad Hövermann (Felix Vörtler, Narben) beim hektischen Ausführen zahlreicher Überweisungen am Computer - und als er das Büro stürmt, einen Sprengstoffgürtel an dessen Körper. Was hat Hövermann vor - und handelt er aus eigenem Antrieb oder agiert noch jemand im Hintergrund? Ähnlich wie in Sidney Lumets berühmtem Hollywood-Klassiker Hundstage oder in F. Gary Grays Verhandlungssache ergibt sich eine klassische SEK vs. Geiselnehmer-Konstellation - dabei ist Faber freiwillig in der Bank, setzt dem Täter mit trockenem Wortwitz zu und verweist im kurzen Gespräch mit dessen verbittertem Sohn Bernie (Christian Ehrich, Kunstfehler) auf einen explosiven Kölner Tatort von 1997 ("Alles super hier, Bombenstimmung!") und einen Frankfurter Tatort-Meilenstein von 2010.
Hövermann: "Warum darf er nicht gehen?"
Faber: "Weil ich böse bin."
Die Drehbuchautoren Sönke Lars Neuwöhner (Eine Frage des Gewissens) und Martin Eigler (Freigang) geben sich mit dieser altbekannten Ausgangslage allerdings nicht zufrieden und gehen noch einen Schritt weiter: Obwohl sich die Situation in der Bank von Minute zu Minute zuspitzt, ist bald klar, dass von Hövermann eine eher geringe Gefahr ausgeht. Ähnlich wie im hochklassigen Hamburger Tatort Der Weg ins Paradies lassen die Filmemacher radikale Islamisten auf die Großstadt los, setzen sich nebenbei erfreulich differenziert mit dem Islam auseinander und kreieren ein brenzliges Echtzeit-Szenario, bei dem die Dortmunder Kommissare über weite Strecken auf sich allein gestellt sind und bitter dafür bezahlen - was vor allem Aylin Tezel die Möglichkeit für eine fantastische Performance bietet. Zeit für einen flotten Spruch bleibt zwischendurch trotzdem - zum Beispiel dann, wenn Dalay kurz ihre Nase in die Bank steckt und prompt von Faber angepflaumt wird ("Nächstes Mal bringen Sie 'nen Kaffee mit!"). Und just in dem Moment, in dem sich nach einer guten Stunde der erste Hänger einzuschleichen droht, setzen die Filmemacher mit einem Schockmoment ein aufwühlendes Ausrufezeichen: Es bleibt nicht der letzte Wirkungstreffer in einem Dortmunder Tatort, in dem es am Ende Schlag auf Schlag geht und in dem dem Publikum kaum Zeit bleibt, seine Gedanken neu zu sortieren. Auf der Zielgeraden wird die Spannungsschraube kontinuierlich angezogen: Sturm, der wegen des Terroranschlags auf den Berliner Weihnachtsmarkt gleich zweimal verschoben wurde, gipfelt im bis dato fulminantesten Schlussakkord in der Geschichte der Krimireihe und dürfte nicht wenige Zuschauer perplex in die Nacht entlassen. Auch handwerklich ist der 1019. Tatort erste Sahne, denn neben dem grandiosen Finale setzt Regisseur Richard Huber (Auf einen Schlag) zum Beispiel auch die erste Begegnung von Faber und Hövermann großartig in Szene: Während der Kommissar mit der Waffe droht und der Kriminelle den Finger am Auslöser der Bombe hat, blicken sich die beiden zum fast unerträglichen Gepiepse des Timers und heulenden Polizeisirenen sekundenlang in die Augen. Ein unheimlich intensiver Moment, in dem die Weichen früh auf Hochspannung gestellt werden. Der Soundtrack von Dürbeck & Dohmen ist bewusst minimal gehalten, verstärkt die vielen Gänsehautszenen aber gekonnt - zum Beispiel dann, wenn Kossik sich allein in eine ehemalige Wohnwagensiedlung begibt und dort in Gefahr gerät. So steht unter dem Strich der bis dato beste Dortmunder Tatort aller Zeiten - und zugleich ein visuell herausragender und hochemotionaler Actionthriller, der von Minute 1 an mitreißt und noch lange nachwirkt. Chapeau!

Bewertung: 10/10

Am Ende geht man nackt

Folge: 1018 | 9. April 2017 | Sender: BR | Regie: Markus Imboden

So war der Tatort:

Bild: BR/Rat Pack Filmproduktion GmbH/Bernd Schuller
Pseudotschetschenisch. Gut einen Monat nachdem die Schweizer Tatort-Kollegen in Kriegssplitter im Umfeld tschetschenischer Flüchtlinge ermittelten, geht man in Franken noch einen Schritt weiter: Hauptkommissar Felix Voss (Fabian Hinrichs) kehrt von einem Urlaub im Kaukasus zurück und schleust sich nach einem Brandanschlag, bei dem eine Frau aus Kamerun ums Leben kommt, als tschetschenischer Flüchtling in eine Gemeinschaftsunterkunft ein. Undercover! Und kann von Glück sagen, dass sich in der Anlage keine echten Tschetschenen aufhalten - die würden seine rudimentären Sprachkenntnisse sofort entlarven, und auch Voss' Wissen über seine vermeintliche Heimat ist eher touristischer Natur. Aber auch sonst schöpft keiner seiner neuen Mitbewohner Verdacht, was die Geschichte wenig glaubwürdig macht: Während in der Unterkunft trotz seines mal mehr, mal weniger ausgeprägten Akzents niemand ernsthafte Zweifel an seiner Identität hegt, arbeiten die Kollegen Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel), Wanda Goldwasser (Eli Wasserscheid) und Sebastian Fleischer (Andreas Leopold Schadt) mit Unterstützung des urfränkischen Spurensicherungsleiters Michael Schatz (Matthias Egersdörfer) die Verdächtigen außerhalb des Heims ab. Von Land und Leuten ist im dritten Franken-Tatort aber trotz des vielgepriesenen Lokalkolorits wenig zu spüren: Das Flüchtlingsheim ist als Kulisse ebenso austauschbar wie die meisten Locations für die Außenaufnahmen. Sieht man vom fränkischen Dialekt und einigen Panoramen über den Dächern der Stadt einmal ab, erfahren wir in Am Ende geht man nackt mehr über das letzte Urlaubsziel des Kommissars und tschetschenische Wurst als über den Schauplatz Bamberg.
Schatz: "Ganz herzlichen Dank für die Wurscht! Und des ist bei denen 'e Spezialität, oder?
Voss: "Nein nein, nein, nein, nein... Das ist einfach... Wurst."
Der vierte Tatort von Regisseur Markus Imboden (Land in dieser Zeit) binnen vier Monaten ist nicht sein bester - was aber weniger an der soliden Inszenierung als vielmehr an der überfrachteten und politisch stark eingefärbten Geschichte liegt. Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt (Preis des Lebens) hebt permanent den moralischen Zeigefinger: Die Kommissare spenden Altkleider für Flüchtlinge und Voss spielt sogar mit dem Gedanken einer Adoption - außerdem werden Seitenhiebe auf den deutschen Verwaltungsapparat, voreingenommene Streifenpolizisten und das Gesundheitssystem verteilt. Während Bambergs Behörden hier in kein gutes Licht gerückt werden, gilt bei den Geflüchteten das Gegenteil: Waren im gewagten Kölner Beitrag Wacht am Rhein fast alle Zuwanderer aufmüpfige Kleinkriminelle, sind die Flüchtlinge hier fast ausnehmend sympathische Zeitgenossen - so auch der minderjährige Syrer Basem Hemidi (Mohamed Issa), der verzweifelt seinen verschwundenen Bruder sucht. Einzig der verbitterte Nordafrikaner Said Gashi (charismatisch: Yasin el Harrouk, Der Wüstensohn), der in der Unterkunft das Sagen hat und sich auf Kosten seiner Mitbewohner bereichert, bildet im 1018. Tatort die Ausnahme. Ein ziemlich einseitiges Bild, und auch die Figuren außerhalb des Heims sind oft nur wandelnde Klischees: Ringelhahn & Co. treffen unter anderem den einflussreichen Bauunternehmer Sascha Benedikt (Hans Brückner), der das Wohlergehen seiner Mitmenschen seinem Bankkonto unterordnet, und den rechtsradikalen Benjamin Funk (Frederik Bott), der hohle Parolen schmettert ("Flüchtlinge nehmen uns die Arbeitsplätze weg!") - das hat man alles schon deutlich differenzierter gesehen. Auf der Strecke bleibt die Charakterzeichnung auch bei den Ermittlern: Wer in ein paar Monaten noch alle vier Namen der nach wie vor profillos wirkenden Kommissare aufzählen kann, zählt definitiv zu den eingefleischteren Tatort-Fans. Auch Spannung will lange nicht aufkommen: In Fahrt kommt Am Ende geht man nackt erst in den Schlussminuten, doch der Ausgang des Films, in dem die Auflösung immer wieder in den Hintergrund rückt, ist so vorhersehbar, dass der Schlussakkord ohne nennenswerte Nachwirkung verpufft. Um eine tiefere Beziehung zu den Figuren aufzubauen, sind es auch einfach viel zu viele: Statt die Zustände und Spannungsfelder in der Gemeinschaftsunterkunft herauszuarbeiten und Voss in einem reizvollen Mikrokosmos ermitteln zu lassen, unternimmt der Kommissar sogar Ausflüge in einer Putzkolonne. So ist der dritte Franken-Tatort der bis dato schwächste und das Team um Voss und Ringelhahn noch immer nicht ganz in der Krimireihe angekommen.

Bewertung: 4/10

Fangschuss

Folge: 1017 | 2. April 2017 | Sender: WDR | Regie: Buddy Giovinazzo

So war der Tatort:

Bild: WDR/Martin Menke
Sabotiert. Denn ein besonderes Schmankerl im 31. Tatort mit Hauptkommissar Frank Thiel (Axel Prahl) und Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) gibt es in der Pathologie zu entdecken: Verstehen Sie Spaß?-Moderator Guido Cantz hat sich während der Dreharbeiten auf den Seziertisch geschlichen und als Leiche mit Pupsen und anderen untoten Geräuschen für zusätzlichen Spaß am Set gesorgt. Der pünktlich zur TV-Premiere von Fangschuss bekannt gegebene Gag ist aber auch fast schon das Aufregendste an diesem enttäuschenden Beitrag aus Westfalen: Die Drehbuchautoren Stefan Cantz und Jan Hinter, die als Erfinder der Tatort-Folgen aus Münster gelten, liefern einmal mehr nur noch das, was die Fans von Thiel und Boerne sehen wollen. Regisseur Buddy Giovinazzo (Rendezvous mit dem Tod) inszeniert eine seichte Mischung aus Krimi und Komödie, die kaum Spannung und wenig Originelles bietet und in der das routinierte Abspulen der mal mehr, oft weniger gelungenen Witzchen in eine hanebüchene Geschichte mündet. Während man sich an die immergleichen Frotzeleien zwischen Boerne und Assistentin Silke "Alberich" Haller (Christine Urspruch) und das Reduzieren von Zwei-Szenen-Staatsanwältin Wilhelmine Klemm (Mechthild Großmann) auf ihre Nikotinsucht längst gewöhnt hat, tappen die Filmemacher diesmal auch von einer Klischeefalle in die nächste: Da gibt es die elitäre Jagdgesellschaft unter Leitung der renommierten Wissenschaftlerin Dr. Freya Freytag (Jeanette Hain, Scheinwelten), in der sich Möchtegern-Jäger Boerne natürlich pudelwohl fühlt, einen schwulen Friseur mit Neigung zum Tratschen und - wie so oft im Tatort - einen Journalisten mit zweifelhaften Methoden, der posthum noch die Vorurteilskeule von Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter) zu spüren bekommt.
Krusenstern: "Die saufen aber auch zur Inspiration."
Journalist Jens Offergeld (Christian Maria Goebel, Schön ist anders) ist nicht das einzige Opfer in diesem Tatort, bei der die Suche nach dem Mörder zweitrangig ist: Einleitend stürzt IT-Experte Sebastian Sandberg in den Tod. Sebastian Sandberg, Freya Freytag, Jens Offergeld: Sogar die sprechenden Figurennamen in Fangschuss klingen wie aus dem Überraschungsei oder einer schlechten TKKG-Folge. Und dann ist da noch Leila Wagner (Janina Fautz): Die sture Schulabbrecherin gibt vor, Thiels Tochter zu sein, trägt demonstrativ blaue Haare und wird dafür von einer Nonne schräg angeglotzt - viel dicker kann man kaum auftragen. Wer indes glaubt, der Kommissar bekäme von heute auf morgen weiblichen Nachwuchs in die Geschichte geschrieben, glaubt wahrscheinlich auch an den Weihnachtsmann - und so entwickelt der Vaterschaftstest im Mittelteil bei weitem nicht den emotionalen Punch, den sich die Filmemacher wohl erhofft haben. Wie schwach auch die Rahmenhandlung um die Suche nach dem Doppelmörder und die Lieferungen von kontaminiertem Gemüse im Futtermittelbetrieb von Horst Martens (Michael Schenk, Borowski und der brennende Mann) auf der Brust ist, zeigt sich besonders an einer Szene: Fahndete im vor allem handwerklich herausragenden Kieler Tatort Borowksi und das dunkle Netz zwei Wochen zuvor noch ein halbes Ermittlerdutzend fieberhaft nach einem im Darknet angeheuerten Auftragskiller, klärt sich eine ähnliche Angelegenheit hier in fünf Sekunden am Telefon. Statt zum pfiffigen Krimispaß wird Fangschuss zur plumpen Nummernrevue: Die Geschichte ist wild zusammengeschustert und am Ende hängt alles irgendwie zusammen - das hat eher was von Traumschiff oder Vorabendprogramm und wenig mit früheren tollen Folgen aus Münster zu tun, die auch Spannendes boten (vgl. Wolfsstunde). "Vaddern" Thiel (Claus-Dieter Clausnitzer) wurde im Übrigen komplett aus dem Drehbuch gestrichen - die junge Leila auch noch mit ihrem potenziellen Kiffer-Opa zu konfrontieren, hätte das Kasperletheater aber wohl auch perfekt gemacht. So ist ihr Gekabbel mit Thiel und dessen durcheinander gebrachte Gefühlswelt am Ende noch das Interessanteste im 1017. Tatort - und wären da nicht Leilas permanente Selbstgespräche, die das erzählerische Erfolgsprinzip Show, don't tell ad absurdum führen, könnte man die Kleine fast ins Herz schließen. Ihr Intermezzo bleibt aber einmalig: Innovationen und neue Figuren scheut der WDR in Münster wie der Teufel das Weihwasser, und deshalb geht - zumindest bis 2020 - alles so weiter wie bisher.

Bewertung: 4/10