Borowski und das Fest des Nordens

Folge: 1025 | 18. Juni 2017 | Sender: NDR | Regie: Jan Bonny

So war der Tatort:

Bild: NDR/Christine Schroeder
Überfällig. Denn kaum ein anderer Tatort musste so lange auf seine TV-Premiere warten wie Borowski und das Fest des Nordens: Die letzte Klappe fiel im Juli 2015 und eigentlich war der Krimi als Nachfolger für den tollen Psychothriller Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes eingeplant. Doch der NDR zog Borowski und das verlorene Mädchen und Borowski und das dunkle Netz "aufgrund der jeweiligen thematischen Aktualität in der Programmplanung" vor - und so findet der Film von Regisseur Jan Bonny und Drehbuchautor Markus Busch (Feuerteufel), der eine Vorlage des wenige Monate nach den Dreharbeiten verstorbenen Bestseller-Autors Henning Mankell umgesetzt hat, erst zum Start der Kieler Woche 2017 den Weg in die Wohnzimmer. Doch obwohl Borowski und das Fest des Nordens der letzte Tatort mit Sibel Kekilli in der Rolle als Hauptkommissarin Sarah Brandt ist, macht sich die vertauschte Reihenfolge kaum bemerkbar: "Ich habe mich bewusst gegen einen Abschluss-Tatort entschieden, denn man muss eine Geschichte nicht immer auserzählen", gab der frühere Game of Thrones-Star im Vorfeld bekannt und brachte damit auf den Punkt, was für das Krimidrama auch im Allgemeinen gilt: Die Filmemacher stellen mehr Fragen, als Antworten zu geben. Über die Vorgeschichte des verzweifelt durch die Stadt streifenden Roman Eggers (Mišel Maticevic), der von seiner Frau Tamara Becker (Franziska Hartmann) verlassen wurde und einleitend seine Ex-Geliebte im Affekt erschlägt, erfahren wir zum Beispiel nur das Nötigste - und das, obwohl Eggers der Dreh- und Angelpunkt in diesem Tatort ist. Auch im Hinblick auf die Gefühlswelt von Brandt und ihrem Kollegen Klaus Borowski (Axel Milberg) bleiben Fragen offen - zum Beispiel, warum der sonst so besonnene Kommissar betrunken in einem Restaurant randaliert, sich so sehr mit dem Killer verbunden fühlt (was selbst Milberg nicht nachvollziehen kann) und das Tischtuch zwischen Borowski und Brandt so zerschnitten scheint wie nie zuvor.
Borowski: "Ich will Sie auch dreimal am Tag in die Förde schmeißen und ich mache es nicht. Das macht doch noch keinen Mörder aus mir."
Die 1025. Tatort-Folge ist alles andere als leichte Kost und nicht nur ästhetisch eine der ausgefallenen und anstrengenden Sorte: Die Schnitte sind hart gesetzt, die Bilder im Cinemascope-Format werden oft mit einer wackeligen Handkamera eingefangen und die Dramaturgie wirkt sehr sprunghaft. Auch erzählerisch brechen die Filmemacher mit einigen Tatort-Regeln und verzichten zum Beispiel auf das Whodunit-Prinzip: Beim nicht lange auf sich warten lassenden zweiten Mord an einem Drogendealer darf der Zuschauer Eggers erneut über die Schulter schauen - eine beklemmende und für die Krimireihe bemerkenswert brutale Szene, bei der man körperlich förmlich mitleidet. Getoppt wird sie nur durch eine über sechs (!) Minuten dauernde, raue Sequenz, in der Eggers den Geldverleiher Rolf Felthuus (Ronald Kukulies, Hundstage) aufsucht: Die Gewalt steigert sich von subtilen verbalen Anfeindungen über Aggressionen und bis zum existenziellen Kampf um Leben und Tod, der auch dank des herausragenden Spiels und der physischen Präsenz von Mišel Maticevic (Ihr werdet gerichtet) noch lange nachwirkt. Spätestens hier wird klar: Trotz des drohenden Anschlags auf die Kieler Woche - der flüchtige Eggers hat bei seinem früheren Arbeitgeber Sprengstoff mitgehen lassen - ist Borowski und das Fest des Nordens keine dieser Tatort-Folgen, bei denen es bei einem Wettlauf gegen die Zeit in letzter Sekunde einen Terrorakt zu verhindern gilt (vgl. Sturm, Der Weg ins Paradies), sondern vielmehr ein aufwühlendes und forderndes Thrillerdrama im Stile eines Dominik Graf (Aus der Tiefe der Zeit). Die Arbeit der Kripo rückt immer wieder in den Hintergrund, was angesichts der früh beantworteten Täterfrage und der rührenden Vater-Tochter-Geschichte zwischen Eggers und Töchterchen Luisa (Lilly Barshy) hinter dem Rücken der Kommissare aber kaum stört. Sieht man die Ermittler bei ihrem dreizehnten gemeinsamen Einsatz zu zweit, zanken sie ohnehin fast ununterbrochen, was stellenweise sehr aufgesetzt wirkt: Das zwischenmenschliche Tief zwischen Borowski und Brandt gipfelt kurz vor dem Abspann sogar in Handgreiflichkeiten. Kein Wunder: Die mutige Schlusspointe ist das I-Tüpfelchen auf den erzählerisch gewöhnungsbedürftigen, aber erstklassig besetzten und handwerklich überzeugenden Film, mit dem sich Sibel Kekilli trotz der genannten Schwächen würdig aus der Krimireihe und der Tatort in die Sommerpause 2017 verabschiedet.

Bewertung: 7/10

Level X

Folge: 1024 | 11. Juni 2017 | Sender: MDR | Regie: Gregor Schnitzler

So war der Tatort:

Bild: MDR/Gordon Muehle
Online. Denn schon der Auftaktmord in Level X macht deutlich, was den Zuschauer in den folgenden eineinhalb Stunden erwartet: Der populäre Prankster Robin "Simson" Kahle (Merlin Rose) wird nach einem live ins Netz gestreamten Scherz von einer Rockergruppe durch die Dresdner Altstadt gejagt - und kurz darauf nicht nur vor den Augen seiner verdutzten Verfolger, sondern auch vor den Augen tausender Zuschauer in den sozialen Netzwerken von einem Unbekannten erschossen. Schon zu diesem frühen Zeitpunkt werden Live-Tweets, Avatare und Nicknames der jungen Simson-Follower ins Bild montiert: Regisseur Gregor Schnitzler (Der treue Roy) und Drehbuchautor Richard Kropf erzählen in Zeiten von Julien Bam und des live auf Facebook gestreamten Mordes eines US-Amerikaners eine moderne und im Ansatz vielversprechende Geschichte, doch sie tragen bei der Umsetzung häufig viel zu dick auf. Das offenbart sich zum Beispiel dann, wenn parallel zum Live-Stream die Offline-Reaktionen der gebannten Zuschauer eingefangen werden: Stadtbusse und beliebte Touri-Plätze scheinen in Dresden ausnahmslos von aufgeregten Teenagern mit Smartphones bevölkert zu sein, denn andere Personen sind in diesen Szenen schlichtweg nicht im Bild. Der nähere Blick auf die Figuren offenbart dann Klischees und Stereotypen an allen Ecken und Enden: Die Hauptkommissarinnen Karin Gorniak (Karin Hanczewski) und Henni Sieland (Alwara Höfels) bekommen es unter anderem mit dem bis ins Karikatureske, aber leider nicht ironisch überzeichneten Online-Unternehmer Magnus Cord (Daniel Wagner, Die Kunst des Krieges) zu tun, der den ermordeten Prankster zum Ärger von dessen Vater Raimund Kahle (Jörg Bundschuh) erfolgreich vermarktet hatte und bei den Befragungen pausenlos mit dämlichen Business-Anglizismen aus allen Rohren schießt.
Cord: "Content is king, und er hat delivered."
Während Cord sich früh als nervtötendste Figur der jüngeren Tatort-Geschichte entpuppt, sind seine ultrakreativen junge Mitarbeiter ("Alle Talents, wir sind ein Open Space.") allesamt blasse Nerds oder Vollbart zum Zopf tragende Hipster, die in den Couchmöbeln der futuristischen Büroräume rumlümmeln und ihre Smartphones nur im Notfall aus der Hand legen. Auch Wilson Gonzalez Ochsenknecht (Der Wüstensohn) bleibt bei seiner zweiten Tatort-Rolle als Prankster "Scoopy" ein lebloses Abziehbild. Der tiefe Griff in die Klischeekiste ist aber nicht die einzige Parallele zum schwachen Tatort Echolot, der beim Publikum sang- und klanglos durchfiel und auch für uns der schwächste Tatort des Jahres 2016 war: Wie der Bremer Fadenkreuzkrimi mit Lürsen und Stedefreund knüpft auch Level X an das Motto einer ARD-Themenwoche an - 2017 heißt es "Woran glaubst du?". Dieses thematische Korsett erweist sich erneut als Reinfall: Der 1024. Tatort ist zweifellos ein flotter und stylish inszenierter Krimi, doch die hippe Verpackung kann die klischeebeladenen Figuren und die Drehbuchschwächen bei weitem nicht übertünchen. Dass mit Kommissariatsleiter Peter Michael Schnabel (Martin Brambach) ein waschechter Online-Allergiker zum Team zählt, der mit seinen Sprüchen ("Ich hab dieses verdammte Internet im Verdacht!") schon im durchwachsenen Debüt Auf einen Schlag für Lacher sorgte, kommt den Filmemachern nämlich sehr gelegen: Schnabel muss bei seinem dritten Auftritt ausschließlich dafür herhalten, in der Welt der Hashtags und Live-Pranks nur Bahnhof zu verstehen. Spätestens, als der verheiratete Chef vom IT-Kollegen Ingo Mommsen (Leon Ullrich) beim Surfen auf einer Datingseite ertappt wird, ist dieser Gag endgültig auserzählt. Anders als Gorniak und Sieland, die mit der Trennung von ihrem Freund Ole Herzog (Franz Hartwig) zu kämpfen hat, scheint sich Schnabel als Figur schon beim dritten Auftritt nicht mehr weiterzuentwickeln. So lebt Level X weniger von der dünnen Kritik am Hype um junge Internet-Stars, dem zum Leidwesen der als Pfarrerin tätigen Eva Kohn (Karina Plachetka, Verfolgt) auch deren Tochter Emilia (Caroline Hartig) verfällt, sondern allein von der Suche nach der Auflösung, die in der obligatorischen Verfolgungsjagd gipfelt. Trotz des spannenden Showdowns überwiegen aber die Schwächen, zu denen auch das seltsam uninspiriert eingeflochtene Lokalkolorit zählt: Wie in einem älteren James Bond-Film wurde mit bemerkenswerter Häufigkeit vor Postkarten-Motiven gedreht - sogar das Fußballstadion von Dynamo Dresden wurde als Kulisse für einen komplett überflüssigen Handlungsschlenker noch mit der Brechstange in den Plot gehämmert.

Bewertung: 3/10

Amour fou

Folge: 1023 | 5. Juni 2017 | Sender: rbb | Regie: Vanessa Jopp

So war der Tatort:

Bild: rbb/Andrea Hansen
Hintergründig. Denn schon lange hat sich kein Tatort mehr so viel Zeit genommen für die Umgebung, in der die Beteiligten aufeinanderprallen: Trotz des Titels, der thematisch an den letzten Münchner Tatort Die Liebe, ein seltsames Spiel anknüpft, verliert sich Amour fou nicht in einem Bäumchen-Wechsel-Dich der freien Liebe, sondern geht den Umständen auf den Grund, die Menschen miteinander verbinden und bei denen ein Mord manchmal als Nebenprodukt mit herauskommt. Mehr noch, das Krimidrama beleuchtet die Auswirkungen, die ein Mord auf die Verantwortlichen hat. Während der Zuschauer es gewohnt ist, die Spannung zwischen gezeigter Tat am Anfang der Sendezeit bis zur Auflösung auszuhalten, wird uns selten gezeigt, wie die in die Tat Involvierten diesen Prozess miterleben: Auch für sie ist zwischen dem Tod eines Menschen und der Aufklärung durch die Berliner Hauptkommissare Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke) alles in der Schwebe. Für diese Schwebe findet Regisseurin Vanessa Jopp (Der schwarze Troll), die mit Meret Becker bereits einen der besten Berlin-Filme, Komm näher gedreht hat, eine Form, die Fragen weit über das übliche "Wer war es?" hinaus stellt. Das Tempelhofer Feld ist der Ruhepol, zu dem der 1023. Tatort immer wieder in langen Bildern ohne Dialoge zurückkommt (herausragende Kamera: Judith Kaufmann, Wem Ehre gebührt). Aber der Tatort hält sich nicht auf mit dem Freiraum auf dem Feld, den jeder füllen kann, wie er möchte, sondern konzentriert sich auf den Culture Clash zwischen den Hochhäusern der Rollbergsiedlung und großbürgerlichen Prunk-Altbauten und führt die Kommissare schön an ihre Grenzen. Lediglich Spurensicherer Knut Jansen (Daniel Krauss), der in einem Laubengarten die schwarze Brandleiche des homosexuellen Gesamtschullehrers Enno Schopper untersuchen muss, kann kulturell mit der Bildungselite mithalten.
Jansen: "Machst'n Schild dran, schickst es zur documenta: Der Mann im Plastikliegestuhl."
Eigentlich muss man diesen Tatort zwei Mal schauen, weil er geschickt die Fragen hinter den Fragen des Mordfalls verschiebt. Die komplexe Erzählstruktur kann man einem erstklassigen Schauspieler wie Jens Harzer (Es lebe der Tod) getrost anvertrauen: Er verkörpert grandios Armin Berlow, den Ehemann des getöteten Lehrers. Sein hintergründiges Spiel eröffnet einen Raum für die Facetten der Trauer, der schwulen Normalität im Problemkiez, der den Kontext des Mordfalls weit überschreitet. Dieser ist jedoch mit zahlreichen Windungen und Wendungen, die Drehbuchautor Christoph Darnstädt (schrieb zuletzt die Bücher zu vier Hamburger Tatort-Folgen mit Tschiller und Gümer) geschickt um das Thema Vorurteile arrangiert hat, ebenfalls sorgfältig gebaut - wenngleich sie dazu führen, dass der Plot in den letzten Minuten etwas überladen wirkt. Nach grandiosen 70 Minuten voller lebendiger Großstadt-Impressionen und einer Meditation über Gefühle, Abhängigkeiten und Lebensentwürfe - nicht zuletzt auch in der Chancenungleichheit, die es in einem reichen Land wie Deutschland immer noch gibt - bekommt die Auflösung in ihren verstricken Motiven etwas zu wenig Ruhe und Raum. Neben dieser feinteiligen Handlung verblasst die eingependelte Kabbelei von Rubin und Karow etwas, weil sie ohne die Motivation der in Dunkelfeld abgeschlossenen Ermittlungen wegen seines getöteten Ex-Partners auf der Stelle tritt. Weiterhin sind die beiden per Sie, weiterhin pflegen sie ihre Unstimmigkeiten - Rubin in ihrer wiederaufgewärmten Ehe, Karow in sexuellen Eskapaden, die gerne auch im Präsidium und im Umfeld der Mordermittlungen ihren Ausgang nehmen. Beide haben gelernt, abends früher zu gehen und laden die Recherchearbeit bei der eifrigen Hospitantin Anna Feil (Carolyn Genzkow) ab - sieht man von Karows neuer Lieblingsmethode, dem Luminoltest, einmal ab, mit dem dieser Tatort seinen kriminaltechnisch volkspädagogischen Auftrag erfüllt. Der Status quo der Ehe von Nina und Viktor Rubin (Alexander Tesla) hingegen dient diesmal in erster Linie als Vergleichsmoment dafür, dass in der heteronormalen Ehe auch nicht unbedingt die große Liebe blühen muss. Trotz der genannten Schwächen ist Amour fou aber ein starker, nachdenklicher Tatort mit herausragenden Schauspielern und einer pfiffigen Schlusswendung - die durch die verträumten Klänge von Charles Trenets La Mer, den französischen Krimititel und ein paar unauffällig eingeflochtene Bilder rauschender Brandungswellen elegant angedeutet wird.

Bewertung: 8/10


Die Liebe, ein seltsames Spiel

Folge: 1022 | 21. Mai 2017 | Sender: BR | Regie: Rainer Kaufmann

So war der Tatort:

Bild: BR/Claussen+Putz Filmproduktion GmbH/Hendrik Heiden
Polyamor. Denn wir lernen: Liebt man mehrere Menschen gleichzeitig und wissen diese voneinander, lebt man polyamor - so wie es Psychologin Dr. Julia Stephan (Anna Schäfer, Mein Revier) in diesem Tatort tut. Und so, wie es Architekt Thomas Jacobi (Martin Feifel, Aus der Tiefe der Zeit) wohl besser hätte tun sollen: Mit fünf Frauen gleichzeitig hat der Mann ein Verhältnis, doch die fallen aus allen Wolken, als sie voneinander erfahren. Neben Dr. Stephan war Jacobi mit Mordopfer Verena Schneider liiert, die Hauptkommissar Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Assistent Kalli Hammermann (Ferdinand Hofer) tot vor einem Münchner Mietshaus finden, außerdem mit deren bester Freundin Nicole Büchner (Hanna Scheibe, Schwarze Tiger, weiße Löwen), der Friseurin Heike Gonzor (Anastasia Papadopoulou) und seiner Hausärztin Dr. Andrea Slowinski (Juliane Köhler, Nachbarn). Auch Batic hat sich in eine Affäre gestürzt: Drei Wochen nach dem letzten Auftritt von Ayumi Schröder (Luka Omoto) im packenden Meisterwerk Der Tod ist unser ganzes Leben ist von Abschiedsschmerz nichts zu spüren. Die Liebe, ein seltsames Spiel knüpft inhaltlich nicht an den aufwühlenden Vorgänger an, was einfach zu erklären ist: Der Film von Regisseur Rainer Kaufmann (Der Wüstensohn) wurde einige Monate früher gedreht, aber später ausgestrahlt. Entsprechend wenig Tiefgang entwickelt die Bettgeschichte von Batic und Josie Cremer (Viola Wedekind): Ein bisschen nackte Haut, ein paar Turteleien zwischen den Laken - das war's. Überhaupt ist der 76. Fall von Batic und Leitmayr eher ein leichter Film über die Liebe als ein spannender Krimi - der Dialogwitz bei den Befragungen der vier noch lebenden Liebhaberinnen sorgt aber zumindest für einige Lacher.
Stephan: "Es tut mir leid, aber ich nehme hier mein Zeugnisverweigerungsrecht als seine Lebenspartnerin in Anspruch."
Leitmayr: "Das sie gar nicht haben. Wenn, dann sowieso nur ein Fünftel. Also, bitte."
Schon früh verfestigt sich der Eindruck, dass Drehbuchautorin Katrin Bühlig (Frühstück für immer) die Batic-Liebelei (nicht die erste übrigens, vgl. Das Glockenbachgeheimnis) in die Geschichte geschrieben hat, um damit eine der ältesten aller Tatort-Regeln zu befolgen: Was den Ermittlern bei ihren Nachforschungen im Kriminalfall begegnet, wird häufig in ihrem Privatleben gespiegelt (wie zuletzt in Nachbarn oder Fangschuss). Auch sonst schalten die Filmemacher im 1022. Tatort über weite Strecken auf Autopilot und arbeiten einen Standardmoment nach dem nächsten ab: Die erste Leiche liegt zum Auftakt parat, die zweite nach einer knappen Stunde - dazwischen gibt es unzählige Befragungen und ein halbes Dutzend Verdächtige, von denen eine vorübergehend aus dem Blickfeld gerät. Die Liebe, ein seltsames Spiel ist ein Tatort, nach dem man die Uhr stellen kann und bei dem in erster Linie spannungsscheue Zuschauer mit Freude an der Tätersuche Gefallen finden dürften. Die gipfelt aber in einem schwachen Finale: So vorhersehbar die eine Hälfte der Auflösung dank der unübersehbaren Hinweise auf die Täterin ausfällt, so hanebüchen ist die andere - am Ende driftet der Film dank des aberwitzigen Mordmotivs sogar in die unfreiwillige Komik ab (wenngleich der Schlussakkord ein netter Seitenhieb auf den Münchner Mietspiegel ist). So schlecht hat man den Tatort von der Isar seit über drei Jahren nicht mehr gesehen (vgl. Allmächtig), denn auch die Nebenfiguren bleiben blass: Juliane Köhler wird in ihrer eindimensionalen Nebenrolle als Hausärztin des Hauptverdächtigen ähnlich wenig gefordert wie sonst in ihrer Rolle als Psychologin Lydia Rosenberg im Tatort aus Köln, während man sich bei Jacobi fragt, was all die betrogenen Frauen nur an diesem Unsympathen finden - allen voran seine schwer verliebte, aber von ihm verschmähte Angestellte Anna Marie Fritsch (Genija Rykova, Der Himmel ist ein Platz auf Erden). So ist es am Ende vor allem den sympathischen Hauptfiguren zu verdanken, dass Kaufmanns zweiter Beitrag zur Krimireihe kein kompletter Fehlschlag ist: Das Spannungsbarometer schlägt in diesem unterdurchschnittlichen Münchner Tatort zwar kein einziges Mal nach oben aus, aber die altgedienten Kommissare harmonieren einmal mehr prächtig und locken den aufgeweckten Kalli regelmäßig aus der Reserve ("Tja, Kalli - was fragt der Fernsehkommissar jetzt?"). Der schießt genauso gern zurück - versucht aber bis zum Schluss vergeblich, den glücklichen Dauer-Single Leitmayr mit seiner Mutter zu verkuppeln. Schade eigentlich.

Bewertung: 4/10

Der Tod ist unser ganzes Leben

Folge: 1021 | 30. April 2017 | Sender: BR | Regie: Philip Koch

So war der Tatort:

Bild: BR/X Filme/Hagen Keller
Nötig. Denn als im Oktober 2016 die letzten Minuten der großartigen Münchner Tatort-Folge Die Wahrheit über die Mattscheiben geflimmert waren und Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) den Täter weder ermittelt noch gefasst hatten, verlangten viele Fans nach einer Fortsetzung: Ein brutaler Mörder, der am Ende entkommt? Im Tatort undenkbar! Doch der BR hatte längst vorgesorgt: Heimlich, still und leise hatte der Sender einen Nachfolger drehen lassen und gab dies nach dem Abspann über die sozialen Medien bekannt. Aber war das wirklich nötig? Wäre es nicht viel wirkungsvoller gewesen, das Ende offen zu lassen und gezielt mit den Sehgewohnheiten des Publikums zu brechen? Angesichts der überragenden Fortsetzung Der Tod ist unser ganzes Leben, der noch eine Ecke spannender ausfällt als der hochklassige Vorgänger, kann man konstatieren: Es war nötig! Denn ähnlich wie bei den Kieler Beiträgen Borowski und der stille Gast und Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes ziehen die Filmemacher die Daumenschrauben in der Fortsetzung deutlich an: Statt als Whodunit-Konstruktion nach Schema F entpuppt sich der Film schon früh als mitreißender Psychothriller und existenzielles Drama, das gehörig an die Nieren geht. Der Täter steht dabei von Beginn an fest, denn der Mörder von Ben Schröder wird nach der Attacke auf ein weiteres Opfer identifiziert: Es ist Thomas Barthold (fantastisch: Gerhard Liebmann, Die letzte Wiesn), der mit seiner stoischen Ruhe, seiner abfälligen Gleichgültigkeit und einem auffälligen Zahlen-Tick nicht nur optisch an Hollywood-Killer John Doe (Kevin Spacey) aus David Finchers Meisterwerk Sieben erinnert und die Ermittler psychisch und physisch bis an ihre Grenzen bringt. Schon bald steht alles auf dem Spiel - nicht nur die Lösung des Falles, sondern auch die Gesundheit und das 26-jährige Vertrauensverhältnis der ergrauten Ermittler, die wie in Die Wahrheit fleißig in Erinnerungen schwelgen.
Batic: "Der Carlo, der hat seine Frau und sein Leben. Und wir? Keine Frau, kein Leben. Nur Leichen. Der Tod ist unser ganzes Leben."
Regisseur Philip Koch und Drehbuchautor Holger Joos (Das verkaufte Lächeln) erzählen die Geschichte auf zwei miteinander verschachtelten zeitlichen Ebenen und bringen auch einige elegant eingeflochtene Rückblicke auf den Vorgänger unter - eine wahre Herkulesaufgabe, die die Filmemacher mit Bravour meistern. Weil man Batic und Leitmayr schon zu Beginn im Krankenhausbett und auf Krücken durch die Gegend humpeln sieht und sich Leitmayr zudem vor dem Untersuchungsausschuss unter Vorsitz der argwöhnischen Kriminaloberrätin Horn (Lina Wendel, Blutschuld) verantworten muss, stellt sich sofort die Frage, wie es dazu kommen konnte: Man kann zwar erahnen, das beim Gefangenentransport des inhaftierten Barthold unter Aufsicht der Justizbeamten Sabine Merzer (Friederike Ott) und Robert Steinmann (Jan Bluthardt) etwas Dramatisches passiert, aber nicht was und warum. Dass es in Wir sind die Guten, in dem Batic sein Gedächtnis verlor und unter Mordverdacht stand, eine recht ähnliche Geschichte gab und auch Leitmayr in Der traurige König schon mal bei der internen Ermittlung antanzen musste, stört hier angesichts des immens hohen Unterhaltungswerts nicht im Geringsten. Denn auch handwerklich ragt der 1021. Tatort um Längen aus der durchschnittlichen Krimimasse heraus: Schon der beklemmende Auftaktmord läuft zu einem bedrohlichen Klangteppich in Zeitlupe ab - nur eine von vielen großartig in Szene gesetzten Sequenzen, mit der die Weichen früh auf Hochspannung gestellt werden. Auch in der Folge bleibt dem Zuschauer kaum Zeit um Luftholen: Die düstere Atmosphäre zieht sich ebenso konsequent durch den Film wie die alles überstrahlende Frage nach der Wahrheit, die zum zweiten Mal binnen sieben Monaten zum Leitmotiv im Krimi aus München wird: Was verschweigt Batic seinem Freund und Kollegen - und hat er sich womöglich selbst zum Schuldigen gemacht? Wer diese Frage beantwortet wissen will, braucht neben einem guten Nervenkostüm auch einen robusten Magen: Das Blut fließt in diesem überraschend brutalen Beitrag aus Bayern gleich literweise - es sind fast die einzigen Farbtupfer in den auffallend ausgeblichenen Bildern, die sich nachhaltig ins Gedächtnis brennen. So ist Der Tod ist unser ganzes Leben unter dem Strich eine der spannendsten Tatort-Folgen aller Zeiten - und der 75. gemeinsame Fall zugleich einer der besten der altgedienten Münchner Ermittler, die erfreulicherweise noch nicht ans Aufhören denken.
Batic: "Was ist schon die Wahrheit?"
Leitmayr: "Die Wahrheit ist, dass wir beide noch ein paar Jahre vor uns haben."
Bewertung: 10/10

Wehrlos

Folge: 1020 | 23. April 2017 | Sender: ORF | Regie: Christopher Schier

So war der Tatort:

Bild: ARD Degeto/ORF/Hubert Mircan
Schimpffreudig. Denn sie alle granteln, streiten und schimpfen in diesem österreichischen Tatort nach Herzenslust: Chefinspektor Moritz Eisner (Harald Krassnitzer), der seine neue Flamme Samy Graf (Ruth Brauer-Kvam, Kolportage) nach dem Mord am Leiter der Wiener Polizeischule vorübergehend sitzen lassen muss, Major Bibi Fellner (Adele Neuhauser), der Eisners neue Flamme gar nicht in den Kram passt, und sogar der emsige Tollpatsch-Assistent Manfred "Fredo" Schimpf (Thomas Stipsits), der bei seinem sechsten Auftritt so viel Verantwortung übernimmt wie noch nie und dessen Nachname diesmal Programm ist. Nach einem Streit mit seiner Frau muss Schimpf sich sogar für eine Nacht bei Fellner einquartieren, was wiederum Sektionschef Ernst Rauter (Hubert Kramar) gegen den Strich geht - das streitende Quartett ist komplett und Wehrlos ein Paradebeispiel dafür, dass die Spannungen unter den Ermittlern so fest zur Krimireihe gehören wie die Augen von Horst Lettenmayer und die Musik von Klaus Doldinger. Auch im Umfeld des Toten wird fleißig gestritten und geschimpft - im Nachbarhaus des Ermordeten streitet ein wunderbar überzeichnetes Ehepaar, in der Leichenhalle sind es die Gerichtsmediziner, und dann ist da noch Fellners Busenfreund Inkasso-Heinzi (Simon Schwarz), der einen Insidertipp für die Ermittler parat hat: Er verweist auf die "depperte Bonny" (Simone Fuith, Falsch verpackt) und den "süßen Clyde" (Sebastian Wendelin), die den Toten erpresst hatten und als Figuren deutlich besser zum irren Iwan, zum treuen Roy oder zum scheidenden Schupo nach Weimar gepasst hätten. Ansonsten sieht sich Inkasso-Heinzi bei Eisners Befragungen mal wieder in der Opferrolle, obwohl er es faustdick hinter den Ohren und er kaum mal ein nettes Wort für seine Angestellten übrig hat - einfach köstlich.
Inkasso-Heinzi: "Bist du total deppert? Wieso bestellst du alkoholfreies Bier?"
Die erste halbe Stunde der 1020. Tatort-Ausgabe ist eine fast pausenlose Schimpf- und Streittirade - und da das alles in brutalem österreichischen Dialekt und bei nicht ganz optimaler Tonabmischung stattfindet, dürften nicht wenige deutsche TV-Zuschauer früh zur Fernbedienung greifen. Der 40. Einsatz von Harald Krassnitzer ist selbst für geübte Ohren eine akustische Herausforderung, ansonsten aber frei von handwerklichen Schwächen: Regisseur Christopher Schier, der mit Wehrlos sein Spielfilmdebüt feiert, setzt das Geschehen souverän und ohne größere Spielereien in Szene. Drehbuchautor Uli Brée (Sternschnuppe) hat eine klassische Whodunit-Konstruktion geschrieben, die vor allem im Hinblick auf die Weiterentwicklung der Figuren interessant ist - der zu lösende Mordfall gerät durch die vielen zwischenmenschlichen Misstöne aber immer wieder aus dem Blickfeld. Erst nach der obligatorischen zweiten Tatort-Leiche rücken die Filmemacher die Suche nach dem Mörder in den Vordergrund - der Kreis der Verdächtigen ist diesmal allerdings sehr eng gesteckt. Das liegt auch daran, dass das Innenleben der Polizeischule, in die sich Fellner nach einem erneuten, diesmal allerdings fingierten (oder womöglich doch echten?) Streit mit Eisner einschleust, nur sehr spärlich beleuchtet wird: Böte Fellners Einsatz die Gelegenheit für spannende Ermittlungsarbeit im Auge des Sturms und das Freilegen der von Macht und Angst geprägten Zustände in der Ausbildungseinrichtung, beschränkt sich die Geschichte fast nur auf Scharmützel mit dem feindseligen Ausbilder Thomas Nowak (charismatisch: Simon Hatzl, Tod unter der Orgel), der ein strenges Regiment führt und ein Auge auf die junge Polizeianwärterin Katja Humboldt (stark: Newcomerin Julia Richter) geworfen hat. Letztere ist zwar die spannendste, weil verschlossenste Figur in diesem Krimi, doch erfahren wir unter dem Strich zu wenig über ihren schweren Stand in der Männerwelt, als dass ihr Schicksal wirklich betroffen machen würde. Gleiches gilt für Eisners alten Kollegen Stefan Pohl (Alexander Strobele, Lohn der Arbeit), der in Wehrlos eine Schlüsselrolle einnimmt. So lebt dieser solide Wiener Tatort neben der Suche nach der Auflösung am Ende vor allem von der Frage, ob sich Eisner und Fellner nach ihrem heftigen Auftaktstreit wieder versöhnen werden - und das ergibt eine gewohnt unterhaltsame Mischung.

Bewertung: 6/10

Sturm

Folge: 1019 | 17. April 2017 | Sender: WDR | Regie: Richard Huber

So war der Tatort:

Bild: WDR/Frank Dicks
Spektakulär. Und das nicht nur aufgrund der für Dortmunder Verhältnisse fast irritierenden Harmonie: Wenn eines bei den bisherigen neun Tatort-Folgen aus der Stadt in Westfalen sicher war, dann die offen vorgetragenen Misstöne und privaten Störfeuer, durch die der Mordfall oft aus dem Blickfeld geriet. Beim zehnten Einsatz der Hauptkommissare Peter Faber (Jörg Hartmann), Martina Bönisch (Anna Schudt) und der Oberkomissare Nora Dalay (Aylin Tezel) und Daniel Kossik (Stefan Konarske) ist alles ganz anders: Angesichts der packenden Geschichte und des denkwürdigen Finales gerät es am Ende fast zur Randnotiz, dass zwischenmenschliche Scharmützel in Sturm hintenanstehen müssen, weil alle vier Kommissare bei den Ermittlungen bis an ihre Grenzen gehen. Besonders spektakulär wird es für Faber: Nach einem doppelten Polizistenmord in der Dortmunder Innenstadt entdeckt er im Büro einer nahegelegenen Bank den Angestellten Muhamad Hövermann (Felix Vörtler, Narben) beim hektischen Ausführen zahlreicher Überweisungen am Computer - und als er das Büro stürmt, einen Sprengstoffgürtel an dessen Körper. Was hat Hövermann vor - und handelt er aus eigenem Antrieb oder agiert noch jemand im Hintergrund? Ähnlich wie in Sidney Lumets berühmtem Hollywood-Klassiker Hundstage oder in F. Gary Grays Verhandlungssache ergibt sich eine klassische SEK vs. Geiselnehmer-Konstellation - dabei ist Faber freiwillig in der Bank, setzt dem Täter mit trockenem Wortwitz zu und verweist im kurzen Gespräch mit dessen verbittertem Sohn Bernie (Christian Ehrich, Kunstfehler) auf einen explosiven Kölner Tatort von 1997 ("Alles super hier, Bombenstimmung!") und einen Frankfurter Tatort-Meilenstein von 2010.
Hövermann: "Warum darf er nicht gehen?"
Faber: "Weil ich böse bin."
Die Drehbuchautoren Sönke Lars Neuwöhner (Eine Frage des Gewissens) und Martin Eigler (Freigang) geben sich mit dieser altbekannten Ausgangslage allerdings nicht zufrieden und gehen noch einen Schritt weiter: Obwohl sich die Situation in der Bank von Minute zu Minute zuspitzt, ist bald klar, dass von Hövermann eine eher geringe Gefahr ausgeht. Ähnlich wie im hochklassigen Hamburger Tatort Der Weg ins Paradies lassen die Filmemacher radikale Islamisten auf die Großstadt los, setzen sich nebenbei erfreulich differenziert mit dem Islam auseinander und kreieren ein brenzliges Echtzeit-Szenario, bei dem die Dortmunder Kommissare über weite Strecken auf sich allein gestellt sind und bitter dafür bezahlen - was vor allem Aylin Tezel die Möglichkeit für eine fantastische Performance bietet. Zeit für einen flotten Spruch bleibt zwischendurch trotzdem - zum Beispiel dann, wenn Dalay kurz ihre Nase in die Bank steckt und prompt von Faber angepflaumt wird ("Nächstes Mal bringen Sie 'nen Kaffee mit!"). Und just in dem Moment, in dem sich nach einer guten Stunde der erste Hänger einzuschleichen droht, setzen die Filmemacher mit einem Schockmoment ein aufwühlendes Ausrufezeichen: Es bleibt nicht der letzte Wirkungstreffer in einem Dortmunder Tatort, in dem es am Ende Schlag auf Schlag geht und in dem dem Publikum kaum Zeit bleibt, seine Gedanken neu zu sortieren. Auf der Zielgeraden wird die Spannungsschraube kontinuierlich angezogen: Sturm, der wegen des Terroranschlags auf den Berliner Weihnachtsmarkt gleich zweimal verschoben wurde, gipfelt im bis dato fulminantesten Schlussakkord in der Geschichte der Krimireihe und dürfte nicht wenige Zuschauer perplex in die Nacht entlassen. Auch handwerklich ist der 1019. Tatort erste Sahne, denn neben dem grandiosen Finale setzt Regisseur Richard Huber (Auf einen Schlag) zum Beispiel auch die erste Begegnung von Faber und Hövermann großartig in Szene: Während der Kommissar mit der Waffe droht und der Kriminelle den Finger am Auslöser der Bombe hat, blicken sich die beiden zum fast unerträglichen Gepiepse des Timers und heulenden Polizeisirenen sekundenlang in die Augen. Ein unheimlich intensiver Moment, in dem die Weichen früh auf Hochspannung gestellt werden. Der Soundtrack von Dürbeck & Dohmen ist bewusst minimal gehalten, verstärkt die vielen Gänsehautszenen aber gekonnt - zum Beispiel dann, wenn Kossik sich allein in eine ehemalige Wohnwagensiedlung begibt und dort in Gefahr gerät. So steht unter dem Strich der bis dato beste Dortmunder Tatort aller Zeiten - und zugleich ein visuell herausragender und hochemotionaler Actionthriller, der von Minute 1 an mitreißt und noch lange nachwirkt. Chapeau!

Bewertung: 10/10

Am Ende geht man nackt

Folge: 1018 | 9. April 2017 | Sender: BR | Regie: Markus Imboden

So war der Tatort:

Bild: BR/Rat Pack Filmproduktion GmbH/Bernd Schuller
Pseudotschetschenisch. Gut einen Monat nachdem die Schweizer Tatort-Kollegen in Kriegssplitter im Umfeld tschetschenischer Flüchtlinge ermittelten, geht man in Franken noch einen Schritt weiter: Hauptkommissar Felix Voss (Fabian Hinrichs) kehrt von einem Urlaub im Kaukasus zurück und schleust sich nach einem Brandanschlag, bei dem eine Frau aus Kamerun ums Leben kommt, als tschetschenischer Flüchtling in eine Gemeinschaftsunterkunft ein. Undercover! Und kann von Glück sagen, dass sich in der Anlage keine echten Tschetschenen aufhalten - die würden seine rudimentären Sprachkenntnisse sofort entlarven, und auch Voss' Wissen über seine vermeintliche Heimat ist eher touristischer Natur. Aber auch sonst schöpft keiner seiner neuen Mitbewohner Verdacht, was die Geschichte wenig glaubwürdig macht: Während in der Unterkunft trotz seines mal mehr, mal weniger ausgeprägten Akzents niemand ernsthafte Zweifel an seiner Identität hegt, arbeiten die Kollegen Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel), Wanda Goldwasser (Eli Wasserscheid) und Sebastian Fleischer (Andreas Leopold Schadt) mit Unterstützung des urfränkischen Spurensicherungsleiters Michael Schatz (Matthias Egersdörfer) die Verdächtigen außerhalb des Heims ab. Von Land und Leuten ist im dritten Franken-Tatort aber trotz des vielgepriesenen Lokalkolorits wenig zu spüren: Das Flüchtlingsheim ist als Kulisse ebenso austauschbar wie die meisten Locations für die Außenaufnahmen. Sieht man vom fränkischen Dialekt und einigen Panoramen über den Dächern der Stadt einmal ab, erfahren wir in Am Ende geht man nackt mehr über das letzte Urlaubsziel des Kommissars und tschetschenische Wurst als über den Schauplatz Bamberg.
Schatz: "Ganz herzlichen Dank für die Wurscht! Und des ist bei denen 'e Spezialität, oder?
Voss: "Nein nein, nein, nein, nein... Das ist einfach... Wurst."
Der vierte Tatort von Regisseur Markus Imboden (Land in dieser Zeit) binnen vier Monaten ist nicht sein bester - was aber weniger an der soliden Inszenierung als vielmehr an der überfrachteten und politisch stark eingefärbten Geschichte liegt. Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt (Preis des Lebens) hebt permanent den moralischen Zeigefinger: Die Kommissare spenden Altkleider für Flüchtlinge und Voss spielt sogar mit dem Gedanken einer Adoption - außerdem werden Seitenhiebe auf den deutschen Verwaltungsapparat, voreingenommene Streifenpolizisten und das Gesundheitssystem verteilt. Während Bambergs Behörden hier in kein gutes Licht gerückt werden, gilt bei den Geflüchteten das Gegenteil: Waren im gewagten Kölner Beitrag Wacht am Rhein fast alle Zuwanderer aufmüpfige Kleinkriminelle, sind die Flüchtlinge hier fast ausnehmend sympathische Zeitgenossen - so auch der minderjährige Syrer Basem Hemidi (Mohamed Issa), der verzweifelt seinen verschwundenen Bruder sucht. Einzig der verbitterte Nordafrikaner Said Gashi (charismatisch: Yasin el Harrouk, Der Wüstensohn), der in der Unterkunft das Sagen hat und sich auf Kosten seiner Mitbewohner bereichert, bildet im 1018. Tatort die Ausnahme. Ein ziemlich einseitiges Bild, und auch die Figuren außerhalb des Heims sind oft nur wandelnde Klischees: Ringelhahn & Co. treffen unter anderem den einflussreichen Bauunternehmer Sascha Benedikt (Hans Brückner), der das Wohlergehen seiner Mitmenschen seinem Bankkonto unterordnet, und den rechtsradikalen Benjamin Funk (Frederik Bott), der hohle Parolen schmettert ("Flüchtlinge nehmen uns die Arbeitsplätze weg!") - das hat man alles schon deutlich differenzierter gesehen. Auf der Strecke bleibt die Charakterzeichnung auch bei den Ermittlern: Wer in ein paar Monaten noch alle vier Namen der nach wie vor profillos wirkenden Kommissare aufzählen kann, zählt definitiv zu den eingefleischteren Tatort-Fans. Auch Spannung will lange nicht aufkommen: In Fahrt kommt Am Ende geht man nackt erst in den Schlussminuten, doch der Ausgang des Films, in dem die Auflösung immer wieder in den Hintergrund rückt, ist so vorhersehbar, dass der Schlussakkord ohne nennenswerte Nachwirkung verpufft. Um eine tiefere Beziehung zu den Figuren aufzubauen, sind es auch einfach viel zu viele: Statt die Zustände und Spannungsfelder in der Gemeinschaftsunterkunft herauszuarbeiten und Voss in einem reizvollen Mikrokosmos ermitteln zu lassen, unternimmt der Kommissar sogar Ausflüge in einer Putzkolonne. So ist der dritte Franken-Tatort der bis dato schwächste und das Team um Voss und Ringelhahn noch immer nicht ganz in der Krimireihe angekommen.

Bewertung: 4/10

Fangschuss

Folge: 1017 | 2. April 2017 | Sender: WDR | Regie: Buddy Giovinazzo

So war der Tatort:

Bild: WDR/Martin Menke
Sabotiert. Denn ein besonderes Schmankerl im 31. Tatort mit Hauptkommissar Frank Thiel (Axel Prahl) und Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) gibt es in der Pathologie zu entdecken: Verstehen Sie Spaß?-Moderator Guido Cantz hat sich während der Dreharbeiten auf den Seziertisch geschlichen und als Leiche mit Pupsen und anderen untoten Geräuschen für zusätzlichen Spaß am Set gesorgt. Der pünktlich zur TV-Premiere von Fangschuss bekannt gegebene Gag ist aber auch fast schon das Aufregendste an diesem enttäuschenden Beitrag aus Westfalen: Die Drehbuchautoren Stefan Cantz und Jan Hinter, die als Erfinder der Tatort-Folgen aus Münster gelten, liefern einmal mehr nur noch das, was die Fans von Thiel und Boerne sehen wollen. Regisseur Buddy Giovinazzo (Rendezvous mit dem Tod) inszeniert eine seichte Mischung aus Krimi und Komödie, die kaum Spannung und wenig Originelles bietet und in der das routinierte Abspulen der mal mehr, oft weniger gelungenen Witzchen in eine hanebüchene Geschichte mündet. Während man sich an die immergleichen Frotzeleien zwischen Boerne und Assistentin Silke "Alberich" Haller (Christine Urspruch) und das Reduzieren von Zwei-Szenen-Staatsanwältin Wilhelmine Klemm (Mechthild Großmann) auf ihre Nikotinsucht längst gewöhnt hat, tappen die Filmemacher diesmal auch von einer Klischeefalle in die nächste: Da gibt es die elitäre Jagdgesellschaft unter Leitung der renommierten Wissenschaftlerin Dr. Freya Freytag (Jeanette Hain, Scheinwelten), in der sich Möchtegern-Jäger Boerne natürlich pudelwohl fühlt, einen schwulen Friseur mit Neigung zum Tratschen und - wie so oft im Tatort - einen Journalisten mit zweifelhaften Methoden, der posthum noch die Vorurteilskeule von Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter) zu spüren bekommt.
Krusenstern: "Die saufen aber auch zur Inspiration."
Journalist Jens Offergeld (Christian Maria Goebel, Schön ist anders) ist nicht das einzige Opfer in diesem Tatort, bei der die Suche nach dem Mörder zweitrangig ist: Einleitend stürzt IT-Experte Sebastian Sandberg in den Tod. Sebastian Sandberg, Freya Freytag, Jens Offergeld: Sogar die sprechenden Figurennamen in Fangschuss klingen wie aus dem Überraschungsei oder einer schlechten TKKG-Folge. Und dann ist da noch Leila Wagner (Janina Fautz): Die sture Schulabbrecherin gibt vor, Thiels Tochter zu sein, trägt demonstrativ blaue Haare und wird dafür von einer Nonne schräg angeglotzt - viel dicker kann man kaum auftragen. Wer indes glaubt, der Kommissar bekäme von heute auf morgen weiblichen Nachwuchs in die Geschichte geschrieben, glaubt wahrscheinlich auch an den Weihnachtsmann - und so entwickelt der Vaterschaftstest im Mittelteil bei weitem nicht den emotionalen Punch, den sich die Filmemacher wohl erhofft haben. Wie schwach auch die Rahmenhandlung um die Suche nach dem Doppelmörder und die Lieferungen von kontaminiertem Gemüse im Futtermittelbetrieb von Horst Martens (Michael Schenk, Borowski und der brennende Mann) auf der Brust ist, zeigt sich besonders an einer Szene: Fahndete im vor allem handwerklich herausragenden Kieler Tatort Borowksi und das dunkle Netz zwei Wochen zuvor noch ein halbes Ermittlerdutzend fieberhaft nach einem im Darknet angeheuerten Auftragskiller, klärt sich eine ähnliche Angelegenheit hier in fünf Sekunden am Telefon. Statt zum pfiffigen Krimispaß wird Fangschuss zur plumpen Nummernrevue: Die Geschichte ist wild zusammengeschustert und am Ende hängt alles irgendwie zusammen - das hat eher was von Traumschiff oder Vorabendprogramm und wenig mit früheren tollen Folgen aus Münster zu tun, die auch Spannendes boten (vgl. Wolfsstunde). "Vaddern" Thiel (Claus-Dieter Clausnitzer) wurde im Übrigen komplett aus dem Drehbuch gestrichen - die junge Leila auch noch mit ihrem potenziellen Kiffer-Opa zu konfrontieren, hätte das Kasperletheater aber wohl auch perfekt gemacht. So ist ihr Gekabbel mit Thiel und dessen durcheinander gebrachte Gefühlswelt am Ende noch das Interessanteste im 1017. Tatort - und wären da nicht Leilas permanente Selbstgespräche, die das erzählerische Erfolgsprinzip Show, don't tell ad absurdum führen, könnte man die Kleine fast ins Herz schließen. Ihr Intermezzo bleibt aber einmalig: Innovationen und neue Figuren scheut der WDR in Münster wie der Teufel das Weihwasser, und deshalb geht - zumindest bis 2020 - alles so weiter wie bisher.

Bewertung: 4/10

Nachbarn

Folge: 1016 | 26. März 2017 | Sender: WDR | Regie: Torsten C. Fischer

So war der Tatort:

Bild: WDR/Martin Menke
Experimentierfrei. In den Wochen vor der Erstausstrahlung des 70. Falls der Kölner Hauptkommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) wurde dem Tatort-Zuschauer einiges abverlangt - unter anderem Laiendarsteller außer Rand und Band im kolossal gescheiterten Ludwigshafener Impro-Experiment Babbeldasch, ein rasender Serienmörder im starken Bremer Tatort Nachtsicht und reichlich verstörende Situationskomik im herausragenden Kieler Genremix Borowski und das dunkle Netz. Drehbuchautor Christoph Wortberg (auch als Frank Dressler aus der Lindenstraße bekannt) und Regisseur Torsten C. Fischer (Wir - Ihr - Sie) bieten dagegen solides Kontrastprogramm: Ihr Kölner Tatort ist ein unaufgeregter Whodunit aus dem Lehrbuch, ein Krimi ohne Schnickschnack und Experimente, so dass vor allem die Tatort-Puristen unter den Zuschauern auf ihre Kosten kommen. Dass Nachbarn nach Wacht am Rhein und Tanzmariechen bereits der dritte Kölner Beitrag binnen zehn Wochen ist (während der wegen des Berliner Terroranschlags verschobene Dortmunder Tatort Sturm in der Schublade schmort), dürfte kaum jemanden stören: Ballauf und Schenk zählen nun mal zu den beliebtesten Ermittlern der Krimireihe. Und sind wieder voll in ihrem Element: Nach dem Mord an dem geschiedenen Mittvierziger Werner Holtkamp (Uwe Freyer) ermitteln sie ausschließlich in dessen Nachbarschaft - ähnlich wie es im Dezember 2016 ihre Frankfurter Kollegen im Tatort Wendehammer taten, in dem ebenfalls ein entsprechender Mikrokosmos konstruiert wurde. Doch anders als die hessischen Kollegen beten Ballauf und Schenk beim Abklappern der Häuser reihenweise Sätze herunter, wie wir sie im Tatort schon viele hundert Mal gehört haben.
Ballauf: "Ist in letzter Zeit irgendwas Auffälliges passiert?"
Der Mord in den Anfangsminuten, ein halbes Dutzend Tatverdächtige und ein paar Geheimnisse, die die potenziellen Täterinnen und Täter nach und nach preisgeben: Im 1016. Tatort geschieht nichts, was es im Tatort nicht schon in ähnlicher Form gegeben hätte. Die Filmemacher liefern einen Sonntagskrimi vom Reißbrett und schlagen dabei einmal mehr die Brücke zum Privatleben der Kommissare: Schenk liegt mit seinem Nachbarn wegen dessen lautstark krächzendem Papagei im Clinch - doch statt die Gelegenheit nach Jahren der Abstinenz mal wieder für einen Auftritt seiner nur noch auf dem Papier existenten Familie zu nutzen, wird dieser extrem konstruierte Nebenstrang mit dem Holzhammer in den Plot gehämmert. Es ist nicht die einzige Schwäche in diesem überzeugend besetzten, unter dem Strich aber nur durchschnittlichen Tatort, der die Eigenständigkeit oft vermissen lässt: Während in Wendehammer der überzeichnete IT-Yuppie Daniel Kaufmann (Constantin von Jascheroff) ein Faible für teure Hifi-Anlagen mitbrachte, ist es hier der undurchsichtige Jens Scholten (Florian Panzner, Der scheidende Schupo), der mit seiner Frau Hella (Julia Brendler, Borowski und die Kinder von Gaarden) und seiner Tochter Paulina (Lilli Lacher) zwei Häuser weiter wohnt. Auch der Auftritt der alkoholisierten Anne Möbius (Birge Schade, Land in dieser Zeit), deren Ehe mit ihrem Mann Frank (Stephan Grossmann, Die fette Hoppe) kriselt und die vor den Augen der erstaunten Kommissare mit dem Martini in der Hand einen seltsam entrückt wirkenden Solotanz zu Bruce Springsteens Hungry Heart aufs Parkett legt, kommt uns irgendwie bekannt vor: Im schrägen Konstanzer Tatort Wofür es sich zu leben lohnt war es 2016 die labile Anna Krist (Julia Jäger), die bei einem Glas Rotwein und Sinead O’Connors Troy alles um sich herum vergaß. Während hier zumindest der Griff in die Plattenkiste glückt, schlägt er anderer Stelle fehl: Szenen aus dem nur oberflächlich heilen Nachbarschaftsleben werden gleich mehrfach plump mit Pharrell Williams‘ Chartbreaker Happy ironisiert. Deutlich mehr Spaß macht Nachbarn im Hinblick auf die Suche nach der Auflösung: Wenngleich die deutlich gestreuten Hinweise im Umfeld von Nachbar Leo Voigt (Werner Wölbern, Der hundertste Affe) und seiner psychisch erkrankten Stieftochter Sandra (Claudia Eisinger, Feierstunde) alte Krimihasen kaum hinterm Ofen hervorlocken dürften, bleiben die genauen Zusammenhänge bis zum Schluss offen. Klassisches und unaufgeregtes Miträtseln ist im Tatort im Jahr 2017 längst nicht mehr selbstverständlich - und so bietet dieser bodenständige Beitrag vom Rhein fast schon eine angenehme Abwechslung zu den vielen Tatort-Experimenten in anderen Städten.

Bewertung: 5/10


Borowski und das dunkle Netz

Folge: 1015 | 19. März 2017 | Sender: NDR | Regie: David Wnendt

So war der Tatort:

Bild: NDR/Christine Schroeder
Düster. Und das nicht nur, weil die Kieler Hauptkommissare Klaus Borowski (Axel Milberg) und Sarah Brandt (Sibel Kekilli) bei ihrem zwölften gemeinsamen Einsatz im Darknet ermitteln: Viele Schlüsselszenen des Films spielen nachts oder bei spärlicher Beleuchtung. So auch der Auftaktmord an Jürgen Sternow (Pjotr Olev, Undercover), dem Leiter der Cybercrime-Abteilung im LKA: Gemeinsam mit einem schwarz gekleideten Mann - schon bald erfahren wir, dass es sich um Auftragskiller Hagen Melzer (Maximilian Brauer) handelt - blicken wir durch die Augen einer monströsen Wolfsmaske und werden in wackeliger Ego-Shooter-Perspektive Zeuge dessen, wie Sternow kaltblütig erschossen wird. Was für ein Auftakt! Später ist es der Fund einer von Maden zerfressenen Leiche oder der elektrisierende Showdown in einem finsteren Keller, der viele Zuschauer bis in den Schlaf verfolgen dürfte: Feuchtgebiete-Regisseur David Wnendt, der das Drehbuch zu Borowski und das dunkle Netz gemeinsam mit Thomas Wendrich (Fünf Minuten Himmel) schrieb, hat eine der packendsten Kieler Tatort-Folgen überhaupt konzipiert und geizt in seinem überragend inszenierten TV-Debüt nicht mit Suspense und schaurigen Horror-Momenten. Die furchterregende Maske des Mörders, der von einem unbekannten Auftraggeber über das Darknet angeheuert wurde, erinnert an James Wans Folterorgie SAW oder M. Night Shyamalans Mysterythriller The Village - und gruselige Kinderzeichnungen, die den entscheidenden Hinweis zur Auflösung liefern, kennen wir aus der Dürrenmatt-Verfilmung Es geschah am hellichten Tag oder moderneren Schockern wie Ring und Sinister. Doch es darf auch gelacht werden - zum Beispiel dann, wenn LKA-Leiter Wolfgang Eisenberg (Michael Rastl, Duisburg-Ruhrort) von den Ermittlern nach seinem Alibi gefragt wird und spontan Details aus seinem Privatleben preisgibt.
Borowski: "Wo waren Sie am Abend von Sternows Tod?"
Eisenberg: "In meiner Frau."
Die Filmemacher wagen einen wilden Parforceritt durch die Filmgenres und kombinieren Nervenkitzel und Action gekonnt mit pfiffigem Dialogwitz und grotesker Situationskomik: Wenn der verletzte Killer in seinem Hostelzimmer unverhofft Besuch von der nackten Empfangsdame Rosi (mutig: Svenja Hermuth) erhält, ist das eine für Tatort-Verhältnisse mehr als verstörende Sequenz. Im 1015. Tatort (zu dem uns Hauptdarsteller Axel Milberg vorab ein tolles Interview gab) trifft der Thriller auf die Komödie, der Krimi auf den Horror - und es spricht für David Wnendts erzählerisches Geschick, dass er die humorvollen Zwischentöne gekonnt mit den vielen Gänsehautmomenten in Einklang bringt. Wer diesen blutigen Tatort bis zum brutalen Höhepunkt durchsteht, erlebt ein ständiges Wechselbad der Gefühle - und das zu den Klängen eines bärenstarken Soundtracks, der stets den richtigen Ton trifft. Aber auch optisch wird eine Menge geboten: Eine spektakuläre Verfolgungsjagd führt durch ein laufendes Handballspiel des THW Kiel und mündet in eine dramatische Sequenz in der Umkleidekabine, bei der Erinnerungen an die ersten Auftritte von Epileptikerin Brandt wach werden. Hinzukommen wird nur noch einer: Borowski und das dunkle Netz ist der vorletzte, wenn auch als letzter abgedrehte Tatort mit Sibel Kekilli, die wenige Wochen vor der TV-Premiere ihren Ausstieg aus der Krimireihe bekannt gab. Diesmal steht sie im Mittelpunkt: Trotz der Unterstützung der zwei karikaturesken Bilderbuch-Nerds Cao (Yung Ngo) und Dennis (Mirco Kreibich, Côte d'Azur) ist es vor allem Brandt, die die Suche im Darknet vorantreibt. Anders als im schwachen Bremer Beitrag Echolot, in dem Lürsen und Stedefreund 2016 in einer überzeichneten IT-Klitsche ermittelten, spielen die Filmemacher hier mit den Klischees, statt sie uninspiriert zu bedienen: Die Zusammenarbeit des lernwilligen Borowski und der genervten Brandt mit den beiden Computerfreaks, deren programmierter Buzzer auf dem Schreibtisch automatisch eine Pizza-Bestellung auslöst, generiert einen Lacher nach dem nächsten. Auch Borowski setzt auf digitalen Support und freundet sich mit der Sprachassistentin seines Smartphones an, die er "Sabine" tauft und deren rote Lampe verdächtig an den HAL 9000 aus Stanley Kubricks Sci-Fi-Meisterwerk 2001 - Odyssee im Weltraum erinnert (eine interessante Parallele zum Stuttgarter Tatort HAL). Grandioses i-Tüpfelchen auf diesem vor allem handwerklich herausragenden Kieler Tatort ist allerdings die augenzwinkernde Schlusspointe, die Borowskis mangelnde Web-Affinität gekonnt auf den Punkt bringt.

Bewertung: 9/10

Nachtsicht

Folge: 1014 | 12. März 2017 | Sender: Radio Bremen | Regie: Florian Baxmeyer

So war der Tatort:

Bild: Radio Bremen
Ekelerregend. Ein blutiger Zahn, ein abgerissener Fingernagel, ein Beutel mit verwesendem Gewebe: Das ist selbst für Gerichtsmediziner Dr. Katzmann (Matthias Brenner) zu viel, der in Nachtsicht die Trophäen eines Serienmörders untersuchen muss und seinen Mageninhalt kurzerhand dem Waschbecken in der Pathologie überlässt ("Wenn das jemand mitkriegt, bin ich erledigt!"). Den Bremer Hauptkommissaren Inga Lürsen (Sabine Postel) und Nils Stedefreund (Oliver Mommsen), die kurz vor der TV-Premiere ihres 30. gemeinsamen Falls ihren Abschied im Jahr 2019 bekannt gaben, ergeht es kaum besser: Ihnen kommt die undankbare Aufgabe zu, am Tatort die Leichen zu inspizieren - und von denen ist oft nur Matsch übrig geblieben. Denn in Bremen macht ein Autofahrer nachts Jagd auf junge Männer: Heimlich, still und leise tastet sich der Killer ohne Scheinwerferlicht mit seinem lautlosen Elektromotor an seine ahnungslosen Opfer heran, drückt dann plötzlich das Gaspedal durch und überrollt sie so lange, bis sie keinen Mucks mehr von sich geben. Bei seiner dritten Tat sehen wir den maskierten Täter erstmalig in voller Montur: ein finsteres, fast alienartiges Wesen, das sich ein monströses Nachtsichtgerät über den Kopf gestülpt hat. Doch wer steckt hinter der Maske? Die Drehbuchautoren Stefanie Veith und Matthias Tuchmann, die zuletzt den starken Bremer Tatort Die Wiederkehr konzipierten, stellen die Täterfrage nur pro forma und brechen fleißig mit einigen ungeschriebenen Gesetzen der Krimireihe: Vieles, oft Entscheidendes spielt sich hinter dem Rücken der Kommissare ab und der Mörder ist schon bald offensichtlich. Die Spur führt direkt zur Familie Friedland: Ex-Junkie Kristian (Moritz Führmann) kann von seinem Vater Jost (Rainer Bock) nur mit Mühe und Not aus der Schusslinie gebracht werden - er will jegliche Aufregung von seiner krebskranken Frau Leonie (Angela Roy) fernhalten, die wohl nur noch wenige Wochen oder Monate zu leben hat.
Lürsen: "Alle um sie herum veranstalten einen großen Totentanz. Das muss aufhören."
Der 1014. Tatort wird also weniger durch die Suche nach der richtigen Auflösung, falsche Fährten oder die akribische Ermittlungsarbeit der Kommissare vorangetrieben: Nachtsicht wandelt sich im Mittelteil vom packenden Serienkiller-Thriller zum beklemmenden Familiendrama. Lebt die erste halbe Stunde noch vor allem von den fesselnd in Szene gesetzten Ausfahrten des Mörders in seinem schwarzen und in bester James Bond-Manier getunten Fahrzeug, wird schon bald das Spannungsfeld innerhalb der Familie Friedland zur Antriebsfeder des Geschehens: Konflikte werden ausgesessen, die Realität verdrängt und das Offensichtliche totgeschwiegen. Wie die Geschichte ausgehen mag und ob es dabei überhaupt Gewinner geben kann, ist schwer zu prognostizieren. Die Filmemacher beschränken sich neben den Kommissaren, die bei ihren Ermittlungen einmal mehr von der technikaffinen BKA-Kollegin Linda Selb (Luise Wolfram) unterstützt werden, auf lediglich vier wichtige Figuren und räumen diesen viel Platz zur Entfaltung ein: Während Moritz Führmann (Hydra) in der Rolle des etwas debil wirkenden Nachtaktiven und Angela Roy (Liebe am Nachmittag) als einbeinige Krebskranke starke Leistungen abliefern, ragt Hollywood-Export Rainer Bock (Mord auf Langeoog) als kühl kalkulierender Vater aus dem tollen Cast noch einmal heraus. Natalia Belitski (Mauerblümchen) kann sich als Rollstuhlfahrerin Tajana Noack weniger in den Vordergrund spielen - bekommt aber zumindest mehr Kamerazeit als die zur Stammbesetzung zählende Camilla Renschke, der in ihrer Rolle als Lürsen-Tochter Helen Reinders einmal mehr nur eine einzige Szene zugestanden wird. Reinders, die sich 2009 in Tote Männer auf ein kurzes Techtelmechtel mit Stedefreund einließ, steht im Bremer Tatort auf dem Abstellgleis - wie gut, dass der smarte Kommissar mit der toughen Selb bereits Ersatz gefunden hat. So ist Nachtsicht unter dem Strich der stärkste Bremer Tatort seit zwei Jahren - und es kommt nicht von ungefähr, dass die Geschichte aus der Feder derselben Drehbuchautoren stammt und mit Florian Baxmeyer (Der hundertste Affe) vom selben Regisseur inszeniert wird wie das ähnlich starke Familiendrama Die Wiederkehr.

Bewertung: 8/10

Kriegssplitter

Folge: 1013 | 5. März 2017 | Sender: SRF | Regie: Tobias Ineichen

So war der Tatort:

Bild: ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler
Beziehungsschädlich. Was hatte der Luzerner Hauptkommissar Reto Flückiger (Stefan Gubser) zuletzt nicht für ein Geheimnis aus seiner neuen Freundin gemacht: Wie ein schüchterner Schuljunge hielt er mit ihrer Identität hinterm Berg, brezelte sich in Kleine Prinzen vor dem Spiegel für ein Date auf und ließ Kollegin Liz Ritschard (Delia Mayer) erst im letzten Schweizer Tatort Freitod ihren Namen wissen. "Eveline! Ja, Eveline", platzte es aus dem Kommissar und Bootsbesitzer heraus - am Ende war das aber nur eine Randnotiz in einem einmal mehr enttäuschenden Krimi aus der Schweiz. In Kriegssplitter lernen wir Flückigers Geliebte nun endlich kennen, denn der gleichaltrigen Frau kommt eine Schlüsselrolle zu: Eveline Gasser (Brigitte Beyeler) trifft sich mit Flückiger auf ein Schäferstündchen in einem Hotelzimmer, doch die traute Zweisamkeit auf dem Balkon wird jäh unterbrochen, als ein Journalist durch das Fenster im Stockwerk darüber zu Tode stürzt. Der Kommissar muss seine Beobachtungen zu Protokoll geben und wohl oder übel nicht nur Ritschard, sondern auch Kriminaltechnikerin Corinna Haas (Fabienne Hadorn) sein Verhältnis zu der verheirateten Frau gestehen. Doch kaum ist das Geheimnis gelüftet, ist die Beziehung fast schon wieder Geschichte: "Was läuft eigentlich an der anderen Front?" fragt Ritschard in einer sehr gekünstelt wirkenden Szene, in der sich die Filmemacher die Charakterzeichnung überdeutlich auf die Fahnen geschrieben haben - Flückiger hat seiner Liebhaberin geraten, zurück zu ihrer Familie zu gehen. Sein Dasein als einsamer Wolf ist in diesem Tatort aber sicher nicht von Nachteil, denn allein körperlich wird ihm eine Menge abverlangt - zum Beispiel dann, wenn er den unter Mordverdacht stehenden tschetschenischen Auftragskiller Pjotr Sorokin (Vladimir Korneev) mit einem gekonnten Manöver in die Horizontale zwingt.
Flückiger: "Das ist Frau Ritschard, mein Name ist Flückiger - und du? Egal! Du bist verhaftet!"
Drehbuchautor Stefan Brunner (Kleine Prinzen) und Regisseur Tobias Ineichen (Verfolgt) schlagen durch die Recherchen des getöteten Journalisten die Brücke zum Tschetschenienkrieg und erzählen in Kriegssplitter eine Geschichte, die auch gut nach Hamburg oder Wien gepasst hätte: In der Regel sind es die Tatort-Kollegen Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) oder Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) und Julia Grosz (Franziska Weisz), die sich mit internationalen Verstrickungen, dem organisierten Verbrechen oder terroristischen Bedrohungen auseinandersetzen müssen. Luzern steht die politisch angehauchte Geschichte aber nicht minder gut zu Gesicht, was auch daran liegt, dass alle an einem Strang ziehen: Regierungsrat Eugen Mattmann (Jean-Pierre Cornu) zieht es diesmal vor, im russischen Abgesandten Michail Koslow (Ivan Shvedoff, Königskinder) einen gemeinsamen Feind auszumachen, statt den eigenen Leuten zur Verhinderung diplomatischer Schwierigkeiten unbeholfen Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Im 1013. Tatort wirkt vieles eine Ecke dynamischer als in früheren Schweizer Beiträgen, denn für Spannung ist gesorgt: Schon der einleitende Fenstersturz ist ein scheppernder Hallo-Wach-Moment und auch im weiteren Verlauf der Geschichte drücken die Filmemacher bei der Suche nach Kriegsverbrecher Ramzan Khaskhanov (Jevgenij Sitochin, Schwindelfrei) zu den Klängen treibender Elektrobeats aufs Tempo. Toll arrangiert ist eine zufällige Begegnung von Flückiger und Auftragskiller Sorokin, die an derselben Ampel halten, ohne einander wahrzunehmen - hinzu kommen einige knackige Actionsequenzen, wie man sie in Luzern nicht häufig erlebt. Als klassischer Krimi zum Miträtseln funktioniert der Film ebenfalls: Die Auflösung der Täterfrage, bei der auch die aus Tschetschenien geflüchtete Nura Achmadova (Yelena Tronina) und ihr Bruder Nurali Balsiger (Joel Basman, Borowski und der Himmel über Kiel) ein Wörtchen mitsprechen, wird bis in die Schlussminuten offen gehalten und dürfte nicht wenige Zuschauer überraschen. Einmal mehr bedienen sich die Filmemacher dabei aber eines plumpen Kniffs: Ähnlich wie in Eine andere Welt oder Du gehörst mir wird ein entlarvendes Video erst kurz vor Schluss überprüft, obwohl man es bei genauerem Hinsehen schon früher hätte entdecken können. Hier wird der Dramaturgie ein wenig auf die Sprünge geholfen - angesichts des soliden Unterhaltungswerts der nicht immer überzeugenden Beiträge aus der südlichsten aller Tatort-Städte sind kleinere Schönheitsfehler aber zu verschmerzen.

Bewertung: 6/10

Babbeldasch

Folge: 1012 | 26. Februar 2017 | Sender: SWR | Regie: Axel Ranisch

So war der Tatort:

Bild: SWR/Martin Furch
Improvisiert. Denn wie seine Kinofilme drehte Ich fühl mich Disco-Regisseur Axel Ranisch seinen ersten Tatort chronologisch und ohne ausformuliertes Drehbuch: Babbeldasch ist ein außergewöhnliches Krimi-Experiment, ein komplett improvisierter Tatort, bei dem man allen beteiligten (Amateur)-Schauspielern nur ein Kompliment für ihren Mut machen kann. "Ich glaube, so viel quirlige Lebendigkeit gab es auf diesem Programmplatz noch nie", kündigte Ranisch auf seiner Facebook-Seite selbstbewusst an - und er hat völlig Recht! Die zahlreichen Laienschauspieler, die normalerweise für die Ludwigshafener Hemshofschachtel im Einsatz sind, genießen die Fernsehbühne in vollen Zügen und legen sich beim 65. Einsatz von Hauptkommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) mächtig ins Zeug. Den Mörder kannten sie während der Dreharbeiten noch nicht, weil sie die Szenen auf Basis eines Treatments von Drehbuchautor Sönke Andresen improvisierten, und auch Folkerts erfuhr erst kurz vor Schluss, wen sie denn nun nach dem Mord an Sophie Fettèr (Malou Mott), der Leiterin des titelgebenden Mundart-Theaters Babbeldasch, verhaften muss. Eine außergewöhnliche Entstehungsgeschichte - aber geht diese Rechnung auch auf? Mitnichten. Der 1012. Tatort ist einer der schwächsten aller Zeiten, denn der Zuschauer bleibt bei diesem kolossal scheiternden Experiment fast vollkommen auf der Strecke. Am wichtigsten scheint vielmehr zu sein, dass sich alle Beteiligten vor der Kamera so richtig austoben können, doch über die fehlende Spannung können das engagierte Spiel und die spontanen Dialoge nicht hinwegtäuschen: Babbeldasch ist nicht nur ein anstrengender, sondern in erster Linie ein entsetzlich langweiliger und konfus vorgetragener Krimi. Die schauspielerischen Leistungen bewegen sich - wer will es den Darstellern verübeln - auf dem Niveau von Berlin - Tag & Nacht oder Nachmittagsformaten á la Die Ruhrpottwache, während klassische Orchestermusik erklingt: Das ist in etwa so, als würde man teuren Champagner zur deftigen Erbsensuppe reichen.

Das ausgeprägte Lokalkolorit und die starke kurpfälzische Einfärbung der Dialoge - das kann man mögen oder auch nicht - tun ihr Übriges: Mit Ausnahme der Ermittler "babbeln" fast alle Figuren heftigsten Dialekt, was selbst geübte Ohren auf eine anstrengende Belastungsprobe stellt. Mit einem klassischen Sonntagskrimi hat der mit verwackelten Handkamerabildern gefilmte Babbeldasch kaum mehr als die Suche nach dem Mörder gemein, und auch die grundsätzlichen Probleme der seit Jahren schwächelnden Beiträge aus der Kurpfalz treten wieder offen zutage: Hauptkommissar Mario Kopper (Andreas Hoppe) - immerhin seit 1996 im Amt, erster Auftritt im großartigen Tatort Der kalte Tod - wird mit gerade einmal vier Szenen fast komplett links liegen gelassen und verabschiedet sich mit einer nebulösen Andeutung, während sich Vollzeitmami und Fallanalytikerin Johanna Stern (Lisa Bitter) von heute auf morgen mit Ex-Erzfeindin Odenthal anfreundet und mit ihren plärrenden kranken Kleinkindern das halbe Büro ansteckt - Assistentin Edith Keller (Annalena Schmidt) inklusive, die im Off mal eben auf den Flur kotzt. Stand in den letzten Folgen aus Ludwigshafen (vgl. Du gehörst mir, LU) noch regelmäßig der nervtötende Zickenkrieg zwischen Odenthal und Stern auf der Tagesordnung, geht diesmal im Präsidium und beim Rotwein nach Feierabend alles harmonisch seinen Gang. Die Figurenentwicklung wird dadurch mit Füßen getreten, aber das scheint den Filmemachern herzlich egal zu sein. Die von schrillen Tagträumen geplagte Lena Odenthal darf sich am Ende sogar noch in eine böse Königin verwandeln - die fast groteske Krönung einer unterirdisch schwachen, fast selbstverliebt wirkenden Tatort-Folge, bei der vieles gut gemeint und nur das Wenigste gut gemacht ist. Daran ändern eine Mannequin Challenge-Sequenz zu den Klängen von Edvard Griegs In der Halle des Bergkönigs, eine uninspiriert eingeflochtene Film-im-Film-Anspielung auf den Tatort Roomservice und ein gelungener One-Liner des profitgierigen Theatervermieters Bohlmann (Harald Dimmler) herzlich wenig.
Bohlmann: "Es hat sich ausgefuckyoubohlmannt!"
Bewertung: 1/10

Tanzmariechen

Folge: 1011 | 19. Februar 2017 | Sender: WDR | Regie: Thomas Jauch

So war der Tatort:

Bild: WDR/Thomas Kost
Karnevalistisch. Denn Tanzmariechen spielt kurz vor Beginn der sprichwörtlichen fünften Jahreszeit: Ganz Köln ist im Karnevalsfieber und freut sich auf den 11. November, an dem das jecke Treiben endlich wieder losgeht. Ganz Köln? Nein. Ein einsamer Beamter wagt es, den kostümierten Narren Widerstand zu leisten: Hauptkommissar Max Ballauf (Klaus J. Behrendt), der sich schon 1999 im Tatort Restrisiko als Karnevalsmuffel outete und ein Jahr später in der Crossover-Folge Quartett in Leipzig vom Leipziger Kollegen Bruno Ehrlicher (Peter Sodann) trotzdem als "Karnevalist" bezeichnet wurde, kann dem Ganzen herzlich wenig abgewinnen und würde die Stadt wohl am liebsten direkt verlassen. Gemeinsam mit seinem Kollegen Freddy Schenk (Dietmar Bär) muss er allerdings einen Mordfall aufklären: Im Karnevalsverein "De Jecke Aape" wird die strenge Tanztrainerin Elke Schetter (Katja Heinrich, Die chinesische Prinzessin) tot aufgefunden. Und da gibt es noch einen weiteren Aufreger, der eigentlich gar keiner ist: +++ Küsse im Polizei-Präsidium sorgen für Aufregung +++ titelt die ARD auf ihrer Tatort-Homepage, dabei sind die Ermittler doch sichtbar um Deeskalation bemüht: Assistent Tobias Reisser (Patrick Abozen) und sein Freund David Mühlberger (Marc Rissmann) lassen sich im Büro zu einem eher flüchtigen als leidenschaftlichen Küsschen hinreißen - was vor Jahrzehnten vielleicht noch für einen Aufschrei in den heimischen Fernsehsesseln gesorgt hätte, ist heutzutage längst selbstverständlich. Und wirkt in diesem Tatort doch seltsam verkrampft: Vor allem Schenk, bei dem ein Zombiekostüm-Wunsch seiner offenbar namenlosen Enkeltochter eine mittelschwere Sinnkrise auslöst, kann gar nicht oft genug betonen, dass er damit überhaupt kein Problem hat.
Schenk: "Mir ist das egal, wer wen, wann, wo, wieso oder wohin küsst. Das ist aber nicht jedem hier im Präsidium egal. Leider. "
Wen Schenk damit meint, bleibt sein Geheimnis, und überhaupt: Sein ewiges Schwingen der Toleranzkeule mündet in den gegenteiligen Effekt. Denn je häufiger sich der Oldtimer-Fan entspannt und verständnisvoll gibt, desto aufgesetzter wirkt die Sache. Das gilt auch für den rheinländischen Dialekt, den der tatverdächtige Karnevalsfreak Rainer Pösel (Tristan Seith, Mord auf Langeoog) und seine Frau Martina (stark: Milena Dreissig, Stromberg-Fans bestens als Schirmchen bekannt) sprechen: Der bemühte Zungenschlag des Ehepaars, das kurz vor dem Tod der Tanzlehrerin den Selbstmord seiner Tochter Evelyn (Stella Holzapfel) hinnehmen musste, konterkariert die vermeintliche Karnevalsbegeisterung schon fast. Die übrigen Charaktere fallen nicht überzeugender aus: Regisseur Thomas Jauch (21. Tatort, zuletzt Zahltag) und Drehbuchautor Jürgen Werner (22. Tatort, zuletzt Wacht am Rhein) verrichten mit wandelnden Klischees, einer am Reißbrett entworfenen Geschichte und einer routinierten Inszenierung diesmal nur Dienst nach Vorschrift. Neben der strengen Tanzlehrerin Schetter und dem realitätsverleugnenden Karnevalisten Pösel, der seinen bedauernswerten Sohn Paul (Luke Piplies) zum Herunterstammeln einer Büttenrede nötigt, gibt es da noch den großkotzigen Vereinsmäzen Günther Kowatsch (souverän: Herbert Knaup, Freigang), der mit der viel zu jungen Annika (Natalia Rudziewicz, Blutschuld) anbandelt, und Saskia (Sinja Dieks, Blackout), das zickige Tanzmariechen in spé, das beim knallharten Konkurrenzkampf keine Verwandten kennt - alles schon dutzende Male gesehen. Ähnlich wie die westfälischen Kollegen Frank Thiel (Axel Prahl) und Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) in Ein Fuß kommt selten allein legen die Kommissare nach und nach das Innenleben der Tanztruppe frei, das sich ebenfalls so gestaltet, wie man es sich vorstellen würde: Der Zickenkrieg fordert in bester Germany’s Next Top Model-Manier Tränen, während sich Ballauf und Schenk von einem Dialog zum nächsten hangeln und mühsam mit dem Thema Cybermobbing auseinandersetzen, für das sie vielleicht einfach ein paar Jährchen zu alt sind. Dramatisch wird es in erst in den Schlussminuten, und auch die Auflösung der klassischen Whodunit-Konstruktion dürfte alten Krimihasen kaum mehr als ein müdes Lächeln abringen. Trotz des Lokalkolorits ist Tanzmariechen daher kein großer Wurf und dürfte schon am Aschermittwoch wieder in Vergessenheit geraten sein.

Bewertung: 5/10

Wie hieß die Selbstmörderin doch gleich?