Wehrlos

Folge: 1020 | 23. April 2017 | Sender: ORF | Regie: Christopher Schier

So war der Tatort:

Bild: ARD Degeto/ORF/Hubert Mircan
Schimpffreudig. Denn sie alle granteln, streiten und schimpfen in diesem österreichischen Tatort nach Herzenslust: Chefinspektor Moritz Eisner (Harald Krassnitzer), der seine neue Flamme Samy Graf (Ruth Brauer-Kvam, Kolportage) nach dem Mord am Leiter der Wiener Polizeischule vorübergehend sitzen lassen muss, Major Bibi Fellner (Adele Neuhauser), der Eisners neue Flamme gar nicht in den Kram passt, und sogar der emsige Tollpatsch-Assistent Manfred "Fredo" Schimpf (Thomas Stipsits), der bei seinem sechsten Auftritt so viel Verantwortung übernimmt wie noch nie und dessen Nachname diesmal Programm ist. Nach einem Streit mit seiner Frau muss Schimpf sich sogar für eine Nacht bei Fellner einquartieren, was wiederum Sektionschef Ernst Rauter (Hubert Kramar) gegen den Strich geht - das streitende Quartett ist komplett und Wehrlos ein Paradebeispiel dafür, dass die Spannungen unter den Ermittlern so fest zur Krimireihe gehören wie die Augen von Horst Lettenmayer und die Musik von Klaus Doldinger. Auch im Umfeld des Toten wird fleißig gestritten und geschimpft - im Nachbarhaus des Ermordeten streitet ein wunderbar überzeichnetes Ehepaar, in der Leichenhalle sind es die Gerichtsmediziner, und dann ist da noch Fellners Busenfreund Inkasso-Heinzi (Simon Schwarz), der einen Insidertipp für die Ermittler parat hat: Er verweist auf die "depperte Bonny" (Simone Fuith, Falsch verpackt) und den "süßen Clyde" (Sebastian Wendelin), die den Toten erpresst hatten und als Figuren deutlich besser zum irren Iwan, zum treuen Roy oder zum scheidenden Schupo nach Weimar gepasst hätten. Ansonsten sieht sich Inkasso-Heinzi bei Eisners Befragungen mal wieder in der Opferrolle, obwohl er es faustdick hinter den Ohren und er kaum mal ein nettes Wort für seine Angestellten übrig hat - einfach köstlich.
Inkasso-Heinzi: "Bist du total deppert? Wieso bestellst du alkoholfreies Bier?"
Die erste halbe Stunde der 1020. Tatort-Ausgabe ist eine fast pausenlose Schimpf- und Streittirade - und da das alles in brutalem österreichischen Dialekt und bei nicht ganz optimaler Tonabmischung stattfindet, dürften nicht wenige deutsche TV-Zuschauer früh zur Fernbedienung greifen. Der 40. Einsatz von Harald Krassnitzer ist selbst für geübte Ohren eine akustische Herausforderung, ansonsten aber frei von handwerklichen Schwächen: Regisseur Christopher Schier, der mit Wehrlos sein Spielfilmdebüt feiert, setzt das Geschehen souverän und ohne größere Spielereien in Szene. Drehbuchautor Uli Brée (Sternschnuppe) hat eine klassische Whodunit-Konstruktion geschrieben, die vor allem im Hinblick auf die Weiterentwicklung der Figuren interessant ist - der zu lösende Mordfall gerät durch die vielen zwischenmenschlichen Misstöne aber immer wieder aus dem Blickfeld. Erst nach der obligatorischen zweiten Tatort-Leiche rücken die Filmemacher die Suche nach dem Mörder in den Vordergrund - der Kreis der Verdächtigen ist diesmal allerdings sehr eng gesteckt. Das liegt auch daran, dass das Innenleben der Polizeischule, in die sich Fellner nach einem erneuten, diesmal allerdings fingierten (oder womöglich doch echten?) Streit mit Eisner einschleust, nur sehr spärlich beleuchtet wird: Böte Fellners Einsatz die Gelegenheit für spannende Ermittlungsarbeit im Auge des Sturms und das Freilegen der von Macht und Angst geprägten Zustände in der Ausbildungseinrichtung, beschränkt sich die Geschichte fast nur auf Scharmützel mit dem feindseligen Ausbilder Thomas Nowak (charismatisch: Simon Hatzl, Tod unter der Orgel), der ein strenges Regiment führt und ein Auge auf die junge Polizeianwärterin Katja Humboldt (stark: Newcomerin Julia Richter) geworfen hat. Letztere ist zwar die spannendste, weil verschlossenste Figur in diesem Krimi, doch erfahren wir unter dem Strich zu wenig über ihren schweren Stand in der Männerwelt, als dass ihr Schicksal wirklich betroffen machen würde. Gleiches gilt für Eisners alten Kollegen Stefan Pohl (Alexander Strobele, Lohn der Arbeit), der in Wehrlos eine Schlüsselrolle einnimmt. So lebt dieser solide Wiener Tatort neben der Suche nach der Auflösung am Ende vor allem von der Frage, ob sich Eisner und Fellner nach ihrem heftigen Auftaktstreit wieder versöhnen werden - und das ergibt eine gewohnt unterhaltsame Mischung.

Bewertung: 6/10

Sturm

Folge: 1019 | 17. April 2017 | Sender: WDR | Regie: Richard Huber

So war der Tatort:

Bild: WDR/Frank Dicks
Spektakulär. Und das nicht nur aufgrund der für Dortmunder Verhältnisse fast irritierenden Harmonie: Wenn eines bei den bisherigen neun Tatort-Folgen aus der Stadt in Westfalen sicher war, dann die offen vorgetragenen Misstöne und privaten Störfeuer, durch die der Mordfall oft aus dem Blickfeld geriet. Beim zehnten Einsatz der Hauptkommissare Peter Faber (Jörg Hartmann), Martina Bönisch (Anna Schudt) und der Oberkomissare Nora Dalay (Aylin Tezel) und Daniel Kossik (Stefan Konarske) ist alles ganz anders: Angesichts der packenden Geschichte und des denkwürdigen Finales gerät es am Ende fast zur Randnotiz, dass zwischenmenschliche Scharmützel in Sturm hintenanstehen müssen, weil alle vier Kommissare bei den Ermittlungen bis an ihre Grenzen gehen. Besonders spektakulär wird es für Faber: Nach einem doppelten Polizistenmord in der Dortmunder Innenstadt entdeckt er im Büro einer nahegelegenen Bank den Angestellten Muhamad Hövermann (Felix Vörtler, Narben) beim hektischen Ausführen zahlreicher Überweisungen am Computer - und als er das Büro stürmt, einen Sprengstoffgürtel an dessen Körper. Was hat Hövermann vor - und handelt er aus eigenem Antrieb oder agiert noch jemand im Hintergrund? Ähnlich wie in Sidney Lumets berühmtem Hollywood-Klassiker Hundstage oder in F. Gary Grays Verhandlungssache ergibt sich eine klassische SEK vs. Geiselnehmer-Konstellation - dabei ist Faber freiwillig in der Bank, setzt dem Täter mit trockenem Wortwitz zu und verweist im kurzen Gespräch mit dessen verbittertem Sohn Bernie (Christian Ehrich, Kunstfehler) auf einen explosiven Kölner Tatort von 1997 ("Alles super hier, Bombenstimmung!") und einen Frankfurter Tatort-Meilenstein von 2010.
Hövermann: "Warum darf er nicht gehen?"
Faber: "Weil ich böse bin."
Die Drehbuchautoren Sönke Lars Neuwöhner (Eine Frage des Gewissens) und Martin Eigler (Freigang) geben sich mit dieser altbekannten Ausgangslage allerdings nicht zufrieden und gehen noch einen Schritt weiter: Obwohl sich die Situation in der Bank von Minute zu Minute zuspitzt, ist bald klar, dass von Hövermann eine eher geringe Gefahr ausgeht. Ähnlich wie im hochklassigen Hamburger Tatort Der Weg ins Paradies lassen die Filmemacher radikale Islamisten auf die Großstadt los, setzen sich nebenbei erfreulich differenziert mit dem Islam auseinander und kreieren ein brenzliges Echtzeit-Szenario, bei dem die Dortmunder Kommissare über weite Strecken auf sich allein gestellt sind und bitter dafür bezahlen - was vor allem Aylin Tezel die Möglichkeit für eine fantastische Performance bietet. Zeit für einen flotten Spruch bleibt zwischendurch trotzdem - zum Beispiel dann, wenn Dalay kurz ihre Nase in die Bank steckt und prompt von Faber angepflaumt wird ("Nächstes Mal bringen Sie 'nen Kaffee mit!"). Und just in dem Moment, in dem sich nach einer guten Stunde der erste Hänger einzuschleichen droht, setzen die Filmemacher mit einem Schockmoment ein aufwühlendes Ausrufezeichen: Es bleibt nicht der letzte Wirkungstreffer in einem Dortmunder Tatort, in dem es am Ende Schlag auf Schlag geht und in dem dem Publikum kaum Zeit bleibt, seine Gedanken neu zu sortieren. Auf der Zielgeraden wird die Spannungsschraube kontinuierlich angezogen: Sturm, der wegen des Terroranschlags auf den Berliner Weihnachtsmarkt gleich zweimal verschoben wurde, gipfelt im bis dato fulminantesten Schlussakkord in der Geschichte der Krimireihe und dürfte nicht wenige Zuschauer perplex in die Nacht entlassen. Auch handwerklich ist der 1019. Tatort erste Sahne, denn neben dem grandiosen Finale setzt Regisseur Richard Huber (Auf einen Schlag) zum Beispiel auch die erste Begegnung von Faber und Hövermann großartig in Szene: Während der Kommissar mit der Waffe droht und der Kriminelle den Finger am Auslöser der Bombe hat, blicken sich die beiden zum fast unerträglichen Gepiepse des Timers und heulenden Polizeisirenen sekundenlang in die Augen. Ein unheimlich intensiver Moment, in dem die Weichen früh auf Hochspannung gestellt werden. Der Soundtrack von Dürbeck & Dohmen ist bewusst minimal gehalten, verstärkt die vielen Gänsehautszenen aber gekonnt - zum Beispiel dann, wenn Kossik sich allein in eine ehemalige Wohnwagensiedlung begibt und dort in Gefahr gerät. So steht unter dem Strich der bis dato beste Dortmunder Tatort aller Zeiten - und zugleich ein visuell herausragender und hochemotionaler Actionthriller, der von Minute 1 an mitreißt und noch lange nachwirkt. Chapeau!

Bewertung: 10/10

Am Ende geht man nackt

Folge: 1018 | 9. April 2017 | Sender: BR | Regie: Markus Imboden

So war der Tatort:

Bild: BR/Rat Pack Filmproduktion GmbH/Bernd Schuller
Pseudotschetschenisch. Gut einen Monat nachdem die Schweizer Tatort-Kollegen in Kriegssplitter im Umfeld tschetschenischer Flüchtlinge ermittelten, geht man in Franken noch einen Schritt weiter: Hauptkommissar Felix Voss (Fabian Hinrichs) kehrt von einem Urlaub im Kaukasus zurück und schleust sich nach einem Brandanschlag, bei dem eine Frau aus Kamerun ums Leben kommt, als tschetschenischer Flüchtling in eine Gemeinschaftsunterkunft ein. Undercover! Und kann von Glück sagen, dass sich in der Anlage keine echten Tschetschenen aufhalten - die würden seine rudimentären Sprachkenntnisse sofort entlarven, und auch Voss' Wissen über seine vermeintliche Heimat ist eher touristischer Natur. Aber auch sonst schöpft keiner seiner neuen Mitbewohner Verdacht, was die Geschichte wenig glaubwürdig macht: Während in der Unterkunft trotz seines mal mehr, mal weniger ausgeprägten Akzents niemand ernsthafte Zweifel an seiner Identität hegt, arbeiten die Kollegen Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel), Wanda Goldwasser (Eli Wasserscheid) und Sebastian Fleischer (Andreas Leopold Schadt) mit Unterstützung des urfränkischen Spurensicherungsleiters Michael Schatz (Matthias Egersdörfer) die Verdächtigen außerhalb des Heims ab. Von Land und Leuten ist im dritten Franken-Tatort aber trotz des vielgepriesenen Lokalkolorits wenig zu spüren: Das Flüchtlingsheim ist als Kulisse ebenso austauschbar wie die meisten Locations für die Außenaufnahmen. Sieht man vom fränkischen Dialekt und einigen Panoramen über den Dächern der Stadt einmal ab, erfahren wir in Am Ende geht man nackt mehr über das letzte Urlaubsziel des Kommissars und tschetschenische Wurst als über den Schauplatz Bamberg.
Schatz: "Ganz herzlichen Dank für die Wurscht! Und des ist bei denen 'e Spezialität, oder?
Voss: "Nein nein, nein, nein, nein... Das ist einfach... Wurst."
Der vierte Tatort von Regisseur Markus Imboden (Land in dieser Zeit) binnen vier Monaten ist nicht sein bester - was aber weniger an der soliden Inszenierung als vielmehr an der überfrachteten und politisch stark eingefärbten Geschichte liegt. Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt (Preis des Lebens) hebt permanent den moralischen Zeigefinger: Die Kommissare spenden Altkleider für Flüchtlinge und Voss spielt sogar mit dem Gedanken einer Adoption - außerdem werden Seitenhiebe auf den deutschen Verwaltungsapparat, voreingenommene Streifenpolizisten und das Gesundheitssystem verteilt. Während Bambergs Behörden hier in kein gutes Licht gerückt werden, gilt bei den Geflüchteten das Gegenteil: Waren im gewagten Kölner Beitrag Wacht am Rhein fast alle Zuwanderer aufmüpfige Kleinkriminelle, sind die Flüchtlinge hier fast ausnehmend sympathische Zeitgenossen - so auch der minderjährige Syrer Basem Hemidi (Mohamed Issa), der verzweifelt seinen verschwundenen Bruder sucht. Einzig der verbitterte Nordafrikaner Said Gashi (charismatisch: Yasin el Harrouk, Der Wüstensohn), der in der Unterkunft das Sagen hat und sich auf Kosten seiner Mitbewohner bereichert, bildet im 1018. Tatort die Ausnahme. Ein ziemlich einseitiges Bild, und auch die Figuren außerhalb des Heims sind oft nur wandelnde Klischees: Ringelhahn & Co. treffen unter anderem den einflussreichen Bauunternehmer Sascha Benedikt (Hans Brückner), der das Wohlergehen seiner Mitmenschen seinem Bankkonto unterordnet, und den rechtsradikalen Benjamin Funk (Frederik Bott), der hohle Parolen schmettert ("Flüchtlinge nehmen uns die Arbeitsplätze weg!") - das hat man alles schon deutlich differenzierter gesehen. Auf der Strecke bleibt die Charakterzeichnung auch bei den Ermittlern: Wer in ein paar Monaten noch alle vier Namen der nach wie vor profillos wirkenden Kommissare aufzählen kann, zählt definitiv zu den eingefleischteren Tatort-Fans. Auch Spannung will lange nicht aufkommen: In Fahrt kommt Am Ende geht man nackt erst in den Schlussminuten, doch der Ausgang des Films, in dem die Auflösung immer wieder in den Hintergrund rückt, ist so vorhersehbar, dass der Schlussakkord ohne nennenswerte Nachwirkung verpufft. Um eine tiefere Beziehung zu den Figuren aufzubauen, sind es auch einfach viel zu viele: Statt die Zustände und Spannungsfelder in der Gemeinschaftsunterkunft herauszuarbeiten und Voss in einem reizvollen Mikrokosmos ermitteln zu lassen, unternimmt der Kommissar sogar Ausflüge in einer Putzkolonne. So ist der dritte Franken-Tatort der bis dato schwächste und das Team um Voss und Ringelhahn noch immer nicht ganz in der Krimireihe angekommen.

Bewertung: 4/10

Fangschuss

Folge: 1017 | 2. April 2017 | Sender: WDR | Regie: Buddy Giovinazzo

So war der Tatort:

Bild: WDR/Martin Menke
Sabotiert. Denn ein besonderes Schmankerl im 31. Tatort mit Hauptkommissar Frank Thiel (Axel Prahl) und Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) gibt es in der Pathologie zu entdecken: Verstehen Sie Spaß?-Moderator Guido Cantz hat sich während der Dreharbeiten auf den Seziertisch geschlichen und als Leiche mit Pupsen und anderen untoten Geräuschen für zusätzlichen Spaß am Set gesorgt. Der pünktlich zur TV-Premiere von Fangschuss bekannt gegebene Gag ist aber auch fast schon das Aufregendste an diesem enttäuschenden Beitrag aus Westfalen: Die Drehbuchautoren Stefan Cantz und Jan Hinter, die als Erfinder der Tatort-Folgen aus Münster gelten, liefern einmal mehr nur noch das, was die Fans von Thiel und Boerne sehen wollen. Regisseur Buddy Giovinazzo (Rendezvous mit dem Tod) inszeniert eine seichte Mischung aus Krimi und Komödie, die kaum Spannung und wenig Originelles bietet und in der das routinierte Abspulen der mal mehr, oft weniger gelungenen Witzchen in eine hanebüchene Geschichte mündet. Während man sich an die immergleichen Frotzeleien zwischen Boerne und Assistentin Silke "Alberich" Haller (Christine Urspruch) und das Reduzieren von Zwei-Szenen-Staatsanwältin Wilhelmine Klemm (Mechthild Großmann) auf ihre Nikotinsucht längst gewöhnt hat, tappen die Filmemacher diesmal auch von einer Klischeefalle in die nächste: Da gibt es die elitäre Jagdgesellschaft unter Leitung der renommierten Wissenschaftlerin Dr. Freya Freytag (Jeanette Hain, Scheinwelten), in der sich Möchtegern-Jäger Boerne natürlich pudelwohl fühlt, einen schwulen Friseur mit Neigung zum Tratschen und - wie so oft im Tatort - einen Journalisten mit zweifelhaften Methoden, der posthum noch die Vorurteilskeule von Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter) zu spüren bekommt.
Krusenstern: "Die saufen aber auch zur Inspiration."
Journalist Jens Offergeld (Christian Maria Goebel, Schön ist anders) ist nicht das einzige Opfer in diesem Tatort, bei der die Suche nach dem Mörder zweitrangig ist: Einleitend stürzt IT-Experte Sebastian Sandberg in den Tod. Sebastian Sandberg, Freya Freytag, Jens Offergeld: Sogar die sprechenden Figurennamen in Fangschuss klingen wie aus dem Überraschungsei oder einer schlechten TKKG-Folge. Und dann ist da noch Leila Wagner (Janina Fautz): Die sture Schulabbrecherin gibt vor, Thiels Tochter zu sein, trägt demonstrativ blaue Haare und wird dafür von einer Nonne schräg angeglotzt - viel dicker kann man kaum auftragen. Wer indes glaubt, der Kommissar bekäme von heute auf morgen weiblichen Nachwuchs in die Geschichte geschrieben, glaubt wahrscheinlich auch an den Weihnachtsmann - und so entwickelt der Vaterschaftstest im Mittelteil bei weitem nicht den emotionalen Punch, den sich die Filmemacher wohl erhofft haben. Wie schwach auch die Rahmenhandlung um die Suche nach dem Doppelmörder und die Lieferungen von kontaminiertem Gemüse im Futtermittelbetrieb von Horst Martens (Michael Schenk, Borowski und der brennende Mann) auf der Brust ist, zeigt sich besonders an einer Szene: Fahndete im vor allem handwerklich herausragenden Kieler Tatort Borowksi und das dunkle Netz zwei Wochen zuvor noch ein halbes Ermittlerdutzend fieberhaft nach einem im Darknet angeheuerten Auftragskiller, klärt sich eine ähnliche Angelegenheit hier in fünf Sekunden am Telefon. Statt zum pfiffigen Krimispaß wird Fangschuss zur plumpen Nummernrevue: Die Geschichte ist wild zusammengeschustert und am Ende hängt alles irgendwie zusammen - das hat eher was von Traumschiff oder Vorabendprogramm und wenig mit früheren tollen Folgen aus Münster zu tun, die auch Spannendes boten (vgl. Wolfsstunde). "Vaddern" Thiel (Claus-Dieter Clausnitzer) wurde im Übrigen komplett aus dem Drehbuch gestrichen - die junge Leila auch noch mit ihrem potenziellen Kiffer-Opa zu konfrontieren, hätte das Kasperletheater aber wohl auch perfekt gemacht. So ist ihr Gekabbel mit Thiel und dessen durcheinander gebrachte Gefühlswelt am Ende noch das Interessanteste im 1017. Tatort - und wären da nicht Leilas permanente Selbstgespräche, die das erzählerische Erfolgsprinzip Show, don't tell ad absurdum führen, könnte man die Kleine fast ins Herz schließen. Ihr Intermezzo bleibt aber einmalig: Innovationen und neue Figuren scheut der WDR in Münster wie der Teufel das Weihwasser, und deshalb geht - zumindest bis 2020 - alles so weiter wie bisher.

Bewertung: 4/10

Nachbarn

Folge: 1016 | 26. März 2017 | Sender: WDR | Regie: Torsten C. Fischer

So war der Tatort:

Bild: WDR/Martin Menke
Experimentierfrei. In den Wochen vor der Erstausstrahlung des 70. Falls der Kölner Hauptkommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) wurde dem Tatort-Zuschauer einiges abverlangt - unter anderem Laiendarsteller außer Rand und Band im kolossal gescheiterten Ludwigshafener Impro-Experiment Babbeldasch, ein rasender Serienmörder im starken Bremer Tatort Nachtsicht und reichlich verstörende Situationskomik im herausragenden Kieler Genremix Borowski und das dunkle Netz. Drehbuchautor Christoph Wortberg (auch als Frank Dressler aus der Lindenstraße bekannt) und Regisseur Torsten C. Fischer (Wir - Ihr - Sie) bieten dagegen solides Kontrastprogramm: Ihr Kölner Tatort ist ein unaufgeregter Whodunit aus dem Lehrbuch, ein Krimi ohne Schnickschnack und Experimente, so dass vor allem die Tatort-Puristen unter den Zuschauern auf ihre Kosten kommen. Dass Nachbarn nach Wacht am Rhein und Tanzmariechen bereits der dritte Kölner Beitrag binnen zehn Wochen ist (während der wegen des Berliner Terroranschlags verschobene Dortmunder Tatort Sturm in der Schublade schmort), dürfte kaum jemanden stören: Ballauf und Schenk zählen nun mal zu den beliebtesten Ermittlern der Krimireihe. Und sind wieder voll in ihrem Element: Nach dem Mord an dem geschiedenen Mittvierziger Werner Holtkamp (Uwe Freyer) ermitteln sie ausschließlich in dessen Nachbarschaft - ähnlich wie es im Dezember 2016 ihre Frankfurter Kollegen im Tatort Wendehammer taten, in dem ebenfalls ein entsprechender Mikrokosmos konstruiert wurde. Doch anders als die hessischen Kollegen beten Ballauf und Schenk beim Abklappern der Häuser reihenweise Sätze herunter, wie wir sie im Tatort schon viele hundert Mal gehört haben.
Ballauf: "Ist in letzter Zeit irgendwas Auffälliges passiert?"
Der Mord in den Anfangsminuten, ein halbes Dutzend Tatverdächtige und ein paar Geheimnisse, die die potenziellen Täterinnen und Täter nach und nach preisgeben: Im 1016. Tatort geschieht nichts, was es im Tatort nicht schon in ähnlicher Form gegeben hätte. Die Filmemacher liefern einen Sonntagskrimi vom Reißbrett und schlagen dabei einmal mehr die Brücke zum Privatleben der Kommissare: Schenk liegt mit seinem Nachbarn wegen dessen lautstark krächzendem Papagei im Clinch - doch statt die Gelegenheit nach Jahren der Abstinenz mal wieder für einen Auftritt seiner nur noch auf dem Papier existenten Familie zu nutzen, wird dieser extrem konstruierte Nebenstrang mit dem Holzhammer in den Plot gehämmert. Es ist nicht die einzige Schwäche in diesem überzeugend besetzten, unter dem Strich aber nur durchschnittlichen Tatort, der die Eigenständigkeit oft vermissen lässt: Während in Wendehammer der überzeichnete IT-Yuppie Daniel Kaufmann (Constantin von Jascheroff) ein Faible für teure Hifi-Anlagen mitbrachte, ist es hier der undurchsichtige Jens Scholten (Florian Panzner, Der scheidende Schupo), der mit seiner Frau Hella (Julia Brendler, Borowski und die Kinder von Gaarden) und seiner Tochter Paulina (Lilli Lacher) zwei Häuser weiter wohnt. Auch der Auftritt der alkoholisierten Anne Möbius (Birge Schade, Land in dieser Zeit), deren Ehe mit ihrem Mann Frank (Stephan Grossmann, Die fette Hoppe) kriselt und die vor den Augen der erstaunten Kommissare mit dem Martini in der Hand einen seltsam entrückt wirkenden Solotanz zu Bruce Springsteens Hungry Heart aufs Parkett legt, kommt uns irgendwie bekannt vor: Im schrägen Konstanzer Tatort Wofür es sich zu leben lohnt war es 2016 die labile Anna Krist (Julia Jäger), die bei einem Glas Rotwein und Sinead O’Connors Troy alles um sich herum vergaß. Während hier zumindest der Griff in die Plattenkiste glückt, schlägt er anderer Stelle fehl: Szenen aus dem nur oberflächlich heilen Nachbarschaftsleben werden gleich mehrfach plump mit Pharrell Williams‘ Chartbreaker Happy ironisiert. Deutlich mehr Spaß macht Nachbarn im Hinblick auf die Suche nach der Auflösung: Wenngleich die deutlich gestreuten Hinweise im Umfeld von Nachbar Leo Voigt (Werner Wölbern, Der hundertste Affe) und seiner psychisch erkrankten Stieftochter Sandra (Claudia Eisinger, Feierstunde) alte Krimihasen kaum hinterm Ofen hervorlocken dürften, bleiben die genauen Zusammenhänge bis zum Schluss offen. Klassisches und unaufgeregtes Miträtseln ist im Tatort im Jahr 2017 längst nicht mehr selbstverständlich - und so bietet dieser bodenständige Beitrag vom Rhein fast schon eine angenehme Abwechslung zu den vielen Tatort-Experimenten in anderen Städten.

Bewertung: 5/10


Borowski und das dunkle Netz

Folge: 1015 | 19. März 2017 | Sender: NDR | Regie: David Wnendt

So war der Tatort:

Bild: NDR/Christine Schroeder
Düster. Und das nicht nur, weil die Kieler Hauptkommissare Klaus Borowski (Axel Milberg) und Sarah Brandt (Sibel Kekilli) bei ihrem zwölften gemeinsamen Einsatz im Darknet ermitteln: Viele Schlüsselszenen des Films spielen nachts oder bei spärlicher Beleuchtung. So auch der Auftaktmord an Jürgen Sternow (Pjotr Olev, Undercover), dem Leiter der Cybercrime-Abteilung im LKA: Gemeinsam mit einem schwarz gekleideten Mann - schon bald erfahren wir, dass es sich um Auftragskiller Hagen Melzer (Maximilian Brauer) handelt - blicken wir durch die Augen einer monströsen Wolfsmaske und werden in wackeliger Ego-Shooter-Perspektive Zeuge dessen, wie Sternow kaltblütig erschossen wird. Was für ein Auftakt! Später ist es der Fund einer von Maden zerfressenen Leiche oder der elektrisierende Showdown in einem finsteren Keller, der viele Zuschauer bis in den Schlaf verfolgen dürfte: Feuchtgebiete-Regisseur David Wnendt, der das Drehbuch zu Borowski und das dunkle Netz gemeinsam mit Thomas Wendrich (Fünf Minuten Himmel) schrieb, hat eine der packendsten Kieler Tatort-Folgen überhaupt konzipiert und geizt in seinem überragend inszenierten TV-Debüt nicht mit Suspense und schaurigen Horror-Momenten. Die furchterregende Maske des Mörders, der von einem unbekannten Auftraggeber über das Darknet angeheuert wurde, erinnert an James Wans Folterorgie SAW oder M. Night Shyamalans Mysterythriller The Village - und gruselige Kinderzeichnungen, die den entscheidenden Hinweis zur Auflösung liefern, kennen wir aus der Dürrenmatt-Verfilmung Es geschah am hellichten Tag oder moderneren Schockern wie Ring und Sinister. Doch es darf auch gelacht werden - zum Beispiel dann, wenn LKA-Leiter Wolfgang Eisenberg (Michael Rastl, Duisburg-Ruhrort) von den Ermittlern nach seinem Alibi gefragt wird und spontan Details aus seinem Privatleben preisgibt.
Borowski: "Wo waren Sie am Abend von Sternows Tod?"
Eisenberg: "In meiner Frau."
Die Filmemacher wagen einen wilden Parforceritt durch die Filmgenres und kombinieren Nervenkitzel und Action gekonnt mit pfiffigem Dialogwitz und grotesker Situationskomik: Wenn der verletzte Killer in seinem Hostelzimmer unverhofft Besuch von der nackten Empfangsdame Rosi (mutig: Svenja Hermuth) erhält, ist das eine für Tatort-Verhältnisse mehr als verstörende Sequenz. Im 1015. Tatort (zu dem uns Hauptdarsteller Axel Milberg vorab ein tolles Interview gab) trifft der Thriller auf die Komödie, der Krimi auf den Horror - und es spricht für David Wnendts erzählerisches Geschick, dass er die humorvollen Zwischentöne gekonnt mit den vielen Gänsehautmomenten in Einklang bringt. Wer diesen blutigen Tatort bis zum brutalen Höhepunkt durchsteht, erlebt ein ständiges Wechselbad der Gefühle - und das zu den Klängen eines bärenstarken Soundtracks, der stets den richtigen Ton trifft. Aber auch optisch wird eine Menge geboten: Eine spektakuläre Verfolgungsjagd führt durch ein laufendes Handballspiel des THW Kiel und mündet in eine dramatische Sequenz in der Umkleidekabine, bei der Erinnerungen an die ersten Auftritte von Epileptikerin Brandt wach werden. Hinzukommen wird nur noch einer: Borowski und das dunkle Netz ist der vorletzte, wenn auch als letzter abgedrehte Tatort mit Sibel Kekilli, die wenige Wochen vor der TV-Premiere ihren Ausstieg aus der Krimireihe bekannt gab. Diesmal steht sie im Mittelpunkt: Trotz der Unterstützung der zwei karikaturesken Bilderbuch-Nerds Cao (Yung Ngo) und Dennis (Mirco Kreibich, Côte d'Azur) ist es vor allem Brandt, die die Suche im Darknet vorantreibt. Anders als im schwachen Bremer Beitrag Echolot, in dem Lürsen und Stedefreund 2016 in einer überzeichneten IT-Klitsche ermittelten, spielen die Filmemacher hier mit den Klischees, statt sie uninspiriert zu bedienen: Die Zusammenarbeit des lernwilligen Borowski und der genervten Brandt mit den beiden Computerfreaks, deren programmierter Buzzer auf dem Schreibtisch automatisch eine Pizza-Bestellung auslöst, generiert einen Lacher nach dem nächsten. Auch Borowski setzt auf digitalen Support und freundet sich mit der Sprachassistentin seines Smartphones an, die er "Sabine" tauft und deren rote Lampe verdächtig an den HAL 9000 aus Stanley Kubricks Sci-Fi-Meisterwerk 2001 - Odyssee im Weltraum erinnert (eine interessante Parallele zum Stuttgarter Tatort HAL). Grandioses i-Tüpfelchen auf diesem vor allem handwerklich herausragenden Kieler Tatort ist allerdings die augenzwinkernde Schlusspointe, die Borowskis mangelnde Web-Affinität gekonnt auf den Punkt bringt.

Bewertung: 9/10

Nachtsicht

Folge: 1014 | 12. März 2017 | Sender: Radio Bremen | Regie: Florian Baxmeyer

So war der Tatort:

Bild: Radio Bremen
Ekelerregend. Ein blutiger Zahn, ein abgerissener Fingernagel, ein Beutel mit verwesendem Gewebe: Das ist selbst für Gerichtsmediziner Dr. Katzmann (Matthias Brenner) zu viel, der in Nachtsicht die Trophäen eines Serienmörders untersuchen muss und seinen Mageninhalt kurzerhand dem Waschbecken in der Pathologie überlässt ("Wenn das jemand mitkriegt, bin ich erledigt!"). Den Bremer Hauptkommissaren Inga Lürsen (Sabine Postel) und Nils Stedefreund (Oliver Mommsen), die kurz vor der TV-Premiere ihres 30. gemeinsamen Falls ihren Abschied im Jahr 2019 bekannt gaben, ergeht es kaum besser: Ihnen kommt die undankbare Aufgabe zu, am Tatort die Leichen zu inspizieren - und von denen ist oft nur Matsch übrig geblieben. Denn in Bremen macht ein Autofahrer nachts Jagd auf junge Männer: Heimlich, still und leise tastet sich der Killer ohne Scheinwerferlicht mit seinem lautlosen Elektromotor an seine ahnungslosen Opfer heran, drückt dann plötzlich das Gaspedal durch und überrollt sie so lange, bis sie keinen Mucks mehr von sich geben. Bei seiner dritten Tat sehen wir den maskierten Täter erstmalig in voller Montur: ein finsteres, fast alienartiges Wesen, das sich ein monströses Nachtsichtgerät über den Kopf gestülpt hat. Doch wer steckt hinter der Maske? Die Drehbuchautoren Stefanie Veith und Matthias Tuchmann, die zuletzt den starken Bremer Tatort Die Wiederkehr konzipierten, stellen die Täterfrage nur pro forma und brechen fleißig mit einigen ungeschriebenen Gesetzen der Krimireihe: Vieles, oft Entscheidendes spielt sich hinter dem Rücken der Kommissare ab und der Mörder ist schon bald offensichtlich. Die Spur führt direkt zur Familie Friedland: Ex-Junkie Kristian (Moritz Führmann) kann von seinem Vater Jost (Rainer Bock) nur mit Mühe und Not aus der Schusslinie gebracht werden - er will jegliche Aufregung von seiner krebskranken Frau Leonie (Angela Roy) fernhalten, die wohl nur noch wenige Wochen oder Monate zu leben hat.
Lürsen: "Alle um sie herum veranstalten einen großen Totentanz. Das muss aufhören."
Der 1014. Tatort wird also weniger durch die Suche nach der richtigen Auflösung, falsche Fährten oder die akribische Ermittlungsarbeit der Kommissare vorangetrieben: Nachtsicht wandelt sich im Mittelteil vom packenden Serienkiller-Thriller zum beklemmenden Familiendrama. Lebt die erste halbe Stunde noch vor allem von den fesselnd in Szene gesetzten Ausfahrten des Mörders in seinem schwarzen und in bester James Bond-Manier getunten Fahrzeug, wird schon bald das Spannungsfeld innerhalb der Familie Friedland zur Antriebsfeder des Geschehens: Konflikte werden ausgesessen, die Realität verdrängt und das Offensichtliche totgeschwiegen. Wie die Geschichte ausgehen mag und ob es dabei überhaupt Gewinner geben kann, ist schwer zu prognostizieren. Die Filmemacher beschränken sich neben den Kommissaren, die bei ihren Ermittlungen einmal mehr von der technikaffinen BKA-Kollegin Linda Selb (Luise Wolfram) unterstützt werden, auf lediglich vier wichtige Figuren und räumen diesen viel Platz zur Entfaltung ein: Während Moritz Führmann (Hydra) in der Rolle des etwas debil wirkenden Nachtaktiven und Angela Roy (Liebe am Nachmittag) als einbeinige Krebskranke starke Leistungen abliefern, ragt Hollywood-Export Rainer Bock (Mord auf Langeoog) als kühl kalkulierender Vater aus dem tollen Cast noch einmal heraus. Natalia Belitski (Mauerblümchen) kann sich als Rollstuhlfahrerin Tajana Noack weniger in den Vordergrund spielen - bekommt aber zumindest mehr Kamerazeit als die zur Stammbesetzung zählende Camilla Renschke, der in ihrer Rolle als Lürsen-Tochter Helen Reinders einmal mehr nur eine einzige Szene zugestanden wird. Reinders, die sich 2009 in Tote Männer auf ein kurzes Techtelmechtel mit Stedefreund einließ, steht im Bremer Tatort auf dem Abstellgleis - wie gut, dass der smarte Kommissar mit der toughen Selb bereits Ersatz gefunden hat. So ist Nachtsicht unter dem Strich der stärkste Bremer Tatort seit zwei Jahren - und es kommt nicht von ungefähr, dass die Geschichte aus der Feder derselben Drehbuchautoren stammt und mit Florian Baxmeyer (Der hundertste Affe) vom selben Regisseur inszeniert wird wie das ähnlich starke Familiendrama Die Wiederkehr.

Bewertung: 8/10

Kriegssplitter

Folge: 1013 | 5. März 2017 | Sender: SRF | Regie: Tobias Ineichen

So war der Tatort:

Bild: ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler
Beziehungsschädlich. Was hatte der Luzerner Hauptkommissar Reto Flückiger (Stefan Gubser) zuletzt nicht für ein Geheimnis aus seiner neuen Freundin gemacht: Wie ein schüchterner Schuljunge hielt er mit ihrer Identität hinterm Berg, brezelte sich in Kleine Prinzen vor dem Spiegel für ein Date auf und ließ Kollegin Liz Ritschard (Delia Mayer) erst im letzten Schweizer Tatort Freitod ihren Namen wissen. "Eveline! Ja, Eveline", platzte es aus dem Kommissar und Bootsbesitzer heraus - am Ende war das aber nur eine Randnotiz in einem einmal mehr enttäuschenden Krimi aus der Schweiz. In Kriegssplitter lernen wir Flückigers Geliebte nun endlich kennen, denn der gleichaltrigen Frau kommt eine Schlüsselrolle zu: Eveline Gasser (Brigitte Beyeler) trifft sich mit Flückiger auf ein Schäferstündchen in einem Hotelzimmer, doch die traute Zweisamkeit auf dem Balkon wird jäh unterbrochen, als ein Journalist durch das Fenster im Stockwerk darüber zu Tode stürzt. Der Kommissar muss seine Beobachtungen zu Protokoll geben und wohl oder übel nicht nur Ritschard, sondern auch Kriminaltechnikerin Corinna Haas (Fabienne Hadorn) sein Verhältnis zu der verheirateten Frau gestehen. Doch kaum ist das Geheimnis gelüftet, ist die Beziehung fast schon wieder Geschichte: "Was läuft eigentlich an der anderen Front?" fragt Ritschard in einer sehr gekünstelt wirkenden Szene, in der sich die Filmemacher die Charakterzeichnung überdeutlich auf die Fahnen geschrieben haben - Flückiger hat seiner Liebhaberin geraten, zurück zu ihrer Familie zu gehen. Sein Dasein als einsamer Wolf ist in diesem Tatort aber sicher nicht von Nachteil, denn allein körperlich wird ihm eine Menge abverlangt - zum Beispiel dann, wenn er den unter Mordverdacht stehenden tschetschenischen Auftragskiller Pjotr Sorokin (Vladimir Korneev) mit einem gekonnten Manöver in die Horizontale zwingt.
Flückiger: "Das ist Frau Ritschard, mein Name ist Flückiger - und du? Egal! Du bist verhaftet!"
Drehbuchautor Stefan Brunner (Kleine Prinzen) und Regisseur Tobias Ineichen (Verfolgt) schlagen durch die Recherchen des getöteten Journalisten die Brücke zum Tschetschenienkrieg und erzählen in Kriegssplitter eine Geschichte, die auch gut nach Hamburg oder Wien gepasst hätte: In der Regel sind es die Tatort-Kollegen Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) oder Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) und Julia Grosz (Franziska Weisz), die sich mit internationalen Verstrickungen, dem organisierten Verbrechen oder terroristischen Bedrohungen auseinandersetzen müssen. Luzern steht die politisch angehauchte Geschichte aber nicht minder gut zu Gesicht, was auch daran liegt, dass alle an einem Strang ziehen: Regierungsrat Eugen Mattmann (Jean-Pierre Cornu) zieht es diesmal vor, im russischen Abgesandten Michail Koslow (Ivan Shvedoff, Königskinder) einen gemeinsamen Feind auszumachen, statt den eigenen Leuten zur Verhinderung diplomatischer Schwierigkeiten unbeholfen Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Im 1013. Tatort wirkt vieles eine Ecke dynamischer als in früheren Schweizer Beiträgen, denn für Spannung ist gesorgt: Schon der einleitende Fenstersturz ist ein scheppernder Hallo-Wach-Moment und auch im weiteren Verlauf der Geschichte drücken die Filmemacher bei der Suche nach Kriegsverbrecher Ramzan Khaskhanov (Jevgenij Sitochin, Schwindelfrei) zu den Klängen treibender Elektrobeats aufs Tempo. Toll arrangiert ist eine zufällige Begegnung von Flückiger und Auftragskiller Sorokin, die an derselben Ampel halten, ohne einander wahrzunehmen - hinzu kommen einige knackige Actionsequenzen, wie man sie in Luzern nicht häufig erlebt. Als klassischer Krimi zum Miträtseln funktioniert der Film ebenfalls: Die Auflösung der Täterfrage, bei der auch die aus Tschetschenien geflüchtete Nura Achmadova (Yelena Tronina) und ihr Bruder Nurali Balsiger (Joel Basman, Borowski und der Himmel über Kiel) ein Wörtchen mitsprechen, wird bis in die Schlussminuten offen gehalten und dürfte nicht wenige Zuschauer überraschen. Einmal mehr bedienen sich die Filmemacher dabei aber eines plumpen Kniffs: Ähnlich wie in Eine andere Welt oder Du gehörst mir wird ein entlarvendes Video erst kurz vor Schluss überprüft, obwohl man es bei genauerem Hinsehen schon früher hätte entdecken können. Hier wird der Dramaturgie ein wenig auf die Sprünge geholfen - angesichts des soliden Unterhaltungswerts der nicht immer überzeugenden Beiträge aus der südlichsten aller Tatort-Städte sind kleinere Schönheitsfehler aber zu verschmerzen.

Bewertung: 6/10

Babbeldasch

Folge: 1012 | 26. Februar 2017 | Sender: SWR | Regie: Axel Ranisch

So war der Tatort:

Bild: SWR/Martin Furch
Improvisiert. Denn wie seine Kinofilme drehte Ich fühl mich Disco-Regisseur Axel Ranisch seinen ersten Tatort chronologisch und ohne ausformuliertes Drehbuch: Babbeldasch ist ein außergewöhnliches Krimi-Experiment, ein komplett improvisierter Tatort, bei dem man allen beteiligten (Amateur)-Schauspielern nur ein Kompliment für ihren Mut machen kann. "Ich glaube, so viel quirlige Lebendigkeit gab es auf diesem Programmplatz noch nie", kündigte Ranisch auf seiner Facebook-Seite selbstbewusst an - und er hat völlig Recht! Die zahlreichen Laienschauspieler, die normalerweise für die Ludwigshafener Hemshofschachtel im Einsatz sind, genießen die Fernsehbühne in vollen Zügen und legen sich beim 65. Einsatz von Hauptkommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) mächtig ins Zeug. Den Mörder kannten sie während der Dreharbeiten noch nicht, weil sie die Szenen auf Basis eines Treatments von Drehbuchautor Sönke Andresen improvisierten, und auch Folkerts erfuhr erst kurz vor Schluss, wen sie denn nun nach dem Mord an Sophie Fettèr (Malou Mott), der Leiterin des titelgebenden Mundart-Theaters Babbeldasch, verhaften muss. Eine außergewöhnliche Entstehungsgeschichte - aber geht diese Rechnung auch auf? Mitnichten. Der 1012. Tatort ist einer der schwächsten aller Zeiten, denn der Zuschauer bleibt bei diesem kolossal scheiternden Experiment fast vollkommen auf der Strecke. Am wichtigsten scheint vielmehr zu sein, dass sich alle Beteiligten vor der Kamera so richtig austoben können, doch über die fehlende Spannung können das engagierte Spiel und die spontanen Dialoge nicht hinwegtäuschen: Babbeldasch ist nicht nur ein anstrengender, sondern in erster Linie ein entsetzlich langweiliger und konfus vorgetragener Krimi. Die schauspielerischen Leistungen bewegen sich - wer will es den Darstellern verübeln - auf dem Niveau von Berlin - Tag & Nacht oder Nachmittagsformaten á la Die Ruhrpottwache, während klassische Orchestermusik erklingt: Das ist in etwa so, als würde man teuren Champagner zur deftigen Erbsensuppe reichen.

Das ausgeprägte Lokalkolorit und die starke kurpfälzische Einfärbung der Dialoge - das kann man mögen oder auch nicht - tun ihr Übriges: Mit Ausnahme der Ermittler "babbeln" fast alle Figuren heftigsten Dialekt, was selbst geübte Ohren auf eine anstrengende Belastungsprobe stellt. Mit einem klassischen Sonntagskrimi hat der mit verwackelten Handkamerabildern gefilmte Babbeldasch kaum mehr als die Suche nach dem Mörder gemein, und auch die grundsätzlichen Probleme der seit Jahren schwächelnden Beiträge aus der Kurpfalz treten wieder offen zutage: Hauptkommissar Mario Kopper (Andreas Hoppe) - immerhin seit 1996 im Amt, erster Auftritt im großartigen Tatort Der kalte Tod - wird mit gerade einmal vier Szenen fast komplett links liegen gelassen und verabschiedet sich mit einer nebulösen Andeutung, während sich Vollzeitmami und Fallanalytikerin Johanna Stern (Lisa Bitter) von heute auf morgen mit Ex-Erzfeindin Odenthal anfreundet und mit ihren plärrenden kranken Kleinkindern das halbe Büro ansteckt - Assistentin Edith Keller (Annalena Schmidt) inklusive, die im Off mal eben auf den Flur kotzt. Stand in den letzten Folgen aus Ludwigshafen (vgl. Du gehörst mir, LU) noch regelmäßig der nervtötende Zickenkrieg zwischen Odenthal und Stern auf der Tagesordnung, geht diesmal im Präsidium und beim Rotwein nach Feierabend alles harmonisch seinen Gang. Die Figurenentwicklung wird dadurch mit Füßen getreten, aber das scheint den Filmemachern herzlich egal zu sein. Die von schrillen Tagträumen geplagte Lena Odenthal darf sich am Ende sogar noch in eine böse Königin verwandeln - die fast groteske Krönung einer unterirdisch schwachen, fast selbstverliebt wirkenden Tatort-Folge, bei der vieles gut gemeint und nur das Wenigste gut gemacht ist. Daran ändern eine Mannequin Challenge-Sequenz zu den Klängen von Edvard Griegs In der Halle des Bergkönigs, eine uninspiriert eingeflochtene Film-im-Film-Anspielung auf den Tatort Roomservice und ein gelungener One-Liner des profitgierigen Theatervermieters Bohlmann (Harald Dimmler) herzlich wenig.
Bohlmann: "Es hat sich ausgefuckyoubohlmannt!"
Bewertung: 1/10

Tanzmariechen

Folge: 1011 | 19. Februar 2017 | Sender: WDR | Regie: Thomas Jauch

So war der Tatort:

Bild: WDR/Thomas Kost
Karnevalistisch. Denn Tanzmariechen spielt kurz vor Beginn der sprichwörtlichen fünften Jahreszeit: Ganz Köln ist im Karnevalsfieber und freut sich auf den 11. November, an dem das jecke Treiben endlich wieder losgeht. Ganz Köln? Nein. Ein einsamer Beamter wagt es, den kostümierten Narren Widerstand zu leisten: Hauptkommissar Max Ballauf (Klaus J. Behrendt), der sich schon 1999 im Tatort Restrisiko als Karnevalsmuffel outete und ein Jahr später in der Crossover-Folge Quartett in Leipzig vom Leipziger Kollegen Bruno Ehrlicher (Peter Sodann) trotzdem als "Karnevalist" bezeichnet wurde, kann dem Ganzen herzlich wenig abgewinnen und würde die Stadt wohl am liebsten direkt verlassen. Gemeinsam mit seinem Kollegen Freddy Schenk (Dietmar Bär) muss er allerdings einen Mordfall aufklären: Im Karnevalsverein "De Jecke Aape" wird die strenge Tanztrainerin Elke Schetter (Katja Heinrich, Die chinesische Prinzessin) tot aufgefunden. Und da gibt es noch einen weiteren Aufreger, der eigentlich gar keiner ist: +++ Küsse im Polizei-Präsidium sorgen für Aufregung +++ titelt die ARD auf ihrer Tatort-Homepage, dabei sind die Ermittler doch sichtbar um Deeskalation bemüht: Assistent Tobias Reisser (Patrick Abozen) und sein Freund David Mühlberger (Marc Rissmann) lassen sich im Büro zu einem eher flüchtigen als leidenschaftlichen Küsschen hinreißen - was vor Jahrzehnten vielleicht noch für einen Aufschrei in den heimischen Fernsehsesseln gesorgt hätte, ist heutzutage längst selbstverständlich. Und wirkt in diesem Tatort doch seltsam verkrampft: Vor allem Schenk, bei dem ein Zombiekostüm-Wunsch seiner offenbar namenlosen Enkeltochter eine mittelschwere Sinnkrise auslöst, kann gar nicht oft genug betonen, dass er damit überhaupt kein Problem hat.
Schenk: "Mir ist das egal, wer wen, wann, wo, wieso oder wohin küsst. Das ist aber nicht jedem hier im Präsidium egal. Leider. "
Wen Schenk damit meint, bleibt sein Geheimnis, und überhaupt: Sein ewiges Schwingen der Toleranzkeule mündet in den gegenteiligen Effekt. Denn je häufiger sich der Oldtimer-Fan entspannt und verständnisvoll gibt, desto aufgesetzter wirkt die Sache. Das gilt auch für den rheinländischen Dialekt, den der tatverdächtige Karnevalsfreak Rainer Pösel (Tristan Seith, Mord auf Langeoog) und seine Frau Martina (stark: Milena Dreissig, Stromberg-Fans bestens als Schirmchen bekannt) sprechen: Der bemühte Zungenschlag des Ehepaars, das kurz vor dem Tod der Tanzlehrerin den Selbstmord seiner Tochter Evelyn (Stella Holzapfel) hinnehmen musste, konterkariert die vermeintliche Karnevalsbegeisterung schon fast. Die übrigen Charaktere fallen nicht überzeugender aus: Regisseur Thomas Jauch (21. Tatort, zuletzt Zahltag) und Drehbuchautor Jürgen Werner (22. Tatort, zuletzt Wacht am Rhein) verrichten mit wandelnden Klischees, einer am Reißbrett entworfenen Geschichte und einer routinierten Inszenierung diesmal nur Dienst nach Vorschrift. Neben der strengen Tanzlehrerin Schetter und dem realitätsverleugnenden Karnevalisten Pösel, der seinen bedauernswerten Sohn Paul (Luke Piplies) zum Herunterstammeln einer Büttenrede nötigt, gibt es da noch den großkotzigen Vereinsmäzen Günther Kowatsch (souverän: Herbert Knaup, Freigang), der mit der viel zu jungen Annika (Natalia Rudziewicz, Blutschuld) anbandelt, und Saskia (Sinja Dieks, Blackout), das zickige Tanzmariechen in spé, das beim knallharten Konkurrenzkampf keine Verwandten kennt - alles schon dutzende Male gesehen. Ähnlich wie die westfälischen Kollegen Frank Thiel (Axel Prahl) und Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) in Ein Fuß kommt selten allein legen die Kommissare nach und nach das Innenleben der Tanztruppe frei, das sich ebenfalls so gestaltet, wie man es sich vorstellen würde: Der Zickenkrieg fordert in bester Germany’s Next Top Model-Manier Tränen, während sich Ballauf und Schenk von einem Dialog zum nächsten hangeln und mühsam mit dem Thema Cybermobbing auseinandersetzen, für das sie vielleicht einfach ein paar Jährchen zu alt sind. Dramatisch wird es in erst in den Schlussminuten, und auch die Auflösung der klassischen Whodunit-Konstruktion dürfte alten Krimihasen kaum mehr als ein müdes Lächeln abringen. Trotz des Lokalkolorits ist Tanzmariechen daher kein großer Wurf und dürfte schon am Aschermittwoch wieder in Vergessenheit geraten sein.

Bewertung: 5/10

Wie hieß die Selbstmörderin doch gleich?

Der scheidende Schupo

Folge: 1010 | 5. Februar 2017 | Sender: MDR | Regie: Sebastian Marka

So war der Tatort:

Bild: MDR/Anke Neugebauer
Traditionsreich. Denn da sind zum einen die Krimititel, für die sich der MDR in Weimar stets etwas Besonderes einfallen lässt: Der scheidende Schupo ist nach der spaßigen Auftaktfolge Die fette Hoppe, dem schrägen Nachfolger Der irre Iwan und dem etwas schwächeren dritten Fall Der treue Roy der vierte Einsatz der Hauptkommissare Lessing (Christian Ulmen) und Kira Dorn (Nora Tschirner), die seit ihrem Debüt im Jahr 2013 aus der Krimireihe kaum noch wegzudenken sind. Bietet der Tatort aus der Dichterstadt mittlerweile doch eine sehenswerte Alternative zu den populären Krimikomödien aus Münster - und während die Quotenkönige Frank Thiel (Axel Prahl) und Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) nur noch selten überraschen, weiß man bei Lessing und Dorn nie, in welche Richtung sich die Geschichte entwickeln wird. Das ist diesmal nicht anders: Beim titelgebenden Schutzpolizisten, der eine lebensbedrohliche Rizin-Vergiftung erleidet und dessen Freundin Andrea Münzer (Florentine Schara) bei einem Bombenanschlag ums Leben kommt, handelt es sich um Ludwig Maria Pohl (Arndt Schwering-Sohnrey, Hinkebein), der von allen nur "Lupo" genannt und kaum beachtet wird - auch nicht von Dorn, in die er bis über beide Ohren verliebt ist. Traditionsreich ist auch das Porzellanunternehmen Scholder, dessen Firmenchef verstorben und dessen Teilerbe Lupo ist - ganz zur Unfreude der beiden verfeindeten Schwestern Desiree (Katharina Heyer, Tote Erde) und Amelie Scholder (Laura Tonke, Narben), deren Freund Ringo Kruschwitz (Florian Panzner, Großer schwarzer Vogel) einst von Lupo ins Gefängnis gebracht wurde. Sinnvoll genutzt hat er die Zeit im Knast allerdings nicht, und er bringt nach seiner Entlassung ebenso ein Mordmotiv mit wie die Scholder-Schwestern und seine Mutter Olga (herausragend: Carmen-Maja Antoni, Feuertaufe), die für die Weimarer Kommissare bis zum Schluss nur schwer zu durchschauen ist.
Lessing: "Hat Ringo im Knast irgendeine Ausbildung gemacht?"
Kruschwitz: "Als Spülhilfe, hat er aber abgebrochen."
Köstliche Dialoge wie dieser finden sich im 1010. Tatort en masse - die Drehbuchautoren Murmel Clausen und Andreas Pflüger, die auch die ersten drei Folgen aus Weimar konzipierten, gehen den humorvollen Weg konsequent weiter und liefern mit Der scheidende Schupo einen kurzweiligen Krimispaß, bei dem Realitätsnähe und Logik hinter Situationskomik und Wortwitz zurückstehen. Als Whodunit zum Miträtseln funktioniert der Film von Sebastian Marka, der zuletzt die überragenden Tatort-Folgen Die Wahrheit und Es lebe der Tod inszenierte, trotz aller Absurditäten und der unübersichtlichen Handlung trotzdem - wer sich aber auf einen klassischen Krimi mit verzwickter Auflösung gefreut hat, dürfte am vierten Fall von Lessing und Dorn früh die Lust verlieren. Das titelgebende Opfer und die vielen Nebenfiguren - Chef Kurt Stich (Thorsten Merten) eingeschlossen - sind bis ins Karikatureske überzeichnet und die Spannungskurve ist in diesem schrägen Spektakel trotz einiger Schießereien und einer Verfolgungsjagd kaum messbar - stattdessen punktet der Film aber mit witzigen One-Linern ("Du hast Andrea in die Luft gejagt, sie wird immer noch größtenteils vermisst!"), einer pfiffigen Anspielung auf die legendäre Häcksler-Szene im Coen-Klassiker Fargo ("Es ist nicht das, wonach es aussieht!") und den blendend aufgelegten Darstellern, die sichtlich Spaß am Geschehen haben. Gelegentlich schießen die Filmemacher aber über ihr Ziel hinaus – zum Beispiel dann, wenn die Kommissare im Kofferraum einen großen Tank mit Exkrementen spazieren fahren. Immerhin: Peinlicher Fäkalhumor, wie er dem Zuschauer 2012 im komplett missratenen Münster-Tatort Das Wunder von Wolbeck zugemutet wurde, bleibt dem Publikum erspart. Ein gewisser Streuverlust bei den Pointen ist allerdings nicht zu übersehen und auch das Lokalkolorit, ein Markenzeichen der Krimireihe und in Die fette Hoppe besonders stark ausgeprägt, kommt diesmal etwas zu kurz: Außer einer Stippvisite an einer Thüringer Rostbratwurstbude ist von der Stadt wenig zu sehen. Ein bisschen mehr Elan stünde den etwas schläfrig wirkenden Ermittlern außerdem gut zu Gesicht - andererseits bilden die Kommissare aus Weimar mit ihrer entspannten Gemütlichkeit und ihrem trockenen Dialogwitz einen angenehmen Gegenpol zu den exzentrischen Tatort-Kollegen aus Dortmund, Hamburg oder Berlin. So ist Der scheidende Schupo in erster Linie ein Krimi zum Spaß haben - und zum schnell wieder Vergessen.

Bewertung: 6/10


Söhne und Väter

Folge: 1009 | 29. Januar 2017 | Sender: SR | Regie: Zoltan Spirandelli

So war der Tatort:

Bild: SR/Manuela Meyer
Vaterfixiert. Denn Regisseur Zoltan Spirandelli, der auch beim letzten Saarbrücker Tatort Totenstille Regie führte und das Drehbuch zu Söhne und Väter gemeinsam mit Usedom-Krimi-Autor Michael Vershinin schrieb, erzählt die Geschichte dreier junger Erwachsener, die ein schwieriges Verhältnis zu ihrem Vater haben: Da ist zum einen Karim Löscher (Emilio Sakraya), dessen Stiefvater Dirk Rebmann (Crisjan Zöllner) in den 90er Jahren die Tour de France gewann und nach einem vermeintlich natürlichen Tod vor allem als Leiche in diesem Film zu sehen ist. Dann sein Kumpel Pascal Weller (Emil Reinke), der gemeinsam mit Karim auf die Schnapsidee kommt, Rebmanns Leiche im Bestattungsinstitut zu schänden, und der nicht nur von seinem Vater Rudi (Thomas Schweiberer), sondern auch von seiner herrischen Mutter Renate (Christine Zart) und seiner Schwester Rebecca (Marie Bendig, Kartenhaus) für seine kleinkriminellen Eskapaden getadelt wird. Dritter im Bunde ist Enno Bartsch (Filip Januchowski), der beim nächtlichen Einstieg der Jungs in das Institut besoffen auf einem Leichentisch einschläft und am nächsten Morgen ebenfalls tot ist: Enno litt unter seinem Vater Hermann (Klaus Müller-Beck), der ihn misshandelt und in die Alkoholsucht getrieben hat. Für die Saarbrücker Hauptkommissare Jens Stellbrink (Devid Striesow) und Lisa Marx (Elisabeth Brück) gibt es bei der Suche nach den Mördern und Todesursachen reichlich Familiendramen aufzuarbeiten, doch auch der eigene Haussegen wird auf die Probe gestellt: Wir lernen Stellbrinks Sohn Moritz (Ludwig Simon, auch Striesows realer Sohn) kennen, der gleich mal mit Mia Emmrich (Sandra Maren Schneider), der Kollegin seines Vaters, um die Häuser zieht und das Figurenensemble in Saarbrücken womöglich dauerhaft bereichert. Auch hier ist der Vater-Sohn-Konflikt vorprogrammiert und wurde ganz gezielt in diesen Tatort geschrieben.
Moritz: "Ich zieh um. Bei Mia in der WG ist noch ein Zimmer freigeworden."
Söhne und Väter ist ein hochspannender Tatort - doch leider nicht im Hinblick auf den uninspiriert abgespulten Kriminalfall, sondern im Hinblick auf das Personalkarussell, das im Saarland Fahrt aufnimmt. Staatsanwältin Nicole Dubois (Sandra Steinbach), die deutlich mehr Menschlichkeit ausstrahlt als noch in Melinda oder Eine Handvoll Paradies, gestehen die Filmemacher im 1009. Tatort erneut nur eine einzige Szene zu - und auch Marx, auf dem Papier mit Stellbrink gleichberechtigt, spielt oft nur die dritte oder vierte Geige. Unumstrittener Fixpunkt des Films ist einmal mehr der rollerfahrende Kommissar, der bei seiner eigenwilligen Ermittlungsarbeit - Austern schlemmen und Schach spielen inklusive - neben Kriminaltechniker Horst Krause (Hartmut Volle) vor allem von Emmrich unterstützt wird. Der Beginn einer Wachablösung? Der vielköpfigen Figurenschar im Präsidium stehen die unzähligen Tatverdächtigen jedenfalls in nichts nach: Wer in diesem unübersichtlichen und oft konzeptlos wirkenden Tatort am Ende noch den Namen der Schulrektorin weiß, hat definitiv gut aufgepasst. Der Kriminalfall ist inhaltlich wie personell überfrachtet, die hölzernen und oft aufgesetzt wirkenden Dialoge reihen sich auf Vorabendniveau aneinander und häufig wird viel zu dick aufgetragen: Wenn Töchterchen Rebecca in der Tür steht, heimlich ein Bekenntnis ihres Vaters belauscht und dann enttäuscht ins Bild stürmt, hat das mehr von Gute Zeiten, schlechte Zeiten als von einem wettbewerbsfähigen Sonntagskrimi. Und als sich Professor Boerne (Jan Josef Liefers) und seine Assistentin "Alberich" (Christine Urspruch) 2008 im Münster-Tatort Wolfsstunde versehentlich zum Blind Date verabredeten, mag das noch witzig und originell gewesen sein - in Söhne und Väter wird diese Idee einfach lauwarm wieder aufgewärmt. Die positiven Aspekte an diesem schwachen Tatort lassen sich an einer Hand abzählen: Die richtige Auflösung dürften nur wenige Zuschauer erraten, Jophi Ries (Bienzle und der süße Tod) erledigt in der Rolle des vorbestraften Kochs Jean Carlino einen sehr soliden Job und auch der Klamaukanteil - ein früheres Markenzeichen der Saar-Krimis - hat sich erfreulicherweise reduziert. Bis zu einem überzeugenden Tatort ist es für Stellbrink & Co. aber noch ein weiter Weg.

Bewertung: 3/10

Schock

Folge: 1008 | 22. Januar 2017 | Sender: ORF | Regie: Rupert Henning

So war der Tatort:

Bild: ARD Degeto/ORF/Hubert Mican
Systemkritisch. "Kein Amoklauf, keine Affekthandlung, keine Rache. Keine religiös, ideologisch oder rituell motivierte Tat. Darum geht's hier nicht", macht der junge Geiselnehmer David Frank (Aaron Karl, Unvergessen) den alarmierten Wiener Ermittlern Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) schon in seinem ersten Bekennervideo deutlich - er verfolgt andere Ziele. Franks Kritik richtet sich - so erfahren wir später - gegen das System als solches, gegen den Kapitalismus, die Globalisierung und die in seinen Augen so gnadenlose Leistungsgesellschaft von heute. Und sie hat ihn zu der von langer Hand geplanten Tat veranlasst, seine Eltern Agnes (Silvia Wohlmuth, Kinderspiel) und Hans Georg Frank (Hans Piesbergen, Strindbergs Früchte) als Geiseln zu nehmen und die Welt über die sozialen Netzwerke dabei zuschauen zu lassen. Seine nüchtern und sachlich vorgetragene Videobotschaft ist ein vielversprechender Auftakt zu einem Tatort, der in der Folge aber deutlich weniger schockiert, als es der Krimititel nahelegt: Regisseur und Drehbuchautor Rupert Henning (Grenzfall) erzählt in Schock eine überraschend dialoglastige Geschichte und erfüllt nebenbei auch noch den öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag. Schon in den Anfangsminuten des Krimis dürfen wir der renommierten Amoklauf-Expertin Sarah Adler (Mercedes Echerer) in ungewohnter Ausführlichkeit dabei zuhören, wie sie sich im Hörsaal der Wiener Universität mit dem realen Amoklauf von Erfurt auseinandersetzt und dabei die Frage stellt, die nach solchen Schreckenstaten oft auf Trauerbotschaften zu lesen ist: Warum? Die Wiener Ermittler tappen bei der Suche nach Franks Motiv lange im Dunkeln und müssen sich vom Geiselnehmer mehrfach vorführen lassen - zum Beispiel dann, wenn sie einen Serverraum der Uni stürmen und vor laufender Kamera nur einen Gruß des Täters finden, der die Aktion live ins Netz gestreamt hat.
Eisner: "Ich will gelobt werden."
Fellner: "Wofür?"
Eisner: "Dafür, dass ich net ausraste."
Fellner: "Bravo, Moritz! Guter Moritz!"
Vergleicht man Schock mit thematisch ähnlich gelagerten Folgen wie Feierstunde oder Hochzeitsnacht, werden im Hinblick auf das Erzähltempo und die Dosierung von Action und Gewalt große Unterschiede deutlich: Diesmal geht es für die Ermittler weniger darum, einen Wettlauf gegen die Zeit zu meistern und in letzter Sekunde Geiseln zu retten, die der Zuschauer diesmal ohnehin bis in die Schlussminuten gar nicht zu Gesicht bekommt. Im 1008. Tatort ist der Weg das Ziel und die Vorgeschichte des Täters wichtiger als die Tat selbst: Nicht umsonst platzieren die Filmemacher im Schlussdrittel einen ausführlichen Rückblick auf vergangene Jahre, in dem das familiäre Umfeld des Geiselnehmers beleuchtet und Ansatzpunkte dafür geliefert werden, was ihn zu einer solchen Schreckenstat veranlassen könnte. Auch Eisners Tochter Claudia (Tanja Raunig) und ihr neuer Freund Kerem (Mehmet Sözer) geben dem gewohnt grantelnden Eisner Denkanstöße mit auf den Weg: schlimmer Stress an der Uni, zu hohe Erwartungen und die Furcht davor, am Ende als einer von vielen auf der Strecke zu bleiben. Auf der Strecke bleibt dabei aber oft auch die Spannung: Wirklich aufregend wird es in Schock erst beim Showdown, doch unterhaltsam ist der 15. Einsatz von Eisner und Fellner allemal - die obligatorischen Grabenkämpfe im eilig von Oberst Ernst Rauter (Hubert Kramar) zusammengestellten Krisenstab liefern den einen oder anderen bissigen Dialog und ein paar witzige One-Liner, die sich vor allem gegen "Korinthenkacker" Gerold Schubert (Dominik Warta) vom Verfassungsschutz richten. Der macht eine deutlich bessere Figur als viele andere Störenfriede einer übergeordneten Behörde vor ihm, wie zum Beispiel wenige Wochen vorher Staatsschutz-Kollege Kesting (Jürgen Prochnow) in Borowski und das verlorene Mädchen: Sieht zunächst alles nach dem üblichen Kompetenzgerangel und einem frühen K.O.-Sieg für Schubert aus, sorgt er später für den größten Überraschungsmoment in diesem unter dem Strich soliden Tatort. Auch sonst brechen die Filmemacher mit einigen ungeschriebenen Gesetzen der Krimireihe: Es fehlt vor allem an der obligatorischen Auftaktleiche, denn es muss kein Mord aufgeklärt, sondern verhindert werden. So ist Schock eine durchaus originelle und mit vielen Denkanstößen gespickte Krimi-Variation, die aber nicht ganz an die besten Fälle mit den gewohnt prächtig harmonierenden Wiener Ermittlern heranreicht.

Bewertung: 6/10

Wacht am Rhein

Folge: 1007 | 15. Januar 2017 | Sender: WDR | Regie: Sebastian Ko

So war der Tatort:

Bild: WDR/Thomas Kost
Heikel. Denn bei ihrem 68. gemeinsamen Einsatz geraten die Kölner Hauptkommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) mit zwei Gruppierungen aneinander, die in den Monaten vor der TV-Premiere des Films für reichlich Negativschlagzeilen gesorgt haben: kriminelle Flüchtlinge und ausländerfeindliche Rechtspopulisten. "Irgendwann wird es uns nicht mehr geben, dann sind wir fremd im eigenen Land", lautet eine von vielen plumpen Parolen des besorgten Bürgers Dieter Gottschalk (Ex-Polizeiruf 110-Kommissar Sylvester Groth, Wer das Schweigen bricht), für die es auf einer PEGIDA-Kundgebung oder einem Parteitag der AfD wohl tosenden Applaus geben würde - und auch in seinem Kölner "Veedel" erntet er reichlich Zustimmung für seine Hetze. Nach ein paar Überfällen und dealenden Ausländern an jeder Straßenecke macht man sich Sorgen um die eigene Sicherheit und hat die titelgebende Bürgerwehr Wacht am Rhein gegründet, die Patrouille auf den Straßen läuft: In vorderster Front dabei sind auch der marokkanische Ladenbesitzer Adil Faras (Asad Schwarz) und die junge Mutter Nina Schmitz (Nadja Bobyleva, Kaltblütig) - anders als der aalglatte Gottschalk gehen die beiden aber einen Schritt zu weit und entführen Faras' Landsmann Baz Barek (Omar El-Saeidi, Rabenherz), der in Köln studiert und mit dem Mord am Sohn von Zooladenbesitzer Peter Deisböck (Paul Herwig) und Ehefrau Katharina (Helene Grass, Stille Tage) herzlich wenig zu tun hat. Doch mitgefangen, mitgehangen: Wenn die Bürgerwehr Selbstjustiz übt, reicht schon ein falscher Pullover, um als krimineller Ausländer eingestuft zu werden. Schenk kann der Wacht am Rhein freilich auch Positives abgewinnen:
Schenk: "Wir sind seit Jahren chronisch unterbesetzt. Vielleicht ändert sich ja mal was!"
Regisseur Sebastian Ko (Kartenhaus) und Drehbuchautor Jürgen Werner (Zahltag), der in den letzten Jahren mit seinen starken Drehbüchern für den Tatort aus Dortmund für Aufsehen sorgte, setzen sich mit den Vorurteilen gegenüber vorbildlich integrierten Bürgern mit Migrationshintergrund auseinander. Zum anderen illustrieren die Filmemacher, wie ein Unschuldiger durch vorschnelle Schlussfolgerungen in die Täterrolle gedrängt werden kann - eine Erfahrung, die auch der farbige Assistent Tobias Reisser (Patrick Abozen) machen muss. Doch da ist noch der dritte Aspekt, der diesen Tatort so heikel macht: Um die dramatisch endenden Fehltritte der Bürgerwehr auszulösen, braucht es im 1007. Tatort ein klares Feindbild - und das sind kriminelle Flüchtlinge wie der unter Tatverdacht stehende Nordafrikaner Khalid Hamidi (Samy Abdel Fattah, Borowski und die Kinder von Gaarden), der von seinen Freunden rigoros gedeckt wird und dem deutschen Rechtsstaat schamlos ans Bein pisst. Darf man die schwarzen Schafe unter den Zuwanderern in einem öffentlich-rechtlichen Fernsehfilm so stark in den Mittelpunkt rücken und damit Vorurteile schüren? Fiktive Figuren wie der aufmüpfige Hamidi sind schließlich Wasser auf die Mühlen der Ausländerfeinde - und ähnlich wie in Ohnmacht bekommt Ballauf den mangelnden Respekt gegenüber der deutschen Polizei sogar am eigenen Leib zu spüren. Doch anders als im überschätzten Kölner Tatort von 2014 reagieren die Kommissare besonnen: Ballauf und Schenk bilden in der aufgeheizten Atmosphäre den Ruhepol des Films, weil sie im Brennpunkt zwischen rechter Hetze und provokanten Kriminellen nie den Überblick verlieren. Unabhängig von diesem gesellschaftskritischen Ansatz funktioniert Wacht am Rhein aber auch als Whodunit: Der packend in Szene gesetzte Auftaktmord im finsteren Zoogeschäft gestaltet sich bewusst unübersichtlich, so dass das letzte Wort bei der Suche nach der Auflösung erst spät gesprochen wird. Bei der Rekonstruktion des Tathergangs kommen dann nicht nur die Fans der Ermittler aus der Domstadt auf ihre Kosten: Ballauf und Schenk exerzieren einen rund einminütigen Dialog nur mit zustimmendem "Hmmmm" und verneinendem "Hm-Hm" durch - einfach köstlich. Eingefleischten Tatort-Kennern dürfte noch eine weitere Szene große Freude bereiten: Klaus Doldinger, Komponist der legendären Tatort-Titelmusik, ist in einer Cameo-Rolle als Saxophonspieler zu sehen.
Schenk: "Sach mal, war das nich..."
Ballauf: "Nein."
Schenk: "Nee, ne? Nee, das kann doch gar nich sein."
Ballauf: "Oder?"
Schenk: "Nee!"
Bewertung: 7/10

Land in dieser Zeit

Folge: 1006 | 8. Januar 2017 | Sender: HR | Regie: Markus Imboden

So war der Tatort:

Bild: HR/Degeto/Bettina Müller
Reich an deutschsprachigen Liedern und Gedichten - und auch reich an rechtem und nationalistischem Gedankengut. Da ist zum einen der neue Kripo-Chef, der in Land in dieser Zeit ohne jede Vorwarnung der ARD den bisherigen Kommissariatsleiter Henning Riefenstahl (Roeland Wiesnekker) beerbt: Der musste seinen Schreibtisch nach seinem letzten Auftritt im schrägen Tatort Wendehammer für seinen Nachfolger Fosco Cariddi (Bruno Cathomas, Borowski und der Engel) räumen, der in jeder freien Minute die eigenwilligen Werke des österreichischen Dichters Ernst Jandl zitiert und nicht nur bei den verdutzten Hauptkommissaren Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch), sondern auch bei vielen Zuschauern für ein dickes Fragezeichen auf der Stirn sorgen dürfte. Und da sind zum anderen drei junge Frauen, die ihre Freizeit in der rechten und rechtsintellektuellen Szene verbringen und gemeinsam im Chor singen: Friseurin Vera Rüttger (Jasna Fritzi Bauer), ihre Mitbewohnerin Juliane Kronfels (Anna Brüggemann, Tod einer Heuschrecke) und Margaux Brettner (Odine Johne) trällern am liebsten deutsche Volkslieder wie das titelgebende Kein schöner Land in dieser Zeit oder Hoch auf dem gelben Wagen und wehren sich vehement "gegen die Vermischung der Ethnien" und afrikanische Dealer am Frankfurter Tettenbornplatz. Dort arbeitet Margaux im Kiosk ihres Vaters, dort schneidet Vera im Friseursalon ihrer Chefin Rosi Grüneklee (Birge Schade) Haare, und in eben diesem Salon finden die Kommissare nach einem Brandanschlag die verkohlte Leiche von Veras Arbeitskollegin Melanie Elvering. Mit dem dealenden Senegalesen John Aliou ist ein Hauptverdächtiger für den Anschlag schnell gefunden: Dass Schauspieler Warsama Guled im Dortmunder Tatort Kollaps 2015 eine fast identische Rolle spielte, dürfte allerdings nur wenigen Zuschauern auffallen. Sehen ja ohnehin alle gleich aus, oder?
Rüttger: "Was weiß ich, 'n Schwarzer eben."
Die Drehbuchautoren Khyana el Bitar (Das namenlose Mädchen), Dörte Franke (Verschleppt) und Stephan Brüggenthies (Das erste Opfer) begeben sich mit der vor allem von Brix vorgelebten Political Incorrectness ("Scheiß Flüchtlinge, merde!") auf dünnes Eis, doch es sind auch andere Dinge, die diesem verkorksten Tatort das Genick brechen: Neben der unbefriedigenden Auflösung lassen die Filmemacher das Gespür für eine stimmige Mischung aus kniffligem Kriminalfall, humorvollen Zwischentönen und gelegentlichen Exkursen ins Privatleben der Ermittler über weite Strecken vermissen. Der rote Faden geht in Land in dieser Zeit oft verloren, weil das Erfolgsrezept der Krimireihe zugunsten von Dialogwitz und überflüssigen Trivialitäten vernachlässigt wird: Mehr als einmal fallen Akten zu Boden oder es wird Kaffee verschüttet, weil im Präsidium aus Versehen jemand angerempelt wird. Das negative i-Tüpfelchen auf den missglückten Genremix sind die nervtötenden Vorlesungen von Neu-Chef Cariddi, der Brix schon bei der ersten Begegnung grundlos als "Clown" beschimpft und ein bisschen zu sehr darum bemüht ist, dass die Herkunft des Hauptverdächtigen ja nicht an die Öffentlichkeit gerät. Spannung will selten aufkommen, die Nebenfiguren sind recht eindimensional gezeichnet und ihre Motive bisweilen schwammig: Warum die junge Vera sich zu Glatzköpfen und Schlägern hingezogen fühlt, wird allenfalls angedeutet, während die Existenzängste ihrer Chefin in wenigen Sätzen abgefrühstückt werden. Immerhin: Die Auseinandersetzung mit dem rechten Milieu fällt differenziert aus, weil die Kommissare nicht alle fremdenfeindlichen Verdächtigen über einen Kamm scheren und die Denkweise von Juliane und Margaux sehr wohl von Veras zu unterscheiden wissen ("Rechts ist nicht immer gleich rechts."). Im Vergleich zum thematisch ähnlich gelagerten Kölner Beitrag Odins Rache oder zum Dortmunder Tatort Hydra kann die 1006. Ausgabe der Krimireihe, den erneut der zuletzt vielbeschäftigte Regisseur Markus Imboden (WendehammerKlingelingeling) inszeniert, aber bei weitem nicht mithalten. Bleibt zu hoffen, dass der bisher so überzeugende Tatort aus Frankfurt schnell wieder in die Spur und der neue Kripo-Chef ein deutlich gesünderes Maß an poetischen Exkursen findet.

Bewertung: 4/10