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Wer jetzt allein ist

Folge: 1059 | 21. Mai 2018 | Sender: MDR | Regie: Theresa von Eltz
Bild: MDR/Wiedemann & Berg/Daniela Incoronato
So war der Tatort:

Doppeldatend. Denn die Dresdner Hauptkommissarinnen Karin Gorniak (Karin Hanczewski) und Henni Sieland (Alwara Höfels) begeben sich bei ihrem letzten gemeinsamen Einsatz auf gefährliches Terrain: Sie daten in Wer jetzt allein ist unter falschen Vorwänden zwei tatverdächtige Männer, von denen einer der Mörder in dieser Tatort-Folge sein muss. Zu Beginn wird die Studentin Doro Meisner (Svenja Jung) brutal auf einem Parkplatz mit einem Kabelbinder erdrosselt - und weil die junge Frau sich unter dem Namen "Birdy" in der fiktiven Singlebörse "Lovetender" von Betreiber Thomas Frank (Bernd-Christian Althoff) einen Namen gemacht und vielen einsamen Männern den Kopf verdreht hat, melden sich Gorniak und Sieland kurzerhand selbst auf der Online-Plattform an, um die potenziellen Täter im Netz aufzuspüren. Sehr zum Missfallen ihres Chefs Peter Michael Schnabel (Martin Brambach) natürlich, der zwar in die unvorschriftsmäßige Undercover-Aktion eingeweiht ist, als Verantwortlicher aber naturgemäß nur wenig davon hält. Während sich die frisch von ihrem Freund getrennte Sieland in die Spießerwohnung von Einzelgänger Petrick Wenzel (Aleksandar Jovanovic, Gott ist auch nur ein Mensch) einlädt, trifft sich Gorniak mit dem attraktiven Unternehmer Andreas Koch (Daniel Donskoy) in dessen Villa - kann allerdings heilfroh sein, dass ihr Sieland beim vorherigen Online-Anbandeln Hilfestellung bietet. Ansonsten wäre dieses Date wohl nie zustande gekommen.
Sieland: "Und der Typ... boom. Der Typ ist aber 'ne 10, du bist 'ne 8, 'ne."
Gorniak: "Ich bin keine 8, Henni."
Sieland: "Doch, auf dem Foto bist du 'ne 8. Du bist natürlich... du sprengst die Skala, eigentlich. Aber wenn man hier 'ne 8 ist, dann braucht man Selbstvertrauen, wenn man sich an 'ne 10 ranmacht."
Drehbuchautor Erol Yesilkaya (Hinter dem Spiegel) schrieb bereits die Bücher zu mehr als einem halben Dutzend toller Tatort-Folgen - zuletzt zu den überragenden Münchner Beiträgen Die Wahrheit und Der Tod ist unser ganzes Leben, zum auch atmosphärisch erstklassigen Wiesbadener Tatort Es lebe der Tod und zum brilliant arrangierten Berliner Meilenstein Meta. An die Klasse dieser kreativen Geschichten reicht der 1059. Tatort allerdings ebenso wenig heran wie an den vielgelobten Dresdner Vorgänger Déjà-vu, weil der Filmemacher diesmal auf Nummer sicher geht: Wer jetzt allein ist bietet unter dem Strich wenig, was man in den letzten Jahren in der Krimireihe nicht schon in verschiedenen Variationen gesehen hätte. Bei der Rahmenhandlung um die Gefahren von Dating-Portalen (die bereits 2014 im mittelprächtigen Kölner Tatort Wahre Liebe behandelt wurden) legt Yesilkaya den Finger auf der Puls der Zeit und sendet eine klare Botschaft, während die Ermittlerinnen sich wie schon so viele Tatort-Kommissare vor ihnen über die Anweisungen ihres Chefs hinwegsetzen und sogar mit Tatverdächtigen anbandeln - ganz neu ist das zweifellos nicht, glaubwürdig nur bedingt und konstruiert sogar ganz sicher. Aber es ist auch verdammt unterhaltsam, was neben der überzeugenden Regie von Tatort-Debütantin Theresa von Eltz auch an den charismatischen Tatverdächtigen liegt: Sielands Date mit Muttersöhnchen Wenzel beginnt köstlich verkrampft und endet im Drama, während Gorniaks nackter Unterwasser-Liebeskampf mit Womanizer Koch zu den erotischsten Szenen der jüngeren Tatort-Geschichte zählt. Letztlich sind die zwei Männer zwar fleischgewordene Stereotypen und die Auflösung nur Formsache, doch durch die bissig-pointierten Dialoge, die steile Spannungskurve und die nötige Prise Humor fallen diese Schwächen am Ende nicht allzu stark ins Gewicht. Dass vor allem in der ersten Filmhälfte häufig gelacht werden darf, geht auch auf das Konto von Kommissariatsleiter Schnabel: Dessen Babysitting bei Gorniaks aufmüpfigem Sohn Aaron ("Wir werden viel Spaß haben!") wirkt erst am Schluss etwas albern, als die Filmemacher es mit seiner neu entdeckten Liebe zum Hard Rock übertreiben. Ansonsten hat man oft das Gefühl, dass sich das Team nach dem holprigen Start endlich gefunden hat: Die nervtötenden Streitereien der beiden Powerfrauen mit ihrem chauvinistischen Chef (vgl. Auf einen Schlag) und Schnabels Technikverweigerung (vgl. Level X) sind in Wer jetzt allein ist kein Thema mehr - und so ist es am Ende fast etwas tragisch, dass Alwara Höfels den Tatort aus Dresden wegen "unterschiedlicher Auffassungen zum Arbeitsprozess" und einem "fehlenden künstlerischen Konsens" bereits nach sechs Auftritten wieder verlässt und von Cornelia Groeschel beerbt wird.

Bewertung: 7/10

Sonnenwende

Folge: 1058 | 13. Mai 2018 | Sender: SWR | Regie: Umut Dag
Tatort Sonnenwende: Öko-Bauer Volkmar Böttger (Nicki von Tempelhoff) und Hauptkommissar Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner).
Bild: SWR/Benoît Linder
So war der Tatort:

Bio-bäuerlich. Denn große Teile des zweiten Falls von Hauptkommissar Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) und Franziska Tobler (Eva Löbau) spielen auf einem streng traditionell geführten Sonnenhof in der Abgeschiedenheit des nördlichen Schwarzwalds: Der erzkonservative Öko-Bauer Volkmar Böttger (Nicki von Tempelhoff, Zurück ins Licht) betreibt den Hof mit seiner Frau Almut (Alexandra Schalaudek, 1000 Tode) sowie seinen Töchtern Mechthild (Janina Fautz, Fangschuss) und Sonnhild (Gro Swantje Kohlhof, brillierte 2014 in Die Wiederkehr und 2015 in Rebecca). Letztere liegt eines Tages nach einer mutmaßlich falschen Diabetesbehandlung tot im Bett - und weil die Todesursache nicht eindeutig ist, kommt es in Sonnenwende zum Wiedersehen der alten Jugendfreunde Berg und Böttger, die im Hinblick auf das Festhalten an bäuerlichen Traditionen eine sehr ähnliche Philosophie pflegen und am regelmäßigen Schnapstrinken gleichermaßen Freude finden. Eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem zunehmenden Höfesterben, den ökologischen Folgen der industriellen Nahrungsmittelproduktion und dem knallharten Überlebenskampf traditionell wirtschaftender Bauern findet in diesem Tatort allerdings nicht statt, obwohl der Spielraum dafür vorhanden gewesen wäre und die Suche nach der richtigen Auflösung ohnehin nur Formsache ist: Außer einem kurzen Austausch bei der gemeinsamen Ernte auf Bergs eigenem Schwarzwaldhof und einer enttäuschenden Diskussion im Dienstwagen streift der Krimi diese Themen nur am Rand.
Berg: "Was da an Wissen verloren geht, an Tradition, an Kultur  das ist Wahnsinn."
Tobler: "Ja, aber wie willste 'n das allein packen?"
Berg: "Das geht schon irgendwie."
Regisseur Umut Dag (Rebecca) und Drehbuchautor Patrick Brunken (Kopper) haben etwas anderes mit dem Publikum vor, doch hat man dabei oft das Gefühl, das alles schon mal gesehen zu haben: Berg befindet sich als einsamer Wolf mit ausgefallenem Wohndomizil beim Blick auf die Krimireihe in bester Gesellschaft - man denke nur an Reto Flückiger im Tatort aus Luzern, Jens Stellbrink im Tatort aus Saarbrücken oder Vorgängerin Klara Blum im Tatort aus Konstanz. Für seine persönliche Verwicklung in den Fall und eine Kommissarin, die in den Ermittlungen eine willkommene Abwechslung zu ihren Beziehungsproblemen findet, gewinnen die Filmemacher ebenfalls keinen Innovationspreis - siehe Charlotte Lindholm im Tatort aus Niedersachsen, Henni Sieland im Tatort aus Dresden oder Nora Dalay im Tatort aus Dortmund. Und das Eintauchen in die Provinz, in der die Uhren in Zeiten von Smartphones und Online-Shopping noch anders ticken, gehört bereits zum festen Konzept der Tatort-Folgen aus Hannover und den unzähligen belanglosen Regionalkrimis, die bei ARD und ZDF seit Jahren Hochkonjunktur genießen. Dennoch startet Sonnenwende mit einer interessanten Ausgangslage, ehe sich die Geschichte vom melancholisch-finsteren Krimidrama zum ambitionierten Staatsschutz-Thriller wandelt: Nach einer guten Dreiviertelstunde findet sich der Zuschauer plötzlich in einem Fall wieder, in dem es die Kommissare mit einem völkischen Bauernnetzwerk und den Anhängern der rechten Heimatschutz-Staffel aufnehmen müssen - auch das ist aber nicht ganz neu, denn allein 2017 bekamen es ihre Tatort-Kollegen mit gewieften Rechtspopulisten (in Dunkle Zeit), besorgten Bürgern (in Wacht am Rhein) oder singenden Ausländerfeinden (in Land in dieser Zeit) zu tun. Diesmal reichern die Filmemacher ihre Story mit Nordischer Mythologie an – das passt hervorragend zu den regelmäßig eingeblendeten Nebelpanoramen, die die düstere Atmosphäre gezielt verstärken. Trotz des historischen Kontexts und der stimmungsvollen Lieder am Feuer wirkt der 1058. Tatort aber über weite Strecken nur wie alter Wein in neuen Schläuchen: Die obligatorischen Scherereien zwischen den engagierten Ermittlern, der blassen Kripochefin Cornelia Harms (Steffi Kühnert), der Rechtsmedizinerin Dr. Andrea Binder (Christina Große, Waldlust) und dem undurchsichtigen Staatsschutz-Kollegen Harald Schaffel (Jörg Witte, Déjà-vu) sind nur eine Frage der Zeit, weil der Staatsschutz natürlich einen V-Mann in die rechte Szene eingeschleust hat und mal wieder bis zum Hals in den Fall verwickelt ist. So können die überzeugenden Darsteller und die tollen Naturaufnahmen die Vorhersehbarkeit des Drehbuchs in diesem Schwarzwald-Tatort zwar kaschieren, unterm Strich aber nicht ganz auffangen.

Bewertung: 6/10

Familien

Folge: 1057 | 6. Mai 2018 | Sender: WDR | Regie: Christine Hartmann
Tatort: Familien - Max Ballauf (Klaus J. Behrendt), Jessica Dahlmann (Marie Meinzenbach) und Freddy Schenk (Dietmar Bär).
Bild: WDR/Thomas Kost
So war der Tatort:

Weit weniger skandalträchtig als die unrühmlichen Schlagzeilen, die der WDR in den Tagen vor der Erstausstrahlung von Familien schrieb: Kein Geringerer als Gebhard Henke, Tatort-Koordinator und Leiter des Programmbereichs Fernsehfilm, Kino und Serie, wurde nach Vorwürfen sexueller Belästigung von seinem Arbeitgeber freigestellt - er selbst bestreitet die Anschuldigungen von Charlotte Roche und weiteren Frauen allerdings vehement. Von solchen oder ähnlichen Aufregern ist der 73. Fall der Hauptkommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) allerdings weiter entfernt als der 1. FC Köln vom Klassenerhalt in der Bundesliga-Saison 2017/2018: Drehbuchautor Christoph Wortberg (Nachbarn) und Regisseurin Christine Hartmann (Türkischer Honig) arrangieren einen von Beginn an klar strukturierten, übersichtlichen und experimentfreien Krimi der alten Schule und legen dabei ein Erzähltempo vor, das ganz hervorragend zur gemütlichen Gangart von Assistent Norbert Jütte (Roland Riebeling) passt, der zum zweiten Mal in der Domstadt mit von der Partie ist. Bis zum großen Showdown schlägt die Spannungskurve im 1057. Tatort kaum nach oben aus - stattdessen bleibt auf dem Revier noch Zeit für Pizza-Bestellungen, ein großes Stück Sahnetorte und die Aufarbeitung von Schenks mittelschwerer Ehekrise, die sich nach dem verpennten 30. Hochzeitstag auch nicht mit einem spontan einberufenen Candlelight-Dinner und sündhaft teuren Präsenten von heute auf morgen wieder einrenken lässt. Das drückt auf die Stimmung.
Ballauf: "Meinste, du kannst uns noch 'n Kaffee kochen?"
Jütte: "Ja natürlich, vielleicht noch 'n Schnitzel dazu?"
Schenk: "Bisschen aufgeschäumte Milch würd' schon reichen!"
Familien ist ein klassischer Whodunit ohne Schnickschnack, dessen Geschichte aber über weite Strecken so einfallslos anmutet wie der erneut pragmatische Krimititel (vgl. Benutzt, Narben oder Mitgehangen): Als der junge Vater Ivo Klein (Christoph Bertram) nach seinem feuchtfröhlichen Junggesellenabschied eine Tasche mit Geld findet und kurz darauf überfahren wird, tippen die Kommissare nach Rücksprache mit Rechtsmediziner Dr. Roth (Joe Bausch) auf eine Geldübergabe und stellen über die Fingerabdrücke die Verbindung zum renommierten Wirtschaftsanwalt Rainer Bertram (Hansjürgen Hürrig, Ich töte niemand) her, dessen Enkeltochter Charlotte Ritter (Anke Sabrina Beermann) entführt wurde. Schnell wird klar, dass die obligatorische Auftaktleiche dazu dient, die Kölner Ermittler zur Abwechslung mal auf einen vermeintlichen Entführungsfall anzusetzen - ansonsten verlassen die Filmemacher aber selten die ausgetretenen Pfade des Genres. In der ersten Stunde reiht sich eine Befragung an die nächste und liefert so manchen hölzernen, fast aufgesagt klingenden Dialog - zum Beispiel dann, wenn Charlottes um die Jahrtausendwende geborener Bruder Paul (Johannes Franke, Schwarzer Afghane) von seinem Aufenthaltsort in der Tatnacht erzählt ("Das ist eine ziemlich angesagte Bar in der Innenstadt.") oder ihr Vater Ludwig (Harald Schrott, Vergeltung) sich an ihr nächtliches Heimkommen erinnert ("Ich dachte noch: Jetzt sind sie daheim!"). Über die verdächtigen Mitglieder der titelgebenden Familien erfahren wir nur das, was für die Suche nach der Auflösung notwendig ist - so etwas wie Tiefe entwickelt in diesem Tatort keine einzige Figur. Auch die Emotionen wirken oft aufgesetzt: Jessica Dahlmann (Marie Meinzenbach, Gott ist auch nur ein Mensch), die vor dem Nichts stehende Verlobte des Toten, bringt einleitend mit dem Baby auf dem Arm die Zaunpfahl-Tragik in die Geschichte, die diese von innen heraus selten entwickelt - wird als Figur danach aber buchstäblich fallengelassen (s. Bild), weil sie nicht zum Kreis der Verdächtigen zählt. Mehr als einmal fallen die berühmten Worte "Wir schaffen das!" - wirklichen Zugang zu den Charakteren und interfamiliären Spannungen können wir aber kaum finden, weil das Geschehen aus sicherer Distanz beleuchtet wird. Auch die Vorgeschichte der alkoholkranken Sandra Fröhlich (Claudia Geisler-Bading, Ruhe sanft) und ihres Sohnes Kasper (Anton von Lucke) wird just in dem Moment recherchiert, in dem es dramaturgisch ins Konzept passt - das ist Krimi-Kost vom Reißbrett und sorgt kaum für Überraschungsmomente. Den Millionen Fans von Ballauf und Schenk wird sie dennoch gut schmecken, wenngleich der obligatorische Besuch an der Wurstbraterei am Rheinufer zugunsten einer Stippvisite an einer Falafelbude ausfällt.

Bewertung: 5/10

Alles was Sie sagen

Folge: 1056 | 22. April 2018 | Sender: NDR | Regie: Özgür Yildirim
Bild: NDR/Christine Schroeder
So war der Tatort:

Nacherzählt. Denn der pfiffige Krimititel Alles was Sie sagen ist in diesem tollen Tatort Programm: Der Großteil der Geschichte spielt nicht im Hier und Jetzt, sondern wird dem internen Ermittler Joachim Rehberg (Jörn Knebel, Im toten Winkel) in ausführlichen Rückblenden von den Hamburger Bundespolizisten Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) und Julia Grosz (Franziska Weisz) zu Protokoll geben. Der Grund für Rehbergs Einsatz: Bei der Jagd auf den in Lüneburg untergetauchten Libanesen Abbas Khaled (Youssef Maghrebi), der in der Flüchtlingsklasse von Lehrer Stefan Hansen (Moritz Grove, Mitgehangen) als Tutor gearbeitet und vor seiner Ankunft in Deutschland mutmaßlich Kriegsverbrechen in Syrien begangen hat, wird dessen Schwester Alima (Sabrina Amali) in einem schummerigen Fabrikgebäude erschossen und Falke gerät unter Verdacht, die tödliche Kugel beim Zugriff im Dunkeln abgefeuert zu haben. Doch auch der Lüneburger Kollege Junker (Gerdy Zint, Dunkelfeld) hielt sich mit einer Einsatztruppe im Gebäude auf: Schon seit Monaten hat er es auf Drogenkönig Ibrahim Al-Shabaan (Marwan Moussa) abgesehen, der seinen Landsmann Khaled offenbar unter seine Fittiche genommen hatte. Spielt Junker auch eine Rolle? Die Geschichten, die Falke und Grosz dem gewieften Rehberg getrennt voneinander erzählen, sind alles andere als deckungsgleich - und der Zuschauer bleibt bis zum großen Showdown im Unklaren darüber, wer von den beiden denn nun die Wahrheit erzählt. Allzu leicht aufs Kreuz legen lassen sich die Bundespolizisten nämlich nicht.
Falke: "Bitte, lassen Sie uns beide wie Erwachsene reden. Und verschonen Sie mich mit Ihrer simplen Verhörtaktik, ok?"
Regisseur Özgür Yildirim inszenierte neben dem ersten Grosz-Tatort Zorn Gottes auch den ersten Tatort mit Falke, der 2013 noch mit Katharina Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) auf Täterfang ging - und die Nähe zum starken Feuerteufel ist in Alles was Sie sagen oft spürbar. Der Umgangston ist rau, die Inszenierung und der Soundtrack dynamisch und auch die Geschichte fällt deutlich geerdeter aus als beispielsweise im schrägen Vorvorgänger Böser Boden. Spätestens, als Falke den Spieß umdreht und Rehberg klar macht, dass auch er sich mit cleveren Verhörmethoden auskennt, entwickelt sich der 1056. Tatort zum prickelnden Katz-und-Maus-Spiel: Die Drehbuchautoren Arne Nolting und Jan Martin Scharf, die bereits gemeinsam für zahlreiche TV-Filme und -Serien, aber noch nie für einen Tatort am Ruder saßen, ziehen dem Zuschauer gekonnt den Boden unter den Füßen weg und entschädigen damit für die kleineren Längen und Logiklöcher, die sich sich zwischen dem stimmungsvollen Auftakt und dem spannenden Finale einschleichen. Denn es ist nicht zuletzt die geniale, weil wirklich überraschende Auflösung, die den Krimi zum bisher stärksten Tatort mit Grosz und Falke macht, wobei dessen mögliche Schuld nicht ständig im Vordergrund steht: Vorangetrieben wird der Film auch von der Frage, welche Rolle die libanesischen Kriminellen spielen, die die Kommissare ein ums andere Mal abblitzen lassen. Dass die Bundespolizisten erst dreimal gemeinsam ermittelt haben, ist bei ihrem vierten Einsatz von Vorteil: Anders als zum Beispiel bei den altgedienten Münchner Kollegen Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl), die ihrem unter Verdacht stehenden Partner zum Beispiel 2012 in Der traurige König oder 2017 in Der Tod ist unser ganzes Leben zur Seite sprangen, sind die Bande bei weitem noch nicht so stark ausgeprägt - es wäre sogar vorstellbar, dass einer den anderen ans Messer liefert. Erschwerend hinzu kommt die Tatsache, dass Grosz ihrem Kollegen im Hinblick auf ihre Jugendliebe Olaf Spieß (Marc Rissmann, Tanzmariechen) keinen reinen Wein einschenkt: Der Zweck dieser nur auf den ersten Blick dünn wirkenden Lovestory offenbart sich erst spät. Bis dahin spielen die Filmemacher in bester 8 Blickwinkel-Manier mit den Erzählperspektiven, führen den Zuschauer genüsslich an der Nase herum und entdecken bei den kammerspielartigen Szenen im Verhörzimmer sogar noch noch Falkes Liebe zur Laktose wieder, die in den Jahren zuvor fast in Vergessenheit geraten war. Und am Ende wird auch noch das Duzen zum Thema, das Grosz ihrem Partner in Dunkle Zeit noch verweigert hatte: Das Fundament für eine noch vertrauensvollere Zusammenarbeit ist gelegt.
Grosz: "Sag niemals Juli zu mir. Julia."
Falke: "Thorsten."
Bewertung: 8/10

Ich töte niemand

Folge: 1055 | 15. April 2018 | Sender: BR | Regie: Max Färberböck
Bild: BR/Hager Moss Film GmbH/Felix Cramer 
So war der Tatort:

Halbdunkel. Denn die Filmemacher sparen beim vierten Franken-Tatort bewusst an der Beleuchtung: Die Seltenheit hell ausgeleuchteter Szenen hat in diesem Krimi aus Nürnberg Methode. Regisseur Max Färberböck und Kameramann Felix Cramer, die bereits den ästhetisch ähnlichen ersten Franken-Tatort Der Himmel ist ein Platz auf Erden gemeinsam drehten, spielen mit den spärlichen Lichtverhältnissen und dem daraus entstehenden Schatten, so dass Augenpaare häufig zu finsteren Höhlen werden oder Gesichtshälften im Schwarz verschwinden. Man kann das entweder als Visualisierung eines verbitterten Auftaktmonologs ("Unser Leben ist ein schwarzer Raum, rabenschwarz!") von Kriminalkommissar Felix Voss (Fabian Hinrichs) oder als stilistische Fingerübung interpretieren, Fakt ist aber in jedem Fall: Ich töte niemand ist ein optisch sehr eigenwilliger und zugleich sehr sperriger Tatort, dessen komplexe Geschichte selbst hartgesottene Zuschauer auf die Probe stellt. Dabei beginnt alles ganz klassisch: Nach dem Hineinschnuppern ins Privatleben der Ermittler - Voss feiert seine Einweihungsparty mit Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel), Wanda Goldwasser (Eli Wasserscheid), Sebastian Fleischer (Andreas Leopold Schadt) und weiteren Kollegen und Freunden - inspizieren die Kommissare die Leichen zweier tot geprügelter Libyer, beraten sich mit Spurensicherungsleiter Michael Schatz (Matthias Egersdöfer), holen sich den obligatorischen Rüffel bei ihrem Vorgesetzten Dr. Mirko Kaiser (Stefan Merki) ab und debattieren auf der Fahrt zum ersten Verhör über ihr trauriges Schicksal als Kripo-Ermittler.
Ringelhahn: "Mensch, Felix. Nun sag doch einfach mal was Schönes."
Voss: "Warum denn?"
Ringelhahn: "Weil wir gleich da sind."
Fast könnte man meinen, Max Färberböck wolle sein Publikum einleitend in Sicherheit wiegen: Schon 2015 inszenierte der Filmemacher mit dem Münchner Meilenstein Am Ende des Flurs eine der stärksten Tatort-Folgen der letzten Jahre, schockte die Zuschauer am Ende aber mit einem dramatischen Cliffhanger, bei dem das Leben von Hauptkommissar Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) am seidenen Faden hing. Auch der 1055. Tatort lässt viele Zuschauer irritiert zurück, doch hat das diesmal einen anderen Grund: Die Geschichte, die Färberböck mit Catharina Schuchmann geschrieben hat, erfordert höchste Aufmerksamkeit und gestattet weder Second Screens noch sonstige Ablenkungen. Nach dem soliden Auftakt ist es nämlich schnell vorbei mit der Gemütlichkeit: Färberböck begibt sich mit seinem komplexen Drehbuch auf ähnliches Terrain wie sein Kollege Dominik Graf, der das Publikum mit seinen berühmt-berüchtigten TV-Krimis immer wieder aufs Neue (heraus-)fordert (zuletzt im RAF-Tatort Der rote Schatten). Deutlich früher als die Kommissare wissen wir zum Beispiel, dass sich der untergetauchte Ziehsohn der beiden toten Libyer, Ahmad Elmahi (Josef Mohamed), im schummerigen Keller von Schneider Nasem Attallah (Nasser Memarzia) aufhält - weil wir außer schemenhaften Gesichtern und (untertitelten) Dialogfragmenten aber lange Zeit wenig Konkretes geliefert bekommen, bleiben die Hintergründe des Versteckspiels buchstäblich im Dunkeln. Erst auf der Zielgeraden kommt Licht in die Sache - bis zur Auflösung und dem dramatischen Showdown ist es in Ich töte niemand aber ein weiter und beschwerlicher Weg. Und man kann sich des Eindrucks nie ganz erwehren, dass die politisch korrekt erzählte Murder-And-Revenge-Story nicht ganz mit ihrer kunstvollen Verpackung mithalten kann: Wenn Färberböck die Kommissare - dieses Motiv war bereits im ersten Franken-Tatort zu beobachten - unzählige Male über endlose Landstraßen fahren lässt, liefert das wunderbare Bilder, verkommt aber ein Stück weit zum Selbstzweck (immerhin spielt der Krimi in der Großstadt Nürnberg). Auch die Spannungskurve schlägt erst im Schlussdrittel aus: Voss' Einweihungsparty - leidenschaftliches Gefummel der Kollegen inklusive - bleibt lange Zeit das Aufregendste in diesem Krimidrama, in dem wir viel über Paula Ringelhahn erfahren und in dem Hauptdarstellerin Dagmar Manzel ebenso groß aufspielt wie Nebendarstellerin Ursula Strauss (Kinderwunsch), die mit der verwitweten Gudrun Leitner eine der Schlüsselrollen innehat. Und dann ist da noch der melancholische, aber sehr eintönige Soundtrack, der die Tristesse gezielt verstärkt: Die aus der britischen Krimiserie Broadchurch bekannte Ballade So far von Ólafur Arnalds ertönt in diesem Tatort mindestens einmal zu viel.

Bewertung: 6/10

Unter Kriegern

Folge: 1054 | 8. April 2018 | Sender: HR | Regie: Hermine Huntgeburth
Bild: HR/Bettina Müller
So war der Tatort:

Wiedererstarkt. Denn für den bis dato so überzeugenden Frankfurter Tatort mit den Hauptkommissaren Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch) war 2017 buchstäblich ein Horror-Jahr: Dem enttäuschenden Januar-Tatort Land in dieser Zeit folgte im Herbst der desaströse Horror-Tatort Fürchte dich - ein zweifellos mutiger, aber kolossal gescheiterter Genre-Mix des für seine Experimentierfreudigkeit berühmten Hessischen Rundfunks, der sogar Platz 2 unserer Tatort-Flops des Jahres belegte. Mit dem beklemmenden Krimidrama Unter Kriegern, das das Deutsche FernsehKrimi-Festival 2018 eröffnete, meldet sich die Main-Metropole wenige Monate später in alter Stärke zurück: Drehbuchautor Volker Einrauch und Regisseurin Hermine Huntgeburth, die bereits den tollen Frankfurter Tatort Die Geschichte vom bösen Friederich realisierten, wildern zwar ebenfalls fleißig im Horror-Genre, gehen dabei aber deutlich subtiler vor. Die bedauernswerte Meike Voss (überragend: Lina Beckmann, Das Wunder von Wolbeck) wird bei jeder Gelegenheit von ihrem sadistischen Ehemann Joachim Voss (eiskalt: Golo Euler, Hardcore) gedemütigt und durchlebt in den eigenen vier Wänden einen Alptraum, der sie bis an den Rand des Suizids bringt. Ihr Sohn Felix (teuflisch gut: Juri Winkler) hält nicht etwa zu seiner Mutter, sondern zu seinem leistungsorientierten Stiefvater - gemeinsam machen die beiden der passionierten Hobby-Reiterin (Pferd: "Halunke") den Alltag zur Hölle.
Voss: "Mein Gott, Meike. Deine Phantasielosigkeit ist manchmal wirklich ganz schön deprimierend. Uns das bisschen Geist, das noch vorhanden ist, geht für die Pferde drauf. Was bestimmt super für die Pferde ist."
Ganz klar: Das Herz der 1054. Tatort-Folge schlägt im Hause Voss, wenngleich sich die Filmemacher an die Strukturen eines klassischen Whodunit halten: Einleitend wird im Keller des Hessischen Sportleistungszentrums die Leiche des elfjährigen Malte Rahmani (Ilyes Raoul Moutaoukkil) gefunden - ein Unbekannter hat den Jungen in einen Heizkessel gesperrt und qualvoll verdursten lassen. Weil Joachim Voss das Zentrum leitet und sein Sohn mit Malte Judo trainierte, führt die Spur zu ihnen - und damit zu zwei Tatverdächtigen, deren Boshaftigkeit in der jüngeren Tatort-Geschichte ihresgleichen sucht. Der diabolische Felix könnte einem Evil-Child-Schocker entsprungen sein, erinnert aber auch an den mordenden Kevin in Lynne Ramsays We need to talk about Kevin oder den diabolischen Henry in Joseph Rubens Das zweite Gesicht. Die (ohnehin vorhersehbare) Auflösung der Täterfrage spielt in Unter Kriegern nur eine untergeordnete Rolle - was die Geschichte vorantreibt, ist vielmehr die Frage, ob es Meike Voss wohl gelingen wird, dem brutalen Psychoterror zu entfliehen. Janneke und Brix spielen in dem beklemmenden Gewitter aus täglicher Demütigung, verbalen Anfeindungen und schmerzhaften Handgreiflichkeiten häufig nur die zweite Geige: Die interessantesten Szenen finden hinter ihrem Rücken statt, so dass der Zuschauer oft einen kleinen Wissensvorsprung gegenüber den Kommissaren genießt. Bei der Charakterzeichnung gehen die Filmemacher nicht nur präzise, sondern auch differenziert vor: Mögen Mauerblümchen Meike, der sadistische Sonderling Felix und der knallharte IOC-Aspirant Jochen anfangs wie plumpe Stereotypen wirken, erfährt jeder von ihnen früher oder später einen Moment, der mit diesem ersten Eindruck bricht. Das gilt auch für den cholerischen und ebenfalls tatverdächtigen Hausmeister Sven Brunner (Stefan Konarske, ermittelte bis 2017 als Oberkommissar Daniel Kossik im Tatort aus Dortmund), der für die wenigen heiteren Momente in dem bedrückenden Krimidrama verantwortlich zeichnet: Brunner bringt mit seinen amüsanten Aggressionen ("Warum sollte ich das tun, du Bullenarsch!?") ordentlich Stimmung in die Bude. Erneut blass bleibt hingegen der gebildete Fosco Cariddi (Bruno Cathomas), der zum dritten Mal als Vorgesetzter von Janneke und Brix mit von der Partie ist: Cariddi wirkt erneut wie ein Fremdkörper und ist diesmal vor allem mit der Suche nach einem Gewalttäter beschäftigt, der ihm in der Eröffnungssequenz die Nase demoliert. Deutlich runder wirkt der Soundtrack: Dank des Desire-Songs Under your spell, der bereits Nicolas Winding Refns Neo-Noir-Meisterwerk Drive veredelte, weht für einen Moment sogar Ein Hauch von Hollywood durch diesen unaufdringlich vertonten Frankfurter Tatort, in dem es noch eine pikante Anspielung auf den Franken-Tatort zu entdecken gibt.

Bewertung: 8/10

Zeit der Frösche

Folge: 1053 | 2. April 2018 | Sender: SWR | Regie: Markus Imboden
Bild: SWR/Julia Terjung
So war der Tatort:

Erzieherfixiert. Da ist zuallererst Hauptkommissarin Ellen Berlinger (Heike Makatsch), die sich nach ihrem ursprünglich als einmalig geplanten Tatort-Special in Freiburg hat versetzen lassen und nun wie ihre Vorgängerinnen Marianne Buchmüller (Nicole Heesters, in den 70er Jahren) und Hanne Wiegand (Karin Anselm, in den 80er Jahren) in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt auf Täterfang geht: Die alleinerziehende Berlinger ist mit ihrer kleinen Tochter Greta nach Mainz gezogen und parkt ihr Kind in bester Charlotte-Lindholm-Manier (vgl. Vergessene Erinnerung) in schöner Regelmäßigkeit bei ihrer Cousine Maja Ginori (Jule Böwe, Der König der Gosse) und deren Mann Enzo (Jan Messutat, Der letzte Patient), die in der Gutenberg-Stadt ein Restaurant betreiben und sich mit der Erziehung ihres hochbegabten Sohnes Jonas (Luis August Kurecki) ebenfalls schwer tun. Dann ist da der geduldige Kindergärtner Bassi Mahler (Lucas Prisor, Wer Wind erntet, sät Sturm), der einen losen Flirt mit Berlinger beginnt und ein ums andere Mal von ihr versetzt wird, weil die vielbeschäftigte Kommissarin im Ermittlungsstress kaum Zeit für ihn und ihre Tochter findet. Und nicht zuletzt die besorgten Eltern der verschwundenen 16-Jährigen Marie (Aniya Wendel, spielte ein ähnliches Love Interest in Fatih Akins Tschick): Olivia (Kathleen Morgeneyer) und Armin Blixen (Robert Schupp, Der Inder) erhalten ein Lösegeldschreiben, nachdem ein blutdurchtränkter Pulli in der Altkleidersammlung bereits erahnen lässt, dass ihre Tochter womöglich ermordet wurde. Berlingers neuem Kollegen Martin Rascher (Sebastian Blomberg, Abgezockt), der zunächst auf einen Serienmörder tippt und schon bald eines Besseren belehrt wird, wird das irgendwann zu viel.
Rascher: "Ich hab mal gehört, dass Frösche komplett abschalten, wenn es kalt wird. Sie legen sich still und warten, bis es Frühling wird. Manchmal wünschte ich, ich könnte das auch."
Sätze wie diese bleiben oft einfach im Raum stehen, erklären dem Publikum hier aber zumindest den seltsamen Krimititel: Zeit der Frösche. Ansonsten drehen Drehbuchautor Marco Wiersch (Rebecca) und Regisseur Markus Imboden (Am Ende geht man nackt) die Zeiger wieder auf Null, denn wer sich an Berlingers zwei Jahre zurückliegenden ersten Einsatz Fünf Minuten Himmel nicht mehr erinnert, muss sich nicht grämen: Im 1053. Tatort werden so gut wie keine Vorkenntnisse vorausgesetzt. Bei den Nebenfiguren hat man dennoch das Gefühl, das alles schon mal gesehen zu haben: Mit dem schmierigen Italo-Gemüsehändler Sergio Cammareri (Roberto Guerra, Schwanensee) gibt es einen Klischee-Mafiosi aus dem Bilderbuch, die von Jonas und seinem einzigen Kumpel Max Linner (Paul Michael Stiehler) begehrte Marie ist der Prototyp der arroganten Teenager-Göre und ihre steinreichen Eltern wohnen natürlich in einer seelenlos eingerichteten Glasvilla, in der man wahrscheinlich vom Fußboden essen könnte. Auch die pausenlos telefonierende Berlinger tut sich nach ihrem wenig überzeugenden Debüt weiterhin schwer, beim Zuschauer Sympathiepunkte zu sammeln: Mit der Betreuung ihrer Tochter wirkt sie überfordert und beim Verhör des weggetretenen Junkies Bert Hartl (Karsten A. Mielke) lässt sie sich sogar zu einer Kurzschlussreaktion hinreißen. Mit dem hochbegabten Jonas liefern die Filmemacher allerdings auch eine wirklich interessante Figur - zum Seelenleben des oft apathisch wirkenden Kindes ("Vielleicht schottet er sich ab gegen den Wahnsinn da draußen.") dringen wir aber nie ganz durch, weil das Drehbuch den Kleinen pausenlos kluge Sätze mit möglichst vielen altersungerechten Formulierungen aufsagen und im Mittelteil für lange Zeit von der Bildfläche verschwinden lässt. Tatort-Kenner wissen, dass der Weg zur Auflösung damit nur über Jonas führt, zumal der Kreis der Verdächtigen in diesem Tatort sehr überschaubar ausfällt. So rettet auch der Showdown den ruhig und routiniert inszenierten Krimi angesichts der erzählerischen Schwächen nicht ins solide Mittelmaß, zumal die Entstehungsgeschichte des Verbrechens in Zeiten von Smartphones und Internet an der Realität vorbeigeht und eher wie eine künstlich dramatisierte Eis am Stiel-Variation daherkommt. Der zweite Sonntagskrimi mit Ellen Berlinger fällt damit nur leicht überzeugender aus als der erste - und wird seinem ohnehin zweifelhaften PR-Label "Tatort-Special" zu keinem Zeitpunkt gerecht.

Bewertung: 4/10

Mitgehangen

Folge: 1052 | 18. März 2018 | Sender: WDR | Regie: Sebastian Ko
Bild: WDR/Thomas Kost
So war der Tatort:

Reisserfrei. Denn nach zehn Einsätzen an der Seite der Hauptkommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) ist auch schon wieder Schluss für den fleißigen Kölner Assistenten Tobias Reisser (Patrick Abozen), der 2011 in Der Fall Reinhardt sein Debüt feierte: "Schöne Grüße aus Las Vegas. Seine Hochzeit war geil, er schickt 'n Foto", heißt es im Tatort Mitgehangen - mehr erfahren wir über seinen Abschied nicht mehr, denn auch der WDR hat zu Abozens Ausstieg kaum mehr als wachsweiche Statements an die Öffentlichkeit kommuniziert. Reissers Nachfolger steht bereits in den Startlöchern: "Einarbeitung dauert natürlich", betont der sympathische Norbert Jütte (Roland Riebeling), und macht gleich zu Beginn des Films deutlich, dass er als Gegenentwurf zu seinem emsigen Vorgänger bei weitem nicht das Tempo vorlegt, dass vor allem Schenk sich im Präsidium wünschen würde. Zugleich stiehlt Jütte mit seiner unerschütterlichen Gemütlichkeit aber viele Szenen und bildet den willkommenen Ruhepol in diesem emotional aufgeladenen Krimi, in dem das Verhältnis zwischen Ballauf und Schenk einer Belastungsprobe unterzogen wird: In der Eröffnungssequenz hängt Reifenhandelbesitzer Matthes Grevel (Moritz Grove, Alles was sie sagen) tot in seiner U-Haft-Zelle - er stand unter Verdacht, seinen Teilhaber Florin Baciu (Kristijan Rasevic) erschossen und anschließend im Kofferraum eines Autos in einem Baggersee versenkt zu haben. Die Vorwegnahme dieses späteren Wendepunkts ist bereits die einzige erzählerische Eigenwilligkeit von Drehbuchautor Johannes Rotter (Scheinwelten) und Regisseur Sebastian Ko (Wacht am Rhein), die bei den Ermittlungen voll auf das Wie-gut-kannten-Sie-den-Toten-Prinzip und die dazu passenden Dialoge setzen.
Ballauf: "Sie waren in Brühl am Heider Bergsee. Was haben Sie da gemacht?"
Grevel: "Ja. Nachtangeln mit meinem Sohn. Machen wir öfters."
Ballauf: "Was haben Sie da die ganze Nacht gemacht?"
Grevel: "Geangelt."
Der handfeste Streit zwischen den Kölner Kommissaren - Junggeselle Ballauf ist felsenfest von Grevels Schuld überzeugt, während Familienvater Schenk Zweifel hegt - ist typisch für den Krimi aus der Domstadt, in dem die obligatorische Stippvisite am Rheinufer diesmal aber entfällt: Schenk muss seine Currywurst trotz eines zwischenzeitlichen Friedensangebots allein essen, während der auffallend nachdenklich gestimmte Ballauf sich bei einsamen Bahnen in der Schwimmhalle abreagiert. Seine stärksten Szenen hat der 1052. Tatort dann, wenn die Filmemacher wie hier aus den altbekannten Schemata ausbrechen - diese Momente lassen sich allerdings an einer Hand abzählen und auch beim Blick auf die Figuren und Schauspieler ergibt sich unterm Strich kein ganz überzeugendes Bild. Lavinia Wilson, die 2013 in Borowski und der Engel als manipulatives Biest brillierte, kauft man die Rolle als zweifache Mutter Katrin Grevel trotz aller schauspielerischer Qualität genauso wenig ab wie ihre Liebe zum inhaftierten Gatten - der Funke will hier selten überspringen. Über das Seelenleben der übrigen Charaktere erfahren wir hingegen nur wenig, was über Klischees hinausgeht, während die erfahrene Lana Cooper (2017 stärker im Polizeiruf 110 Einer für alle, alle für Rostock) und Jungschauspieler Alvar Julian Götze gelegentlich dicker auftragen, als es ihren Figuren gut tut. Hinter der Kamera zeigen sich ebenfalls Schwächen: Eine Szene in einer Fechthalle ist so unbeholfen arrangiert, dass aus der beabsichtigten Dramatik unfreiwillige Komik wird - und der Moment, in dem Grevel vom Tod ihres Gatten erfährt, wird durch eine lange Kamerafahrt, eine bedeutungsschwangere Zeitlupe und die zweifellos wunderbaren Klänge von Leonard Cohens It Seemed The Better Way fast zum Kitsch überhöht. Auch zum schwachen Vorgänger Bausünden ergibt sich eine auffällige Parallele: Der Soundtrack fällt erneut seltsam aufdringlich aus - eine Hausdurchsuchung bei den Grevels wird durch die monoton-repetierenden Akkorde eher konterkariert, als dass diese für Dynamik sorgen würden. Wäre da nicht die wirklich überraschende Auflösung der Täterfrage - aus Mitgehangen wäre wohl nicht einmal ein durchschnittlicher Tatort geworden. Assistent Jütte hingegen hat das Potenzial zur Kultfigur - denn allein die Sequenz, in der er am Schreibtisch in Seelenruhe seinen Blutdruck misst und dem kurz vorm Wutausbruch stehenden Schenk bereitwillig sein Messgerät anbietet, ist das Einschalten wert.

Bewertung: 5/10

Im toten Winkel

Folge: 1051 | 11. März 2018 | Sender: Radio Bremen | Regie: Philip Koch
Bild: Radio Bremen/Christine Schröder
So war der Tatort:

Pflegesystemkritisch. Denn Regisseur Philip Koch (Hardcore) und Drehbuchautorin Katrin Bühlig (Die Liebe, ein seltsames Spiel) widmen sich in ihrem ersten gemeinsamen Tatort einem Thema, das spätestens seit dem engagierten TV-Auftritt eines jungen Auszubildenden im Bundestagswahlkampf 2017 verstärkt in den Blickpunkt gerückt ist: unserem Pflegesystem. Anders als Rainer Kaufmann in seinem großartigen Polizeiruf 110: Nachtdienst, in dem Hans von Meuffels (Matthias Brandt) in einem Münchner Pflegeheim ermittelte, beleuchten die Filmemacher speziell die häusliche Pflege und erweitern dabei geschickt die Perspektive: Mit dem wenig integren Gutachter Carsten Kühne (Peter Heinrich Brix, Kalte Wut), der im Einzelfall über die Pflegestufen entscheidet, gibt es beim 32. gemeinsamen Einsatz der 2019 aus der Krimireihe ausscheidenden Bremer Hauptkommissare Inga Lürsen (Sabine Postel) und Nils Stedefreund (Oliver Mommsen) eine dritte Person, die als Türoffner in die Haushalte fungiert und dem TV-Publikum Im toten Winkel unserer Gesellschaft einen kleinen Wissensvorsprung ermöglicht. Das Ergebnis ist alles andere als leichte Kost, denn schon zu Beginn gilt es für den Zuschauer, eine der beklemmendsten Szenen der jüngeren Tatort-Geschichte durchzustehen: Rentner Horst Claasen (Dieter Schaad, Altlasten) erstickt seine demente Frau Senta (Liane Düsterhöft, Schlafende Hunde) mit einem Kissen und will sich anschließend selbst das Leben nehmen - wird aber in letzter Sekunde gerettet, weil er einen Notruf absetzt und sich Minuten vor seinem geplanten Tod noch Gedanken um seine direkten Mitmenschen macht.
Claasen: "Ich möchte nicht, dass die Nachbarn sich von uns belästigt fühlen. Tote riechen doch, oder?"
Schon die Eröffnungssequenz gibt einen Vorgeschmack auf die fordernde Gangart, die die Filmemacher vorlegen: Im toten Winkel ist weit mehr als ein einfacher Sonntagskrimi, denn Koch und Bühlig verorten die klassischen Whodunit-Elemente - die obligatorische zweite Tatort-Leiche folgt nach einer knappen Stunde - in einem aufwühlenden Pflegedrama. Der ruhige Erzählton und der Verzicht auf einen klassischen Spannungsbogen steht dabei insbesondere der gewohnt besonnenen Lürsen gut zu Gesicht, die 2015 mit dem ähnlich leisen, aber nicht minder kraftvollen Die Wiederkehr einen ihrer stärksten Fälle verzeichnete. Durch die nüchterne, fast dokumentarische Inszenierung, die meist fehlende Filmmusik und den auffälligen Fokus auf die Geräuschkulisse ergibt sich im 1051. Tatort beim Besuch in den Bremer Haushalten ein ungemein authentisches und ungeschöntes Bild. Nicht nur Claasens Kraftreserven hat die häusliche Pflege irgendwann aufgezehrt: In der zunehmend überforderten Akke Jansen (überragend: Dörte Lyssewski, Ohnmacht), die ihre an Alzheimer erkrankte Mutter Thea (toll: Hiltrud Hauschke) pflegt, finden vor allem Zuschauer, die selbst einen Angehörigen pflegen, eine starke Identifikationsfigur, die ihnen mit ihrer ständigen Zerrissenheit zwischen der Liebe und Abneigung gegenüber der eigenen Mutter ("Wann stirbst du endlich, Mama!?"), der kraftraubenden 24-Stunden-Betreuung und der ohnmächtigen Wut auf den einflussreichen Gutachter Kühne aus der Seele sprechen dürfte. Auch beim alleinerziehenden Oliver Lessmann (Jan Krauter, Wendehammer), der seine bettlägerige Frau zu Hause pflegen lässt, stehen Kühne und der Pflegedienst Domamed mit seiner profitgierigen Leiterin Darja Pavlowa (Jana Lissovskaia) in keinem guten Licht - letztere bleibt die einzige durch und durch unsympathische Figur, weil Kühne schon bald Bedenken an den menschenverachtenden Machenschaften des Pflegedienstes plagen. Plakative Schwarz-Weiß-Malerei findet erfreulicherweise nicht statt, zumal sich auch die Ermittler differenziert mit der moralischen und juristischen Wertung des einleitenden Todesfalls auseinandersetzen und sich in typischer Tatort-Manier selbst reflektieren: Lürsen und ihre Tochter Helen Reinders (Camilla Renschke) machen sich auf dem Dach des Präsidiums über das Leben im Alter Gedanken - das wirkt erst auf der Zielgeraden des Films etwas kitschig. Der größte Wermutstropfen in dem ansonsten bärenstarken Krimidrama und nachdenklich stimmenden Abgesang auf das häusliche Pflegesystem ist allerdings die Auflösung der Täterfrage - die fällt zwar durchaus überraschend, aber alles andere als überzeugend aus.

Bewertung: 8/10

Waldlust

Folge: 1050 | 4. März 2018 | Sender: SWR | Regie: Axel Ranisch
Bild: SWR/Martin Furch
So war der Tatort:

Teambuildend. Denn nach dem Abschied ihres langjährigen Kollegen Mario Kopper (Andreas Hoppe), der zwei Monate zuvor in Kopper den Dienst quittierte, wollen Hauptkommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts), Fallanalytikerin Johanna Stern (Lisa Bitter), Gerichtsmediziner Peter Becker (Peter Espeloer) und Assistentin Edith Keller (Annalena Schmidt) etwas für den Teamgeist tun: Gemeinsam mit Coach Simon Fröhlich (Peter Trabner, spielt Rechtsmediziner Falko Lammert im Dresdner Tatort) fährt die Truppe in den Lorenzhof - ein abgelegenes Hotel im Schwarzwald, das seine besten Tage lange hinter sich hat. Für den Tatort aus Ludwigshafen gilt das genauso: Das kolossal gescheiterte Impro-Experiment Babbeldasch markierte im Februar 2017 den vorläufigen Tiefpunkt einer Entwicklung, die sich nach dem Zwischenhoch mit Kopper nun nahtlos fortsetzt. Denn Waldlust, bei dem das Ensemble aus der Kurpfalz erneut unter Regie von Axel Ranisch ohne festes Drehbuch und Kenntnis der Auflösung vor der Kamera improvisiert, war zum Zeitpunkt der mit reichlich Boulevard-Häme bedachten Babbeldasch-Premiere schon abgedreht - eine Kurskorrektur konnte nicht mehr stattfinden und die Einschaltquote reduzierte sich nach dem Tatort-Vorspann auch diesmal wieder empfindlich (beim ersten Impro-Tatort hielt knapp ein Sechstel der sechseinhalb Millionen Zuschauer nicht länger als eine Viertelstunde durch). Derweil spricht Odenthal nach dem ersten Coaching und dem Fund eines menschlichen Knochens im vegetarischen Abendessen das aus, was auch viele Zuschauer dachten:
Odenthal: "So viel Blödsinn auf einmal hab' ich in meinem Leben noch nicht erlebt!"
Irgendwo zwischen bemühtem Edgar Wallace-Ableger, schrägem Impro-Theater und einer unfreiwillig komischen Shining-Variation hätte aus dem 1050. Tatort eine amüsante Krimi-Persiflage werden können, doch leider nehmen sich die Beteiligten - allen voran die auf Krawall gebürstete Odenthal - beim lebhaften Improvisieren viel zu ernst. Der Erzählton wechselt zudem im Minutentakt: Wenn Assistentin Keller im Garten Tai-Chi-Übungen macht und sich Coach Frühling hinter ihrem Rücken nach einem Saunagang nackt in den Schnee schmeißt, ist das ein durchaus amüsanter Moment - kurz zuvor sollen wir uns aber noch fürchten, wenn Odenthal und Stern durch einen dunklen Keller stiefeln und billige Jump Scares erleben, die ähnlich dünn ausfallen wie der Geisterbahn-Horror im missratenen Frankfurter Tatort Fürchte dich. Auch das reizvolle Setting im verschneiten Schwarzwald, das dank mangelhafter Verkehrsanbindung und fehlendem Mobilfunknetz an abgeschottete Whodunit-Konstruktionen wie den 2017 neuverfilmten Klassiker Mord im Orient-Express erinnert, wird in Waldlust verschenkt, weil die Spannung durch die bescheuerten Figuren und die absurde Handlung im Keim erstickt wird. Das zweite Krimi-Experiment im Jahr 2018 (nach dem brillanten Berliner Tatort Meta) ist dermaßen trashig inszeniert und wild geschnitten, dass den Schauspielern kaum eine Chance bleibt, in der wirren Geschichte für voll genommen zu werden. Nebendarsteller Heiko Pinkowski (Das goldene Band) als grobschlächtiger Hotelbetreiber Bert "Humpe" Lorenz und Eva Bay (Eine Frage des Gewissens) als freundliche Wirtin Dorothee sind genauso Gefangene der losen Vorgaben von Babbeldasch-Autor Sönke Andresen wie Jürgen Maurer (Zahltag) und Christina Grosse (Borowski und der freie Fall) in ihren Rollen als ortskundige Polizisten Jörn und Elli Brunner, doch die betagte Ex-Schauspielerin Lilo Viadot (Ruth Bickelhaupt) setzt dem Desaster die Krone auf: In einem weißen Ballkleid mit Federboa soll die frühere Diva zu Grammophonmusik Melancholie in den erschreckend schwachen Tatort zaubern, lädt mit ihrer grotesken Zirkusnummer aber eher zum Fremdschämen ein. Auch die Orchesterklänge der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz sind Perlen vor die Säue: Wurden der herausragende Wiesbadener Tatort Im Schmerz geboren oder der starke Frankfurter Tatort Die Geschichte vom bösen Friederich vom HR-Sinfonieorchester vergoldet, wirkt die klassische Musik in Waldlust selbst beim westernähnlichen Finale seltsam aufgesetzt und kann über die dramaturgischen Schwächen des erneut krachend gescheiterten Impro-Experiments nicht hinwegtäuschen. Dass anders als in Babbeldasch nur wenig Mundart und keine Laiendarsteller zum Einsatz kommen, fällt am Ende kaum positiv ins Gewicht.

Bewertung: 1/10

Borowski und das Land zwischen den Meeren

Folge: 1049 | 25. Februar 2018 | Sender: NDR | Regie: Sven Bohse
Bild: NDR/Christine Schroeder
So war der Tatort:

Sagenhaft. Denn in Borowski und das Land zwischen den Meeren verarbeitet Regisseur Sven Bohse, der das Drehbuch zu seinem ersten Tatort gemeinsam mit Peter Bender und Ben Braeunlich (Echolot) schrieb, die Sage um die nordfriesische Insel Rungholt: Deren Bewohner führten vor vielen hundert Jahren der Legende nach ein gotteslästerliches Leben und wurden mit einer schrecklichen Sturmflut vom Herrn bestraft. Einige Bauern füllten eine Sau bei einem Trinkgelage mit Schnaps ab und nötigten den Pfarrer dazu, dem betrunkenen Schwein die letzte Ölung zu geben - und während der Geistliche sich noch in Sicherheit bringen konnte, wurde die Insel restlos überschwemmt (und taucht angeblich alle sieben Jahre in der Johannisnacht unversehrt wieder auf). Auch die Glocken der Rungholter Kirche sollen bis heute unter der Wasseroberfläche zu hören sein. Was nach einem düsteren Nordsee-Krimi mit Mystery-Anleihen klingt, bestätigt sich bei genauerer Betrachtung als eben solcher: Der Kieler Hauptkommissar Klaus Borowski (Axel Milberg) wird von seinem Chef Roland Schladitz (Thomas Kügel) auf die fiktive nordfriesische Insel Suunholt geschickt und soll dort den Mord an Oliver Teuber (Beat Marti, Vielleicht) aufklären, den seine Freundin Famke Oejen (Christiane Paul) nach einer morgendlichen Schwimmrunde im eiskalten Salzwasser tot in der Badewanne findet. Auf Suunholt übergesetzt wird in dem Krimi, der zu großen Teilen auf Amrum gedreht wurde, standesgemäß mit der Fähre - und schon hier bekommt Borowski eine Vorahnung, dass die Uhren auf Suunholt noch etwas anders ticken.
Borowski: "Haben Sie 'nen Kaffee?"
Kaffeeverkäufer: "Na klar. Aber nur ohne Gedöns."
Borowski: "Den nehme ich."
Der 1049. Tatort hätte beim Blick auf das Figurenensemble und die Ausgangslage auch gut zu Kollegin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) aus Hannover gepasst: Deren Einsätze kennzeichnet oft, dass die LKA-Ermittlerin von ihrem Chef in ein verschlafenes Provinznest geschickt und dort von talentfreien Dorfpolizisten unterstützt wird (vgl. Pauline). In Borowski und das Land zwischen den Meeren liegt der Fall genauso: Das auf Suunholt zuständige Landei Maren Schütz (Anna Schimrigk, Verbrannt) ist sichtbar darum bemüht, einen einleitenden Fauxpas am Leichenfundort wiedergutzumachen. Auch die übrigen Insulaner - allen voran Gottesdienerin Margot Hilse (Heike Hanold-Lynch, Verlorene Töchter) und deren Neffe Daniel (Leonard Carow, Schwindelfrei) - werden so konservativ und misstrauisch skizziert, wie es im Niedersachsen-Tatort häufig zu beobachten ist (vgl. Hexentanz). Dieser Griff in die Klischeekiste ist neben der Vorhersehbarkeit bei der Auflösung allerdings auch schon die einzige Schwäche in Bohses Whodunit-Konstruktion, resultiert aber auch daraus, dass sich viel um die Psyche der undurchsichtigen Oejen und Borowskis Beziehung zu der - womöglich gar buchstäblich - männermordenden Femme fatale dreht: Während der Zuschauer im Hinblick auf die Machenschaften von Schweinebauer Gunnar Iversen (Marc Zwinz, Im Schmerz geboren) und Bäcker Jens Torbrink (York Dippe, Wer bin ich?) einen Wissensvorsprung genießt, bleibt ihm Oejens Seelenleben ebenso lange ein Rätsel wie Borowski, der sich der Anziehungskraft der einsamen Hobby-Schwimmerin kaum entziehen kann. Zusätzliche Spannung generieren die bildgewaltigen Mystery-Anleihen, in denen auch Zitate aus Theodor Storms Eine Halligfahrt verarbeitet werden: Der Kommissar begegnet am Strand gar einem Mann mit Schweinekopf, während am Horizont eine Windhose aufzieht. Auch sonst durchzieht Borowski und das Land zwischen den Meeren eine düstere Atmosphäre, zu der die nebligen Küstenaufnahmen und der dröhnende Soundtrack stimmungsvoll beitragen. Der Kieler Ermittler scheint sich in dieser stürmischen Umgebung durchaus wohl zu fühlen und agiert bei seinem einmaligen Solo-Einsatz vor dem Amtsantritt seiner neuen Kollegin Mila Sahin (Almila Bagriacik, Debüt in Borowski und das Haus der Geister) so überzeugend, als hätte er den Verlust von Sarah Brandt (Sibel Kekilli, letzter Auftritt in Borowski und das Fest des Nordens) längst überwunden - das wiederum spricht nicht für die gestrichene Figur, über deren wenig plausible Entwicklung sich Kekilli nach ihrem Ausstieg öffentlich beklagt hatte. In Erinnerung bleiben dafür zwei der außergewöhnlichsten Todesfälle der Tatort-Geschichte, von denen der zweite besonders grausam ausfällt und Erinnerungen an Ridley Scotts Hannibal weckt.

Bewertung: 7/10

Meta

Folge: 1048 | 18. Februar 2018 | Sender: rbb | Regie: Sebastian Marka
Bild: rbb/Reiner Bajo
So war der Tatort:

Zwiebelförmig. Denn nicht von ungefähr beschrieb Hauptdarstellerin Meret Becker ihren siebten Fall als Hauptkommissarin Nina Rubin im Vorfeld der Erstausstrahlung als Zwiebeltatort mit mehreren SchichtenMeta sei, so ergänzte ihr Kollege Mark Waschke, eine "Film im Film im Film Geschichte". Und die Schauspieler haben absolut Recht: Regisseur Sebastian Marka (Der scheidende Schupo) und Drehbuchautor Erol Yesikaya (Alle meine Jungs) haben mit dem großartigen Münchner Tatort Die Wahrheit oder dem erstklassigen Wiesbadener Tatort Es lebe der Tod schon mehrfach Ausrufezeichen gesetzt, übertreffen ihr bisheriges gemeinsames Schaffen aber noch einmal mit Bravour. Zwanzig Jahre nach der gescheiterten Krimisatire Ein Hauch von Hollywood, die 1998 die schlechteste Tatort-Einschaltquote aller Zeiten einfuhr, thematisieren die Filmemacher in ihrem mehrfach verschachtelten Meta-Tatort erneut eine Premiere auf der Berlinale, deren roten Teppich wir diesmal sogar zu sehen bekommen: Nina Rubin (Becker) und Robert Karow (Waschke) entdecken im Film "Meta" von Regisseur Michael Schwarz (Isaak Dentler, Fürchte dich) Parallelen zu einem Mord an einer jungen Berliner Prostituierten. Die Verbindung zwischen filmischer Realität und Fiktion ist hergestellt und das spannende Spiel mit bis zu vier (!) Handlungsebenen gleichzeitig beginnt. Während Karow sich die Nächte um die Ohren schlägt und ganz in der Kino-Geschichte von Drehbuchautor Peter Koteas (Simon Schwarz, Inkasso-Heinzi im Wiener Tatort) verliert, schenkt Rubin seiner Verschwörungstheorie keinen Glauben - ist aber zumindest um eine Verbesserung des kollegialen Verhältnisses bemüht.
Rubin: "Kriegen wir das hin, nicht nur Kollegen zu sein? Sondern Kumpels oder sowas, irgendwann?"
Karow: "Sicher, gerne. Aber heute glaube ich nicht mehr, oder?"
Brachte die meisterhafte Wiesbadener Film-im-Film-Konstruktion Wer bin ich? 2015 bereits große Teile des Stammpublikums auf die Palme, geht der 1048. Tatort sogar noch einen Schritt weiter: Wenn sich bei Karows Filmsichtung durch die Ermittlungen der Filmhelden Rolf Poller (Ole Puppe, Der Maulwurf) und Felix Blume (Fabian Busch, Vielleicht) drei inhaltsähnliche Ebenen gleichzeitig eröffnen, fühlt sich das an, als würde man einen Spiegel in einem Spiegel spiegeln. Schon während des Tatort-Vorspanns huschen Kinobesucher durchs Bild, die im Saal Platz nehmen und den Krimi auf der großen Leinwand genießen - ein fantastischer Meta-Einstieg, der beim Abspann feierlich wieder aufgegriffen wird und das letzte Kapitel dieses grandiosen Tatort-Meilensteins zuschlägt. Ähnlich wie in Steven Soderberghs Drogenthriller Traffic - Macht des Kartells kennzeichnen Farbfilter die verschiedenen Erzählebenen, um weniger mindfuckerprobten Zuschauern beim Entwirren der miteinander verknüpften Handlungsfäden Hilfestellung zu bieten. Der komplexe Krimi ist aber nicht nur ein ästhetisch herausragendes und stark vertontes Spiel mit den Grenzen zwischen Fiktion und Realität, sondern auch eine grandiose Hommage an Martin Scorseses 70er-Jahre-Klassiker Taxi Driver: Die elegant eingearbeiteten Referenzen an den blutigen Feldzug von Vietnam-Rückkehrer Travis Bickle (Robert DeNiro) lassen das Herz jedes Cineasten höher schlagen, verkommen aber nie zum Selbstzweck. Nach einer Schnitzeljagd zu den Klängen von Bernard Hermanns berühmtem Soundtrack montieren die Filmemacher im Schlussdrittel bei einem mitreißenden Showdown alle drei Handlungsstränge parallel: Während sich Bickle brutal den Weg freischießt, quält sich der blutende Karow in ein Kinderbordell und auch Leinwandpolizist Poller gerät in Bedrängnis. Statt als reines Zitatfeuerwerk zu stagnieren, ist der Krimi aus der Hauptstadt - der in den vergangenen Jahren oft als beinharter Milieuthriller daherkam (vgl. Das Muli) - auf der Zielgeraden voll in seinem Element: Der bedauernswerte Karow muss einmal mehr blank ziehen und reichlich Malträtierungen ertragen. Wenngleich man ihm die fast fanatisch vorgetragenen Verschwörungstheorien nicht immer ganz abkauft und der Handlungsschlenker um die Organisation Gehlen ein wenig überambitioniert wirkt, überzeugt dieses verschachtelte Tatort-Meisterwerk doch vor allem durch das faszinierende Spiel mit den verschwimmenden Grenzen zwischen Film, Film im Film und Film im Film im Film: Würden bei der Berlinale 2018 auch Goldene Bären für Fernsehkrimis verliehen, hätte Meta ihn zweifellos verdient.

Bewertung: 10/10

Der kalte Fritte

Folge: 1047 | 11. Februar 2018 | Sender: MDR | Regie: Titus Selge
Bild: MDR/Wiedemann & Berg/Anke Neugebauer
So war der Tatort:

Überraschend emotional und brutal - und für einen Tatort aus Weimar damit bemerkenswert. Denn eines war bei den ersten fünf Fällen aus der Dichterstadt immer gewiss: Beansprucht wurde beim Publikum weniger das Nervenkostüm als vielmehr das Zwerchfell - konnten sich die Zuschauer angesichts der absurden Geschichten, der hohen Gagdichte und der überzeichneten Charaktere doch schließlich gemütlich auf der Fernsehcouch zurücklehnen und sich von den Schmunzelkrimis sanft und geräuschlos in die Sonntagnacht wiegen lassen. Bevor Der kalte Fritte zu seinem spektakulären Showdown in einem Steinbruch vor den Toren der Stadt ansetzt, ist das diesmal nicht anders: Nachdem die Hauptkommissare Lessing (Christian Ulmen) und Kira Dorn (Nora Tschirner) in einer schmucken Villa den mit gezielten Schüssen in Hirn, Herz und Hoden getöteten Milliardär Alonzo Sassen und seinen ebenfalls erschossenen Mörder Petteri Salokangas (Lars Rudolph, Wie einst Lilly) inspiziert haben, folgt auch schon direkt die amüsanteste Sequenz in diesem Tatort. Lollo Sassen (Ruby O. Fee), die deutlich jüngere und sichtbar aufgewühlte Ehefrau des Milliardärs, hat den Einbrecher in Notwehr ins Jenseits befördert und bereitet den Ermittlern anschließend den wohl scheußlichsten Kaffee zu, den sie ohne Dorns rechtzeitige Intervention je hätten trinken müssen. Auch Kollege Lupo (Arndt Schwering-Sohnrey) und Kommissariatsleiter Kurt Stich (Thorsten Merten) sind von Beginn an voll in ihrem Element und feuern mit - allerdings selten witzigen - selbstkreierten Redewendungen aus allen Rohren.
Stich: "Ich glaub, mein Hering hupt!"
Während Lupo und Stich im Tatort aus Thüringen nie über das Karikatureske hinauskommen, schlagen Regisseur Titus Selge (Am Ende des Tages) und Drehbuchautor Murmel Clausen (Der scheidende Schupo) bei den Verdächtigen ernstere Töne an: Der titelgebende Bordellbesitzer Fritjof "Fritte" Schröder (Andreas Döhler, Freies Land) macht in seinem Schuppen keine Gefangenen und auch sein Bruder Martin (Sascha Alexander Geršak, Im gelobten Land), der mit seiner Frau Cleo (Elisabeth Baulitz) den einleitend erwähnten Steinbruch betreibt, ist anders als die Kripo nicht zu Scherzen aufgelegt. Auf der Zielgeraden wird es dann schließlich dramatisch, weil die Filmemacher von jetzt auf gleich in eine überraschend harte Gangart wechseln, bei der sich brutal durchs Puffbüro geprügelt oder Felswände in die Luft gesprengt werden: Nach der Reduktion der Gag-Salven sollen wir auf Knopfdruck um das Leben der Kommissarin bangen - eine solche erzählerische Kehrtwende kann natürlich kaum funktionieren, zumal wir erst wenige Minuten zuvor Zeuge dessen wurden, wie Dorn bei einem Undercover-Einsatz an der Tanzstange im Striplokal dermaßen unbeholfen agiert, dass es Waschbärbauch Lessing kaum weniger sexy hinbekommen hätte. Das gemeinsame Kind der Kommissare bekommen wir auch im 1047. Tatort nicht zu Gesicht, während der Cast kaum gefordert wird: Ruby O. Fee beispielsweise darf deutlich weniger zeigen als bei ihren tollen Auftritten als bockige Teenager-Göre im Stuttgarter Tatort Happy Birthday, Sarah und als freizügige Verbrecher-Komplizin im Kölner Tatort Kartenhaus. Mit Stichs Vater Udo (Hermann Beyer, Borowski und die Sterne) gibt es zwar eine neue, aber kaum weniger holzschnittartige Figur, und seine Trickbetrügereien fallen letztlich kaum origineller aus als bei seinen Pendants im Tatort aus Münster, in dem Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) in schöner Regelmäßigkeit Verwandte bei sich begrüßt, die in irgendeinem zurechtgeschusterten Zusammenhang zur Auflösung des Mordfalls stehen (zuletzt in Erkläre Chimäre). Sympathisch überzeichnete Charaktere wie im Vorgänger Der wüste Gobi sucht man in Der kalte Fritte vergebens, und genau da liegt der Hase im Pfeffer: Für eine wirklich spaßige Krimikomödie fehlt es dem sechsten Fall von Lessing und Dorn auch an liebenswerten Nebenfiguren - für einen Whodunit mit Handlung und Herz hingegen an Tiefgang. So bleibt neben der köstlichen Kaffeekoch-Einlage vor allem das pfiffige Easter Egg in Erinnerung, mit dem Christian Ulmen seinem Jerks-Kumpel Fahri Yardim (im Hamburger Tatort als Yalcin Gümer zu sehen) bei einer Aktensichtung im Präsidium einen versteckten Gruß zukommen lässt.
Lessing: "Hirn, Herz, Hoden, schreibt Hamburg. Hat auch in Stockholm, Prag, Starnberg, Minsk, Kopenhagen Leute liquidiert. Grüße, Yalcin."
Bewertung: 5/10

Tollwut

Folge: 1046 | 4. Februar 2018 | Sender: WDR | Regie: Dror Zahavi
Bild: WDR/Thomas Kost
So war der Tatort:

Kossiklos. Denn wenngleich der Dortmunder Oberkommissar Daniel Kossik (Stefan Konarske) den schockierenden Tatort-Meilenstein Sturm mit lebensgefährlichen Verletzungen überlebt hat, kommt die Figur nach dem Ausstieg von Schauspieler Stefan Konarske nur noch in Dialogen vor: Der Ex-Freund von Nora Dalay (Aylin Tezel), die in Tollwut mehrfach mit ihrem Chef Peter Faber (Jörg Hartmann) aneinander gerät und ebenfalls mit Abwanderungsgedanken spielt, ist zum LKA in Düsseldorf gewechselt. Dafür gibt es für Faber, Dalay und Martina Bönisch (Anna Schudt) ein Wiedersehen mit zwei anderen alten Bekannten, die allerdings wenig erfreulich ausfallen: Da ist zum einen der todgeweihte Gefängnisarzt Jonas Zander (Thomas Arnold), der früher als Rechtsmediziner für die Dortmunder Kripo tätig war (zuletzt in Hydra) und sich mit der titelgebenden Tollwut infiziert hat - einer seiner Knast-Patienten ist an eben jenem Virus gestorben, was die Ermittler überhaupt erst auf den Plan ruft. Zum anderen sitzt im Gefängnis auch Fabers Erzfeind ein: Serienmörder und Vergewaltiger Markus Graf (Florian Bartholomäi, Taxi nach Leipzig), der die Frau und die Tochter des exzentrischen Kommissars auf dem Gewissen hat und in Auf ewig Dein hinter Gitter gebracht wurde, scheint mehr über die Hintergründe der Infektionen zu wissen und bittet Faber direkt zum Gespräch. Anders als die anderen Knastbrüder logiert Graf in einer geräumigen Einzelzelle und widmet sich dort in aller Ruhe der Malerei, um seine Bilder anschließend per Post ins Präsidium zu schicken: Eines davon zeigt Faber gen Wolken schwebend.
Bönisch: "Immerhin geht er dann davon aus, dass Sie im Himmel landen und nicht in der Hölle. Mit der Meinung dürfte er ziemlich alleine dastehen ."
So ganz will die Sonderbehandlung, die Fabers personifiziertes Kryptonit in der Dortmunder (bzw. Magdeburger) JVA genießt, aber nicht einleuchten: Als vergleichsweise schmächtiger Insasse ohne einflussreiche Kontakte sollte Graf hinter dem Rücken der Wächter ein leichtes Opfer für seine wenig zimperlichen Knastbrüder sein - stattdessen lassen die ihn in Ruhe und der charismatische Psychopath darf zur Freude seiner Anwältin Miriam Schott (Yvonne Yung Hee Bormann, Die chinesische Prinzessin) sein Faible für Kunst ausleben und Faber terrorisieren. Diese Hannibal-Lecter-Anleihen wirken etwas überzeichnet, doch fällt das angesichts des hohen Unterhaltungswerts nicht allzu schwer ins Gewicht: Regisseur Dror Zahavi, der zuletzt den überzeugenden Dortmunder Tatort Kollaps und den hochspannenden Kölner Beitrag Franziska inszenierte, stellt erneut sein Händchen für authentische Knast-Krimis unter Beweis und arrangiert hinter Gittern das fesselnde Aufeinandertreffen zweier Männer, die sich hassen und gleichzeitig brauchen. Auch im 1046. Tatort scheint der gewiefte Graf wieder bis zur verblüffenden Auflösung am längeren Hebel zu sitzen - der großartige Twist auf der Zielgeraden entschädigt locker für die kleineren Unstimmigkeiten und Oberflächlichkeiten im Drehbuch. Anders als im etwas überfrachten Auf ewig Dein klammert Stammautor Jürgen Werner (Tanzmariechen) diesmal auch die privaten Störfeuer aus: Sieht man von Bönischs "Mitleidsfick" mit Zander ab, konzentriert sich das Geschehen auf die Ermittlungen im Knast und die gewohnt emotionalen Streitgespräche im Präsidium. Bevor Kossiks desiginierter Nachfolger im bereits abgedrehten Tatort Tod und Spiele seinen Dienst antritt und das personelle Vakuum ausfüllt, ist er hier als Undercover-Ermittler in der JVA zu sehen und muss machtlos mitansehen, wie sein Zellengenosse qualvoll ums Leben kommt: Die wilden Krampfanfälle und verzweifelten Schreie der Todesopfer könnten auch gut aus einem Horrorfilm stammen, während die Bedrohung und Überlegenheit, die Graf ausstrahlt, deutlich subtilerer Natur sind. Trotz oder gerade deswegen entfaltet das Duell mit Faber eine große Faszination - und wir können uns ziemlich sicher sein, dass der brutale Killer im Dortmunder Tatort noch einmal eine Rolle spielen wird. Hier ergibt sich eine auffällige Parallele zum Kieler Kollegen Klaus Borowski (Axel Milberg), dessen mitreißende (und bis dato noch nicht beendete) Dauerfehde mit dem stillen Gast Kai Korthals (Lars Eidinger) allerdings noch etwas mitreißender und glaubwürdiger ausfällt.

Bewertung: 8/10

Déjà-vu

Folge: 1045 | 28. Januar 2018 | Sender: MDR | Regie: Dustin Loose
Bild: MDR/Wiedemann & Berg/Daniela Incoronato
So war der Tatort:

Überhitzt. Und das nicht nur wegen der tropischen Außentemperaturen, die besonders den cholerischen Kommissariatsleiter Peter Michael Schnabel (Martin Brambach) ins Schwitzen bringen: Auch wenn der Umgangston in Sachsen seit dem Amtsantritt von Karin Gorniak (Karin Hanczewski) und Henni Sieland (Alwara Höfels) rauer geworden ist, erhitzte noch nie ein Fall die Gemüter im Polizeipräsidium so sehr wie in Déjà-vu. Das hat einen guten Grund: Drei Jahre nach dem Verschwinden des neunjährigen Jakob Nemec, dessen Schicksal der unter Strom stehende Schnabel zur Verzweiflung von dessen Eltern Matej (Jörg Witte, Das Recht, sich zu sorgen) und Julia (Anna Grisebach, Familienbande) nie hat aufklären können, wird in einer Sporttasche die nackte Leiche des sexuell missbrauchten Rico Krüger (Joel Simon) gefunden - ein zutiefst beklemmendes Auftaktbild, das sich ins Gedächtnis brennt und schon nach wenigen Minuten erahnen lässt, dass den Zuschauer keine leichte Kost erwartet. Die Drehbuchautoren Mark Monheim und Stephan Wagner, die die Nachfolge des im Dezember 2017 ausgestiegenen Drehbuchautoren Ralf Husmann (Auge um Auge) antreten und zuletzt das Skript zum Berliner Tatort Ätzend konzipierten, servieren den Dresdner Ermittlerinnen einen hochemotionalen und beängstigenden Fall: Schon beim dramatischen Auftakt am Elbufer trauern wir mit Ricos aufgelösten Eltern Stefan (Jörg Malchow, Todesbilder) und Sandra Krüger (Franziska Hartmann, Borowski und das Fest des Nordens), die bis zuletzt gehofft hatten, ihr Kind noch lebend zu finden und nun wie die am Tatort kotzende Sieland den gierigen Augen empathieloser Gaffer ausgeliefert sind.
Gorniak: "Alle machen Fotos. Widerlich. Wann sind die Leute so krank geworden?"
Sieland: "Die waren immer schon so. Früher gab's nur keine Smartphones."
Die Filmemacher scheinen sich anfangs nicht ganz entscheiden zu können, ob sie einen Whodunit oder die Jagd auf einen dem Publikum bekannten Triebtäter erzählen möchten, doch spätestens in der zweiten Hälfte findet der Film in die Spur: Als die einzige falsche Fährte aufgelöst wird und mit dem pädophilen Installateur René Zernitz (großartig: Benjamin Lillie) nur ein Verdächtiger übrig bleibt, ist das Rätselraten beendet, das aufgrund zweier früher Hinweise auf den Mörder ohnehin nie wirklich eines werden konnte. Beim Überfall auf den bedauernswerten Schwimmlehrer Micha Siebert (Niels Bruno Schmidt, Fegefeuer) werden dann Erinnerungen an die Dürrenmatt-Verfilmung Es geschah am hellichten Tag wach, in dem sich der wütende Mob einen unschuldigen Hausierer vorknöpft - doch anders als im Schwarz-Weiß-Klassiker mit Heinz Rühmann erfahren wir in Déjà-vu auch viel über den wahren Täter, der seine Neigung geschickt vor den Augen der Öffentlichkeit verbirgt. Ein Psychogramm ist der 1045. Tatort aber nicht: Statt seines Seelenlebens beleuchten die Filmemacher besonders die Beziehung zu seiner undurchsichtigen Lebensgefährtin Jennifer Wolf (Alice Dwyer, Dicker als Wasser) und zeichnen so das Porträt eines keineswegs abstoßenden Pädophilen, der sich vor allem nach Geborgenheit sehnt und schon rein optisch so gar nicht dem häufig bemühten Stereotyp vom schmierigen Einzelgänger entspricht. All das wird vom bis dato jüngsten Tatort-Regisseur souverän und unaufdringlich in Szene gesetzt: Dustin Loose inszeniert ein ästhetisch konventionelles, dadurch aber nicht weniger mitreißendes Krimidrama, das sich gerade durch seine Bodenständigkeit von den oft missglückten Experimenten der Vormonate abhebt (vgl. Babbeldasch, Fürchte dich). Die dramatische Schlusspointe und der fesselnde Showdown sind dann das Sahnehäubchen auf den bis dato mit Abstand stärksten Tatort aus Dresden - es ist der vorletzte mit Alwara Höfels, die wegen eines "fehlenden künstlerischen Konsens" im Dezember 2017 das Handtuch warf und von Cornelia Groeschel beerbt wird. Dabei wirkt im Präsidium diesmal vieles runder als in den ersten vier Folgen: Der schüchterne IT-Kollege Ingo Mommsen (Leon Ullrich) untermauert mit unbeholfenen Komplimenten seinen Status als heimlicher Publikumsliebling, während Schnabels Wutausbrüche aus den fehlenden Ermittlungserfolgen resultieren und sein ewiges Hadern mit Fortschritt, Technik und Politik diesmal (fast) komplett ausgeklammert wird. Ganz frei von Klischees ist das Drehbuch aber nicht: Journalisten werden in bester Tatort-Tradition als sensationslüsterne Schmierfinken skizziert - und (vermeintlich) pädophile Schwimmtrainer kennen die Stammzuschauer unter anderem aus Adams Alptraum oder Verdammt.

Bewertung: 8/10