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Familien

Folge: 1057 | 6. Mai 2018 | Sender: WDR | Regie: Christine Hartmann
Tatort: Familien - Max Ballauf (Klaus J. Behrendt), Jessica Dahlmann (Marie Meinzenbach) und Freddy Schenk (Dietmar Bär).
Bild: WDR/Thomas Kost
So war der Tatort:

Weit weniger skandalträchtig als die unrühmlichen Schlagzeilen, die der WDR in den Tagen vor der Erstausstrahlung von Familien schrieb: Kein Geringerer als Gebhard Henke, Tatort-Koordinator und Leiter des Programmbereichs Fernsehfilm, Kino und Serie, wurde nach Vorwürfen sexueller Belästigung von seinem Arbeitgeber freigestellt - er selbst bestreitet die Anschuldigungen von Charlotte Roche und weiteren Frauen allerdings vehement. Von solchen oder ähnlichen Aufregern ist der 73. Fall der Hauptkommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) allerdings weiter entfernt als der 1. FC Köln vom Klassenerhalt in der Bundesliga-Saison 2017/2018: Drehbuchautor Christoph Wortberg (Nachbarn) und Regisseurin Christine Hartmann (Türkischer Honig) arrangieren einen von Beginn an klar strukturierten, übersichtlichen und experimentfreien Krimi der alten Schule und legen dabei ein Erzähltempo vor, das ganz hervorragend zur gemütlichen Gangart von Assistent Norbert Jütte (Roland Riebeling) passt, der zum zweiten Mal in der Domstadt mit von der Partie ist. Bis zum großen Showdown schlägt die Spannungskurve im 1057. Tatort kaum nach oben aus - stattdessen bleibt auf dem Revier noch Zeit für Pizza-Bestellungen, ein großes Stück Sahnetorte und die Aufarbeitung von Schenks mittelschwerer Ehekrise, die sich nach dem verpennten 30. Hochzeitstag auch nicht mit einem spontan einberufenen Candlelight-Dinner und sündhaft teuren Präsenten von heute auf morgen wieder einrenken lässt. Das drückt auf die Stimmung.
Ballauf: "Meinste, du kannst uns noch 'n Kaffee kochen?"
Jütte: "Ja natürlich, vielleicht noch 'n Schnitzel dazu?"
Schenk: "Bisschen aufgeschäumte Milch würd' schon reichen!"
Familien ist ein klassischer Whodunit ohne Schnickschnack, dessen Geschichte aber über weite Strecken so einfallslos anmutet wie der erneut pragmatische Krimititel (vgl. Benutzt, Narben oder Mitgehangen): Als der junge Vater Ivo Klein (Christoph Bertram) nach seinem feuchtfröhlichen Junggesellenabschied eine Tasche mit Geld findet und kurz darauf überfahren wird, tippen die Kommissare nach Rücksprache mit Rechtsmediziner Dr. Roth (Joe Bausch) auf eine Geldübergabe und stellen über die Fingerabdrücke die Verbindung zum renommierten Wirtschaftsanwalt Rainer Bertram (Hansjürgen Hürrig, Ich töte niemand) her, dessen Enkeltochter Charlotte Ritter (Anke Sabrina Beermann) entführt wurde. Schnell wird klar, dass die obligatorische Auftaktleiche dazu dient, die Kölner Ermittler zur Abwechslung mal auf einen vermeintlichen Entführungsfall anzusetzen - ansonsten verlassen die Filmemacher aber selten die ausgetretenen Pfade des Genres. In der ersten Stunde reiht sich eine Befragung an die nächste und liefert so manchen hölzernen, fast aufgesagt klingenden Dialog - zum Beispiel dann, wenn Charlottes um die Jahrtausendwende geborener Bruder Paul (Johannes Franke, Schwarzer Afghane) von seinem Aufenthaltsort in der Tatnacht erzählt ("Das ist eine ziemlich angesagte Bar in der Innenstadt.") oder ihr Vater Ludwig (Harald Schrott, Vergeltung) sich an ihr nächtliches Heimkommen erinnert ("Ich dachte noch: Jetzt sind sie daheim!"). Über die verdächtigen Mitglieder der titelgebenden Familien erfahren wir nur das, was für die Suche nach der Auflösung notwendig ist - so etwas wie Tiefe entwickelt in diesem Tatort keine einzige Figur. Auch die Emotionen wirken oft aufgesetzt: Jessica Dahlmann (Marie Meinzenbach, Gott ist auch nur ein Mensch), die vor dem Nichts stehende Verlobte des Toten, bringt einleitend mit dem Baby auf dem Arm die Zaunpfahl-Tragik in die Geschichte, die diese von innen heraus selten entwickelt - wird als Figur danach aber buchstäblich fallengelassen (s. Bild), weil sie nicht zum Kreis der Verdächtigen zählt. Mehr als einmal fallen die berühmten Worte "Wir schaffen das!" - wirklichen Zugang zu den Charakteren und interfamiliären Spannungen können wir aber kaum finden, weil das Geschehen aus sicherer Distanz beleuchtet wird. Auch die Vorgeschichte der alkoholkranken Sandra Fröhlich (Claudia Geisler-Bading, Ruhe sanft) und ihres Sohnes Kasper (Anton von Lucke) wird just in dem Moment recherchiert, in dem es dramaturgisch ins Konzept passt - das ist Krimi-Kost vom Reißbrett und sorgt kaum für Überraschungsmomente. Den Millionen Fans von Ballauf und Schenk wird sie dennoch gut schmecken, wenngleich der obligatorische Besuch an der Wurstbraterei am Rheinufer zugunsten einer Stippvisite an einer Falafelbude ausfällt.

Bewertung: 5/10

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